Hersteller_Manley
Test
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21.05.2015

Praxis

Erst einmal Ruhe

Wenn man den Manley Force mit Strom versorgt, passiert klanglich Folgendes: nichts. Zumindest zunächst. Manley haben den Force nämlich mit einer automatischen Aufwärmfunktion ausgestattet, die dem Preamp zunächst eine halbe Minute Zeit gibt. Röhrengeräte sollten eher eine halbe Stunde bekommen, bis sie gut klingen (mein Tube-Tech benötigt diese Zeit de-fi-ni-tiv!), doch ist es sehr vernünftig, erst in Ruhe die Röhrenheizungen anzuwerfen und abzuwarten, bis die 300 Volt (und die anderen intern benötigten Spannungen) aufgebaut und vor allem stabil sind. 

Fein und wuchtig gleichzeitig

Sind die Wege frei, zeigt der Manley sehr schnell, was für ein Typ er ist: Der Klang ist hochwertig und fein, aber gleichzeitig wuchtig und groß. Das muss sich nicht ausschließen: Offenbar sorgt das Design mit den hohen Spannungen dafür, dass auch mikrodynamisch alles in Butter ist. Um das Signal dichter zu bekommen, ist die Arbeit am oberen Ende des pegelmäßig Verträglichen nötig – und das ist schwer: Mit maximal 31 dB Output giert der Force geradezu nach hohem Eingangspegel! Dass die Maximalverstärkung gleichzeitig allerdings eher schwach ist, finde ich schade. Besonders vor dem Hintergrund, dass „amerikanischer Sound“ nicht zuletzt bei Vocals mit dynamischen Mikros, also Tauchspulen- oder Bändchenmikrofonen bewerkstelligt wird. Wie oft ist es die Kombination von Shure SM7B, Electro-Voice RE-20 oder AEA-Ribbon mit einem Röhrenamp, die die Stimme bis auf den Tonträger transportiert? Mit 50 dB Gain schaut man mit einem Übertragungsfaktor von um die 2 mV/Pa bei etwas leiseren Stimmen schnell in die Röhre. Fairerweise muss man sagen, dass der Force erstaunlich wenig rauscht, sodass man durchaus in einer nachfolgenden Stufe eine Line-Verstärkung nutzen kann, ohne sich das Signal zu ruinieren. Außerdem ist beim Coles 4038 (300 Ohm) die Impedanz schon ziemlich kritisch: Ein Preamp mit deutlich höherer Impedanz lässt das Signal merklich weniger leblos klingen. Der Manley Force ist also wohl nicht das „überall-sorglos-einsetzbare“ Arbeitspferd. Wie geschaffen scheint der Force aber für den Einsatz mit Großmembran-Kondensatormikrofonen. Sowohl Mojave MA-201Fet als auch Microtech Gefell UM 92.1S haben mit dem Vierfach-Pre einen Heidenspaß gemacht. Diese Kombination von Detailreichtum und kräftigem Andicken ist äußerst selten zu finden, der Tube-Tech ist im Vergleich ziemlich brav und freundlich. Besonders Stimmen sind mit dem Force verstärkt absolut durchsetzungsfähig. In den USA würde man den Begriff „In your face!“ für den Manley-Sound erfinden, wenn es ihn nicht schon gäbe. Der Grundcharakter erinnert deutlich an den Universal Audio 610, allerdings geht dieser deutlich „rüpelhafter“ zu Werke. Trotz des deutlich zu hörenden Eisenübertragers am Eingang des Force geht so gut wie nichts von der feinen Signalzeichnung verloren – das muss man Manley erst einmal nachmachen! Schade nur, dass der Instrumenteneingang diesen umgeht. Dementsprechend fehlt dem Direct-In ein wenig dieses Charakters. Eine kleine positive Randnotiz verdient sich das Hochpassfilter: Mit 120 Hz mutig hoch gewählt, kratzt es durchaus am Grundtonbereich vieler Stimmen, was durchaus zu begrüßen ist (bei Gitarrenaufnahmen aber vielleicht ein bisschen heftig ist), lässt aber das Passband weitestgehend in Ruhe. Von negativ auffallender Beeinflussung des Phasenfrequenzgangs kann nicht die Rede sein. 

Teuer?

Wer schon auf das Preisschild geschielt hat, wird sich vielleicht gedacht haben „Hui! Gut zweieinhalbtausend Ohren kostet der Amp ja!“ Das klingt nach viel. Aber ist es das? Pro Kanal liegt man damit noch deutlich unter den meisten Röhren-Preamps für das API-500er System. Und das Kassettenformat hat Mühe, derartige Spannungen zur Verfügung zu stellen. Eigentlich alle 9,5“- oder 19“-Röhrenamps für diesen Preis tun sich schwer, sich qualitativ mit dem Force zu messen. Insofern: Unter Berücksichtigung der Klangqualität ist der Preamp nicht besonders teuer.

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