Hersteller_Lydkraft
Test
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16.07.2015

Praxis

Der Klang ist grandios

Tech-Talk macht Spaß, und die Feature-Beschreibungen gehören hier dazu, wie die Zutaten zu einem guten Kochrezept. Aber wie beim Kochen auch, so kommt es am Ende natürlich darauf an, wie der Braten schmeckt. Angebrannt? Geschmacklos? Massentierhaltungsverwässert? Mitnichten! Der Klang des Tube-Tech HLT-2A ist sensationell. Zugegeben, Eddie van Halen hatte recht, als er sagte "you can't polish shit!", denn unbrauchbares Ausgangsmaterial kann man damit nicht bis zur Existenz hochpimpen, aber was da aus den Ausgängen kommt, was nicht von vorne herein ungeeignet scheint, klingt nach liebevollem Drehen der Regler immer schöner als vorher. Natürlich kann man es auch übertreiben, denn wenn man alle Regler auf Vollaussteuerung dreht, hat man nicht unbedingt ein schönes Resultat, aber was ich hier bereits mit zwei oder drei dB Änderung klanglich erreiche, lässt mich erst einmal an meinen bisherigen Lieblings-EQs zweifeln.  

Habe ich bisher eher chirurgisch Frequenzen beschnitten oder verstärkt, so habe ich beim Tube-Tech HLT-2A den Eindruck, als veredle ich alle meine Klänge, die ich damit bearbeite. Beim Ausprobieren und Hören male ich mir gedanklich aus, wie meine zukünftige Arbeitsmethodik werden würde. Alles Spuren meiner Projekte müssen zukünftig nun also Spur für Spur durch die analoge Röhen-Filtereinheit, bevor ich jemals wieder das Prädikat "so klingt es gut" vergeben könnte? Nein, ganz so verbissen muss man nicht herangehen, merke ich dann schnell, denn der EQ lässt sich hervorragend auf fertige Mischungen anwenden und muss nicht zwingend alle Einzelsignale unter seine Fittiche bekommen. Einer der Gründe, weshalb dies möglich ist, ist die Tatsache, dass man die ohnehin schon resonanzfreien Filter gar nicht erst in dB-Bereiche aufreißen muss, um den gewünschten Sound zu erzielen, was natürlich wiederum zur Folge hat, dass keine klanglich unerwünschten Färbungen an den Grenzfrequenzen auftreten. Diese Färbungen, die im Wesentlichen durch die Resonanz-Beulen an Grenzfrequenzen entstehen, können zwar manchmal gewünscht sein, wenn man damit ganz spezifisches Sounddesign betreiben möchte, aber zum Beispiel im Falle einer Frequenzgang-Polierung beim Mastering gänzlich unerwünscht sein.

Wären die Shelving-Filter des HLT-2A nicht so sauber und resonanzfrei wie sie sind, so würde man vielleicht einer Snare in einer fertigen Mischung zwar bei 200Hz mehr Körper verleihen, könnte sich aber schnell mit einer Resonanz an der oberen Grenzfrequenz eine unschöne Nase in einen möglicherweise darüberliegenden Gesang einhandeln. Beim Tube-Tech passiert dies nicht, was nicht nur der geringen, resonanzfreien Flankensteilheit der High- und Low-Pass-Filter zu verdanken ist, sondern auch der Tatsache, dass schon ein oder zwei Dezibel Bearbeitung mit diesem 2HE-Gerät radikal schön klingen.

Liebe auf den ersten dBs

Wenn man selber an den Reglern regelt, hört man immer ein bisschen mehr oder nimmt Dinge schneller war, als wenn man bloß Vorher mit Nachher vergleicht, aber ich bin mir sicher, ihr könnt meine Einschätzungen und Schwärmereien zu den Soundbeispielen nachvollziehen.

 

Die Akustikgitarre habe ich mit dem Tilt-Filter beabeitet, indem ich den Gain auf -3db/+2dB gestellt habe und die Grenzfrequenz auf 500 Hz. Die Gitarre hat nun einen dickeren, wärmeren tiefmittigen Bereich rund um 100-300 Hz, durch die Tilt-Kippe, die gleichzeitig ja ein Absenken der hohen Frequenzen bewirkt, wurden hier die Fingernagelgeräusche hübsch reduziert und in die Unauffälligkeit zurückgeschraubt. Einfach klasse! Ich wusste vor der Bearbeitung gar nicht, dass ich den Klang so haben wollte, aber jetzt wo ich das Ergebnis höre: so lassen bitte! Na gut, ein wenig mit dem Low-Cut noch von unten kommend die unrealistisch überzogenen bassigen Anteile, die jetzt zunächst entstanden waren, ein wenig bändigen – fertig. Neben den offensichtlichen Frequenzauswirkungen höre ich da auch eine beim Original nun störende, resonanzartige Frequenznase bei rund 600Hz nicht mehr herraus. Das Rauschen, das man mit Röhrenschaltungen oft ins Boot holt, ist bei unserem Testkandidaten so gering, dass ich es getrost abhaken kann. Ich kann kein hinzugekommenes Rauschen hören.

Die Erkenntnis, die ich bei meinem ersten Beispiel, der Akustikgitarre, gewonnen habe, zog sich gleich als Muster oder auch als Fazit durch meine Soundbeispiel-Tests: EQ-Bearbeitungen, die ich vorher nicht für notwendig hielt, wollte ich plötzlich nicht mehr rückgängig machen. Dieser EQ ist ein Phänomen! Die wenigen Parameter, die man editiert, verleiten zum Spielen und Ausprobieren. Eigentlich könnte man die Beschriftungen der Drehregler und Schalter auch umändern in Beschriftungen wie "Mach' Tiefen schön" oder "Mach' Höhen schön" oder "Nimm von dem Schönen unten etwas weg" in verschiedensten Kombinationen.

Als nächstes habe ich einen Schlagzeugmix durchgejagt. Hier würde ich gerne der Bassdrum ein wenig mehr Wumms geben, und wenn möglich die Hi-Hat ein bisschen edler klingen lassen. Ein paar wenige dB oben und unten draufgeben, und schon möchte ich die Drums so zur Mischung schicken. Perfekt. Ich habe obenherum 3dB ab 10 kHz draufgepackt, für den Bassdruck satte 5 dB mit 18 Hz Grenzfrequenz hinzugegeben. Die Hi-Hat klingt jetzt seidig und die Bassdrum hat ein ordentliches Pfund Bässe dazubekommen.

Jetzt soll ein fertiger Mix als Testsignal dienen. Im Beipiel hören wir ein Jazztrio. Das Tiltfilter habe ich so eingestellt, dass es die Bässe um 3 dB erhöht, womit es gegeben durch die feste Kennlinie die Höhen um 2 dB absenkt. Der Mix klingt nun wärmer, und die mir vorher nicht so als störend bewusst gewesenen Becken des Schlagzeugers treten ein wenig in den Hintergrund und bekommen ein bisschen weniger Aufmerksamkeit.  

Der notorische "Ja-aber-das-könnte-man-doch-auch-anders-machen"-Sager denkt sich jetzt, dass man mit zwei anderen, konventionellen EQs auch solch ein Ergebnis erzielen könnte. Ja, könnte man vielleicht, aber das Gesamtpaket aus dem Filter-Röhren-Übertrager-Klang ist nur schwer mit alternativen Produkten zu kopieren. Vor allem hat man diese Kippe des Frequenzganges normalerweise nicht auf einem Drehregler zur Verfügung. Ich habe den Eindruck, dass die Entwickler die genau richtigen Kennlinien ausgetüftelt und umgesetzt haben, denn ich schaffe es immer wieder, für mich wohlklingende Ergebnisse aus meinen zu verwurstenden Klangmaterialien herauszukitzeln.

Pures Röhren-Gain ohne Filter

Schaltet man alle Bypass-Schalter ein, so kann man die Eingangssignale ausschließlich durch die Röhrenverstärkung schicken und dem Audiomaterial auf diesem Weg eine Röhrenmassage verschaffen. Hört selbst. Alle Klangbeispiele klingen im Vergleich zu den unbearbeiteten Versionen insgesamt wärmer, haben ein bisschen weniger Höhen, und klingen irgendwie geschmeidiger, quasi analoger. Beim Jazzstück rücken die Becken ein wenig in den Hintergrund, genau soweit, dass man nicht jeden einzelnen Schlag hervortreten hört, die Becken betten sich besser in den Mix ein. Für mich heißt das, der Sound wird runder. Gefällt mir.

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