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29.12.2017

Kleiner Exkurs über die Geschichte der Zweitsnare im Schlagzeug

Von der Side Snare zum Floortom mit Drähten

Neulich schaute ich mir ein schönes Video von Anika Nilles an, in dem ein 14“ Floortom sowohl als tiefe Side Snare, als auch als Tom verwendet wird, dabei handelt es sich um das sogenannte „Duo Snare“ System von Tama. Und zack, ratterte es in meinem Kopf, seit wann denn eigentlich die fette, zweite Snare auf die Standtom-Position umgezogen ist. Lange Zeit stand selbige doch links von der Hi-Hat. Dürfen wir diesen Move vielleicht Chris „Daddy“ Dave zuschreiben? Und wieso, weshalb, warum entwickelte sich überhaupt die Idee der Side Snare? Ach ja, lasst uns im Folgenden auch lieber von der Zweitsnare sprechen, denn in der Geschichte des Schlagzeugs bezieht sich der Terminus „Side Snare“ eindeutig auf die Anfänge der seitlich am Körper befestigten Feldtrommel (Danke für die Wissensvermittlung, Claus Hessler!)

Klar, es gab immer schon verschiedene Modewellen in puncto Schlagzeugaufbau: Mal sind die Kessel flach, mal tief, phasenweise mit, dann ohne Resonanzfell (die Concert Tom Geschichte wurde übrigens ebenfalls durch einen prominenten Drummer – Hal Blaine – ins Rollen gebracht). Mal sind zwei Toms State of the Art, mal drei in den Größen 12/13/16, und dann kommt Steve Gadd mit vier Toms im Zweizoll-Abstand und „gehängtem Floor Tom“ um die Ecke. Wann jedoch die zweite Snare prominent ins Spiel kam, lässt sich schwer ermitteln…

Also schreibe ich hier meine persönliche Variante dieser Geschichte auf.

Mit der Idee und Möglichkeit, eine Trommel überhaupt links neben der Hi-Hat-Maschine aufstellen zu können, machte mich im Jahr 1987 mein damaliger Held Dave Weckl dank „GRP Super Live Concert“ vertraut. Er wählte damals ein weiteres, tiefes Tom… und hatte seinerseits diesen Einfall vermutlich von Jazz-Ikone Papa Jo Jones übernommen.

Aber es dauerte bestimmt nochmal gute zehn Jahre, bis ich mir, angefixt von den Snare-reichen Grooves und gerne hochgepitchten Sounds im Drum’n Bass, eine zweite Schnarre in Mini-Ausführung besorgte und diese auf der linken Seite dazu stellte. Es war die namentlich perfekt passende Sonor Jungle Snare, welche zu dieser Zeit, also 1998, natürlich schon längst ihren Platz in den Sets der fortschrittlichen Endorser gefunden hatten, beispielsweise an den Arbeitsplätzen von Jojo Mayer und Will Calhoun (mit Jungle Funk) – zwei Trommler, die von der höchst virtuosen, elektronischen Spielart inspiriert waren und ihr auch akustisch stilecht Tribut zollen wollten.

Die Jungle Snare und ich wurden jedoch nicht so richtig warm miteinander, und so kamen nachfolgend diverse „Popcorn“ und „Soprano“ Modelle (so werden die Kleinst-Snares bezeichnet) mit 10“ oder 12“ Schlagfläche – aber immer noch hoch gestimmt – links neben die Hauptsnare... und immer wieder der Ansporn, die Ästhetik der programmierten Beats und der Sampling-Kultur akustisch umzusetzen.

1999 dann, dank des fantastischen und immer Sound-bewussten Flo Dauner, verdeutlichte mir dessen Fanta 4 Setup, dass es durchaus Sinn macht, die hoch gestimmte Snare zentral und die tiefere links aufzubauen. Dieser Ansatz passte gut zur Umsetzung der HipHop-Ästhetik: scharfe, laute Sidestick-Klänge, bei Bedarf hochfrequente Ghostnotes, vor allem aber viel Attack und Durchsetzungskraft auf einer trockenen oder auch obertonreichen Metall-Piccolo. Eine gegensätzliche Farbe kommt vom tief gestimmten, gedämpften Standard-Exemplar, dessen Sound an ein herunter gepitchtes Sample erinnert.

Aber auch die coolen Typen jenseits des großen Teichs bauten dieser Tage ihr Set auf ähnliche Weise auf, z.B. Ahmir ?uestlove Thompson von The Roots.

Bei mir dauerte es noch ein Weilchen, bis auch ich diesen Wechsel vollzog. Und auch hier gebührt der Dank wieder Herrn Dauner, der mich durch die Vertretungsspiele bei DePhazz (2003) und den Fantastischen Vier (2004) gewissermaßen zur Umschulung zwang. Schließlich wurde diese Doppelsnare-Aufbau-Variante zu meinem persönlichen Standard, nicht zuletzt, weil sich eine tief gestimmte, trockene Snare besser triggern lässt (siehe Trigger-Tipps aus der Bedienungsanleitung des ddrum4), aber auch, weil sich der nicht überkreuzte Backbeat links von der Hi-Hat angenehm anfühlt. OK, und dann erschien Chris „Daddy“ Dave auf der medialen Projektionsfläche, den ich aufmerksam verfolgen wollte.

Und da bemerke ich, dass die Zweitsnare in den Radius des klassischen Schlagzeugaufbaus rübergerutscht ist. Vielleicht, weil sich jene Rhythmusarchitektur, die der elektronischen und programmierten Vorlage nachspürt, ohnehin schon vom klassischen Tom-Aufbau emanzipiert hatte und dadurch ein vertrautes Plätzchen frei wurde? Dies ist jedenfalls die Position, an der nun viele modern gesinnte TrommlerInnen ihre dicke Snare, im Falle von Anika die Duo-Snare, aufstellen. Und dazu würde ich die Protagonistin gerne folgendes fragen:

Statement von Anika Nilles

Sag mal Anika, seit wann stellst Du denn die tiefe Snare auf der Floortom-Position auf? (Ist "Smooth7" das erste öffentliche Video mit diesem Aufbau?) Und wie kam es zu diesem Umbau der tiefen Snare, die bei Dir zu Mapex-Zeiten gerne auch mal links von der Hi-Hat stand?

Hi Oli,

das erste Video, in dem sich die Snare-Position verändert hat, ist "Mallay / RTB Outro" vom Februar 2016. Vor dem Videodreh hatte ich eine Phase, in der ich mit meinem Setup zu Hause rumprobiert habe. Die tief gestimmte, zweite Snare hatte ich bis dahin tatsächlich auch immer links neben der Main Snare. Auf den leicht elektronisch angehauchten Sound steh ich schon sehr lange, weit bevor ich eigene Songs geschrieben und veröffentlicht hab. Mit der Snare-Position auf der linken Seite war ich irgendwann aber unzufrieden. Ich merkte, dass ich die Snare nur selten und nur sehr straight anstelle der Main Snare nutzte. Das war mir zu wenig. Bevor die Snare nach rechts wanderte, hatte ich sie zum Ausprobieren auch mal eine Weile in der Mitte als Main Snare und die Main Snare zur Side Snare umfunktioniert. Damit war ich aber für meine Zwecke doch zu sehr eingeschränkt. Also wich sie nach rechts aus. Dort fand sie letztendlich auch ihren Platz.

Die Position ist für mich um einiges angenehmer zu spielen, zudem verwende ich sie viel häufiger und auch für andere Zwecke als einen Back Beat. Gesehen habe ich diese Position bei Sput oder Chris Dave zuvor auch schon, das war aber nicht der Grund, warum ich das in meinem Setup geändert habe, sondern eher die Bestätigung, dass es ok ist, die Snare an so einer vielleicht ungewöhnlicheren Stelle zu positionieren, und am Ende verwende ich sie auch anders als die beiden Vorreiter.

Anikas Statement verdeutlicht, dass sich die Zweitsnare im Verlauf der letzten 20 Jahre emanzipiert hat, von der Backbeat-Sound-Variante zum eigenständigen Instrument, das an unterschiedlichen (gerne ungewohnten) Positionen sowohl die Rhythmusarchitektur, als auch die eigene Kreativität beflügeln kann.

Ach ja, à propos kreative Umbauten: Die Idee der Tama Duo-Snare – eine tiefe Snare mit Standtom-Beinen – lässt sich nach dem einfachen logischen Prinzip durchaus umkehren zum „Floortom mit Teppichmechanismus“. Ich jedenfalls habe damit seit geraumer Zeit viel Freude, wenn ich mein Floortom mit Kessing und Geschirrtuch belege.

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