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22.08.2013

Kickstart Cubase #6 Workshop

MIDI-Quantisierung

Professionelles Wogenglätten in Cubase

Musik hat in ihrem Wesen sehr viel mit Wellen gemeinsam! Dieser Aussage werden wohl nicht nur Fans der Beach Boys oder des surfenden Singer-Songwriters Jack Johnson zustimmen. Im Gegenteil! Dass es sich bei Schall, der von Instrumenten oder Lautsprechern an unser Ohr dringt, um nichts anderes als eine Wellenbewegung der Luft handelt, ist hinreichend bekannt, aber auch abseits der Grundlagen der Akustik lassen sich Parallelen zu mehr oder weniger stark ausgeprägtem Seegang ziehen. So ist beispielsweise ein gewisses Schwanken im Timing selbst bei exakten Aufnahmen mit Metronom völlig normal. 

Ja, völlig normal! Jeder Musiker (auch Vinnie Colaiuta) produziert selbst in seinen klarsten Momenten leichte Ungenauigkeiten im Tempo und platziert manche Noten oder Schläge etwas vor oder nach dem Beat. Entscheidend für gut klingende Musik ist, ob es sich bei dieser Art von Wellen nur um eine sanfte Dünung oder möglicherweise sogar um einen zerstörerischen Tsunami handelt. Im Fall von Timing-Schwankungen, die in ihrem Ausmaß an Naturkatastrophen heranreichen, gibt es in Cubase aber glücklicherweise mehrere Wege, die Wogen zu glätten. 

Das Quantisieren, also das Ausrichten von aufgenommenem Material an einem rhythmischen Raster, ist seit der Einführung des MIDI-Protokolls ein fester Bestandteil der alltäglichen Arbeit im Tonstudio, und die Möglichkeiten, eine störend unexakte Performance zu glätten, wurden seit den 1980er Jahren immer umfangreicher und differenzierter. Auch Audio-Aufnahmen können heute vergleichsweise unkompliziert in einen musikalischen Fluss eingebettet werden, eine Freiheit, wie man sie mit MIDI-Parts genießt, wurde aber noch nicht erreicht. Für einen ersten Vorstoß in die Welt der Quantisierung wollen wir uns in dieser Folge unserer Workshop-Reihe also mit der leichter zu bewerkstelligenden MIDI-Quantisierung befassen.

Midi-Ticks und ein unsichtbares Rettungsboot  

Im ersten Video gibt es ein Arrangement zu hören, dessen Rhythmik durchaus ein wenig an die wankenden Schritte eines torkelnden Seemanns auf seinem früh-morgendlichen Heimweg aus der Hafenspelunke erinnern kann. Wir starten mit den Vorbereitungen, passen die Auflösung der MIDI-Ticks an und erzeugen als sinnbildliches Rettungsboot eine unsichtbare Kopie des zu quantisierenden Tracks.

Hartes Quantisieren – Das richtige Gitter hilft

Man kann zwischen drei grundlegenden Ausgangs-Situationen unterscheiden: In den besten Fällen muss gar nicht quantisiert werden, in vielen Fällen reicht es, einige Korrekturen von Hand vorzunehmen, in anderen Fällen würde dies aber so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass automatische Quantisierung die effektivere Lösung ist. Bei der über E-Drums eingespielten Schlagzeug-Spur in unserem Arrangement handelt es sich tendenziell um einen der letzteren Fälle, und um diesen erfolgreich lösen zu können, ist es zunächst wichtig, sich für das passende Quantisierungs-Raster zu entscheiden. 

Im Vergleich zu dem sehr kurzen Track im Video ist es in vielen Fällen angebracht, unterschiedliche Passagen eines Tracks getrennt zu quantisieren und dabei gegebenenfalls unterschiedliche Rastereinstellungen anzuwenden.  

Kontrollierter Seegang

Nachdem wir im letzten Video die aufbrausenden Wogen in spiegelglatte See verwandelt haben, ist das Ziel im folgenden Schritt, den Seegang nur so weit wie nötig zu senken, um das Schiff vor dem Kentern zu bewahren. Die Deutlichkeit, mit der man auf das ursprüngliche Material eingreift, ist zwar einerseits Geschmacksfrage, hängt vor allem aber auch von den stilistischen Eigenheiten des jeweiligen Songs ab. Wer mit dem Tretboot unterwegs ist, wird die Dünung berechtigterweise sehr viel mehr glätten als der Kapitän eines stolzen Dreimasters, der sogar auf ein wenig Wind und Wellen angewiesen ist. Bei erfolgreichen Produktionen lassen sich häufig parallelen zwischen der Natürlichkeit in der Performance und der Natürlichkeit des klanglichen Gewands erkennen. 

Selbstverständlich ist es möglich und sogar sehr empfehlenswert, nur Anteile einer Passage auszuwählen, und somit nur die Bereiche zu Quantisieren, die danach verlangen. Das Ohr sollte hier die letzte Instanz bleiben. Nach längerem Experimentieren sind Pausen sehr hilfreich, da ähnlich wie beim Bearbeiten der Intonation oder beim Mischen die Gefahr besteht, den neutralen Bezug zur Musik zu verlieren.

Nerd-Attack: Der Time-Warp Trick

Für alle fortgeschritteneren Leser und Zuschauer gibt es nun noch einen Schippe obendrauf. Das im Video verwendete Time-Warp Werkzeug bleibt allerdings ausschließlich den Anwendern der Vollversion von Cubase vorbehalten. Wer Cubase Artist oder eine kleinere Version verwendet, muss leider darauf verzichten, die Warp-Anker zu Wasser zu lassen. 

Ich hoffe, ich konnte euch mit dieser Workshop-Folge weiterhelfen. Möge Poseidon euch gewogen bleiben!

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