Software
Test
10
11.06.2019

Praxis

Neutron stellt die Balance der Pegel her 

Damit Neutron die Pegel des Songs automatisch einstellt, wird zunächst das Plugin „Relay“ in den ersten Insert-Slot eines jeden Kanals geladen, dessen Pegel dabei berücksichtigt werden soll. Relay verfügt über einen Volume Fader, Panorama-Poti und einen Stereo-Width-Regler, mit dem sich die Stereobasis verbreitern oder schmälern lässt. Sobald alle gewünschten Kanäle mit einem Relay-Plugin versorgt sollten alle Volumefader auf Unity-Position und die Pan-Potis im Center platziert werden. Hat man sich also schon im Laufe des Komponierens/Arrangierens einen groben  Mix gemacht – was nunmal meistens der Fall ist – ist man erstmal damit beschäftigt alles auf Ausgangsposition zu stellen. Für mich persönlich wäre Balance eine Workflow-Bremse und nur dann vorteilhaft, wenn zuvor kein Mixing stattgefunden hat – was bei mir und sicherlich vielen weiteren Musikschaffenden nie der Fall ist.

Im Anschluss lädt man eine Neutron-Instanz in den Stereo-Out (bzw. Master-Kanal) der DAW. Im Mix Assistant zeigt Neutron vor der Analyse nochmals alle erkannten Spuren an, in denen eine Relay-Instanz geladen ist. Hier lassen sich diese bei Bedarf vor der Analyse entfernen. Auch kann man dem Plugin angeben, welche Signale besonders wichtig sind und auf die ein „Focus“ gelegt werden soll. Daraufhin lässt man das Projekt abspielen und Neutron analysiert die Signale, teilt sie in Gruppen auf und justiert die Pegel. Umso länger man den Song abspielen lässt, desto genauer kann Neutron analysieren. Die favorisierten Spuren werden in einem gesonderten Focus-Kanal zusammengefasst. Für die folgenden Klangbeispiele habe ich alle Spuren des Songs analysieren und automatisch mixen lassen. Ausgenommen davon sind Subgruppen und Aux-Kanäle – diese sollen nämlich ausgelassen werden, da Neutron keine Information von der DAW bekommt, wo die Signale hingeleitet werden.

Neutrons Mix kann direkt der Analyse in einem übersichtlichen Mixer angepasst werden. Die Spuren werden nach den Kategorien Focus, Voice, Bass, Percussion und Musical aufgeteilt, welche sich mit jeweils einem Fader nachjustieren lassen. Falls der Algorithmus eine Spur falsch zugeordnet hat, kann die Klassifikation nachträglich noch geändert werden. Im Test hat Neutron alle Spuren richtig zugeordnet. Der Mix war zwar nicht auf Anhieb sonderlich ausgewogen, doch nach ein paar Anpassungen kann sich das Ganze schon einigermaßen hören lassen. Zumindest als Basis zum eigenen Mixing.

Visual Mixer

Seit Version 2 gehört der Visual Mixer zu Neutrons Ausrüstung dazu, welcher ebenfalls den Mixing-Prozess vereinfachen soll. Anstelle von Fadern und Panorama-Potis lässt sich der Song in einer grafischen Darstellung mischen. Die Spuren werden als kleine Kreise dargestellt, welche sich auf einem X/Y-Feld frei bewegen lassen. Auf der horizontalen Ebene werden die Spuren im Panorama verteilt. Die Vertikale dient zum Einstellen der Lautstärke. Mit kleinen Punkten an den Kreisen kann die Stereobasis justiert werden. Praktisch ist, dass sich mehrere Mixe als Snapshots anlegen lassen, um Mix-Varianten anzulegen und A/B-Vergleiche zu machen. Der Visual Mixer ist mit Balance und dem Relay-Plugin verbunden, dadurch übernimmt der Visual Mixer die Werte, die er von Balance erhält. Fortgeschrittene User können ganz sicher auf Balance und den Visual Mixer verzichten, als Mixing-Neuling wird man sich über eine Hilfe beim Justieren der Pegel freuen. Beim Panning sehe ich allerdings keinen Vorteil. Ob man nun einen Panorama-Regler nach rechts oder links dreht bzw. einen kleinen Kreis nach links oder rechts schiebt, macht wohl keinen großen Unterschied. Für einen Einsteiger in die Mixing-Welt könnte etwas übersichtlicher sein, wenn man die Panoramaverteilung aller Spuren auf einen Blick im Auge behält. In meinem Fall, einem Projekt mit rund 70 Spuren, sieht das Ganze allerdings eher unübersichtlich aus. Sprich: Bei weniger umfangreichen Projekten kann es übersichtlich sein, bei komplexeren eher nicht.

Track Enhance stellt die Effekte ein

Anders als beim Balance-Feature muss in jede Spur eine Neutron-Instanz geladen werden, die mit Track Enhance analysiert werden soll. Entscheidet man sich im Mix Assistant für Track Enhance, hat man mehrere Optionen, um Neutron mitzuteilen, in welchem Style gemixt und in welcher Intensität die Effekte eingestellt werden sollen. Unter Style lässt sich zwischen Balanced, Warm (Open) und Upfront Midrange wählen. Bei der Intensität lässt sich zwischen Low, Subtil Medium (Moderat) und High (Aggressive) wählen.

Während man den Song abspielt und die Spuren analysiert werden, sieht man in der neuen Version auch gleich, was im Hintergrund passiert, so kann man Neutron sozusagen bei der Arbeit zusehen und besser nachvollziehen, was eingestellt wurde. Es ist schon erstaunlich, wie präzise das Helferlein mittlerweile die Instrumente erkennt und entsprechend handelt. Für die folgenden Klangbeispiele habe ich nahezu alle Einzelspuren und zusätzlich Subgruppen, beispielsweise die Drums, analysieren lassen. Zudem kann man Neutron auch im Vorhinein mitteilen, um welche Art von Signal es sich handelt. So kann man sichergehen, dass die Ergebnisse präziser werden. Die Ergebnisse von Balance habe ich allerdings nicht so belassen, sondern in puncto Pegelverhältnisse und Panorama meinen eigenen Mix geschraubt. Daher klingt das Ausgangsmaterial anders, als in den vorigen Klangbeispielen. In einer zusätzlichen „Wet“-Version, sind Send-Effekte, wie Hall und Delay mit dabei, damit der Mix nicht unnatürlich trocken klingt. In dieser Version arbeitet zudem ein Ducking-Effekt auf einigen Spuren als Stilmittel. 

Tonal Balance Control – Frequenzkontrolle über den gesamten Mix

iZotope hat mit Ozone 8 ein Plugin namens Tonal Balance Control herausgebracht, das eine visuelle Rückmeldung über gesamten Frequenzbereich des Mix in Referenz zu Frequenzkurven vieler, bekannter Songs ausgibt. Diese will der Hersteller mittels eigenst entwickelter Machine Learning Technologie analysiert haben. Auch ist es möglich eigene Referenzsongs zu laden, um den Mix mit diesen zu vergleichen. Für den Fall, dass der eigene Mix verglichen mit den Referenzen extreme Abweichungen Zeigt, kann man in Tonal Balance Control direkt auf Neutron- und Ozone-8-Instanzen zugreifen, um das EQing anzupassen. Tonal Balance Control ist Teil der Neutron Advanced Version.

Sculptor – Multiband-Kompressor des faulen Producers

Nach der Analyse wurde in jeder Neutron-Instanz (zusätzlich zu den anderen Effekten) ein Sculptor-Modul eingefügt. Neben verschiedenen Instrumentenarten verfügt dieser auch über Settings wie „Add Punch“, „Add Polish“ und „Add Fullness“. Mit diesen kommt man recht schnell zu entsprechenden Ergebnissen. Besonders auf Subgruppen machten diese Settings eine gute Figur, solange man dezent mit den Reglern Mix, Tone und Speed umgeht – ansonsten kann es auch schnell mal zu harsch oder auch mal sehr unnatürlich klingen. Das ist eher Contraproduktiv für ein Modul, das sich mit nur drei Reglern hauptsächlich an Einsteiger richtet. Sculptors  Processing dürfte meiner Meinung nach subtiler sein. Nichtsdestotrotz bietet Sculptor eine sehr einfache Möglichkeit die Dynamik unterschiedlicher Frequenzbereiche unter Kontrolle zu halten, ohne dabei wirklich etwas von Kompressoren oder Equalizern verstehen zu müssen. Das Tool erkennt die Instrumente fast immer richtig bzw. entscheidet, ob es dem Signal doch eher etwas an „Punch“ fehlt. Daher braucht man sich nur noch auf sein Gehör zu verlassen und die drei Regler zu bedienen. Wer Frequenzen und Dynamik selbst in die Hand nehmen will, greift zu den entsprechenden Modulen. Und diese sind nach wie vor erstklassig.

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare