Serie_Interview
Feature
4
27.09.2017

Interview und Gear-Chat: John „JR“ Robinson

Ein Gespräch mit dem Groove-Gott.

So ziemlich jeder erkennt Michael Jacksons Song „Rock With You“ schon nach wenigen Sekunden an seinem Drumfill. John „JR“ Robinsons Grooves bereicherten Alben, die Musikgeschichte schrieben. Im Laufe der Jahrzehnte spielte er auf mehreren Tausend Alben, die sich insgesamt über 300 Millionen Mal verkauften. Das macht es wahrscheinlich unmöglich, einen Tag lang „JR“ nicht im Radio zu hören. Seine Credits umfassen wirklich alle großen Künstler der Popmusik, von Chaka Khan und Lionel Richie über Eric Clapton, Madonna und Seal bis hin zu Ray Charles und Frank Sinatra.

Die Liste der Top-Stars könnte man ewig fortführen. Weltweit ist er der vielleicht meist aufgenommene Schlagzeuger, der besonders in den Achtziger- und Neunzigerjahren durch seinen verlässlichen Groove und sein einzigartiges Feel zum Drummer der Stars wurde. Wir trafen „JR“ während seines Aufenthalts beim Dresdner Drum Festival 2017 zu einem Gespräch über seine Karriere, den Studioalltag im Wandel der Musikindustrie und seine Lieblingsplatten.

„JR“, es ist eine große Ehre, dich zu treffen. Du bist auf unglaublich vielen Platten zu hören. Wie begann damals alles für dich? Wie bist du zum Trommeln gekommen?

Ich komme aus einer sehr kleinen Stadt in Iowa. Dort war zwar nicht viel los, aber meine Mutter liebte Bigband-Platten. Mit fünf Jahren sollte ich dann Klavier spielen. So sehr ich Klavier auch mag, konnte ich damals nicht viel damit anfangen. Ich fand Drums einfach viel interessanter und bekam mit acht Jahren ein Drumbook. Dann habe ich einfach angefangen zu spielen und mit einem Freund eine Band gegründet. Erst später habe ich Unterricht genommen. Das war gar nicht so einfach, weil es in unserer 8000-Seelen-Stadt keinen Schlagzeuglehrer gab. Als ich in der High School war, habe ich dann regelmäßig Unterricht genommen, Band Camps besucht und dort Ed Soph kennengelernt. Bei ihm habe ich dann am Berklee College of Music studiert.

Hast du an einem Punkt in deiner Karriere dich aktiv dazu entschlossen, Studiotrommler zu werden?

Ja. In der neunten Klasse gewann meine Band einen Wettbewerb bei einem Jazzfestival, und wir wurden aufgenommen. Das war das erste Mal, und ich war infiziert. Als ich dann am Berklee College of Music war, habe ich auch hin und wieder in Boston aufgenommen und wurde schließlich am College der Studiodrummer. Das war natürlich super, weil ich auf einmal sehr viel Erfahrung sammeln konnte. Irgendwann stieß ich zu Rufus & Chaka Khan und durfte zum ersten Mal mit Leuten der Spitzenklasse aufnehmen.

Musstest du deinen damaligen Spielstil verändern, um besonders „recordingdienlich“ zu spielen?

Roy Halley, der Produzent und Engineer von Simon & Garfunkel, der auch „Bridge over troubled water“ gemacht hat, war unser Produzent und gab mir sehr deutlich zu verstehen, dass ich mit meinem energetischen Drumming die Mikrofone überlaste. Er hat mir damals genau gezeigt, welches Mikrofon das Signal wie aufnimmt, und ich habe mich daran angepasst

Hat sich der Touch oder die Art und Weise, im Studio zu spielen, über die Jahre verändert?

Ich denke, dass in den Sechzigern nicht besonders laut gespielt wurde. In den Achtzigerjahren wurde es dann definitiv lauter, und man hat mit mehr Mikrofonen gearbeitet. Raummics wurden immer weiter aufgeblasen, und man konnte die Drums immer größer klingen lassen.

Spielst du live lauter als im Studio?

Nein. Im Regelfall kenne ich den Engineer und weiß, dass er mit der Art, wie ich im Studio spiele, auch einen tollen Livesound machen kann.

Im Wandel der Musikindustrie und nach dem großen Studiosterben wichen viele Studiodrummer auf kleinere Projekt- oder Homestudios aus. Nimmst Du dich auch selbst auf?

Welche Musikindustrie? Es gibt ja eigentlich keine mehr. Zumindest ist die nicht vergleichbar mit der aus alten Tagen. Ich lebe in Thousand Oaks, nordwestlich von Los Angeles und habe dort auch mein Homestudio. Mittlerweile bin ich auch mein eigener Engineer. Ich habe eine digitale Yamaha DN 2000 Konsole, die ich mit einem befreundeten Engineer so eingestellt habe, dass ich zwischen verschiedenen Settings wählen kann. So kann ich, wenn ich beispielsweise auf einen Track mit Besen spiele, eine Szene laden, in der die Preamps schon einen höheren Gain haben. Zusätzlich habe ich eine große Auswahl an Mikrofonen. Ich habe damals mein Wohnzimmer zu einem Studio ausgebaut, und darin lässt es sich wirklich gut aufnehmen. Jeff Daking, der Entwickler der Daking Preamps, saß damals in meinem Wohnzimmer und sagte: „Selbst wenn du ein Studio an dieses Haus anbaust, wird es niemals so gut klingen wie dieses Wohnzimmer.“ Na vielen Dank auch. (lacht)

Hast du auch das Gefühl, dass der Trend bei Drummern immer mehr zu Homestudios geht?

Absolut. Mittlerweile nehme ich mindestens 50 Prozent der Sessions bei mir zuhause auf. Ich dachte immer, dass ich davon ausgeschlossen bin, weil ich schon so lange dabei bin und schon immer in den großen Studios aufgenommen habe. Auf der anderen Seite hat mich auch immer schon die technische Seite des Aufnehmens interessiert, und ich hatte relativ früh eine analoge Konsole. Ich spiele auch Klavier und Keyboards und hatte irgendwann auch ein großes MIDI-Setup. Irgendwann habe ich den ganzen Krempel verkauft und mache jetzt alles mit einem USB-Keyboard und Libraries. Die Drums sind und bleiben weiterhin analog.

Programmierst du auch Drums oder Loops?

Auf dem „Bad“ Album von Michael Jackson habe ich im Studio und zuhause sehr viel programmiert. Heute mache ich das nur noch zuhause, aber bringe zu Sessions nicht mehr mein großes Programming-Rig mit. Ich baue dann beispielsweise Loops und kombiniere sie mit den akustischen Drums.

Baust du diese dann mit elektronischen Elementen oder Percussion?

Sowohl als auch. Ich bin allerdings kein Percussionist. Ich kann gut Shaker spielen, aber ich hasse Tambourine. Und wer auch immer die Triangel erfunden hat, müsste erschossen werden. Du hörst dieses Ding selbst bei minus 20 dB immer noch viel zu laut. Einen Handdrum Sound erzeuge ich aber beispielsweise mit Snares ohne Teppich. Congas sind absolut nicht meine Welt.

Mit deinem Studio hast du also die Möglichkeit, ohne großen Aufwand einen Song aufzunehmen. Hast du deshalb auch insgesamt mehr im Studio zu tun?

Nein, es gibt definitiv weniger Arbeit. Es gibt heute bestimmt zehnmal mehr Bands als früher, aber die Musikindustrie ist gleichzeitig um 60 bis 70 Prozent geschrumpft. Aber es gibt ja auch noch andere Bereiche als Musikalben. Filmmusik für Kino und Fernsehen oder Plattformen wie Netflix sind ein weiterhin großes Betätigungsfeld. Natürlich gibt es einige Komponisten, die alles mit Libraries machen, aber die großen Blockbuster laufen richtig gut.

Mit welchen Künstlern bist du nach wie vor live unterwegs?

Ich arbeite seit 1981 stetig mit David Foster zusammen und bin seit 1995 auch sein Live-Drummer. Zwischendurch spiele ich immer mal wieder mit anderen Künstlern auf Events und Preisverleihungen.

Du bist ein sehr vielseitiger Drummer. Welchen Musikstil würdest du gerne häufiger spielen?

Gute Frage...Wahrscheinlich Mainstream Jazz im Stil von Philly Joe Jones. Ich weiß, das ist nostalgische Musik, aber ich mag es einfach. Manchmal spiele ich in LA in Jazz-Formationen, aber wie geht der alte Witz der Sessionmusiker? „Wenn du anfängst, Jazz zu spielen, ist es vorbei.“ (lacht) Ich denke aber, dass dafür in Zukunft bestimmt mehr Zeit ist. Ich habe auch Lust, irgendwann ein Album zu machen.

Was sind die Top 5 Songs oder Alben deiner Karriere, auf die du besonders stolz bist?

Oh, das wird schwierig. Auf jeden Fall Steve Winwoods „Back in the high life again“ Album. Das ist einfach großartig. Dann natürlich Michael Jacksons „Off the Wall“, weil es das erste wirklich große Album war, auf dem ich gespielt habe und da so wahnsinnige Songs drauf sind. Als wir „Don't stop 'til you get enough“ eingespielt hatten und ich den Song das erste Mal in der Regie hörte, wusste ich, dass es ein Nummer-Eins Hit wird. Das ging gar nicht anders. Von „Rock with you“ haben wir damals drei Takes gemacht, und Quincy Jones mochte sie alle nicht. Dann standen er und der Songwriter Rod Temperton hinter mir, rauchten beide lässig Zigarren, und Quincy sagte zu mir: „JR, du musst ein Fill in den Song spielen, an dem die ganze Welt das Lied erkennt.“ Ich dachte an Marching Drums, spielte das Fill, und mit dem vierten Take war der Song im Kasten. Der Rest ist Geschichte. Mittlerweile ist das ausnotierte Fill sogar auf meine Signature Becken gedruckt. (lacht) Ein weiteres Album ist Quincy Jones „The Dude“. Es wurde zwölfmal für den Grammy nominiert und gewann vier davon. Mein erster Sohn wurde am Tag dieser Grammy-Verleihung geboren. So sehr wir „We are the world“ von Michael Jackson auch alle hassen – es ist einfach ein Klassiker, der sich 60 Millionen Mal verkauft hat. Und als letzten Song würde ich „Ain't Nobody“ vom Rufus & Chaka Khan Album „Stomping at the Savoy“ auswählen. Dafür habe ich damals einen eigenen Grammy bekommen. Das war toll. Man hört auch Gerüchte, dass wir bald wieder zusammen spielen...

Welches ist für dich das am vielseitig einsetzbarste Teil deines Equipments? Welche Snare, Becken oder welches Mikrofon?

So doof das klingt – das Shure SM57. Es ist das schlimmste und gleichzeitig das beste Mikrofon der Welt. Ich habe sogar mal ein komplettes Drumset mit sieben SM57 Mics mikrofoniert, und es klang fantastisch. Aber das ist wirklich eine schwere Frage. Wenn mein ganzes Drumset mit Becken zählen würde, wäre das wohl das Instrument, mit dem ich am meisten Sounds abdecken kann.

  • JR’s Equipment:
  • Drums: DW Collectors Maple
  • 24“ x 18“ Bassdrum
  • 12“ x 8“ Tom
  • 13“ x 9“ Tom
  • 16“ x 14“ Floortom
  • 18“ x 16“ Floortom
  • 14“ x 6,5“ Snare
  • Becken: Paiste
  • 15“ Dark Energy Hi-Hat
  • 20“ Signature Full Crash
  • 19“ Signature Full Crash
  • 20“ Dark Energy Crash
  • 24“ JR Signature Ride Dark Energy Ride
  • 24" JR Signature 2002 Swish Ride
  • Felle: Remo
  • Clear Powerstroke 3 (Bassdrum), Clear Emperor (Toms), Coated Emperor (Snare)
  • Pedal: Axis Percussion A-772 Double Pedal mit Danmar 208 JR Robinson Wood Beater
1 / 1

Verwandte Artikel

Interview und Gear-Chat: Jochen Rueckert

Der renommierte Jazzdrummer Jochen Rueckert lebt als gebürtiger Kölner seit nunmehr zwei Jahrzehnten in der Jazz-Metropole New York. Wir führten ein Interview mit ihm und sprachen auch über seine „Instructional Video Series“.

Interview und Gear-Chat mit Oli Rubow

Oli Rubow hat hierzulande wahre Pionierarbeit geleistet, wenn es darum geht, das akustische Schlagzeug mit der elektronischen Beat-Kultur zu vereinen. Wir trafen den umtriebigen Klangforscher zum Interview.

Brass & Drums: die Band MEUTE

MEUTE ist die wohl einzige Techno-Marching-Band, die Clubsound mit der Blaskapelle spielt. Wir sprachen mit Gründer Thomas Burhorn darüber.

User Kommentare