Hersteller_Tasty_Chips Serie_Interview
Feature
3
06.12.2017

Interview mit Tasty Chips Electronics

Innovative Ideen aus Holland

Via Kickstarter auf Erfolgskurs

Bonedo im Gespräch mit Tasty Chips Electronics, einem kleinen Synthesizerhersteller aus Holland mit großen Zielsetzungen. Durch gute Ideen und Ehrgeiz ist es dem kleinen Drei-Mann-Unternehmen gelungen, dessen Ziele über Kickstarter und Crowdfunding erfolgreich umzusetzen.

Wenn im Internet neue Ideen oder Produkte auftauchen, ist oftmals von Kickstarter die Rede. Wer noch nicht weiß, was das ist und wie es funktioniert, der erhält hier eine Erklärung in Kurzform. Bei Kickstarter handelt es sich um eine spezielle Webseite für ein sogenanntes "Crowdfunding". Beim Crowdfunding wirbt ein Unternehmen oder eine Person für seine Geschäftsidee, um Geld für die Finanzierung des Projekts zu erhalten.

Kickstarter selbst hat mit den gebotenen Ideen nichts zu tun, Kickstarter.com stellt lediglich die Plattform zur Verfügung, auf der das Crowdfunding von jedermann durchgeführt werden kann. Es handelt sich hierbei also um eine Art soziales Netzwerk, welches für Finanzierungen der Projekte von z. B. kleinen Startup-Unternehmen durch daran Interessierte sorgt. In der Vergangenheit wurden schon viele große Ideen durch Kickstarter finanziert. Dazu gehören z. B. die Smartwatch "Pebble", das Kartenspiel "Exploding Kittens", "Ouya" - bringt Android-Spiele auf den Bildschirm - "Pono Player"- für die Wiedergabe von Flac Audiofiles (von Neil Young erfunden) ... sowie der deutsche Kinofilm "Stromberg".

Auf Kickstarter.com und durch Crowdfunding finanzieren sich also eine ganze Menge an Jungunternehmern, Leute, die von ihrer Geschäftsidee überzeugt sind, einfach diese, deren eigener finanzieller Background das/die Projekt(e) nicht selbst finanzieren kann. Wer auf Kickstarter für seine Idee wirbt, ist also darauf angewiesen, die für die Projektrealisation veranschlagte Finanzierungssumme zu erhalten. Wird die veranschlagte Summe nicht erreicht, kann das Projekt nicht durchgeführt werden. Hier ist es essenziell wichtig, eine wirklich gute Idee zu offerieren, die viele begeistert, und zwar so begeistert, dass die Angesprochenen das beworbene Produkt gerne selbst hätten. Auf diese Weise wird das Projekt durch viele außenstehende Interessenten (Crowd ...) finanziert (... funding) oder nicht.

Tasty Chips Electronics aus Holland gehören zu denen, die über Kickstarter und Crowdfunding den "ST4 Hybrid Synthesizer/Tracker" und den GR-1 Hardware Granular Synthesizer realisieren konnten und mittlerweile sogar neue Projekte in Angriff genommen haben. Projekte, die sich von den Ideen vieler Anderer so abheben, dass man gerne bereit ist, die Umsetzung mit seinem Beitrag (besser: Betrag) zu unterstützen. Die Ideen von Tasty Chips Electronics sind wirklich großartig, wenn man bedenkt, dass die die kleine Firma nur aus drei Leuten besteht. Das ist schon allerhand. Wenn man dann noch realisiert was die drei Herren auf die Beine gestellt haben, kann man den Hut ziehen. 

Da wir die Schritte des kleinen Unternehmens Tasty Chips Electronics verfolgt haben und deren Potenzial erkannten, haben wir die drei Holländer zu einem Interview eingeladen. Hier lest ihr die Geschichte des kleinen sympatischen Startup-Unternehmens aus Utrecht (NL) "Tasty Chips Electronics"

Wer verbirgt sich den hinter dem Firmennamen Tasty Chips Electronics? Könnt ihr euch unseren Lesern einmal kurz vorstellen?

Tasty Chips Electronics ist ein Drei-Mann-Team mit Sitz in Utrecht (Holland) oder "Uuuuuu", wie wir es gerne nennen. Gelegentlich involvieren wir auch Leute aus unserem engen Netzwerk. Unser Team setzt sich in der Basis aber aus drei Personen zusammen:

Da ist Pieter van der Meer (*1978). Pieter ist ein musikalischer Enthusiast und der Gründer von Tasty Chips Electronics. Pieter hat Abschlüsse in Elektrotechnik und Software Engineering. Er hat darüber hinaus für verschiedene Firmen gearbeitet, wie z.B. bei: SRON Niederlande Institut für Weltraumforschung, Tomtom und er hat auch einige freiberufliche Jobs in der Audio-Welt. Pieter ist Eigentümer der Firma und beaufsichtigt die technische Seite.

Pieter van der Meer

Dann kommt Koen Pepping (*1994). Koen ist der kreative Geist, der vor Ideen für Features, Schnittstellen etc. strotzt. Koen hat ein erstes Diplom in Music & Technology (HKU), wo er 3 Jahre als Software-Designer und Komponist studierte. Danach wechselte er zur Elektrotechnik, wo er auch ein Erstjahr-Diplom vorweist und nun seinen Abschluss vorbereitet. Koen hat ein Praktikum am SRON Niederlande Institut für Weltraumforschung und bei Tasty Chips Electronics durchgeführt. Nachdem er und Pieter die Sawbench als Praktikumsprojekt realisiert haben, blieb er.

Koen Pepping

Zu guter Letzt ist da noch Jasper Andrea (*1992). Jasper ist Produzent und Komponist unter dem Namen "Anderas". Er hat ein Diplom in Elektrotechnik und einen Abschluss in Komposition und Produktion bei Music & Technology (HKU). Jasper wurde von Koen bei Tasty Chips Electronics eingebracht, um bei der Sawbench-Produktion zu helfen, aber es stellte sich heraus, dass er die perfekte Person ist, um das Team zu stärken. Jasper ist vor allem der Hardware-Spezialist.

Jasper Andrea

In unserem Drei-Mann-Team gibt es viel Cross-Talk. Wir alle haben eine oder mehr Spezialisierungen, aber jeder von uns involviert sich in jeden Aspekt der Entwicklung und der Gestaltung unserer Produkte.

Für die Finanzierung eurer Projekte habt ihr eine Kickstarter Kampagne gestartet. Eine Kickstarter Kampagne ist ja nicht gerade einfach. Wie habt ihr es geschafft, dass eure Kampagne für den ST4 so erfolgreich lief?

Die meisten Käufer sagten uns, sie finden den ST4 sehr originell und sie mochten vor allem das Konzept. Es ist ein einzigartiger Synthesizer.  Ich denke, das hat ihn so erfolgreich gemacht.

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem ST4 gewonnen? Hat sich das Projekt für euch gelohnt?

Beim ST4 war alles sehr harte Arbeit. Wir investierten mehr Zeit und  Geld, als wir zurück erhielten. Wir beantworteten fast jede Anfrage und kümmerten uns auch um die Wünsche, die uns angetragen wurden. Das erforderte eine Menge harter Arbeit, aber auch der Synth wurde dadurch immer komplizierter in seinem Aufbau und seiner Bedienung. Wir denken aber, der ST4 ist eine Hardware, bei der wir nicht an Komponenten und Features gespart haben, eben, weil wir diese Arbeit zu sehr lieben. Wir haben aus dieser Arbeit viel  gelernt und freuen uns immer wieder, dass wir den ST4 in die Synthesizerwelt gebracht haben.

ST4 Hybrid Synthesizer/Tracker

Demonstration des ST4 Hybrid Synthesizer/Tracker

Wie wichtig ist für euch, neben eigenen Konzepten, das Eurorack-Format? Habt ihr vor euch auch in diesem Bereich zu etablieren?

Wir selbst besitzen Eurorack Geräte sowie modulares Equipment, und, wir mögen es. Mit dem GR-1 Granular Synthesizer sahen wir Tonnen musikalischer Möglichkeiten, gerade in der Anbindung an modulare Synths, so dass wir eine kleine, aber effiziente modulare Schnittstelle hinzugefügt haben. Die CV-Eingänge dort sind nicht nur für modulare Schnittstellen vorhanden; man kann die GR-1 Parameter auch mit Sensoren, oder anderen Dingen steuern, die Spannungen im Bereich von null bis fünf Volt ausgeben. Im Moment allerdings haben wir für uns nicht vorgesehen im Eurorack Bereich zu entwickeln. Wenn wir fühlen, dass eines unserer Konzepte wirklich der Eurorack-Welt dienlich sein könnte, dann werden wir in diesem Segment tätig werden. In diesem Moment aber, ist das nicht der Fall. Kommt die Zeit, kommt auch unser Einsatz.

Immer mehr Anwender sehen im DIY-Synthesizerbau eine Möglichkeit, sich einen völlig individuellen Synthesizer zu bauen. Der GR-1 wäre doch im Bausatz eine gute Basis für ein ausgefallenes Produkt? 

Wir lieben DIY. Wir bauen Dinge wie Synths, Module und Effekte für unsere eigenen privaten Studios. Wir, als kleines Team, sind nicht in der Lage, die DIY-Community in der Form zu unterstützen, die dafür nötig wäre. Es wäre somit nicht fair, und für uns nicht zu leisten, den GR-1 als DIY-Projekt zu verkaufen, ohne in der Lage zu sein, den nötigen Support zu liefern. Wir lieben die DIY-Szene, und der Spruch "vergiss' niemals woher du kommst" im Hinterkopf, könnten wir eines Tages wieder damit beginnen uns mit dem DIY-Bereich zu beschäftigen. 

Euer Portfolio umfasst eine sehenswerte Reihe an Produkten. Darunter befinden sich der Saw Bench Synthesizer, der ST4 Hybrid Synthesizer/Tracker, das LDR Control Board, der Arduino Piggyback Synthesizer sowie der GR-1 Hardware Granular Synthesizer. Wo lasst ihr eure Produkte denn produzieren? 

Alle unsere Produkte werden in den Niederlanden produziert. Die Komponenten dazu kommen aus der ganzen Welt. Aber, um die Qualität unserer Produkte zu wahren, sind wir gerne so nah wie möglich in und am Produktionsprozess.

 

Arduino Piggyback Synthesizer

 

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, den heiß umkämpften Synthesizer-Markt mit euren Ideen zu beleben? Der Wettbewerb ist groß und die bereits angebotenen Produkte sind mitunter oft auch schon recht speziell. Wie seht ihr euch? Seid ihr Lieferant für "Gewöhnliches" oder ist euer Bereich eher der für "Sonderlösungen"?

Wir begannen mit einem analogen Mono-Synth, dem Sawbench. Auch wenn wir ihn sorgfältig entworfen haben, um gut zu klingen, haben wir schon erkannt, dass der Markt mit dieser Art Synthesizer überfüllt ist. Wir wollten auf hohe Qualität setzen, aber hatten nicht das Budget, um diesen Wunsch umzusetzen. So wurde es eher ein Non-Profit-Projekt, aber wir haben Aufmerksamkeit für unser Unternehmen erhalten. Der Fun Fact ist: Die Sawbenches wurden auf dem Tisch in Pieters Wohnzimmer gelötet. Der ST4 wurde ein sehr origineller Synthesizer, aber er ähnelte irgendwie dem Sawbench-Projekt. Wir mussten irgendwo anfangen und wir haben angefangen uns Gedanken über ein neues Konzept zu machen, den GR-1.

Sawbench, monofoner Synthesizer

Der neue GR-1 Hardware Granular Synthesizer unterscheidet sich stark vom technischen Konzept eurer weiteren Produkte und auch den Geräten eurer Mitbewerber. Warum Granular Synthese? ... und warum nicht, sagen wir mal, nur einen neuen Filter? Warum der GR-1?

Die Idee zum GR-1 geistert schon seit dreieinhalb Jahren in unseren Köpfen, ... dank Erwin Tuijl (Mitglied der Band "Pocket Knife Army"). Er bot die Idee für einen Hardware-Granular Synthesizer und nahm an der Schnittstellengestaltung teil. Es ist das erste Projekt, das unsere Vision erfüllt, Pioniere zu sein, um charakteristische, neue, innovative und qualitativ hochwertige Produkte zu entwickeln. Unser Ziel ist es, originell zu bleiben, charakteristisch zu sein und Qualität zu liefern.

GR-1 Hardware Granular Synthesizer

Erwin Tuijl von Pocket Knife Army demonstriert den GR-1 Hardware Granular Synthesizer.

 

Auf dem Gebiet der Granular Synthese werden verschiedene Verfahren verwendet, wie z.B. Wavelet, Grainlet, Glisson, Pulsar ... etc. Beliebt und einzigartig ist z. B. derzeit "Borderlands" von Chris Carlson für iOS. Welches OS ist die Basis beim GR-1? Das interessiert uns an dieser Stelle sehr. Ist es ein eigenes Konzept/System? Und, wie werden die Prozesse im GR-1 gesteuert? Welche Prozessoren verwendet ihr? FPGA, XEON, oder läuft das Ganze auf DSP Basis?

Kurz gesagt: Der GR-1-Kern basiert auf einem Raspberry PI3, mit dem Cortex A-Prozessor an Bord und Linux als OS. Wir mussten diese Dinge optimieren, schon um unsere Anforderungen und die Spezifikationen zu erfüllen. Auch gibt es einen separaten Mikrocontroller, der mit dem PI kommuniziert, um z. B. die Potentiometer, die Schieberegler und die Taster auszulesen, etc. ... Der Granularprozess basiert auf quasi-synchroner Granularsynthese, aber wir haben den Granular-Core grundsätzlich nach unseren eigenen Vorstellungen und Kreativität umgesetzt, so dass es schwer ist, den hier verwendeten Granularprozess namentlich zu benennen. Der ist unsere eigene Entwicklung.

LDR Control Board

 

 

Wie groß ist das Interesse an GR-1 seitens der Musiker?

Wir haben bereits eine ganz Reihe an Backorders* in diesem Moment, das ist toll und wir sind so dankbar dafür! Wir haben eine Menge Fans, die enthusiastisch und positiv darüber sind, das Interesse ist da. Wir hoffen es zu erweitern, wenn man den GR-1 wirklich nutzen kann. Der GR-1 bietet Möglichkeiten, die man sich nicht vorstellen kann. Wir haben große Hoffnungen darin, dass das Interesse wächst, wenn Musiker  ihn tatsächlich nutzen und sehen, dass es etwas Besonderes ist. (* Zum Zeitpunkt des Interviews bestanden bereits knapp einhundert Vorbestellungen)

Warum bietet GR-1 keine Audio-Ins zum direkten Re-sampeln des gerade erzeugten Signals? Diese Funktion wäre für Live-Auftritte sehr interessant?

Es besteht die Möglichkeit, über USB-Schnittstellen zu sampeln. Das war unser erstes Ziel und es ist erreicht. Obendrein erweist es sich als ein sehr cooles Feature, jetzt, wo wir es implementiert haben. Wir erhalten so viele fundierte Anfragen für viele verschiedene Features, das direkte Audio-In ist eine von ihnen. Es ist so, als belegten wir eine Pizza. Manche Leute haben wirklich gute Argumente dafür, um eine weitere Zutat hinzuzufügen. Aber wenn du sie alle hinzufügst, würde die Pizza nachher nicht mehr gut schmecken. Für uns ist es wichtig, dass sie "Tasty" ist.

Mit dem GR-1 haben wir ein spezielles Stück Hardware entworfen und mussten den "Usability vs Flexibilität Kompromiss" eingehen. Der GR-1 ist so mächtig und bietet so viele Features, so dass wir denken und hoffen, dass die Anwenderschaft versteht, was wir realisiert haben, wenn sie ihn sehen und ausprobieren.

Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus?

Zunächst möchten wir den GR-1 zu einem Qualitätsprodukt machen. Dann wird es ein Firmware-Update inkl. der erreichten Stretch-Ziele auf Kickstarter geben, und mehr! Wir werden auch Tutorialvideos machen, das Benutzerhandbuch erweitern und kostenlose Sample- und Preset-Packs anbieten. Wir sind ein junges 3-Mann-Team, wir lernen und entwickeln uns jeden Tag weiter und wir sind stolz auf das, was wir schon erreicht haben. Wir haben viele Ideen für neue Produkte, aber zuallererst möchten wir den GR-1 auf eure Tische bekommen. Mal sehen, was die Zukunft so für uns bereit hält.

Wir danken euch für das interessante Gespräch und den Einblick in eure Arbeit und wünschen euch weiterhin viel Erfolg mit euren Konzepten und weiteren Entwicklungen. 

Verwandte Artikel

User Kommentare