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Feature
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20.11.2019

Interview mit dem Percussion Duo Porter

Die Geschwister und Schlagzeugerinnen Jessica und Vanessa Porter im Gespräch

Dass Geschwister in musikalischen Formationen erfolgreich sein können, hat die Musikgeschichte in vielen Beispielen eindrücklich bewiesen. Unsere heutigen Interviewgäste, die Schwestern Jessica und Vanessa Porter, sind studierte klassische Schlagzeugerinnen und spielen seit zehn Jahren in ihrem gemeinsamen Percussion-Duo. Mittlerweile haben beide ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und sind mit ihrem Programm nicht nur in Deutschland, sondern weltweit unterwegs. Betreten die beiden eine Bühne, findet sich kein Notenblatt, dafür jede Menge Instrumentarium. Mit ihrem Konzertrepertoire schlagen sie einen abwechslungsreichen Bogen aus verschiedensten Klangfarben, hoher Dynamik und technisch anspruchsvollem Spiel. Wir sprachen mit den beiden über ihren Werdegang, ihr Musikerleben und wie man ein erfolgreiches Crowdfunding durchzieht.

Wie ging es bei euch los? 

Vanessa: Die private Schlagzeugschule unseres Vaters „Rhythmpoint“ war schon immer angeknüpft an unseren Wohnbereich. Dadurch hatten wir einen ständigen und direkten Kontakt zu all den Instrumenten und dem Alltag eines Musikschulbetriebs. Hier hatten wir auch unseren ersten Drumset-Unterricht. Es war aber nie der Fall, dass wir regelmäßig einmal in der Woche Unterricht hatten, wie man es ansonsten aus der Musikschule kennt. Unser Vater war mit seiner Schule und seinen Bands total beschäftigt, so haben wir dann eher Drei-Stunden-Workshops am Wochenende bei ihm gehabt, und in den Ferien hatten wir beim Campen immer unsere Übungspads dabei… So war der Unterricht bei ihm eher eine Art Intensiv-Workshop. Außerdem haben wir beide sehr früh mit dem Klavierspiel angefangen. Für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule und den Übergang vom reinen Drumset zu Marimbaphon und Vibraphon war das total wichtig und sehr hilfreich. Während des Studiums hatten wir beide noch Klavierunterricht an der Hochschule.

Unser Vater hat nach ein paar Jahren Konstanze Ihle, eine Mallet-Lehrerin, an die Schule geholt, was schon total exotisch war. Auch wenn es mittlerweile einige Mallet-Lehrer an Musikschulen gibt, ist es immer noch eher eine Ausnahme, wenn eine Musikschule eine Marimba oder ähnliches hat. Bei ihr haben wir Xylophon, Marimba, Pauken, die ganzen klassischen Sachen gelernt. Das hat uns beide von Anfang an total fasziniert, weshalb wir immer mehr in diese Richtung gespielt und gehört haben.

Wie alt wart ihr da? 

Jessica: 13 oder 14, also alles relativ spät, gemessen an einer normalen Musikschulkarriere. Bis wir 16 Jahre waren, haben wir uns eher irgendwie „durchgewurschtelt“. Es hat sich immer etwas ergeben, und wir haben die neuen Angebote immer gern angenommen, haben auch bei „Jugend Musiziert“ mitgemacht, aber bis dato nicht so recht begriffen, worum es bei der ganzen Sache eigentlich geht.  

Habt ihr von euch aus geübt, oder wurdet ihr angehalten, eure Instrumente zu üben?

Vanessa: Es gab kaum Phasen, wo wir wirklich viel im Übungsraum waren oder, wie andere Kinder, von den Eltern angehalten wurden, zwei bis drei Stunden am Tag zu üben. Als dann klar war, es geht ans Studium, war es trotzdem noch sehr entspannt. Das kann man positiv oder negativ sehen, aber so war es eben. Auf Schloss Kapfenburg haben wir Workshops bei professionellen Hochschullehrern und Malletspielern mitgemacht, wo wir dann auch Marta Klimasara und Klaus Dreher getroffen haben, die Professoren an der Musikhochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart sind. Bei den beiden haben wir vor dem Studium Privatunterricht genommen. Danach folgte bei uns beiden der Entschluss, dort zu studieren.

Jessica: Wir hatten nie Druck von unserem Vater. Er hat sicher gespürt, dass es uns liegt, aber er hat uns nie in eine Richtung gelenkt. Es kam freiwillig, weil wir öfter bei Konzerten mitgespielt haben und dafür natürlich üben mussten. Dadurch, dass wir lange nicht diesen wöchentlichen Schlagzeugunterricht hatten, kamen wir auch nicht in die Routine: „Ich muss das und das bis nächste Woche können und den Fortschritt machen.“ Im Klavierunterricht sind wir an die städtische Musikschule gegangen, da war es etwas anderes. Das Schlagwerk hier zu Hause gehörte eher zum heimischen Inventar und hatte schon immer seinen Reiz für uns.

Vanessa: Unser Vater hat uns früh in Projekte involviert, so standen wir mit 15 Jahren mit Dave Samuels auf der Bühne, der leider vor kurzem verstorben ist, ein Riesen Jazz-Vibraphonist! Wir durften Benny Greb kennenlernen… Das waren Sachen, die uns geprägt haben und uns auch ein Stück weit dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Parallel hatten wir zum Beispiel auch Latin Percussion Unterricht, das hat er uns alles ermöglicht.

Wir läuft denn eine Aufnahmeprüfung für ein klassisches Schlagzeugstudium ab?

Vanessa: Neben der praktischen Prüfung mit Pauke, Kleine Trommel, Marimba wird in einer zweiten Prüfung Klavier, Gehörbildung, Musiktheorie abgefragt. Je nachdem, wie gut die ausgefallen ist und wieviel Punkte man im Hauptfach hat, bekommt man einen Platz oder nicht. 

Wieviele Bewerber kommen da auf einen Platz?

Jessica: Das ist ganz unterschiedlich, bei mir waren es ca. 15. Inzwischen kann es sein, dass 40, 50, 60 Leute kommen. Das System wurde inzwischen umgestellt, dass sie vorab alle aussieben, die die Nebenfächer nicht bestehen. Die Professoren hören sich nur noch die an, die auch eine reelle Chance auf den Studienplatz haben. Ich bin damals durch Gehörbildung durchgefallen, konnte dann aber trotzdem anfangen und die Prüfung nach einem Jahr noch einmal machen. Das geht nicht mehr, es ist inzwischen viel strenger.

Wie alt wart ihr bei der Aufnahmeprüfung?

Jessica: Ich war 17.

Vanessa: Ich auch. Wir haben den Realschulabschluss gemacht und ein Jahr hier an der Schule unterrichtet… 

Jessica: … und ein Jahr lang im Kulturhaus Laupheim ein Praktikum gemacht, um mal die andere Seite kennenzulernen, also nicht nur aus Bühnenperspektive. Dann bin ich mit 18 nach Stuttgart gezogen, Vanessa kam zwei Jahre später nach. Dadurch, dass wir schon vorher Unterricht hatten, kannten wir schon ein paar Leute und die Schule. 

Vanessa: Die menschliche und soziale Komponente ist in Stuttgart ebenso ein Kriterium wie die technische und musikalische Leistung. Man muss in die Klasse passen und sich kollegial und unterstützend verhalten. Das ist auch total richtig so, denn auf das kommt es auch nach dem Studium an. Bist du kollegial, wirst du wieder gebucht.

Wieviele Plätze vergeben sie pro Jahr?

Pro Semester gibt es zwei bis drei Plätze für Bachelor, Master und Solistenklasse.

Jetzt habt ihr ja einen ähnlichen Werdegang, spielt auch noch identische Instrumente. Gab es Konkurrenz bei euch?

Jessica: Das ist eine Frage, die uns sehr häufig gestellt wird. Wir haben das nie so empfunden. Es gab auch früher nie so direkte Konkurrenz. Bei Jugend Musiziert waren wir zum Beispiel auch nie in einer Altersstufe. Ich habe es eher so in Erinnerung, dass wir uns unsere Stücke gegenseitig vorgespielt haben, und es war nie ellenbogenmäßig. Im Gegensatz zu mir ist Vanessa auch solistisch unterwegs, was ich gar nicht mache. Bei Wettbewerben bin ich immer mitgereist und habe versucht, zu helfen und zu unterstützen.

Vanessa: Das Schöne ist, dass wir sowohl privat als auch beruflich sehr nah beieinander sind. Wir teilen nicht nur die Bühne und unsere musikalischen Gedanken, sondern unternehmen auch außerhalb der Arbeit sehr viel miteinander. Je intensiver das Ganze wird, desto mehr besteht natürlich die Gefahr, dass man mit einer Schwester viel offener und forscher spricht als mit einem anderen musikalischen Partner. Aber das hat natürlich auch Vorteile. Da wir beide damit umgehen können und Punkte wie Vertrauen und Respekt immer mit im Boot sind, ist es nicht so ein Riesending, wie manch einer denken mag. 

Wie wählt ihr eure Stücke aus? Wie erarbeitet ihr sie?

Jessica: Wir spielen Werke, die Komponisten für unsere Besetzung Percussion-Duo geschrieben haben. Da das Repertoire immer noch sehr beschränkt ist, arbeiten wir auch aktiv mit Komponisten zusammen, die neue Stücke für unser Duo schreiben. Wenn eine von uns einen Vorschlag für ein neues Stück hat, muss es natürlich beiden gefallen.

Vanessa: Wir bearbeiten ganz viele Werke aus früheren Epochen, da ist es ein längerer Probeprozess und mehr Arbeit, als wenn jeder seine ausnotierte Stimme bekommt und man sich zwei Wochen später zur Probe trifft. Wir haben mittlerweile ein sehr großes Repertoire und passen es je nach Festival oder Veranstaltung an Akustik, Raum und Publikum an.

Ihr spielt die Sachen ja immer komplett auswendig. Fällt euch das nicht schwer?

Jessica: Also mir fällt es schwerer als Vanessa (lacht). Aber ich glaube, es liegt am Übeprozess. Wenn man die Bewegungen immer mehr verinnerlicht und dann „on point“ für den Auftritt übt, dann ist es gar nicht mehr so ein bewusstes „Ich muss es jetzt auswendig machen“, sondern es kommt einfach mit den Proben.

Welche Arbeitsfelder standen für euch nach dem Studium noch im Raum? Arbeit im Orchester?

Vanessa: Nein, Orchester stand nie im Raum.

Jessica: Tatsächlich nie. Obwohl wir beide Orchester lange studiert haben. An der Musikhochschule Stuttgart gibt es zwei Professoren, die an der Stuttgarter Oper spielen, mit denen haben wir auch das Probespielbuch* mit den Probespielstellen geübt. Aber es war nie ein Berufsziel von uns. Ich spiel ab und an als Aushilfe in Ulm am Theater, das finde ich schön, aber könnte mir nie vorstellen, das nur als Hauptberuf zu machen.

*Orchester-Probespiel: Sammlung wichtiger Passagen aus der Opern- und Konzertliteratur (Anm. des Autors)

Lass uns mal über erfolgreiches Crowdfunding zu eurem ersten Album „Dance Floor“ sprechen. Es gibt ja auch immer wieder Leute, bei denen das nicht klappt mit dem Crowdfunding, warum auch immer… Hättet ihr euer neues Album auch ohne Crowdfunding gemacht?

Jessica: Ja. Wir wussten, dass es jetzt an der Zeit ist. Wir brauchten einfach etwas, um uns präsentieren zu können. Wir wurden ganz oft nach Konzerten darauf angesprochen, und auch wenn man sich bei größeren Festivals bewerben will, gehört es dazu, dass man etwas vorzuweisen hat. Wir haben die CD hier in Laupheim bei Benjamin Fetscher, einem befreundeten Tonmeister, aufgenommen, der uns auch auf die Idee mit dem Crowdfunding gebracht hat. Wir wussten gar nicht, ob es funktioniert. Ob wir am Ende mit 200 Euro dastehen oder tatsächlich mit dem, was es dann letztendlich war. Am Anfang war es total spannend, wir haben jede Stunde reingeschaut, ob schon jemand mitgemacht hat. Aber es ist natürlich toll für uns, weil es eine schöne Rückmeldung ist, dass die Leute uns unterstützen.

Vanessa: Wir haben uns vorher richtig ins Zeug gelegt, wir haben zum Beispiel zu jedem Dankeschön vorab ein Video aufgenommen. Das hat auch schon geholfen.

Also man muss sich Mühe geben…

Jessica: Ja, man kann es nicht nur hochladen.

Vanessa: Wenn du ein tolles soziales Projekt hast, wo die Leute tendenziell leichter drauf anspringen, dann ist es vielleicht etwas anderes. Aber bei einer CD von einem Percussion-Duo? Da muss man schon schauen, dass es läuft. Das kauft bzw. unterstützt man nicht einfach so.

Wir kommt ihr so an eure Gigs? Gibt’s auch Sachen, die ihr nicht macht?

Vanessa: Also wenn du vor zwei Wochen gefragt hättest, hätte ich gesagt, wir spielen nicht auf einer Schlagerparade. (beide lachen). Das ist aber passiert. Das meiste sind reine Duo-Konzerte in vorwiegend deutschen Konzertsälen.

Ihr habt ja eine beträchtliche Logistik mit den ganzen Instrumenten, habt ihr da feste Aufbauhelfer?

Jessica: Das wäre die Traumvorstellung, dass wir jemanden haben, der für uns aufbaut. Zur Zeit ist es so, dass wir vom Veranstalter immer drei Leute gestellt bekommen, die uns beim Ausladen und Aufbauen assistieren. Aber das eigentliche Aufbauen machen wir nach wie vor selber. Das Schleppen übernehmen die Helfer. Vor drei Jahren haben wir noch in einer Schweizer Bergkirche gespielt und haben zu zweit alles 200 Stufen hochgeschleppt. Da waren wir natürlich auch noch etwas jünger und fitter. (beide lachen) Man muss sich auch erst einmal daran gewöhnen, dass es okay ist, dass jemand fremdes die Instrumente hereinträgt. Bei uns ist es wirklich die Masse, wir haben zwei Marimbas, ein Vibraphon und die ganzen Trommeln.

Was macht ihr außerhalb eures Duos?

Jessica: Ich unterrichte auch relativ viel, muss es aber wieder reduzieren, weil die Konzerte immer mehr werden.

Vanessa: Ich unterrichte seit September nicht mehr und habe verschiedene Projekte außerhalb des Duos am Laufen.

Was steht für euch in Zukunft an? 

Weitermachen!

Danke für’s Gespräch!

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