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04.02.2019

Interview & Live-Check: Taruya Needles, die Boutique-Tonabnehmersysteme für anspruchsvolle DJs

Deluxe DJ-Nadelsysteme: Zu Besuch bei Disc Jam in Tokyo-Shibuya

Seit einiger Zeit schon geht ein Gerücht in der Plattendreher-Branche um: Taruya Needles aus Japan sollen die heißesten Nadelsysteme der Welt sein. Diverse DJs querbeet durch alle Stile wie Detroit-Legende Derrick May, Techno-Königin Nina Kravitz, Tastemaker DJ Harvey, die Hip Hop Scratchmaster Pete Rock und Jazzy Jeff oder die Dub-Reggae-Ikone Jah Shaka schwören auf die Pickups aus Nippon.

Mijk van Dijk wollte es genauer wissen und besuchte während seiner letzten Japan-Tour exklusiv für bonedo.de den Taruya-Mastermind Tsuyoshi Abe in dessen kleinen, vollgepackten Laden Disc Jam im Herzen von Tokyo-Shibuya.

Disc Jam

Wer sich gleich hinter Tokyu Hands, dem großen coolen Lifestyle-Kaufhaus im Herzen von Shibuya, den Berg hochbemüht und dann in die kleinen verwinkelten Gassen schlägt, trifft nach kurzem Fußweg auf Disc Jam, den Laden von Tsuyoshi Abe. Das total vollgestopfte winzige Geschäft ist ein kleiner Schrein für Vinyl-DJs generell und Scratch-DJs im Besonderen. Schon von außen grüßt Abe-san selbstbewusst mit dem eindeutigen Banner:

„Fuck PC – real DJs play vinyl“. Hier findet der geneigte Turntablist Plattenspieler, Mixer, seltene Scratch-Discs und Slipmats und natürlich Cartridges und Nadeln aller wichtigen Hersteller. Darunter Taruya Needles, die eigene kleine Marke von Mr. Abe, deren Qualität sich immer weiter herumspricht.

Vom Design her sehen sie den Ortofon Concorde-Systemen verdammt ähnlich, sind aber dicker, so in etwa wie ein Space Shuttle bauchiger ist als das Überschallpassagierflugzeug Concorde. Wie die dänischen Klassiker werden auch die Taruyas ohne Headshell direkt auf den SME-Bajonettverschluss des Plattenspielerarms geschraubt.

Es gibt vier verschiedene Taruya Needles Systeme:

- die roten Taruya 01-M Red zum Preis von ca. 101,– Euro versprechen ultimative Dynamik und wenden sich an Mix-DJs

- die weißen Taruya 03-M White für ca. 145,– Euro (Ladenpreis: 14.800 Yen, ca. 115,– Euro) sind speziell fürs Scratchen entwickelt und versprechen besonders hohe Spurtreue

- die silbernen Taruya FPC-07M Silver für ca. 140,– Euro sind die DVS-Spezialisten für Serato- und Traktor-Scratch-DJ

- die blauen Taruya 01M-S Blue sind das ganz neue Spitzenmodell für ca. 235,– Euro, die hohe Dynamik mit absoluter Spurtreue vereinbaren sollen

Rein vom Formfaktor sehen alle vier Cartridges gleich aus: harte Plastik-Bodies mit kantig gebogenem, ungeriffeltem Griff, über dessen zusätzlichen Winkel sich das Handling beim Needledrop sehr sicher gestaltet. Ein großer Spalt gibt den Blick auf die Nadel und ihre Position frei.

Die roten, weißen und silber-metallischen Systeme sind alle unbedruckt und kommen sehr puristisch und stylish wie Prototypen rüber. Nur die ganz neuen 01M-S Blue haben ihre Bezeichnung auf dem Korpus stehen, während auf dem Griff in weißen Buchstaben „Taruya Tokyo“ gedruckt steht. Definitiv ein Hingucker. Direkt im Laden sind die Teile übrigens günstiger als im Webstore. So gehen die roten Taruya 01-M Red für nur 8.480 Yen (ca. 66,– Euro) und die weißen Taruya 03-M White für 14.800 Yen (ca. 115,- Euro) über den Ladentisch von Disc Jam.

Man on a Mission

Tsuyoshi Abe ist ein Mann mit einer Mission. Scratch-Kultur ist seine Passion. Und er führt gerne vor, wie besonders seine Systeme sind. Tsuyoshi-san schaut uns eindringlich an und setzt die Nadel eines „Ortofon Concorde Nightclub“-Systems auf eine Schallplatte.

Die Platte läuft, eine Soul Band spielt, alles normal. Dann stoppt er die Platte und tauscht blitzschnell die Systeme aus. Jetzt ist sein rotes Taruya System montiert. Kaum berührt die Nadel die Plattenrille erklingt die Musik substanziell sehr viel lauter, dynamischer, robuster und basslastiger. Superscharfe Transienten, dicke Toms und fette Bläser: ein Riesenunterschied. Wir schauen verblüfft und Abe-san nickt mit tiefer Genugtuung.

Scratch-Test

Die heilige Ernsthaftigkeit, mit der er seine Kreationen erklärt und testet lässt mich an Hatori Hanzo denken, den Katana-Schwert-Meister aus Kill Bill.Um sicherzustellen, dass sein weißes Taruya-Modell der spurtreueste Stylus der Welt ist und so gut wie niemals aus der Rille springt, unterzieht er jedes einzelne System einem rigorosen Scratch-Test. Springt die Nadel nur einmal, hat das System den Test nicht bestanden und wird aussortiert.

Bei der ersten Lieferung betraf das wohl tatsächlich alle fünfzig Nadeln. Einfach aussortiert, weil sie sprangen. Bei der nächsten Lieferung von ebenfalls fünfzig weißen Modellen kamen zumindest zwei durch. Daraufhin sprach Abe-san ein ernstes Wort mit der Herstellerfirma seiner Cartridges und mittlerweile liegt die Quote von qualifizierten Cartridges bei fünfunddreißig aus einer Lieferung von fünfzig.

So wie hier im Video arbeitet sich Disc-Jam-Besitzer Tsuyoshi Abe durch jede neue Lieferung seiner weißen Taruya-Modelle durch. Nur die, die den Scratch-Test bestehen, kommen in den Verkauf.

Soundcheck

Ich bin beileibe kein fähiger Hip-Hop-DJ, aber wie anders kann man solche Tonabnehmer testen als mit einigen Scratch-Routines? In unserem Battle treten alle Systeme an, die ich in meinem DJ-Koffer fand: mein guter alter schwarzer Ortofon Concorde Pro-S, ein aktueller roter Ortofon Concorde MK2 Club und der rote Taruya 01-M Red aus Tokyo.

Gescratcht wurde mit der Vestax Mix Master Breaks Vol.4 Scratch Disc auf einem Technics SL-1200 MK2 und über einen Vestax PMC-580 Pro Mixer. "Als Club-Track dient “Illusion" vom Robin Masters Orchestra im Vincenzo-Remix, mit freundlicher Genehmigung von Oliver Marquardt."  Fehlt noch ein richtiger „Klassiker“. Und da Weihnachten naht, habe ich die drei Haselnüsse, äh, Systeme auf den Tanz der Zuckerfee aus Peter I. Tschaikowskis „Der Nussknacker“ in der Aufnahme des Orchesters des Moskauer Bolschoi-Theaters unter der Leitung von Gennadi Roschdestwenski losgelassen. Eine sehr leise russische Melodia-Pressung aus dem Jahre 1969. Alle Aufnahmen wurden ohne Veränderungen auf dem gleichem Kanal gemacht. Gain und Volume blieben stets gleich, EQs und Effekte sind natürlich ausgeschaltet. Also bitte verzeiht die Babyscratches, vor allem bei der Zuckerfee, und achtet lieber auf die Performance unserer drei Kombattanten.

Aufgenommen wurde mit 16 Bit und 44,1 kHz auf einen Tascam DR-07 Fieldrecorder, danach wurden die Audiofiles per SD-Card auf den Computer übertragen. In den oben vorliegenden Aufnahmen hört ihr die Recordings 1:1.

Zum Überprüfen der Lautstärke habe ich jedes File konsolidiert, was eine Normalisierung zur Folge hat. Da Ableton das konsolidierte File im Clip auf gleicher Lautstärke belässt, können wir dadurch im Clip ablesen, um wie viel dB die ursprüngliche Aufnahme verstärkt wurde. Folgende Ergebnisse:

Ortofon Concorde Pro-S und Scratch Disc: 5,56 dB Headroom bei der Aufnahme

Ortofon Concorde MK2 Digital und Scratch Disc: 4,07 dB Headroom bei der Aufnahme

Taruya 01-M Red und Scratch Disc: 4,21 dB Headroom bei der Aufnahme

Ortofon Concorde Pro-S und Clubtrack: 6,21 dB Headroom bei der Aufnahme

Ortofon Concorde MK2 Digital und Clubtrack: 4,79 dB Headroom bei der Aufnahme

Taruya 01-M Red und Clubtrack: 4,69 dB Headroom bei der Aufnahme

Ortofon Concorde Pro-S und klassische Musik: 11,5 dB Headroom bei der Aufnahme

Ortofon Concorde MK2 Digital und klassische Musik: 6,53 dB Headroom bei der Aufnahme

Taruya 01-M Red und klassische Musik: 6,89 dB Headroom bei der Aufnahme

Völlig akkurat kann dieses Verfahren schon wegen der unterschiedlichen Intensität meiner Scratches nicht sein. Aber es gibt eine deutliche Tendenz.

Der Ortofon Concorde Pro-S ist klar der leiseste Stylus im Testfeld. Mark-2-Kollege Ortofon Concorde MK2 Club haut ordentlich Output raus, dank seiner hohen Ausgangsspannung von 10 mV. Zur Ausgangsspannung des Taruya 01-M Red kann ich leider keine Angaben machen, aber er klingt gefühlt noch mal wesentlich lauter, obwohl die Aufnahmen selbst zumeist nur ca. 0,10 dB lauter als die des Concorde MK2 Digital sind. Es ist erstaunlich, wie viel lauter der Taruya gefühlt klingt, beinahe so, als wäre da noch ein Kompressor in der Cartridge eingebaut. Das merkt man auch ganz deutlich beim Clubtrack, wo der Taruya die Bässe nur so rausbolzt, fast schon etwas zu rotzig, aber ich mag diesen fetten, gesättigten Sound sehr gern.

Bei der klassischen Aufnahme geht jedoch ein wenig von der Fragilität der Orchesteraufnahme verloren. Hier hat mir persönlich der Taruya zu große „Klangmuskeln“. Aber seine Domäne ist ja auch DJ-Musik.

Ein Taruya ist also auch eine klangliche Entscheidung, so wie bei einem heißgewickelten Gitarren-Pickup, der für Hardrock das Brett ist, aber für Jazz nicht unbedingt geeignet erscheint. Für Scratch-DJs, für Basement House, minimalen Techno und generell jede Form von Clubmusik, die eine Extraportion „Fleisch“ vertragen kann, sind die Taruya Needles daher eine sehr gute Wahl.

Interview

Ich verbrachte mit meinem DJ-Kollegen Toby Izui gute zwei Stunden im Disc Jam Shop. Abe-san führte uns alle vier Taruya Needles vor, redete über die DJs, die seine Pickups benutzen und wie es überhaupt dazu kam. Toby übersetzte und hier ist ein Zusammenschnitt des Gesprächs.

Was hat Sie dazu gebracht, eigene Plattenspieler-Tonabnehmer-Systeme in Kleinstauflage auf den Markt zu bringen?

Tsuyoshi Abe: Ich habe jahrzehntelang als Drummer in japanischen Funkbands Musik gemacht. Hip Hop, Dub und Scratch-Kultur sind meine Leidenschaft. Ich weiß, wie Musik klingen muss und war von den bislang erhältlichen Pickups enttäuscht, weil sie zu wenig Dynamik und Power aufweisen.

Wie unterscheiden sich Ihre Systeme von denen der etablierten Firmen?

Abe: Andere Hersteller nutzen Diamantnadeln Bei mir sind es Saphire. Bis Ende der Sechzigerjahre wurden ausschließlich Saphire als Plattennadeln benutzt. Dann schwenkten die Hersteller auf Diamanten um, weil die angeblich länger halten. Ich halte das aber für Unfug. Ob nun Saphir oder Diamant: Es ist ein harter Stein auf einer weichen Vinyl-Platte. Es ist für die Langlebigkeit der Nadel egal, ob es sich um einen Saphir oder einen Diamanten handelt.

Dann sind die Kontakte meiner Cartridges nicht nur vergoldet, sondern sehr viel länger als bei herkömmlichen Systemen, was eine bessere Klangübertragung gewährleistet. Ich benutze natürlich auch hochwertige Kabel aus sehr reinem Kupfer in meinen Cartridges, obwohl ich persönlich der Meinung bin, dass das verwendete Kabel keinen besonders großen Einfluss auf den Sound hat. Bei Kabeln, die mehrere Meter lang sind, hört man definitiv einen Unterschied in der Qualität, gerade im Bassbereich. Aber bei so kurzen Kabellängen wie in einem Vinyl-Cartridge hat das keine erheblichen Auswirkungen.

Und im Allgemeinen sind technische Daten doch nur Zahlen. Die Ohren sind viel wichtiger. Man muss einem Instrument zuhören, um es beurteilen zu können. Und wenn man meine Cartridges hört, stellt man sofort den Qualitätsunterschied zu herkömmlichen Systemen fest. Deswegen sind die technischen Daten für mich absolut zweitrangig.

Es ist wie mit Essen: Wenn man gutes Essen kostet, merkt man sofort, dass es gut schmeckt.

Woher haben Sie all Ihr Wissen über Plattennadeln?

Abe: Vor 20 Jahren traf ich Mr. Taruya, den Geschäftsführer eines großen japanischen Mikrofonherstellers in Kamata, der auch die Cartridges für alle großen Hersteller wie z. B. Vestax produzierte. Wir haben uns zusammengesetzt und gemeinsam diese Cartridges entwickelt. Taruya-san ist leider schon im Alter von 85 Jahren gestorben, aber die Cartridges, die ich zu seinen Ehren „Taruya“ benannt habe, werden nach wie vor in seiner ehemaligen Fabrik in kleinen Stückzahlen produziert.

Kamata ist berühmt für hohe Handwerkspräzision, dort gibt es viele kleine Fabriken, die unter anderem auch Kleinteile für die NASA bauen. In Kamata wird noch die traditionelle japanische Handwerkskunst gepflegt, deshalb vergleicht DJ Questlove von den Roots meine Nadeln aufgrund ihrer hohen Fertigungsqualität auch mit den traditionellen japanischen Katana-Schwertern. Er benutzt den weißen Taruya-Stylus und sagte mir neulich, selbst wenn hunderte Elefanten vorbeilaufen würden, würde diese Nadel nicht springen.

Was ist das Geheimnis der Spursicherheit des Taruya 03-M White?

Abe: Ich will nicht zu viel verraten, aber ich wurde dazu während eines starken Erdbebens inspiriert. Ich sah, wie große Hochhäuser zwar stark schwankten, aber nicht umfielen. Japanische Hochhäusern haben ein schwingendes, schweres Stahlgewicht im Inneren, das bei Erdbeben mitschwingt und damit das Gebäude stabilisiert.

Das brachte mich auf die Idee, wie ich mein weißes System besonders resistent gegen das Springen machen konnte. Um sicherzugehen, dass alle Cartridges einwandfrei sind und garantiert nicht springen, teste ich jedes einzelne System.   

Die Taruya-Systeme sehen schon sehr nach Ortofon-Concorde-Systemen aus. Was ist der Unterschied?

Abe: Der Body ist zwar größer, aber mit 17 Gramm sogar noch leichter als ein Ortofon Concorde mit 19 Gramm. Dazu ist die Spulenwicklung sehr viel fester.

Wie geht es weiter mit Taruya Needles? Was kommt als Nächstes?

Abe: Das blaue System 01M-S Blue ist gerade fertig geworden und kommt nun in den Verkauf. Ich arbeite noch an einem weiteren finalen System, dass die Krönung meiner Tätigkeit als Stylus-Designer sein soll. Danach kann ich mich zur Ruhe setzen. (lacht) 

Wir fachsimpelten dann noch lange über Turntablism, Vinyl vs. Digital und schließlich bestand Abe-san darauf, uns noch eine Privatperformance mit Loops, FX und Kaoss-Pads zu geben, die so beeindruckend ausfiel, dass wir sie euch nicht vorenthalten wollen.  

Also liebe Leser, wenn ihr mal wieder in Shibuya seid, schaut unbedingt bei Disc Jam rein. Die passenden Platten zu den Decks ’n Needles gibt es übrigens gleich eine Tür weiter beim gutsortierten Laden „next records“. Dozo!

Disc Jam-Besitzer Tsuyoshi Abe führt uns seinen Shibuya Funk Jam vor, nur mit Loops, FX und Kaoss-Pads.

Auf seinem Instagram Account postet Abe-san fleißig Bilder von Stars und Sternchen der DJ-Welt in seinem kleinen Shop.

Vielen Dank für Unterstützung und Übersetzung an Toby Izui.

Preise im Webshop

Taruya 01-M Red: 115,– US-$

Taruya 03-M White: 165,– US-$

Taruya FPC-07M Silver: 160,– US-$, speziell für DVS-Systeme

Taruya 01M-S Blue: 268,– US-$

Set: Taruya TW-01M-S Blue: zwei Cartridges und zwei Nadeln im Transport Case: 526– US-$

Quelle: https://taruya.ocnk.com

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