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03.12.2018

How to: Gitarrenpedale im Mixdown benutzen

Boden-Effekte in Studio-Setups einbinden – wie geht das?

Tutorial: Effektpedale beim Mischen verwenden

Wenn ihr Gitarristen seid, dann habt ihr wahrscheinlich auch die „Pedalitis“ – oder liege ich da etwa falsch? Vielleicht habt ihr euch ja auch schon einmal gefragt, ob ihr eure vielen Overdrive-Pedale, Boutique-Verzerrer, Digital-Delays und Eimerketten-Reverbs zu euren Füßen, aber auch Modulationseffekte wie Chorus, Flanger, Phaser oder Rotary-FX für alle möglichen anderen Signale in eurem Mixdown einsetzen könnt. Klar könnt ihr das, sonst gäbe es wohl kaum diesen Artikel!

Wer es aber schon einmal probiert hat, Bodeneffekte für die Mischung eines Songs in der DAW einfach so per Line anzuschließen, der war vom Klang vielleicht enttäuscht.

Wieso klingen Gitarreneffekte nicht gut mit Line-Signalen?

Das liegt an Anpassungsschwierigkeiten, die sich aber leicht beheben lassen. Das geht ganz fix, allerdings muss man dafür im Regelfall ein wenig Geld in die Hand nehmen. Oder zu einer kleinen Kiste greifen, die man vielleicht eh schon besitzt.

Was benötigt ihr, um Gitarreneffekte in eine DAW einzubinden?

Viele Audio-Interfaces besitzen Line-Ausgänge im Klinkenformat. Auch ein XLR-Ausgangssignal auf Klinke zu adaptieren, ist schnell gemacht. Ein Problem ist aber, dass Gitarreneffekte für Instrumentensignale ausgelegt sind. Die Unterschiede werden in unserem Kabel-Guide genau erklärt. Kurzform:Das Ausgangssignal einer Gitarre (das auch am Eingang eines Verstärkers „erwartet“ wird), besitzt deutlich weniger Pegel als ein Line-Signal, auch wenn die Steckernormen teilweise identisch sind. Ebenfalls unterschiedlich sind die Impedanzen der Ein- und Ausgänge. Wer schon einmal eine „trockene“ E-Gitarre oder einen Bass aufgenommen hat, der weiß, was notwendig ist: eine DI-Box oder ein „Instrument“-Eingang (hier gibt es eine Step-by-Step-Anleitung für absolute Rookies). So auch beim Einbinden von Effekten. 

Damit wäre die Rückführung in die Pedalwelt schon mal geklärt. Um von einem Line-Signal auf Instrument-Level zu kommen, kann man im einfachsten Fall eine passive (!) DI-Box „rückwärts“ benutzen, besser sind aber sogenannte Re-Amping-Boxen. Diese Kisten werden in erster Linie benutzt, um trocken aufgenommene Gitarrensignale durch einen echten Verstärker zu schicken und dann mit einem Mikrofon aufzunehmen (siehe Re-Amping-Artikel) und sind oft im Level regelbar. Manche neuen Audio-Interfaces sind so schlau und liefern direkt Re-Amping-Outputs mit den korrekten Eigenschaften, das Antelope Zen Tour beispielsweise. Auch praktisch: Von Radial Engineering gibt es ein Modul für APIs Series 500 namens „Extc 500“, welches Send und Receive auf der Frontplatte besitzt und damit ein dediziertes Tool für die Einbindung von Gitarreneffekten in die Studioumgebung ist! 

Ihr benötigt zum Einbinden von Gitarreneffekten im Mixdown:

  • Reamper
  • DI-Box oder Audio-Interface mit Instrument-In
  • zusätzliches Instrumentenkabel zum Pedal
  • Audio-Interface mit mindestens einem zum Monitoring zusätzlichen Output  
  • ein wenig Zeit zur Einarbeitung

Zwei empfehlenswerte Reamper im Thomann-Shop: 

Radial Engineering Pro RMP

Palmer DACCAPO Reamping Box

 

Zwei empfehlenswerte DI-Boxen im Thomann-Shop: 

Palmer Pan 01

BSS AR-133

In der DAW: Hardware-Insert oder „händisches“ Routing

Um das Signal im Channel oder im Bus der DAW abzugreifen, ist ein Hardware-Insert nötig, den mittlerweile die wichtigsten Audioprogramme liefern. Geht das nicht, muss das Signal auf einen Ausgang geroutet werden und über einen Channel entweder aufgenommen oder als „Live“-Eingang in das Rendering übernommen werden – wovon ich eher abrate. Eine kleine Falle ist nämlich, dass der Versand aus einer DAW, die D/A-Wandlung und die anschließende A/D-Wandlung mitsamt allen Buffern und eventuell noch die Bearbeitung in manchen digitalen Bodeneffekten Zeit benötigt, wodurch das aus der Effektkette wieder eintreffende Signal später zu hören ist als das ursprüngliche. Wenn eure DAW das kann, macht sie fast alles automatisch – „Pipeline“ von Studio One beispielsweise erzeugt einen Ping und misst die Zeitdifferenz am Input. Kann euer System so etwas nicht, dann schickt kurz ein perkussives Signal auf die Reise, nehmt es auf und seht auf Sampleebene nach, wie groß die Differenz ist, Um diesen Wert könnt ihr dann das neu aufgenommene Effektsignal nachträglich nach vorne verschieben oder dem gesamten Track ein entsprechend großes negatives Delay geben. Außerdem kann man dann nachträglich gemütlich Pegel und dergleichen automatisieren. Manchmal lohnt übrigens ein Zumischen, was bei aufgenommenen Signalen einfacher von der Hand geht (Dry/Wet dann regelbar). 

Lohnt der Aufwand?

Aber sowas von! Mit Gitarreneffekten bekommt man interessante neue Sounds hin, von leichter Veredelung mit einem wirklich guten Tremolo und Chorus bis hin zu brachialen Veränderungen mit fieser Metal-Distortion, einem ordentlichen Fuzz oder sogar mal einem Whammy! Und es gibt absolut edle und hervorragend klingende Digitalgeräte wie den Strymon Timeline oder diverse Eventide-Pedale, die es dicke mit so manchem Studiogerät aufnehmen können. Ihr könnt euch austoben, könnt mal den Blick vom blöden Computermonitor lösen und mit den Reglern live eingreifen. Und vielleicht findet ihr euren neuen "Signature-Sound"!

Ein paar kleine Beispiele gefällig? Hier findet ihr einen kleinen Überblick, was man so alles anstellen kann:

Spricht auch etwas dagegen?

Ja. Ich will ja nichts verschweigen: Ein Stichwort lautet „Mono“: Die wenigsten Gitarreneffekte sind stereo ausgelegt. Natürlich gibt es einige, aber es ist eher so, dass man einen einzelnen Input und ein Stereopärchen als Output findet. Stereosignale wie Chöre, Subgruppen und viele Keyboardsounds fallen dadurch also schon mal aus, was die Effektierung angeht. Bei manchen Pedalen müsst ihr auf die Dynamik achten, denn sie tendieren nicht selten zu einem höheren Noise-Level und einem geringeren Headroom, als ihr das von euren Studiogeräten gewohnt seid. Es ist daher durchaus sinnvoll, wenn man leicht vorkomprimiertes Material auf die Reise durch das Floorboard schickt. Mindestens eine zusätzliche D/A-A/D-Wandlung, zwei Übertrager, viele analoge Bauteile und diverse unsymmetrische Kabel zählen nicht gerade als Wohlfühl-Kur für die Signalqualität.

Oft sind Regelwege sehr klein oder gewünschte Parameter nicht vorhanden, manchmal ist die Ausrichtung für das Signal doch etwas sehr „auf Gitarre getrimmt“: Mit basslastigen Signalen kommen viele Gitarrenpedale nicht allzu gut zurecht (…hier kommen dann aber spezielle Bass-Effekte ins Spiel!). Und nicht zuletzt kann der Aufwand recht hoch sein – „mal eben“ ist ein Plug-In immer schneller aufgerufen.

Aber hey: Nicht entmutigen lassen, alle Kreativmöglichkeiten nutzen und mal die ausgetretenen Pfade verlassen – das bringt Abwechslung in den Produktionsalltag! Steht also zu eurer Pedalitis und nutzt eure Geräte!

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