Gitarre Hersteller_HarleyBenton
Test
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21.04.2018

Harley Benton CLF-200 WN Test

Parlor Westerngitarre

Kompaktes Glanzstück

Die Harley Benton CLF-200 Westerngitarre zählt sich zur Gattung der Parlor-Gitarren, ein Begriff, der heute häufig für alle sehr klein geratenen Vertreter der Spezies Gitarre benutzt wird. Die klassische Parlor erlebte ihre Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert. Damals kamen Instrumente in einer ähnlichen Größenordnung wie unsere aktuelle Testkandidatin in den Parlors der eleganten viktorianischen Villen zum Einsatz, wenn dort Salonmusik gemacht wurde. Lange dominierten solche mit Stahlsaiten bespannten Gitarren, die in Amerika vor allem von Martin gebaut wurden, den amerikanischen Markt. Ein Paradoxon ist aus heutiger Sicht, dass sowohl die Concert (0) als auch die Grand Concert (00) bei ihrer Markteinführung im Jahr 1850 bzw.1870 die größten Gitarren im Line-Up von Martin waren.

Mit dem Aufkommen und der Verbreitung der Dreadnought (Martin) und der Jumbo (Gibson) begann dann in den 20er Jahren allmählich die Wachablösung durch Gitarren mit größerem Klangkörper, die auch in größeren Räumen tragen sollten. Aber nun ist sie wieder da, die Parlor. Die Thomann-Hausmarke Harley Benton präsentiert eine Version in Gestalt der CLF-200 WN, die sich aber nicht so sehr als Remake definiert und sichtlich bemüht ist, moderner zu sein als ihre nordamerikanischen Vorfahren. Mit einer Holzmischung aus Walnuss, Ovangkol, Fichte und Mahagoni ist sie die amtliche Nachfolgerin der bisherigen CLF-200 NT.

Jedenfalls hat sich unsere aktuelle Testkandidatin genauso wie ihre Vorgängerin ziemlich in Schale geworfen und zwar durchaus in bester alter Martin-Manier.

Details

Resonanzkörper

Mit einer Breite von 37,2 cm (25,0 cm) am Unterbug (Oberbug) und einer Korpuslänge von 49,0 cm lehnt sich die Form der CLF-200 WN stark an die frühen Martin-Modelle aus dem 19. Jahrhundert an. Allerdings ist ein Vergleich mit einer genormten Martin-Größe wie z.B. 0 (Concert) oder 00 (Grand Concert) trennscharf nicht möglich. Im Vergleich zur Größe 0 ist der Korpus der CLF einfach zu breit und gegenüber der Größe 00 zu kurz. Unsere Testkandidatin ist deshalb keine Neuauflage einer alten Martin-Gitarre, auch wenn einige Details durchaus dafür sprechen könnten. Denn der Designer der CLF hatte wohl ein Faible für die alten Modelle im Style 42 oder 45, was sicherlich nicht von einem schlechten Geschmack zeugt. Da die beiden schmalen Zargen (9,0 cm am Endpin und 10,5 cm am Halsfuß) nicht sehr tief ausgeschnitten sind, ist das Luftvolumen unserer Probandin vergleichsweise klein. Deshalb muss man hier auch mit einem eher zarten Klang mit hoher Grundfrequenz rechnen. Aber die CLF-200 ist eine echte Vollakustikgitarre, die man bei Bedarf mit einem Tonabnehmersystem nachrüsten darf, aber nicht zwingend muss. Dazu unten mehr Infos.

Hellgelb erstrahlt die hochglanzpolierte Decke aus massiver Sitkafichte. Durch die riesigen Waldbestände in Nordamerika ist dieses Holz nach wie vor problemlos und preiswert erhältlich. Die hauchdünne Versiegelung lässt der dünnen Decke mit einer Stärke von 4 mm am Schallloch genügend Raum zum Atmen, sodass sie auch mit kleiner Oberfläche ordentlich Hub entwickeln kann. Die Decke besteht aus zwei gleich großen Teilstücken, die sich zu einem harmonischen Gesamtbild mit feinen Strukturen zusammenfügen. Überall schimmern die feinen Maserungen der Fichte durch. Die Nahtstelle in der Mitte ist gut zu erkennen. Üblicherweise wurden die engeren Jahresringe zur Mitte hin verleimt. Allerdings lassen hier und da auch leichte Materialfehler (helle und dunkle Passagen) grüßen, die aber das Klangbild nicht trüben sollten. Mit einem selbstklebenden Schlagschutz kann die sonst ansehnliche Deckenoberfläche nachgerüstet werden.

Die Optik erinnert, wie schon angedeutet, stark an eine Martin im Style 42/45, und zwar nicht zuletzt durch die typische 3-Band Schalllochumrandung, die aus zwei hölzernen Außenringen und einem breiten Mittelstreifen aus echtem Abalone besteht. Auch die prächtige Decken-Randeinlage aus Abalone entstammt dem gleichen Konzept im Martin Style 42/45. Sämtliche Einlegearbeiten werten das Instrument optisch auf und sind penibel und ohne Fehl und Tadel ausgeführt.

Das Schallloch mit einem Durchmesser von 9,5 cm ist, der Größe der Oberfläche entsprechend, kleiner als üblich. Der hellbraune klassische Rechtecksaitenhalter ist stabil mit der Decke verleimt, das Material (hier: Ovangkol) besteht üblicherweise aus dem gleichen wie das Griffbrett. Dazu unten mehr. An beiden Seiten ist der Saitenhalter jeweils mit einem Diamond Shape Inlay aus Abalone gekürt. Die Saiten werden traditionell mit den Ball-Ends und sechs schwarzen Pins (mit Punkten aus Abalone) arretiert. Die Stegeinlage, die wackelfrei in der Ausfräsung liegt, kompensiert wirksam die unterschiedliche Saitensteifigkeit. Mit einer Nase für die B-Saite wird die Intonation zusätzlich optimiert.

Boden und Zargen (hier: Walnuss) üben im Allgemeinen viel weniger Einfluss auf den Gesamtklang aus als die Decke. Unterschiede z.B. zwischen Mahagoni und Palisander hört man im Mix aber schon. Walnussgitarren bieten einen Kompromiss zwischen der voluminösen Klangfülle von Palisander und dem transparenten helleren Ton von Mahagoni. Walnussholz bietet grundsätzlich einen passablen Klang und da der Bestand nicht bedroht ist, wird es im Gitarrenbau demnächst verstärkt zum Einsatz kommen - Palisander zählt zu den bedrohten Hölzer und seine Verwendung untersteht sehr restriktiven Auflagen (CITES). Das Farbspektrum der Walnuss-Maserung reicht von Schokoladenbraun über Rotbraun bis zu Schwarzbraun. Die beiden leicht gewölbten Bodenhälften werden durch einen einfachen hölzernen cremefarbenen Zierspan optisch voneinander abgesetzt. Die Stoßkanten an Decken- und am Bodenrand werden rundum von einer Einfassung aus dem gleichen Material geschützt. Der gesamte Korpus ist hochglänzend versiegelt und poliert, wobei die Lackschichten sorgfältig und ohne jeden Makel aufgetragen wurden. Eine gelungene Arbeit und ein schöner Anblick.

Interieur

Wir nehmen nun den Innenraum ins Visier. Unter der Decke erkennt man zwei kreuzweise verleimte Leisten (X-Verstrebung) aus Fichtenholz, deren Ausläufer man auch im Unterbug ertasten kann. Die X-Verstrebung dient dazu, die Decke vor Verformung und Aufwölbung zu schützen, da der Saitenzug die Konstruktion jahrelang belastet. Jedenfalls hat sich das X-Bracing bei allen Gitarren mit Stahlsaiten seit den 20er Jahren als wirksames "Gegenmittel" bewährt.

Man erkennt darüber hinaus einen schmalen Halsblock, der stabil mit der Decke, dem Boden, den Zargen und dem Halsfuß verleimt ist. Die Bodenhälften sind durch vier kräftige Querverstrebungen verbunden, sodass sie sich nicht voneinander ablösen können. Ein Bodenmittelstreifen, entlang der Verleimstelle, sorgt für zusätzliche Stabilität. Sämtliche Reifchen an den Rändern zur Vergrößerung der Verleimfläche von Decke und Boden wurden gleichmäßig nebeneinander aufgereiht und sauber und ohne Leimreste - so weit das Auge reicht - verleimt.

Hals und Griffbrett

Hals, Kopfplatte und Halsfuß bestehen aus verwindungssteifem Mahagoni und sind miteinander verleimt. Zwar sind die Stöße, oberflächlich betrachtet, gut kaschiert, doch ahnt man bei genauerer Betrachtung, wo sich die Leimstellen befinden.

Der Halsumfang unserer Probandin ist mit 11,3 cm vergleichsweise dünn, aber ein eingelegter Halsstab stabilisiert die Konstruktion. Damit kann bei Bedarf auch die Halskrümmung eingestellt werden, die entsprechende Stellschraube findet man am Schallloch und der benötigte Inbusschlüssel ist im Lieferumfang enthalten. Unsere CLF wurde aber werkseitig so gut eingestellt, dass vorerst kein Handlungsbedarf besteht. Mit einem eisernen Stahlstab konnten die alten Parlors natürlich nicht aufwarten, weshalb die Hälse damals auch sehr viel dicker waren - Martin führte den Stahlstab erst in den 80er Jahren ein.

Passgenau ist ein leicht gewölbtes Griffbrett aus Ovangkol auf den Mahagonihals aufgeleimt. Ovangkol ist ein afrikanischer Verwandter von Palisander, ähnelt diesem in vielerlei Hinsicht und wird schon seit Jahren im Gitarrenbau eingesetzt. Typisch ist die bräunliche Färbung mit dunklen und helleren Partien. Das mittelfeste Holz soll auch hinsichtlich des Klangverhaltens an solides Palisander erinnern. Ob Ovangkol auch dauerhaft angriffslustigen Bendings und Hammer-Ons die Stirn bieten kann wie hartes Ebenholz oder Palisander, wird sich dann aber noch zeigen. Jedenfalls wurde auch das Griffbrett der CLF nicht lackiert.

Eine echte Augenweide ist die prachtvolle große Griffbretteinlage, die aus echtem Abalone einen stilisierten Lebensbaum (Abalone Tree Of Live) abbildet und das Instrument erheblich aufwertet. Ein ähnliches Motiv fand man früher auch auf den Griffbrettern teurer Mandolinen im Style 7 aus dem Hause Martin. Echte Griffbrettmarkierer werden hier nicht benötigt, denn der "Lebensbaum" bietet mit seinen Doppelblättern im 7., 9. und 12. Bund eine gewisse Orientierung beim Lagenwechsel. Darüber hinaus bieten schwarze Punkteinlagen auf der hölzernen Griffbretteinbindung Hilfestellung. Die Wölbung der Griffbrettoberfläche ahmt die der Stegeinlage nach. 20 schmale Bünde mit sauber abgerichteten und polierten Bundkronen bieten beste Voraussetzungen für eine perfekte Intonation auf ganzer Länge. Auch an den Kanten wurden die Bünde sauber befeilt, sodass auch ein größerer Lagenwechsel schmerzfrei gelingen sollte.

Die Saiten werden über einen sorgfältig gearbeiteten Knochensattel geführt, der mit einer Breite von 4,3 cm der Norm bei Westerngitarren entspricht. Ein echter Knochensattel ist hart, gleichmäßig konsistent und überträgt die Schwingungen einer Saite hervorragend. Im 10. Bund ist das Griffbrett breiter und misst dort 5,3 cm. Ein Zugeständnis an die "Moderne" bildet auch die Tatsache, dass der Hals-Korpusübergang am 14. Bund ansetzt - bei alten Parlor-Gitarren aus dem 19. Jahrhundert war es üblicherweise der 12. Bund. Aber unsere CLF ist ja auch, wie schon erwähnt, eine moderne Vertreterin ihrer Art.

Kopfplatte

Die gefensterte Kopfplatte, typisch für alte Parlors von Martin, erinnert dann formal wieder sehr stark an eine Martin 0-45 aus den 30er Jahren, zumal sie auf der Oberseite mit einem ähnlich prächtigen Abalone-Inlay im Style 45 aufgehübscht wird. Ein echter Hingucker.

Die Saiten werden bei dieser gefensterten Konstruktion wie bei einer Konzertgitarre um sechs Kunststoffachsen gewickelt, was das Aufziehen neuer Saiten unter Umständen etwas länger dauern lässt. Die CLF ist mit offenen Mechaniken bestückt, die einem auf alt getrimmten Instrument besonders gut stehen. Aus welchem Stall diese No-Name-Mechaniken stammen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Mit offenen Mechaniken wurden jedenfalls fast alle Stahlsaitengitarren ausgerüstet, die vor 1945 hergestellt wurden. Offene Mechaniken sind natürlich preisgünstiger in der Herstellung, aber nicht unbedingt schlechter. Man sollte sie regelmäßig einfetten und reinigen. Drei Stimmflügel sind auf beiden Seiten der Kopfplatte auf einer einteiligen Grundplatte verschraubt, und mit den weißen, griffigen Kunststoffwirbeln lässt sich das Instrument punktgenau stimmen. Das Design der Kopfplatte erinnert stark an das einer Konzertgitarre.

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