Gitarre
Test
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02.05.2013

Gitane DG-255 Test

„Django“ Akustik-Jazzgitarre

Lückenfüller?

Die Gitane DG-255 im bonedo-Test  -  Instrumente, die in den 50er Jahren oder früher produziert wurden, kosten heute oft ein Vermögen. Außerdem machen sich diese alten Instrumente, die ohnehin nur in sehr kleinen Stückzahlen auf den Markt kamen, inzwischen sehr rar. Auch die Django-Gitarren, die damals von der Firma Selmer gebaut wurden, sind sehr begehrt, aber wenn überhaupt verfügbar, auch sehr teuer. Auf die wachsende Nachfrage reagierten hierzulande immer schon kleine und mittlere Gitarrenbauwerkstätten mit hochwertigen, aber sündhaft teuren Replikaten. Inzwischen haben auch internationale Konzerne die Selmer-Maccaferri Gitarre wiederentdeckt. Im größeren Stil lässt auch die Firma Saga Music aus San Francisco unter dem Markennamen Gitane seit einigen Jahren preiswerte Kopien der legendären Django-Gitarren produzieren, die den Klang und das Feeling der alten Originale versprechen.

Die Instrumente werden in China hergestellt und in Deutschland von der Pro Arte Fine Acoustics GmbH vertrieben. Im Line-Up befinden sich zahlreiche unterschiedlich ausstaffierte Modelle, sodass sich gewaltige Preisspannen ergeben. Aber viele Gypsy-Gitarristen halten sich da (noch) vornehm zurück, weil die Django-Gitarren aus fernöstlicher Fertigung durchaus polarisieren. Bei den Gitarren mit der Markenbezeichnung Gitane weiß man allerdings, dass ein besonders kritisches, besonders fachkundiges, besonders konservatives und besonders anspruchsvolles „Publikum“ zufriedengestellt werden will.Trotz attraktivem Preis-Leistungsverhältnis keine leichte Aufgabe. Allerdings wollen wir uns in diesem Test weniger mit diesem Politikum beschäftigen als mit unserer „Auserwählten“, der Gitane DG-255. Die ist im mittleren Preisegment ansiedelt und präsentiert sich im Selmer-Maccaferri-Stil der 30er Jahre.

Details

History

Im Jahr 1930 entwickelte der Italiener Mario Maccaferri (1900–1993) im Auftrag der französischen Selmer-Company eine neuartige Jazzgitarre mit einem ungewöhnlich mittigen Klang und einer schnellen Ansprache (Attack). Maccaferri war eigentlich ein konservativ geprägter Gitarrenbaumeister, die Konstruktion seiner Jazzgitarre weist daher auch zahlreiche Merkmale einer klassischen Konzertgitarre auf. 

Eigentlich war es garnicht seine Absicht, dem Gypsy Jazz, der in den 30er Jahren noch ein Schattendasein führte, zu einem eigenständigen Sound zu verhelfen. Die von ihm entwickelte neuartige Gitarre wurde zunächst nur in geringer Stückzahl hergestellt, und eine davon gelangte schließlich in die Hände des Gitarristen Django Reinhardt. Dieser begründete mit seiner herausragenden Spieltechnik und seiner Musikalität einen eigenen europäischen Gypsy-Jazzstil und machte damit gleichzeitig auch die Maccaferri-Gitarre von Selmer berühmt. 1933 setzte sich Maccaferri in die USA ab. Selmer setze dann (ohne Maccaferri) die Produktion fort, führte allerdings mehrere Veränderungen ein (z.B. ovales Schallloch, Neck-Joint am 14. Bund, lange Mensur, siehe unten).

Details

Die Gitane DG-255 kann sich „verkaufen“ und macht nicht nur auf den ersten Blick einen hervorragenden äußerlichen Eindruck. Unsere Testkandidatin hat viele Attribute der Maccaferri-Gitarre verinnerlicht. Mit dem schmalen langen Steg (Moustache), dem ovalen Schallloch, der langen Mensur, dem Neck-Joint am 14. Bund, einer ungewöhnlichen Bundmarkierung im 10ten Bund oder einem Nullbund am Sattel präsentiert sie jedoch die wichtigsten Merkmale aus der Post-Maccaferri-Zeit.

Die Abmessungen der „Django-Gitarren“ unterliegen jedoch keiner Norm. Der Body der DG-255 mit einer Breite von 39,7 cm am Unterbug, einer Breite von 28,7 cm am Oberbug einer Taille von 25,5 cm sowie einer Länge von 47,0 cm ist geringfügig kleiner dimensioniert als z.B. der der DG-300 JJ, dem Schlachtschiff unter den Gitane-Gitarren. Jedoch bringt der Korpus der DG-255 mit einer Zargentiefe, je nach Messpunkt zwischen 9,00 cm (am Hals) und 10,7 cm (am Trapez) ausreichend viel Luftvolumen mit. Gute Voraussetzungen, um auch ohne Tonabnehmer in einem kleinen Ensemble zu bestehen. Mit einem rund geschwungenen Maccaferri-Cutaway, bei dem die Zarge einen rechten Winkel mit dem Hals bildet, um sich erst dann in die Ursprungsform des Korpus einzugliedern, kann der Solist mit Leichtigkeit auf den 18ten Bund (auf den Diskantsaiten) zugreifen. Die typische Griffbrettverlängerung für die hohen Saiten wurde der DG-255 nicht geschenkt.

Unsere Testkandidatin ist eine Jazzgitarre mit einer flachen Decke (Flat-Top) und unterscheidet sich (nicht nur) dadurch von den amerikanischen Kollegen aus der Jazzabteilung von Gibson, Epiphone, Guild oder Gretsch mit gewölbten Decken (Arch-Top).

Die massive Fichtendecke, honiggelb schimmernd mit feinen Maserungen, besteht aus zwei symmetrischen Hälften und ist mit einem tiefglänzenden Klarlack versiegelt und poliert. Die Nahtstelle in der Mitte ist deutlich zu sehen. Um diese fabelhafte Decke zu schützen, sollte man sie mit einem selbstklebenden Deckenschoner nachrüsten, denn üppige Schlagmanöver stehen dem Rhythmusgitarristen in der Gypsy-Band wohl zu.

Das ovale Schallloch mit einer Verzierung aus schwarzem Ebenholz wertet die Gitarre weiter auf. Dieses kam allerdings erst zum Zuge, nachdem Maccaferri die Firma Selmer verlassen hatte. Gitarren mit dieser Schallloch-Form werden heute in der Regel sowohl von Rhythmus- als auch von Leadgitarristen eingesetzt. Berühmt geworden sind allerdings auch die Django-Modelle mit einem großen D-förmigen Schallloch, die in den ersten Jahren von Selmer (noch zusammen mit Maccaferri) hergestellt wurden und heute vorwiegend von Rhythmusgitarristen gespielt werden. Unsere Gitane kommt auch ohne Einlegearbeiten (Abalone, Permutt) aus, da das verbaute Fichtenholz mit einem ansprechenden Finish an sich schon Wirkung zeigt. Lediglich ein Herringbone-Streifen aus schwarzem Ebenholz verziert diskret rundum den Deckenrand. Die DG-255 möchte keine Zweifel offen lassen, dass sie eine echte Jazzgitarre ist, denn Brücke (Steg) und Saitenhalter (Trapez) bilden hier zwei separate Einheiten.

Unsere Gitane wird mit Gypsy-Strings (10“ Satz) bespannt. Für die lange Mensur werden eigentlich längere Saiten (G-Saite umwickelt) benötigt, aber die „normalen“ passen auch. Die Saiten können alternativ mit Loop-Ends (Schlingen) und/oder Ball-Ends an entsprechenden Vorrichtungen am goldenen Trapez-Saitenhalter aus Metall befestigt werden, der übrigens mit einer schönen rechteckigen Tortoise-Einlage auffällt. Er ist an der Zarge verschraubt und schwebt frei über der Decke, um diese nicht in ihrem Schwingungsverhalten einzuschränken. Die Konstruktion verursacht aber - zum Glück - keine Geräusche.  Das eingravierte „S“ auf dem Saitenhalter ist wohl eine Reminiszenz an den Hersteller Selmer.

Die Saiten werden von dort über eine geschnitzte, längenkompensierte Brücke aus Ebenholz geführt. Der sagenhafte 25,0 cm breite "Moustache" besteht aus drei Teilen. Das bewegliche Mittelstück, der eigentliche Steg also, wird durch den Auflagedruck der Saiten stabil fixiert. Die beiden Bartspitzen sind dagegen fest mit der Decke verleimt. Die Oktav- und Bundreinheit wird mit besagtem Mittelstück eingestellt, dabei bilden die Bartspitzen auch die optische Bezugsgröße.

Die meisten „alten“ Jazzgitarren haben Brücken mit separat gefeilten Auflagepunkten für die einzelnen Saiten, um eine bessere Intonation auf der gesamten Länge zu gewährleisten. Das konservative Prinzip mit gestaffelten Auflagepunkten garantiert eine tadellose Intonation. Allerdings bleibt die dünne E-Saite nicht immer in der Kerbe.

Der leicht gewölbte Boden mit zwei spiegelbildlich gelegten Bodenplatten und die beiden symmetrischen Zargen sind aus gleichmäßig gewachsenem ostindischen Palisander gefertigt. Ein Bodenmittelstreifen wurde der Gitane nicht geschenkt. Das Binding aus Palisander schützt rundum die Kanten an Boden und Decke.

Wir werfen nun einen Blick durch das kleine ovale Schallloch ins Innere. Decke und Boden sind mit einem traditionellen Leiter-Bracing stabilisiert. Das System verdankt seinen Namen dem Umstand, dass die Querstreben wie die Sprossen einer Leiter aussehen. Jeweils drei Leisten (soweit das Auge reicht) am Boden und an der Decke stehen sich direkt gegenüber. (zum Vergleich: die Konzertgitarre hat vier Paare). Ein Leistenpaar ist an der Decke und am Boden im Oberbug befestigt. Ein zweites Paar erblickt man im Bereich der Taille an der Decke und am Boden, und das dritte Paar zwischen Steg und Saitenhalter an Boden und Decke. Einen aufgeleimten Mittelstreifen, der die beiden Bodenhälften zusammenhält, gibt es hier nicht. Boden und Decke werden mit schlichten dünnen Holzleisten, die an Viertelstäbe erinnern, mit den Zargen verleimt. Die Reifchen, die normalerweise (Konzertgitarre, Westerngitarren) einen Ring aus keilförmig gesägtem Holz bilden und rundum an der Verleimstelle verbaut werden, fehlen hier.

Ein leichter Halsblock hält Decke, Hals und die beiden Zargen zusammen und vermindert das Gesamtgewicht. Allerdings hat Palisander ein höheres spezifisches Gewicht bei gleicher Feuchtigkeit (z.B. 15 %) als z.B. Mahagoni oder Ahorn. Die Gitane DG-255 bringt deshalb ohne Pre-Amp genau 1964 Gramm auf die Waage. Das nicht eingebundene Griffbrett besteht aus feinem Palisander. Palisandergriffbretter zeigen auch nach Jahren keine Abnutzungserscheinungen und sollten jedem Hammer-On die Stirn bieten. Allerdings ist Palisander nicht so dicht und verwindungssteif wie Ebenholz. Die 21 schlanken Bünde mit hohen Kronen sind perfekt abgerichtet.

Zur Beschreibung der Größenverhältnisse muss man Komparative wie länger, breiter größer usw. bemühen. Das Griffbrett z.B. ist vergleichsweise breit, denn am Sattel (Nullbund) werden 4,6 cm gemessen (zum Vergleich: Steel-String ca. 4,3 cm), aber auch am 14. Bund ist reichlich Platz (5,8 cm) vorhanden (zum Vergleich: Steel-String ca. 5,4 cm). Die längere Mensur (68,0 cm) sorgt für eine größere Saitenspannung, die sich wiederum (positiv) auf die Übertragung der Obertöne auswirken kann. Mit der Größe der Mensur soll im Allgemeinen auch die Lautstärke korrespondieren. Aufgrund der größeren Spannkraft kann aber auch das Bespielen der Gitarre mehr Anstrengung kosten. Maccaferri ließ jedenfalls seine Jazzgitarre (1930) mit einer kürzeren Mensur „auflaufen“. Selmer führte nach dem Weggang von Maccaferri 1933 dann die längere ein.

Ein sogenannter Nullbund bestimmt Saitenlage und Saitenhöhe. Es besteht kaum ein Zwischenraum zum Sattel, der nur noch für die Führung der Saiten zuständig ist. Befürworter des Nullbundes meinen, dass gegriffene und offene Saiten identisch klingen sollten und der Klang nicht von den unterschiedlichen Materialien Metall und Kunststoff bzw. Knochen beeinflusst werden soll. Schlichte Dot-Inlays im 5ten, 7ten, 10ten, 12ten und 17ten Bund dienen zur Orientierung auf dem langen Griffbrett. Kleine weiße Punkte aus Kunststoff auf der Griffbrettkante bilden eine sinnvolle Ergänzung. Der Neck Joint der DG-255 befindet sich, wie bei einer Steel-String üblich, am 14. Bund. Die ersten Maccaferri-Gitarren hatten den Neck-Joint noch am 12. Bund (bis ca. 1933).

Hals, Kopfplatte und Halsfuß bestehen allesamt aus Mahagoni und sind stabil miteinander verleimt, wobei die Verleimstelle deutlich zu sehen ist. Die Halskrümmung kann mit einem eingelegten Stahlstab justiert werden. Die entsprechende Stellschraube befindet sich über dem Halsblock und wird über das ovale Schallloch erreicht. Die gefensterte, leicht abgewinkelte Kopfplatte ist auf der Oberseite mit Palisander verblendet und hochglänzend schwarz poliert. Die geschlossenen, goldenen Mechaniken sind (Three-on-a-plate) auf einer gemeinsamen Grundplatte an jeder Seite der Kopfplatte befestigt. Die Kunststoffwirbel arbeiten zuverlässig, präzise und fein. Viele Attribute erinnern hier an die Kopfplatte einer Konzertgitarre.

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