Gitarre Hersteller_Gibson
Test
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29.05.2012

Gibson Midtown Custom EB Test

Semiakustik-Gitarre

Kleine Schwester?

Mit einem Zwitterwesen aus Hollowbody- und Solidbody–Gitarre schlug Ted McCartney gemeinsam mit dem Gibson R&D Department im Jahr 1958 ein neues Kapitel des modernen Gitarrenbaus auf. Der Korpus der ES-335 besaß sowohl die Merkmale einer klassischen Archtop-Gitarre als auch Charakterzüge der damals neuen und sehr beliebten Solidbody-Instrumente und vereinte damit die besten Eigenschaften aus beiden Welten.

Besonderer Clou der ES-335 war ein durchgehend mittig im Korpus platzierter massiver Sustainblock. Er verlieh der Konstruktion Eigenschaften einer Solidbody-Gitarre und sorgte dafür, dass Rückkopplungen auch bei hohen Lautstärken kein Thema mehr waren - eines der Hauptprobleme von Archtops war damit so gut wie ausgemerzt. Trotz dieses Solid-Anteils boten die hohlen „Flügel“ des Korpus einen unüberhörbaren akustischen Anteil, der wiederum Jazz- und Bluesmusiker in seinen Bann zog. So wurde die ES–335 ein spontaner Erfolg, der damals für symbolträchtig schlanke 335 Dollar zu haben war.

Mit der uns zum Test vorliegenden Midtown Custom erweitert Gibson sein ES-Portfolio um ein weiteres Modell, bei dem im Vergleich zur ES-335 der Korpus allerdings etwas kleiner ausfällt. Die Gitarre ist also grundsätzlich ein wenig handlicher. Was sie sonst noch so alles zu bieten hat und wie sie sich klanglich vom Urmodell unterscheidet, haben wir für euch herausgefunden.

DETAILS

Trotz des etwas kleineren Bodys ist die Ähnlichkeit mit einer ES-335 zumindest auf den ersten Blick nicht von der Hand zu weisen. Aber spätestens beim misslungenen Versuch, meine alte 335 in den Koffer der Midtown Custom zu legen, wurde klar, dass die abgespeckte Korpusform optisch kaschiert wird, indem man die Proportionen des Vorbildes erhalten hat. Beim Handling ist das Ganze aber sofort spürbar: Das Instrument liegt etwas komfortabler in der Hand als meine alte 335, was sich besonders an der oberen Zarge bemerkbar macht.

Aber nicht nur die Größe ist eine andere, sondern auch die Machart. Im Gegensatz zur klassisch semiakustisch aufgebauten 335 hat Gibson hier einen massiven Mahagoni-Korpus mit Tonkammern verwendet. Eine Ahorndecke verleiht dem Sound zusätzlich Brillanz und Attack, die allerdings nicht wie beim legendären Vorbild gewölbt, sondern wie auch der Boden flach gehalten ist. Diese eingesparten aufwendigen Arbeitsschritte kommen nicht zuletzt dem günstigen Preis der Midtown zugute.

Die Hardware ist „Standard“ und besteht aus der klassischen Kombination Tune-o-matic Bridge und Stopbar-Saitenhalter.

HALS

Gitarrenhälse bestehen in der Regel aus einer Kombination mehrerer Hölzer, wobei das Griffbrett aufgeleimt wird. Bei den meisten Gibson-Modellen wie der Les Paul, der klassischen ES -335 und auch unserer Testgitarre bestehen die Hälse aus Mahagoni. Das Griffbrett der Midtown Custom ist jedoch nicht aus Holz gefertigt, sondern aus Richlite, einem Baustoff, den ich bisher eher mit Schneidebrettern in Verbindung gebracht habe. Richlite, noch nie gehört? Richlite ist ein sehr stabiler Verbundstoff, der aus Papier und Phenolharz besteht. Dieses Material ist unglaublich hart und widerstandsfähig und wird deshalb auch für den Bau von Skateboardrampen verwendet. Übrigens setzt nicht nur Gibson Richlite für die Konstruktion von Griffbrettern ein, auch Martin arbeitet bei einigen Instrumenten mit diesem Werkstoff. Allerdings handelt es sich dabei nicht um die Topmodelle, sondern eher um Instrumente im mittleren bis unteren Preissegment. Es ist natürlich müßig darüber zu diskutieren, ob und wie die Gitarre mit einem Ebenholz- oder Ahorngriffbrett klingen würde. Dieses Instrument ist nun einmal genau so, wie es ist, und muss als „Gesamtkunstwerk“ unter Beweis stellen, ob die Konzeption und Konstruktion die Anforderungen erfüllt, die der Gitarrist an eine solche Gitarre stellt.

Das mit Block-Inlays aus Acryl verzierte Griffbrett jedenfalls besitzt 22 perfekt abgerichtete Medium-Bünde, der Hals insgesamt bietet einen Gibson-typisch guten Spielkomfort und man fühlt sich dank des schnellen 60er Profils auf ihm sofort wie zu Hause. Ach ja: Gestimmt wird mit sechs Grover Kidney-Mechaniken. Mit einer Übersetzung von 14:1 lässt sich die Midtown präzise und leichtgängig in Stimmung bringen.

ELEKTRONIK

In unserer Kandidatin kommen zwei Burstbucker-Humbucker aus Gibson-Fertigung zum Einsatz. In der Halsposition kauert in einem schwarzen Einbaurahmen ein Burstbucker 1, der einen warmen und leicht kehligen Blues- und Jazzsound mit viel Klarheit liefert, der heißere Burstbucker 2 in der Brücke ist eher für fette Rockriffs zuständig. Die Burstbucker sind eine Weiterentwicklung des Classic 57, der für mich einer der besten Vintage-Pickups von der Stange ist. Die beiden Spulen der Burstbucker sind verschieden stark gewickelt, um dem Sound der alten PAF-Pickups näherzukommen, deren Fertigung bekanntlich ohne Computersteuerung auskommen musste und die ebenfalls unterschiedliche Wicklungsstärken hatten.

Die Verschaltung der beiden Triebwerke entspricht dem, was man von Les Paul und Co. gewohnt ist. Die Tonabnehmer werden mittels Toggleswitch angewählt, in der mittleren Position sind beide Pickups gemeinsam am Start und erzeugen einen an eine fette Telecaster erinnernden Gitarrensound. Jeder Tonabnehmer besitzt einen eigenen Volume- und Tone-Regler. Im Gegensatz zur klassischen 335 ist die Ausgangsbuchse in der unteren Zarge angebracht, sodass auf der Vorderseite kein Stecker heraussteht.

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