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01.10.2015

Interview und Gear-Chat: Richard Spaven

Drums made in England

Der smarte Brite mit den ausgefallenen Beats

Schon seit geraumer Zeit ist der britische Drummer Richard Spaven ein fester Bestandteil der facettenreichen Londoner Musikszene. Spätestens seit der Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Jazz-Sänger José James macht er auch außerhalb des Vereinigten Königreichs von sich reden. Star-Bassist Pino Palladino war es damals, der das Album „No Beginning No End“ mitproduzierte, Richard Spaven ins Studio holte und letztendlich auch für die Liveband verpflichtete. Seitdem folgten etliche Touren, verschiedene Nebenprojekte, unter anderem mit dem außergewöhnlichen Beat-Produzenten „Flying Lotus“ und 2014 dann sein Solodebüt „Whole Other“. 

Im Rahmen des Dresdner Drum & Bass Festivals 2015 traf ich den sympathischen Londoner nach seinem Workshop im bis auf den letzten Platz besetzten Saal der Dresdner Scheune. In seiner interessanten Clinic gab er Einblick in sein vielseitiges Drumming, indem er zu Songs von José James performte und Tracks aus seinem Soloalbum gespielt hat. Anhand vieler Beispiele zeigte er, wie sich sein spezieller Spielstil entwickelte, der vor allem durch die Acid Jazz-, Dubstep- und Drum 'n Bass-Szene der englischen Hauptstadt beeinflusst wurde. Besonders beeindruckend war seine filigrane Spielweise, gepaart mit außergewöhnlichem Feel und authentischem Sound seiner Drums. Mehr dazu und was er mit dem Computerspiel „Grand Theft Auto V“ zu tun hat, erfahrt ihr im folgenden Interview.

Bei einer so besonderen Spielweise stellt sich natürlich neben all jenen Einflüssen die Frage, wie du zum Trommeln gekommen bist. Wie sah deine musikalische Ausbildung aus?

Witzigerweise kam ich über das Trommeln zur Musik und nicht umgekehrt. Ich habe als kleines Kind einfach immer auf irgendwelchen Dingen rumgetrommelt und hatte das Glück, dass mein Vater das erkannt und mir irgendwann eine Snaredrum geschenkt hat. Etwas später nahm er mich zu einem Buddy Rich Konzert mit, was die Faszination natürlich noch steigerte. Also machte ich weiter, und irgendwann besorgte er mir ein kleines Drumset. Ziemlich cooler Vater, was? Alle Drums hatten unterschiedliche Farben und waren teilweise in wirklich schlechtem Zustand. Irgendwie war das wie ein rostiges altes Auto, aber es war großartig. Es war mein erstes eigenes Drumset! Mit acht Jahren durfte ich dann Unterricht bei einem Big-Band und Swing-Drummer namens Freddie Wells nehmen, der mir zeigte, dass es auf Timing, Technik und Groove ankommt. Weiter ging es dann für mich im Jugendorchester meiner Schule. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich damals der einzige war, der Drum 'n Bass und Hip-Hop hörte, und so mischten sich sehr schnell diese Einflüsse in mein ansonsten jazzorientiertes Spiel.

Hast du danach dann Jazz-Drumming studiert?

Nein. Eigentlich war meine Schule auch im musikalischen Bereich ziemlich furchtbar. Ich habe immer privat Unterricht genommen, geübt, zu Musik gespielt und hatte das große Glück, dass meine Familie nicht weit von London entfernt wohnte. So konnte ich tief in die Musikszene unserer Hauptstadt eintauchen und lernte eine Menge in den vielen Bands, deren Musik mich eigentlich total überforderte.

In deiner Clinic hast du einige Songs deines Solodebüts „Whole Other“ gespielt. Wie entstehen diese Songs? Setzt du dich ans Drumset und konstruierst den Song anhand eines Grooves oder komponierst du beispielsweise am Klavier?

Das ist gar nicht so einfach zu erklären. Ich spiele ein bisschen Klavier, nennen wir es mal Studio-Piano. Ich könnte das alles nicht live spielen, weiß was passiert, brauche aber immer ein bisschen mehr Zeit als ein richtiger Pianist. Das Intro meines Albums entstand aber zum Beispiel aus einem Gitarren-Loop meines Freundes Stuart McCallum. Den Titeltrack, der gleichzeitig mein Lieblingssong ist, haben Stuart und ich nach einer Flasche Wein zusammen geschrieben. (lacht) Die Entstehung des Stücks „Taj“ ist dann wieder ganz anders verlaufen. Der Rhythmus ist sehr komplex, quasi ein „3 über 5“-Groove, den ich meinen Mitmusikern vorgespielt habe und auf dessen Grundlage wir dann gemeinsam Harmonien gefunden haben. Meinen ersten kleinen Hit hatte ich mit dem Song „1759 (Outro)“, der es sogar bis in das Video-Game „Grand Theft Auto V“ geschafft hat.

Spielst du bei Produktionen im Studio anders als live? Bei deinem Spiel fällt vor allem der breite Dynamikumfang auf. Dennoch spielst du im Vergleich sehr leise, was ja einen Engineer im Studio sehr freuen dürfte, da du damit ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Attack und Ton lieferst.

Das ist eine sehr gute Frage. Im Studio kann natürlich sehr viel kreiert werden. Ich arbeite schon länger eng mit einem Engineer in einem Amsterdamer Studio zusammen, und mich freut es sehr, wenn die Leute meine Musik hören und denken, dass die Drums programmiert sind. Aber ich programmiere ja gar nichts. Ich habe nur meine Art zu spielen, die teilweise sehr feinfühlig ist, obwohl es am Ende eben doch Beats sind. Hier und da spiele ich mal einen Shaker als Overdub ein, aber ich habe die Drums noch nie gedoppelt. Bei meinem nächstes Album will ich das aber unbedingt mal probieren. Ich mag den Charakter von programmierten Beats in Verbindung mit dem menschlichen Feel.

Wenn du diese Beats mit deiner Band oder bei anderen Künstlern spielst, wie viel davon ist konzipiert und wie viel improvisiert?

Mit meiner Band spielen wir die Songs und improvisieren weniger. Für mich als Drummer gibt es bei den Stücken jedoch eine Art Grundkonzept, innerhalb dessen ich mich musikalisch frei bewegen kann. Aber bei José James beispielsweise ist es jeden Abend gewollt anders. Der Sound, den wir da machen, ist nicht Jazz, aber die Essenz dessen was wir tun, ist ganz klar Jazz.

Du bist in deinem Workshop sehr deutlich auf den „Amen Brother“-Drumbreak eingangen, der als eine Art Grund-Sample für Musikrichtungen wie Drum 'n Bass verantwortlich ist. 

Ich kam natürlich zuerst mit dem Resultat des Ur-Samples, getrommelt von G.C. Colemans im The Winstons Song „Amen Brother“, in Berührung. Die ganze Musikrichtung des Drum 'n Bass geht von diesen vier Takten Drumsolo aus. Was für ein Zufall, dass jemand diesen Break findet, sampelt und sich das so verbreitet. Das ist doch völlig verrückt! Man kann sagen, dass dieses Sample und die Musik die daraus entstanden ist, mein Spiel maßgeblich beeinflusst hat. Ein weiterer großer Einfluss waren dann die Beats von J.Dilla.

Gutes Stichwort. Wie gehst du an so abgehangene Beats ran?

Für mich geht es vor allem um das Feel der Beats. Mich interessiert überhaupt nicht, welche Notenwerte das alles sind. Das kann man sowieso nicht aufschreiben. J.Dilla hat das bei der Produktion ja auch nicht interessiert. Es musste sich eben einfach nur gut anfühlen. Ich finde, dass man das völlig ruiniert, wenn man es rein analytisch betrachtet und dann versucht zu üben. Ich hatte mal einen Gig mit den „Platinum Pied Pipers“ in Hamburg. In der Mitte des Sets sollte es eine Art MPC versus Drums Battle geben. Der DJ und Produzent Rajeed programmierte live in Layern einen Drumbeat auf der MPC, und ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie zum ersten Mal der Loop lief und die Eins um die Ecke kam. Das war so „off“ und abgehangen, aber sein inneres Time-Feel war genau drauf. Es ist eben wichtig zu verstehen, dass man natürlich so weit hinten spielen kann, wie man will, aber wenn es keine Referenz, also keine klare Time oder einen Loop gibt, dieses Feel ja gar nicht existiert. Also sieht man mich zum Beispiel immer mit dem Kopf nicken, wenn ich diese Beats spiele, damit ich einfach eine Referenz habe. Es ist interessant zu sehen, wie das gerade im Drumming Einzug hält. Hätte man vor zehn Jahren so abgehangen die Hi-Hat gespielt, hätte dich jeder gefragt „Was zum Teufel machst du da?“. Bestimmt fühlt sich das für einige ältere Musiker immer noch „falsch“ an. Man muss diese neue Musik gehört haben, um sie zu verstehen.

An welchen Projekten arbeitest du zur Zeit?

Seit die Tour von José James im März 2015 zu Ende gegangen ist, arbeite ich viel mit Bill Laurence, dem Pianisten von Snarky Puppy, zusammen. Außerdem habe ich das Album von Stuart McCallum produziert. Er ist eigentlich der Gitarrist von „Cinematic Orchestra“ und auch auf meinem Album zu hören. Das war das erste Mal, dass ich wirklich ein komplettes Album produziert habe. Dann habe ich das großartige Album „Catching Currents“ der holländischen Sängerin Fridolijn co-produziert und eingespielt und arbeite an neuem Solo-Material. 

 (Anm. des Autors) Hier kommt ein neuer Track vom eben erwähnten Gitarristen Stuart McCallum. Richard trommelt und tritt auch als Produzent in Erscheinung. Achtet mal auf seine Grooves ab 01:28 min.

 

Wie setzt du die teilweise sehr modernen Sounds aus Produktionen um? Versucht du alles rein akustisch zu halten oder kommen Backingtracks, E-Drums und Trigger zum Einsatz?

Hier und da kommen schon mal Backingtracks zum Einsatz, aber im wesentlichen bin ich eher ein akustischer Drummer. Bevor ich Electronics einsetze, versuche ich lieber erstmal den Sound irgendwie zu reproduzieren. Sei es durch Tuning, spezielles Equipment oder mal ein Splash Becken auf dem Snare-Fell.

Wie sieht dein reguläres Setup aus?

Ich spiele ein Yamaha Absolute Maple Hybrid Set. Yamaha habe ich schon immer gespielt und bin begeistert von der Qualität, dem Sound und der Zuverlässigkeit der Drums. Mein Set besteht aus einer 18“x14“ Bassdrum, 10“x7“ und 14“x13“ Toms und einer 14“x6“ Snare. Den Sound der Meinl Byzance Becken mag ich auch sehr. Neben der 16“ Hi-Hat spiele ich noch das 20“ Crash aus der Extra Dry Serie. Außerdem kommen bei mir das 22“ Sand Crash Ride mit Nieten, das 20“ Vintage Crash und als Effekt die Generation X Trash Hat zum Einsatz. 

Abschließend, was möchtest du jungen Trommlern mit auf den Weg geben?

Checkt die Wurzeln der aktuellen Musik genau aus und haltet die Ohren offen für Neues.

Vielen Dank für´s Gespräch, Richard!

 

Weitere Infos und viele Videos findet ihr auf Richards Seite: http://www.richardspaven.com

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