Test
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03.03.2017

Praxis

Die Einbindung des Eventide Princeton 2016 ins Setup

Spätestens beim Einbinden von Outboard-Equipment ins digitale Setup ist Vorsicht geboten, da ja alle analogen Ein- und Ausgänge durch die AD/DA-Wandlung mit einer gewissen Latenz behaftet sind – zwar nur wenige Millisekunden, aber die reichen aus für allerlei Kammfilter-Effekte der unschönen Art. Im Fall des (digitalen) Reverb 2016 kommt noch einen Geräte-Latenz von 1,5 Millisekunden hinzu. Die gute Nachricht kennen wir: Alle modernen DAW-System erlauben es uns, diese Latenzen zu kompensieren. Der einzige Punkt, an dem es beim Testgerät Probleme geben könnte, ist der Bypass-Schalter, wenn das Hallgerät mit den analogen Ein- und Ausgängen betrieben wird. Hier kommen die in den Details erwähnten Bypass-Varianten ins Spiel: In der ersten Variante werden die Signale bei aktiviertem Bypass über Relays direkt wieder auf die Ausgänge geschaltet. Das ist der klassische analoge Weg, mit dementsprechend nicht vorhandener Latenz zur Nutzung in einem analogen Umfeld. Wenn man das Hallgerät direkt über das Audio-Interface eingebunden hat und die Delay-Kompensation die 1,5 ms Arbeitslatenz des Reverb 2016 erwartet, kommt in diesem Modus das Bypass-Signal aber zu früh zurück. In diesem Fall kann der Bypass auf einen DSP-Modus umgeschaltet werden, dann wird das Signal um die 1,5 ms verzögert ausgegeben und alles passt wieder. Das passiert über das Systemmenü und ist nicht wirklich dokumentiert: Man muss sich das leider selbst zusammenreimen.

Sparsame Anleitung

Es ist schon lustig: Das Reverb 2016 gibt es auch als Plug-In und dieses kommt mit einer zehn Seiten langen Anleitung. Die Bedienungsanleitung für die Hardware-Version besteht hingegen aus zwei DINA4-Zetteln! Tatsächlich braucht man für die tägliche Hall-Arbeit auch nicht mehr Info, denn die Bedienung ist denkbar einfach: Für jeden Parameter gibt es einen Drehknopf und auch wenn man im ersten Moment nicht so genau weiß, was zum Beispiel der „Diffusion“-Knopf nun macht, kann man ja daran drehen und zuhören. Überhaupt macht es einfach Spaß, mit den Knöpfen zu spielen. Die Presets benötigt man nur als Anschauungsmaterial zu Anfang, später wählt man den gewünschten Algorithmus aus und dreht an Knöpfen bis das Gehörte gefällt. Die Systemeinstellungen sind kaum bis gar nicht dokumentiert, immerhin gibt es vom Hersteller zwei zusätzliche Din A4-Seiten mit FAQs, die man sich durchlesen sollte.

Die Parameter

Was der Mix-Regler macht ist klar, denke ich. Bei mir stand er fast immer auf 100%, weil ich das Reverb 2016 während des Tests eigentlich immer als Send-Effekt betrieben habe. Mit dem zweiten Regler stellt man das Pre-Delay, zwischen Null und 999 Millisekunden ein. Mit dem dritten Regler „Decay (RT60)“ stellt man die Nachhallzeit ein. „RT60“ steht für „Reverberation Time 60“ und definiert die Zeitspanne, in welcher der Schalldruck in einem Raum um 60 dB abfällt.

Der nächste Regler hört auf den Namen „Position“ und bedarf ein wenig mehr Erklärung. Mit diesem Regler werden die „Early Reflections“, also die ersten Raumreflektionen gleich auf mehrere Weise bearbeitet. Neben einem Pre-Delay (nicht zu verwechseln mit dem eigenen Parameter „Pre-Delay“ drei Knöpfe weiter vorne) wird auch die Lautstärke, der Frequenzgang und die Dichte der Reflektionen bearbeitet, mit dem Ziel, die imaginäre Distanz des Signals zum Hörer zu simulieren. Der Regler arbeitet ziemlich effektiv und ist das Highlight des Reverb 2016, weil er sehr praxisnah einen gängigen Wunsch im Mix-Prozess erfüllt: Ein Signal weiter hinten oder weiter vorne im Klanggefüge platzieren. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Regler für den eingangs erwähnten Eindruck „Signale lassen sich mit dem Reverb 2016 sehr gut im Mix integrieren“ verantwortlich ist. Vorsicht geboten ist allerdings bei der gleichzeitigen Nutzung des Pre-Delays und des Position-Reglers, den je nach Einstellung kollidieren die verschiedenen Pre-Delay-Zeiten und führen zu einem Delay-Chaos.

Ebenfalls praxisnah ist die Tatsache, dass sich Änderungen an den Reglern immer sehr direkt in Klangänderungen auswirken. Wäre das Reverb 2016 ein Auto, würde man sagen: „Es hängt am Gas“, hier hängt das Reverb am Drehregler. Einzig der Diffusion-Regler macht hier eine kleine Ausnahme, aber auch dieser Regler erzeugt hörbare Unterschiede in der Hallfahne. Man könnte jetzt meinen, die Änderungen der Hallparameter sind nur im groben Stil möglich, aber tatsächlich kommt mit dem Reverb 206 einfach nur sehr schnell zu sehr schön klingenden Ergebnissen!

Der Klang

Der Sound des Reverb 2016 entstammt einem Jahrzehnt, in dem digitalen Hallgeräte neu waren und dementsprechend ausufernd benutzt wurden. Momentan ist ja eher der Faltungshall das große Ding, mit seinen digitalen Abbildungen echter Räumlichkeiten. Anders ausgedrückt: Der Sound der künstlichen Verhallung unterliegt Trends. Und der momentane Trend spielt nicht unserem Testgerät nicht unbedingt in die Karten. Der Grundsound des Reverb 2016 ist für das momentane „Hall-Empfinden“ zu hell, was den Hersteller möglicherweise animiert hat, die „new“-Algorithemn mit einem High-Cut-Filter zu versehen. Ich muss zugeben, den haben ich aber kaum genutzt, tatsächlich habe ich sowieso in jedem Rückweg eines Hall-Erzeugers einen EQ für die volle Klangkontrolle eingeschleift, egal ob das ein Hardware-Gerät oder PlugIn ist.

Klangbeispiele

Ich habe verschiedenste Signal mit dem Reverb 2016 bearbeitet, angefangen mit einem Vocal-Schnipsel, aufgenommen mit der Jazzsängerin Sylvia Bialas (die Recording-Kette war: Brauner VM1 über Soundskulptor MP73-Preamp und JLM LA500 Kompressor ins RME Fireface 400).

Das Ergebnis ist ok, hat mich jetzt aber nicht vom Hocker geworfen. Durch die ohnehin schon helle Aufnahme bekommen die Hallfahnen des Reverb 2016 einen zum Teil schon metallenen Klang. Ein Effekt, der im Zusammenhang vieler Spuren nicht mehr so deutlich zu Tage tritt, aber es zeigt den Grundcharakter des Eventides. Mit einem EQ, und auch mit dem High-Cut am Gerät ist das allerdings leicht in den Griff zu bekommen.

Dann habe ich mich an (ungemixten) Echt-Drums versucht. Hier kann man hören, wie der Position-Regler arbeitet und wie man mit dem Pre-Delay einen Echoeffekt erzeugen kann. Bei diesen Signalen spielt der Eventide Reverb 2016 zum ersten Mal so richtig groß auf, die kurzen Signale regen die Algorithmen zu schönen, komplexen und vor allem dreidimensionalen Hallfahnen an. Außerdem zeigt das Beispiel mit dem Pre-Delay, dass man das Reverb 2016 trotz seiner lediglich drei Algorithmen durchaus als „Effektgerät“ verwenden kann. Ich fange an begeistert zu sein…

Dann wurde ein Drum-Loop in die Mangel genommen. Eigentlich wollte ich nur demonstrieren, wie die einzelnen Algorithmen klingen, aber das Drehen an den Regler hat so Spaß gemacht, dass schnell etwas „kreativere“ Beispiele dabei rausgekommen sind.

An einem einzelnen Snare-Schlag könnt ihr euch ein Bild über die verschiedenen Klänge der Algorithmen machen. Die letzten beiden Beispiele zeigen den Einsatz des High-Cut-Filters auf der Hallfahne.

Mit einem Flöten-Schnipsel und einem Synth-Arpeggio habe ich weiter gemacht. Vor allem beim Synth-Sound zeigt der Eventide Reverb 2016 wieder, dass er auch zu Effekt-Sounds in der Lage ist, die mit „künstlicher Verhallung“ wenig zu tun haben.

Dass man das Hallgerät über MIDI fernsteuern kann und diese Automationsdaten natürlich auch aufgenommen werden können, das zeigt das folgende Video. Bearbeitet wird eine gepickte Western-Gitarre, gespielt vom bonedo-Kollegen Haiko Hainz.

Ist solche Hardware noch zeitgemäß?

Eigentlich sollte ein modernes DAW-System mit seiner massiven CPU-Power doch in der Lage sein, einen vernünftig klingenden Hall zu berechnen! Warum also sollte man sich also ein Reverb 2016 ins Rack schrauben, wenn das Plug-In nur einen Bruchteil kostet? Hardware versus PlugIn – das ist Debatte, die aufs heftigste geführt und meistens von verfestigten Meinungen geprägt ist. Kurz gegoogelt und ich verspreche: Hundert gelesene Bildschirmseiten später ist man genauso schlau wie vorher.

Auf der anderen Seite: Immer noch werben Firmen damit, dass ihre Plug-Ins das Hardware-Gerät X oder Y aufs genaueste emulieren! Das gilt auch für digitale Hardware-Effekte wie den Lexicon 224 Hall. Ist das nur Werbung, oder ist doch was dran am viel beschworenen Sound der alten 19“-Veteranen? Ich habe mir für den Test eine Demo-Version des Eventide Stereo Room PlugIn heruntergeladen, ein Plug-In, das auf dem selben Algorithmus basieren soll wie der Stereo-Room des Reverb 2016. Hört Euch die beiden Audio-Beispiele ab, es ist jeweils nur die Hallfahne mit 100% „wet“-Einstellung. Trotz ähnlichem Grundklang dürfte das Urteil recht eindeutig ausfallen, aber dieses zu fällen überlasse ich Euch…

Kritikpunkte

Alle Kritikpunkte, die mir zum Reverb 2016 in den Sinn kommen, hängen mehr oder weniger mit der Aktualität des Gerätes zusammen, vor allem der AD/DA-Wandler ist mir seinen maximalen 48 kHz Sampling-Frequenz einfach nicht mehr up-to-date. So sehe ich die Ausführung der Digital-Schnittstelle als koaxiale S/PDIF-Variante kritisch. Wer sich das Reverb 2016 ins Rack schraubt, wird vermutlich in einem professionellem Umfeld arbeiten und vermutlich weiteres analoges und digitales Outboard-Equipment besitzen. Für die Einbindung des Reverb 2016 in ein Umfeld ist die S/PDIF-Schnittstelle nur die absolute Mindestanforderung. Zumindest Word-Clock-Buchsen zum externen „Clocken“ (und Weiterreichung der Clock) wäre für ein Hybrid-Studio sehr wichtig. Auf der anderen Seite: Wer mit Sampling-Frequenzen jenseits der 48 kHz arbeitet, muss das Hallgerät sowieso analog einbinden, dann ist das auch schon wieder egal…

Nichts zu meckern habe ich am Sound! Das Eventide Princeton Reverb 2006 wäre nicht meine erste Wahl bei Stimmen, aber bei jeder Art von Instrument macht es Spaß. Der Position-Regler ist extrem hilfreich, um Signale sehr schnell im Mix zu platzieren. Überhaupt geht die Arbeit mit dem Reverb 2016 zügig vonstatten, ohne dass man dabei auf feinfühliges Justieren der Parameter verzichten muss. Die Regler arbeiten einfach „musikalisch“, es ist schwierig einen „schlecht“ klingen Hall hinzudrehen.

Neben der Studio-Anwendung kann ich mir den Reverb 2016 als Hallerzeuger in einem Live-Rack sehr gut vorstellen, vor allem für Drums und Percussion, da er hier den Vorteil seiner intuitiven und schnellen Bedienbarkeit voll ausspielen kann.

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