Test
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12.03.2015

Praxis

Es dauert ein bisschen, sich das Konzept des Eventide Mixing Link zu verdeutlichen – und die ganzen Details. Es ist von Vorteil, wenn man ein Blockschaltbild lesen kann. Wenn nicht, ist jenes im Manual eine gute Möglichkeit, genau das zu üben. Klar: Es ist deutlich einfacher als das einer analogen Inline-Konsole.

Beginnt man mit einfachen Setups, will zunächst die Verstärkungsstufe bedient werden. Das ist keine wirklich schwierige Aufgabe. An der linken Seite gibt es jedoch einen „Gain“-Druckknopf. Was der wohl macht und für welche Inputs er gilt? Ausprobieren oder einen Blick in das Manual werfen hilft auch hier: Er gilt sowohl für XLR als auch TRS der Combo-Buchse, aber auch den Instrument-Input. Je nach Input und Stellung des Gain-Potis beträgt die Initialverstärkung durch den Button in High-Stellung 20 bis 23 Dezibel. Die Maximalverstärkung des Mic-Pres beträgt 66 dB, was auch für die meisten dynamischen Mikrofone ausreichend ist. Das Metering beschränkt sich leider auf eine Signal- (-20 dB) und eine Peak-LED.

Im Test nutze ich unter anderem ein Kondensatormikrofon, welches Phantomspeisung benötigt. Das Einschalten geht problemlos, die Spannung baut sich langsam auf (was angenehmer ist als ein dicker Stoß über das Mikrofonkabel). Beim Ausschalten traue ich meinen Ohren kaum, denn der Ausgang des Eventide antwortet mit einem äußerst unangenehmen, hochpegeligen Rauschsignal. Es dauert lange Sekunden, bis es abebbt. Grauenhaft! Ich schaue das Gerät böse an. Es lässt sich davon allerdings wenig beeindrucken. Ich bin aber froh, dass mir so etwas im stillen Kämmerlein geschieht und ich das Pedal böse anschaue, und nicht im Livebetrieb über die voll aufgerissene PA und mich alle Besucher böse angucken. Nun ja, erstaunlich, die Sache mit den Geräuschen.

Doch anschließend wird man belohnt, denn der Mic-Pre ist nicht nur einfach ein 08/15-Verstärker, sondern er klingt tatsächlich richtig gut. Er bewegt sich bezüglich Impulsverhalten und Spektrum ganz deutlich besser als der meiner preiswerteren Interfaces und immer noch deutlich besser als der des MotU 896 mkIII. Mit Vertretern wie Lavry AD11, True Systems P-Solo Ribbon und DPA HMA kann das Pedal natürlich nicht mithalten. Schön ist die „Soft Saturation“, welche die Signale bei hohen Pegeln leicht andickt. Ich würde mir allerdings wünschen, diesen Zusatz deaktivieren zu können.

Ich stand beim Schreiben schon öfters vor der Problematik, wie ich den durchgelutschten Begriff des Schweizer Taschenmessers vermeiden könnte. Aber tatsächlich: Die Flexibilität des kleinen Helferchens ist grandios, der Mixing Link kann in vielen Situationen der Retter in der Not sein! Ich möchte sogar einen Satz schreiben, den man so oder ähnlich definitiv zu Unrecht in vielen Testberichten dieser Welt zu lesen bekommt: „In jedem Tonstudio und in jedem Techniker-Toolcase sollte es ein Gerät wie dieses geben.“ Ein Preamp zu wenig, ein Kopfhörer-Amp abgeraucht, nicht genügend DIs oder zu wenig Inputs auf der Stagebox, ein Splitting oder ABY benötigt… in tausenden Fällen kann Eventide sein Pedal zur Rettung schicken wie die Kavallerie im Morgengrauen. So mit aufgehender Sonne im Rücken und so, ihr versteht. Und alleine dafür sind knapp dreihundert Euro wirklich nicht zu viel. 

Die Hauptanwendung, nämlich Instrument-Level-Effektgeräte mit Vocals zu nutzen, funktioniert grandios. Je nach Effekt ist man auch froh, ein Loop zu haben, welches sich ausschalten lässt. So war ich bei Verwendung des EHX Small Clone heilfroh, denn so manches Effektgerät sorgt doch für einen ordentlichen Gain-Drop. Schön auch, beim Strymon TimeLine nicht auf den internen Tails Mode zurückgreifen zu müssen und beim Carl Martin Headroom das Spring-Reverb nicht abreißen lassen zu müssen. Und: Federhall und Tape-Delay machen sich auf Vocal-Signalen wirklich verdammt gut!

Der Zugang zum Gitarreneffekt-Arsenal lädt natürlich sehr zum Experimentieren ein und eröffnet neue Möglichkeiten. Tech21 Roto Choir sorgt für Ozzys Gesangssound bei „Planet Caravan“, Electro Harmonix' Superego (eine Art Freezer/Retainer) eröffnet neue Welten. Mancher Overdrive, zum Beispiel der EHX Germanium Overdrive oder ein BSM Treble Booster klingen möglicherweise hervorragend als 100%-Wet-Signal, doch für einige Pedaleffekte kann besonders Vocals schnell Fundament fehlen und die Sprachverständlichkeit und Durchsetzungskraft leiden. Mit dem JMI Tone Bender oder gar der MXR Blue Box ist man über die Mix-Funktion heilfroh. 

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