Hersteller_EmpiricalLabs
Test
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13.10.2012

Empirical Labs DerrEsser Test

De-Esser

Der De-Esser des Herrn Derr

Die Studiotools von Empirical Labs werden gemeinhin als überaus mächtige Werkzeuge geschätzt, welche stets mehr als die absolut notwendigen Funktionen mitbringen. Da erscheint es fast selbstverständlich, dass auch der DerrEsser nicht „nur“ ein De-Esser ist. Die Produktpalette von Empiricial Labs ist für die Zeit, die der der amerikanische Hersteller am Markt präsent ist, erstaunlich klein. Nichtsdestotrotz hat Chefdesigner Dave Derr (daher auch das Wortspiel mit dem Namen des De-Essers) mit dem Distressor ein Gerät geschaffen, für das die Bezeichnung „moderner Klassiker“ erfunden worden sein könnte. Von diesem am 1176 orientierten Kompressor wurde mittlerweile eine stattliche fünfstellige Anzahl Geräte verkauft – mehr als vom UREI-Original. Das ist in der Studiobranche für ein Gerät dieser Preisklasse ein sagenhafter Erfolg, den in dieser Form kein weiterer Hersteller erreichen konnte.

Ob nun Distressor, FATSO oder Lil FrEQ – die meisten Geräte aus der Feder Dave Derrs bringen eine Reihe von Funktionen mit, die dazu dienen, aggressive, harsche, hohe Frequenzen in den Griff zu bekommen – keine unwichtige Sache im Zeitalter des tonbandlosen Recordings. Das vorliegende 500-Modul heißt zwar „DerrEsser“, beschränkt sich jedoch nicht bloß darauf, unschöne Konsonanten bei Vocal-Aufnahmen zu entschärfen. Der Hersteller beschreibt das Teil als „Dynamic High Frequency Fixer“, also salopp übersetzt als „Dynamischer Hochfrequenz-Reparateur“; erreicht wird dies durch verschiedene Betriebsmodi, die über simples De-Essing deutlich hinausgehen. Und damit sind wir schon mitten in den Details…

Details

Ein De-Esser an sich ist schon eine kompliziertere Angelegenheit, als man vielleicht denken sollte. Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Man nehme einen Kompressor, mache ihn besonders empfindlich im Bereich der typischen, „giftigen“ Vocal-Frequenzen und lasse ihn dann auf ebenjene los. Soweit jedenfalls die Theorie. In der Praxis zeigt sich, dass es am Markt zwar eine Reihe von De-Essern gibt, aber die Qualitätsunterschiede durchaus recht groß ausfallen. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass mit Hilfe dieser Werkzeuge im Regelfall Hand an Gesangsaufnahmen gelegt wird, und dass bei allem, was die menschliche Stimme betrifft, unser Gehör überaus kritisch ist. Kurzum: Einen guten De-Esser zu bauen ist keine ganz triviale Aufgabe, und dennoch sind diese Tools überaus wichtig. Heute werden Vocals häufig mit sehr geringem Abstand zum Mikro aufgenommen, und noch dazu hypen viele Kondensatormikros die Höhen recht kräftig. Da sind spitze Konsonanten auf der Aufnahme fast vorprogrammiert. Heutzutage ist ein höhenreicher Gesangssound sehr gefragt, aber trotzdem soll es ja rund klingen und einem nicht die Gehörgänge zersägen. Es gibt zwar Alternativen zum De-Esser (beispielsweise zeitraubende Spurautomation), aber in vielen Fällen wird solch ein Tool bevorzugt.

Im DerrEsser kommt eine VCA-Einheit als Regelelement zum Einsatz. Das Gerät arbeitet zwar unabhängig vom Eingangspegel, aber dennoch gibt es ein Threshold-Poti. Dieses definiert das Verhältnis von harschen zu runden Klanganteilen. Das bedeutet, dass man hier nur einmal das gewünschte Klangbild einstellen muss, ohne sich um den Pegel des Signals kümmern zu müssen. Dazu kommt noch ein FREQ-Poti, mit dem man den Frequenzbereich (830 Hz – 10 kHz) einstellt, in dem der DerrEsser besonders empfindlich sein soll. Sieben LEDs zeigen die Pegelreduktion der entsprechenden Frequenzen an, zudem verfügt die Kassette noch über eine Clip-LED. Damit wäre der eigentliche De-Esser bereits erklärt.

Als erste „Zugabe“ kann das Modul alternativ auch als HF-Limiter arbeiten – eine Funktion, die man bereits vom Empirical Labs FATSO kennt. In diesem Modus wird die Funktionsweise des Sidechain-Filters verändert: Im Normalbetrieb arbeitet der DerrEsser mit einem mehr oder weniger schmalbandigen Peaking-Filter im Präsenzbereich, im HF-Limit-Modus wird der gesamte Bereich oberhalb der Ansatzfrequenz abgesenkt. Damit geht der DerrEsser breitbandiger zu Werke, was die möglichen Einsatzbereiche erweitert. So könnte sich dieser Modus mehr als ein herkömmlicher De-Esser anbieten, um  beispielsweise scharfe, höhenreiche Overhead-Mikros mit ordentlich Becken-Alarm runder zu bekommen.

Schließlich verfügt das Modul noch über eine „Listen“-Funktion. Das bedeutet, dass die Sidechain-Filter auch in den Audioweg geschaltet werden können – manchmal ist dies sehr hilfreich, um die De-Esser-Frequenz einzustellen. Aber selbstverständlich kann man die Filter auch verwenden, um Audiomaterial direkt zu bearbeiten. Somit ist der DerrEsser nicht nur ein De-Esser und ein HF-Limiter, sondern er kann auch als (natürlich resonanzloses) Hoch- oder Tiefpassfilter eingesetzt werden.

Wie bereits erwähnt, arbeitet im Herzen dieses frequenzselektiven Kompressors eine VCA-Einheit. Attack und Release sind fest eingestellt (<1 ms und 0,4 s). Das Modul wurde als offene Steckkarte designt, man kann je nach verwendetem Housing eine vertikale oder horizontale Beschriftung ordern. Auf der Hauptplatine findet sich ein sauberer Schaltungsaufbau nach modernen Kriterien: OpAmp-ICs sowie übertragerlos symmetrierte Ein- und Ausgänge. Das ist völlig in Ordnung so, denn im Idealfall sollte ein De-Esser kein Klangfärber sein, sondern einfach ein Tool, das möglichst unauffällig seinen eigentlichen Job erledigt.

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