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Workshop
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10.06.2016

Drum Play-Alike – Radiohead Workshop

Die Grooves der britischen Ausnahmeband zum Nachspielen

Drum Workshop mit Audio- und Notenbeispielen

Plötzlich war es da: das neue Radiohead Album. Am Sonntag, den 8. Mai 2016 veröffentlichten Thom Yorke und Co. ihren heiß ersehnten neunten Langspieler in Guerillam-Manier, wie es kurz zuvor bereits Beyoncé, Drake und James Blake taten. So spontan dieser „Release über Nacht“, so ausgereift klingen die elf neuen Songs auf „A Moon Shaped Pool“, die teilweise schon einige Jahre auf dem Buckel haben und bereits bei Konzerten zu hören waren. Der Radiohead -Neuling knüpft damit, im Vergleich zum sperrigeren Vorgänger „The King Of Limbs“ von 2011, stilistisch wieder mehr an ältere Platten der Band an.

Neben dem vermehrten Einsatz von Streichern glänzt „A Moon Shaped Pool“ natürlich auch wieder durch interessante Grooves von Drummer Phil Selway, der seit Anbeginn die Musik von Radiohead durch seine eigenwillige Mixtur aus Krautrock-Beats und Electro-Anleihen prägt. In diesem Workshop zeigen wir euch einige Groove-Beispiele aus verschiedenen Schaffensphasen der Band mit Audio- und Notenbeispielen zum Anhören und Nachspielen. Viel Spaß!

Hier könnt ihr euch ein PDF mit allen Noten aus diesem Workshop herunterladen:

Sound & Stil

So stark Radiohead mit ihrem 1993er Debüt „Pablo Honey“ noch im Indie-Rock verwurzelt waren, so eindeutig wendete sich ihr Sound mit den darauffolgenden Platten von konventionellen Rock-Gepflogenheiten ab. Eine wichtige Rolle spielte dabei ihr treuer Produzent Nigel Godrich, der mittlerweile als das geheime sechste Bandmitglied gilt. Der Einfluss Godrichs auf den Sound von Radiohead ist erstmals auf dem 1997er Album „OK Computer“ zu hören, das sich durch eine wesentlich experimentellere Produktion vom Vorgänger „The Bends“ absetzte. Spätestens seit den Alben „Kid A“(2000) und „Amnesiac“ (2001) bedienen sich Radiohead zunehmend der Klänge und Strukturen elektronischer Musik.

Sehr deutlich lässt sich das auch anhand der Drum Parts von Drummer Phil Selway feststellen, die im Laufe der Zeit immer mehr einem repetitiven Stil folgten und dabei stark an Jaki Liebezeit (Can) oder Klaus Dinger (Neu!) erinnern, deren straight durchlaufende Beats stilprägend für die deutsche Krautrock-Bewegung der frühen Siebzigerjahre waren. Klaus Dinger gilt als Erfinder des so genannten „Motorik-Beat“, der von ihm selbst jedoch „Apache-Beat“ genannt wurde. Mit dem Begriff „Motorik“ bezeichnen Musikjournalisten bis heute den pulsierenden Rhythmus vieler Songs von Neu! sowie anderer Krautrock-Bands. Spätestens durch Kraftwerks Hitsingle „Autobahn“ ist der Motorik-Beat weltweit populär und zu einem wichtigen Baustein des Elektropop geworden.

Zwischen Klaus Dingers hypnotisierendem Motorik-Beat, den etwas freieren, jazzrockigeren Can-Grooves eines Jaki Liebezeit und der heutigen elektronischen Beat-Kultur bewegt sich Radioheads (und damit Phil Selways) ganz individuelles Rhythmuskonzept, das wir uns im Folgenden anhand einiger Beispiele genauer anschauen.

Die Grooves

The National Anthem (Album: Kid A, 2000)

„The National Anthem“ startet mit einem prägnanten, stark verzerrten Bass-Riff, das als Hauptmotiv des Songs dient. Nach vier Takten startet Phil mit einem Achtel-Groove, der durch sein dichtes Sechzehntel-Muster zwischen Bass Drum und Snare auffällt. Abgesehen von kurzen Abschlägen auf das Crash-Becken und Wechseln zwischen Hi-Hat und Ride-Becken bleibt dieser Groove bis zum Ende des Songs unverändert. Das bringt einen sehr loopigen, HipHop-ähnlichen Charakter mit, der durch den speziellen Sound der Drums umso mehr verstärkt wird.

Pyramid Song (Album: Amnesiac, 2001)

„Pyramid Song“ basiert auf einem sanften Klavier-Pattern, das aufgrund des sehr getragenen Tempos, der speziellen Akkordplatzierung und des geshuffelten Feels den Vierviertelpuls auf interessante Art und Weise verschwimmen lässt. Es klingt fast so, als würde es sich hierbei um eine Aneinanderreihung verschiedenster Taktmaße handeln. Rhythmisch gesehen lässt sich dieses zweitaktige Pattern jedoch als 3-2 Bossa Nova Clave deuten! Interessant ist nur, dass auch nach dem Einsatz der Drums kein klares „Vierviertel-Gefühl“ entstehen will. Das liegt daran, dass sich die Drums stark nach der Rhythmik des Klaviers richten. Dabei ähnelt der Drum Part einer geloopten achttaktigen Jazzbeat-Phrase. Die Viertelnoten spielt Phil auf dem Ride-Becken, während er mit der Snare und der Bass Drum eine Art „Jazz Comping“ spielt, das Klavier also eher begleitet, als ihm einen klaren Backbeat entgegenzusetzen. Nach jeweils vier Takten variiert er diesen Jazz-Groove mit kleinen triolischen Fill-Ins. 

Where I End And You Begin (Album: Hail To The Thief, 2003)

„Where I End And You Begin“ lebt von einem fluffigen Sechszehntel-Groove, der zusammen mit dem Bass ein treibendes Fundament bildet. Phil spielt dabei mit der rechten Hand Achtelnoten auf der Hi-Hat, während er die Sechzehntel-Offbeats mit der linken Hand teilweise als Akzent, teilweise als Ghost Note auf der Snare spielt. Der Groove erinnert dabei stark an Funk Beats à la Clyde Stubblefield (James Brown).

Scatterbrain (Album: Hail To The Thief, 2003)

Ein weiterer interessanter Groove auf „Hail To The Thief“ ist im Song „Scatterbrain“ zu hören. Phil spielt  den gesamten Song über die unten notierte eintaktige Phrase, wobei er die Sechzehntel in der rechten Hand mal auf der Hi-Hat und mal auf dem Ride-Becken spielt. Dieser Groove besticht vor allem durch sein dichtes Bassdrum-Pattern, das auf Dreiergruppen basiert: zwei Sechzehntel-Schläge und eine Sechzehntel-Pause! Die drei Schläge auf den Zählzeiten „2e“, „2+“ und „2a“ sind dabei eine Ausnahme und dienen dazu, dass die Dreierverschiebung nach einem Takt wieder exakt von vorne losgehen kann. Dazu spielt Phil straighte Sechzehntel mit der rechten und Rimclicks mit der linken Hand. Das Ganze spielt er wohlgemerkt sehr soft, wodurch der Groove trotz der vielen Noten immer noch sehr smooth klingt. Hört selbst:

15 Step (Album: In Rainbows, 2007)

Radioheads siebtes Album „In Rainbows“ startet mit einem trashigen Elektro-Beat im Fünfachteltakt. Nach einigen Takten beginnt Phil damit, diesen Beat mit einem funkigen Groove zu unterstützen. Das Resultat ist eine spannende Fusion aus akustischen und elektronischen Drum Sounds, die die Grundlage des gesamten Songs bildet. Hier könnt ihr euch diesen Groove der Anschaulichkeit halber einmal mit und einmal ohne programmierte Elemente (in diesem Fall nur Claps) anhören:

Ful Stop (Album: A Moon Shaped Pool, 2016)

Kommen wir nun zu zwei Song-Beispielen von Radioheads brandneuem Album „A Moon Shaped Pool“. Der Groove des Songs „Ful Stop“ erinnert stark an den oben beschriebenen „Motorik-Beat“ von Klaus Dinger. Die erste Hälfte des Songs, der wohlgemerkt auf einem Sechsvierteltakt basiert, wird von einem Drum Beat vorangetrieben, der durch viele Filtereffekte sehr elektronisch daher kommt und sicherlich programmiert ist. Das Interessante ist dabei vor allem das verschobene Bassdrum-Pattern: bis auf die fünfte Zählzeit fällt die Bass Drum nämlich nur auf die Achtel-Offbeats!

Ab der Mitte des Songs setzt Phil daraufhin urplötzlich mit einer erweiterten Version des oben beschriebenen Drum Beats ein. Durch die Achtel auf dem Ride-Becken und die filigranen Ghostnotes auf der Snare entsteht dabei ein sehr jazz-rockiger Charakter, der allen Fans von Jaki Liebezeit gefallen dürfte.

Present Tense (Album: A Moon Shaped Pool, 2016)

Das letzte Beispiel in diesem Workshop soll der Song „Present Tense“ sein. Der Song startet mit einem Gitarren-Picking, das zunächst von einem Loop begleitet wird, der stark an das klassische Samba-Bassdrum-Pattern erinnert. Daraufhin startet ein gewischtes Sechzehntel-Pattern sowie Phil mit einem smoothen Drum Groove, der die Samba-Assoziation letztendlich komplettiert. Hier könnt ihr euch das gesamte Groove-Spektakel anhören:

Ich wünsche euch viel Spaß mit diesem Workshop! Zum Abschluss empfehle ich euch noch dieses Video, das Radiohead bei einem einstündigen Studiokonzert zeigt:

Bis zum nächsten Mal! - Jonas

 

Tipp: Hier geht es zurück zur Übersicht mit allen Play-Alike Folgen.

 

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