Test
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21.08.2015

Drawmer 1978 Test

FET-Kompressor mit Tone-Shaping

Klanglich formbare Buss-Kompression mit analoger Wärme

Der neueste Spross der Firma Drawmer, der "1978 Stereo Tone Shaping FET Kompressor", liegt auf dem bonedo-Testtisch. Seit etwa 30 Jahren stellt die britische Firma mit Sitz in Yorkshire der Audiowelt verlässliche Arbeitstiere in Form von Kompressoren, Gates, EQs und MicPreAmps zur Verfügung, die in fast keinem Produzenten- oder Live-Rack fehlen dürften. Wie gut der frischgebackene 1978 klingt, soll im bonedo-Test herausgefunden werden.

Der Drawmer 1978, der für 1.189,- Euro angepriesen wird, aber schon für unter 1.000,- Euro über den Ladentisch geht, ist eine Folgeentwicklung zum zuvor erschienen 2HE-3-Band-Kompressors 1973. Im Gegensatz zu der offenen, detailreichen Multiband-Kompressionssteuerung des 1973, wurde dem 1978er die Bänder-Steuerung entzogen, im Gegenzug sind mit "Character"-Switches, einer Tone-Shaping-Sektion und einem Saturation-Regler drei Interesse weckende Features hinzugekommen. Die Bedienung ist dadurch eher spielerisch-intuitiv als analytisch-programmierend, da man diesen Schaltern und Reglern zunächst einmal - im Gegensatz zur Multiband-Kompression des 1973 - nicht ansieht, wie sie den Klang beeinflussen könnten; man muss es einfach ausprobieren.

Details

Stereokompressor ohne Zweikanal-Möglichkeit

Der 1978 ist ein 19-Zoll-Gerät, eine Höheneinheit hoch und wiegt rund zweieinhalb Kilo. Rollen wir das Feld von hinten auf: die XLR-und TRS-Anschlüsse an der Rückseite sind keine Überraschung. Sie sind erwartungsgemäß weit genug voneinander entfernt platziert, um alles gut anschließen zu können. Obwohl die Ein- und Ausgänge mit Channel 1 und Channel 2 beschriftet sind, lassen sich die beiden angeschlossenen Signale nur gemeinsam regeln. Ein untereinander unabhängiger 2-Kanal-Betrieb ist also nicht möglich.

Die große Beschriftung mittig auf der Rückseite ist auf jeden Fall hilfreich zur Orientierung, wenn man sich beispielsweise im 24HE-Rack von hinten an die Verkabelung macht. Dass das Teil eigentlich am liebsten im Dauerbetrieb benutzt werden soll, macht Drawmer dadurch klar, dass der Powerschalter an der Rückseite angebracht ist. Da den Ausgängen geschickterweise eine Einschaltverzögerung spendiert wurde, bleiben die Ein- und Ausschaltvorgänge auf dem Audioweg unhörbar, so dass man dem Gerät jederzeit den Stromhahn zu- oder aufdrehen kann, ohne sich Störgeräusche im Signalweg einzufangen.

Frontpanel

Die Vorderseite ist vollgepackt mit Bedienelementen. Die Regler, Knöpfe und Anzeigen sind nicht aus der High-End-Fraktion, sondern wie gewohnt aus der kostengünstigeren Standard-Schublade, aber nur, was die Haptik angeht: Auf die Audioqualität hat dies keinen Einfluss. Die Bedienelemente sind von links nach rechts in der Reihenfolge des Signalflusses angeordnet. Ganz links geht es los mit vertrauten Kompressor-Reglern, gefolgt von vier "Kompressions-Geschmacksrichtungs"-Buttons, einem Saturation-Regler, den Tone-Shaping-Filtern und der Ausgangssteuerung, nebst raffiniert zweifarbig hintergrundbeleuchteter VU-Meter. Das macht doch schon mal alles einen guten Analog-Eindruck, so wie man es von Drawmer erwartet.

Kompressor

Jeder der weiß, wie man einen Kompressor generell bedient, kann auch den 1978 bedienen. Mit vier vertraut beschrifteten Kompressor-Drehreglern tastet man sich an die gewünschten Arbeitspegel und Regelzeiten heran, damit das Gerät das jeweils anliegende Audiomaterial greifen kann. Mit dem Threshold fährt man den Einsatzpegel ab, und wird ab einem bestimmten Punkt an der achtstelligen LED-Anzeige ablesen können, um wie viele Dezibel der Pegel oberhalb des Thresholds abgesenkt wird, vorausgesetzt, man hat am zweiten Regler, der Ratio, ein anderes Verhältnis als 1:1 eingestellt. Lässt man den Ratioregler auf Linksanschlag, findet keinerlei Pegelabsenkung statt. Man könnte ihn also als Bypass nutzen, falls man sein Audiomaterial ausschließlich durch die Saturation schicken möchte.

Die maximal einstellbare Ratio beträgt 10:1. Damit bekommt man die Kennlinie schon so weit abgeflacht, dass man dem 1978 durchaus die Kategorie Kompressor-Limiter eingestehen könnte.

Mit Attack bestimmt man bekanntlich, wie schnell die Kompressoreinheit das Audiosignal bis zur maximalen Absenkung herunterpegeln soll, Release bestimmt hingegen, wie schnell nach Rückfall unterhalb des Thresholdpunktes das Zurückregeln auf den Eingangspegel stattfindet. Die kleinste einstellbare Attackzeit von 0,2 Millisekunden ist recht kurz, und reicht aus, um selbst recht steil ansteigende Pegel schnell herunterpegeln zu lassen.

Character-Switches

Attack- und Release-Regler sind aber nicht die einzigen Elemente, mit denen man die Regelzeiten beeinflusst. Hier wurde dem durchtriebenen Toningenieur durch vier sogenannte Character-Switches weitere Einflussnahme eröffnet. Im Wesentlichen werden hier durch Veränderung der Kurvenform und der Zeiten unterschiedliche Situationen bedient. Hierzu sind vier verschiedene Buttons, die die Kompression unterschiedlich würzen: PGM, SMOOTH, REL.CURVE und CH.LINK.

"PGM" schaltet eine langsamere Releasezeit, abhängig von der Dichte des Materials, ein. Bei starker Kompression kann so ein Lautstärke-Pumpen gemildert werden. "Smooth" zögert den Release ein klein wenig hinaus, um bei kurzen Release-Zeiten ein Zerren bei tiefen Frequenz zu unterbinden. "Rel.Curve" schaltet von der klassischen, logarithmischen Release-Kurve auf linearen Kurvenverlauf um. Dies machte den Sound bei kurzen Releases weniger agressiv. Und "Ch.Link" beeinflusst wie sich die Kompression im Bezug auf die beiden Kanäle verhält. In Wide-Stellung wird dem Audiomaterial, abhängig von der Stärke der Kompression, eine leicht breitere Stereoabbildung aufkomprimiert.

Man benutzt diese vier Character-Buttons am besten nach dem "try and error"-Prinzip, und hört, was dem Audiomaterial gut tut, und was nicht. Diese vier Charakteristika könnte man vom Prinzip her mit unterschiedlichen Kompressor-Modellen, wie sie auf dem Markt erhältlich sind, vergleichen: Einen Kompressor/Limiter wie den 1176 mag man vielleicht auf den Vocals, weil seine Attack- und Release-Zeiten sich dem Audiomaterial anpassen, was vergleichbar mit dem "PGM"-Characterbutton wäre. Eine andere Kompressor-Legende wie den dbx160A würde man sich vielleicht ins Rack schrauben wollen, weil er dank seines "Overeasy"-Feastures schön weich komprimiert und ideal für eine Bassgitarre ist. Diese Weichheit kann man bei unserem Testkandidaten per "Smooth"-Character einschalten. Ersetzen kann man diese Legenden mit den Character-Buttons des 1978 nicht, aber deren Eigenschaften lassen sich zumindest ein wenig damit nachkonstruieren.

Saturation-Regler

Mit dem Saturation-Poti ist es möglich, dem durchgetriebenen Audiomaterial zweite und dritte Obertöne hinzuzufügen. Die angegebene Skala reicht von 0-10. Im Bereich bis 4 hört man meist noch wenig Änderung, aber spätestens bei 6 dürfte man die Grenze des guten Geschmacks erreicht haben. Einstellungen oberhalb von 6 führen zu sehr deutlichem Zerren und dürften von den meisten Tonarbeitern wahrscheinlich gemieden werden.

Optisch dargestellt wird der Anteil der hinzugefügten Obertöne übrigens durch eine pegelabhängige, gelb-rote LED-Hintergrundbeleuchtung der VU-Meter. So kann man nicht nur hören dass man sein Material mit Zerrung belegt, man kann es auch anhand der Hintergrund-Färbung der VU-Anzeigen ablesen. Je röter, desto mehr Zerrung.

Das "Shaping"-Feature bietet mehr, als man es von einem herkömmlichen Sidechain-EQ-Feature erwartet

Das Feature, das einen gewöhnlichen Kompressor in einen variabel einsetzbaren Kompressor verwandelt, ist die sogenannte Sidechain-Funktion. Hierzu lässt sich über die Sidechain-Send/Return-Anschlüsse an der Rückseite des Gerätes das Tonmaterial über den Send beispielsweise an einen EQ schicken, und das dort bearbeitete Material über den Return zurückholen. Das zu komprimierende Tonmaterial wird dann entsprechend frequenzgewichtet bearbeitet, wodurch ein genauerer, präziserer Einsatz des Kompressors möglich wird. Eine umfangreiche Formbarkeit des Steuersignals ist beim 1978 bereits durch die geräteeigenen EQs in der Shaping-Sektion möglich, so dass man sich in den meisten Fällen ein Einschleifen in zusätzliche externe Geräte per Sidechain-Inserts sparen kann.

Die Shaping-Abteilung kann man als eine Art Bass- und Höhen-Durchlass beschreiben. Setzt man die beiden Filter - jeweils als Bell oder Shelf einstellbar - ein, kann man stufenlos Bässe oder Höhen vom Kompressionsvorgang ausschließen, so dass diese nicht durch die Kompression abgesenkt werden, was wiederum zu Folge hat, dass diese Frequenzanteile lauter klingen. Die Sensibilität der Sidechain gegenüber den eingestellten Frequenzen wird mit Aufdrehen der Levelpotis geringer. Im Prinzip sind die Shaping-Filter also so etwas wie frequenzabhängige Bypass-Schaltungen und haben die klanglichen Auswirkungen eines EQs.

Durch Aufdrehen der Bässe kann man auf diese Art also beispielsweise alle Frequenzen oberhalb der eingestellten Grenzfrequenz bearbeiten oder durch Verstärken der Höhen alles unterhalb von 2 kHz der Kompression zuführen. Setzt man beide Filter als Shelving-Filter an ihren obersten und untersten Grenzfrequenzen ein, so bearbeitet man beispielsweise nur noch die Mitten zwischen 500 und 2000 Hz mit der eingestellten Kompression.

Output

Die nächste Sektion auf der Frontplatte ist die Output-Sektion. Hier fällt neben dem üblichen Ausgangs-Gainregler und Bypassknopf und seiner LED der Mix-Regler ins Auge. Hiermit ermöglicht Drawmer dem gemeinen Nutzer, das bearbeitete und das unbearbeitete Eingangssignal je nach Gusto im Verhältnis zusammengemischt zum Ausgang zu schicken. Hat man es mit der Kompression übertrieben, mag aber den Sound dennoch irgendwie, so kann man auf diese Weise die unbearbeiteten Original-Signale dazumischen, um sich so die Natürlichkeit ein wenig zurückzuholen. Man holt damit den 1978 aus der Welt der sogenannten Insert-Effekte und nutzt ihn nun als Zumisch-Effekt.

VU-Meter

Außen rechts befinden sich die beiden VU-Anzeigen. Sie veranschaulichen den Ausgangspegel, und lassen sich bei Bedarf per PAD-Button um 10 dB reskalieren. Durch die dahinter verbauten gelben und roten LEDs wird, wie bereits beschrieben, der Pegel der hinzugefügten Sättigung per Saturation-Regler abgebildet.

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