Gitarre Bass Serie_Interview
Feature
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30.08.2012

Dispatch Interview

Die größte Band, von der noch niemand gehört hat

Es ist heiß. Deutschland im August 2012. Das heißeste Wochenende des Jahres liegt hinter uns. Mit Spitzenwerten weit über 30 Grad. Überall in Deutschland. Die sogenannte „Afrika-Hitze“. Das kommt selten genug vor in unseren Breitengraden. Noch seltener als ein paar Sahara-Tage zwischen Flensburg und München ist allerdings der Besuch dreier Herren von der amerikanischen Ostküste. Faktisch haben sie dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt Deutschland als Band besucht. Dabei werden wir gerne als „die größte Band, von der noch niemand was gehört hat“ bezeichnet, so Drummer Brad Corrigan. Und wie haben es Dispatch dahin geschafft, wo sie heute stehen?

Macht es zu eurem Projekt

Brad Corrigan, Chad Urmston und Pete Francis sind Dispatch. Eine Indieband aus Boston, Massachussetts. Diese Band ist ein Phänomen. Seit Mitte der 1990er macht sie Musik. Eine Mischung aus Rock, Reggae und Folk. Dabei haben Dispatch niemals am ganz großen Rad gedreht. Zumindest nicht unter herkömmlichen Gesichtspunkten. Im Gegenteil. Ihre Songs sind nicht in den Playlisten der Radiostationen rotiert, das Musikfernsehen hat sie links liegen lassen und auch die Musikpresse hat ihnen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dispatch haben auch bei keinem der großen Plattenlabels unterschrieben. Sie sind eine natürlich gewachsene Band, die es auf mittlerweile fünf Studioalben gebracht hat. Und auf einige denkwürdige Meilensteine. So haben sie den New Yorker Madison Square Garden drei Mal nacheinander ausverkauft – und so vor unglaublichen 60.000 Menschen gespielt. Zu ihrem Abschlusskonzert in Boston sind statt der vorsichtig geschätzten 40.000 weit über 100.000 Menschen gepilgert. Aus 25 Ländern der Welt. Im August ist „Circles Around The Sun“ erschienen. Ihr fünftes Album; das erste nach 12 Jahren Pause. „Man könnte sagen, wir sind eine Blaupause dafür, wie man es als Band ohne Unterstützung schafft“, so Sänger Chad im bonedo.de Interview

Keine Band aus der Mikrowelle

„Wir haben am Anfang in unglaublich vielen Schulen und an Unis gespielt“, erinnert sich Bassist Pete. „Freunde und Familie haben uns damals dabei geholfen, sodass wir auch an deren Schulen spielen konnten. Wir hatten eine kleine PA und einen Bus für unser Zeug. Die Booker, die wir angerufen haben, waren alle nicht an uns interessiert.“ Keine Band füllt vom Fleck weg große Clubs. Der Weg dahin kann manchmal Jahre dauern, wenn er überhaupt zum Ziel führt. Dispatch scheinen jedoch einiges richtig gemacht zu haben. „Zu Beginn haben wir tonnenweise Tapes mit unserer Musik verschenkt“, sagt Chad. „Vier, fünf Jahre haben wir gespielt und nur wir drei waren für uns verantwortlich. Das Internet war damals ganz neu. Die Musiktauschbörse Napster kam an den Start. Das hat uns sicherlich dabei geholfen, unsere Musik über die amerikanischen Grenzen hinaus zu verteilen.“ Im Gespräch erklären mir die drei sehr nachvollziehbar, warum es wichtig ist, den richtigen Leuten zu vertrauen und sich vor allem Zeit zu lassen. Nicht hektisch zu handeln. „Du kannst keine Band in der Mikrowelle garen. Du kannst nicht die Vorspultaste drücken. Das gibt es zwar auch. Aber solche Bands existieren nicht lange“, sagt Drummer Brad.

Es lebe der Sport

Als Dispatch sich kennengelernt haben, treiben sie Sport an der Uni. Wie die meisten amerikanischen Jugendlichen. Den Sportsgeist haben die drei Freunde auch in ihr Bandgefüge aufgenommen. „Als Mannschaftssportler ist es wichtig, die richtigen Leute im Team zu haben“, rät Brad. „Unterschreibt erst einen Plattenvertrag, wenn ihr euch sicher seid, die richtigen Leute gefunden zu haben. Wir haben viele Horrorgeschichten von befreundeten Bands gehört, die bei Labels unterschrieben haben. Wir sind sehr froh, diese Welt von außen betrachten zu können.“ „Nehmt euch Zeit, die richtigen Leute für euer Team auszuwählen“, ergänzt Pete. Jahrelang waren es nur die drei. Erst nach und nach haben sie sich ein funktionierendes Umfeld geschaffen. Mit Leuten, denen sie vertrauen können. Die nur das Beste für die Band und ihre Musik wollen. Mittlerweile zählt der kleine Dispatch-Kosmos 15 bis 20 Leute. „Wir haben einen guten Booker, einen Anwalt und ein gutes Management“, zählt Brad auf. „Sucht euch diese Leute aber erst, wenn ihr wirklich müsst. Bis dahin kümmert euch selbst um deren Aufgaben. Denn so lernt ihr eine Menge über deren Funktionen.“

Ebbe und Flut

Dispatch haben die Kontrolle über sich und ihre Musik behalten. Sie entscheiden, wann und wo sie Musik veröffentlichen, ob sie auf Tour gehen und wo sie dann spielen. Sie veröffentlichen ihre Alben ohne Abgabefristen. „Es gibt gute und schlechte Zeiten als Künstler. Ebbe und Flut sozusagen. Mit einem Major Label im Rücken müssten wir auch in Zeiten, in denen Ebbe ist, kreativ sein. So läuft es doch. Du bringst ein Album raus, tourst damit zwei Jahre durch die Weltgeschichte um auch den letzten Tropfen aus diesem Album rauszupressen. Danach bist du erledigt. Ein Label würde dich aber dazu zwingen, gleich an einem neuen Album zu arbeiten. Ich erkenne nichts menschliches in diesem Ablauf“, fasst Brad das tägliche Geschäft einer unter Vertrag stehenden Band zusammen.

Band und Bewegung

Ihr letztes Deutschlandkonzert dieses Jahr ist seit Wochen ausverkauft. Zu ihrem Konzert im Hamburger Knust kommen erstaunlich viele junge Leute. Sogar Teenager. Diesen Club bekommen selbst manche Bands mit Major Label Vertrag nicht voll. Schon vor dem Club wird klar, warum Dispatch keine reine Band sind, sondern mehr eine Art Bewegung, Lebensgefühl. Vor dem Club stehen zwei Mitarbeiter von amnesty international, um Unterschriften für die Freilassung der russischen Frauen von „Pussy Riot“ zu sammeln. Sie bekommen viele Unterschriften an diesem Abend. „Wir spielen nicht nur einfach unsere Konzerte runter. Wir möchten unsere Fans ermutigen, sich zu engagieren“, erklärt Chad. Und Brad ergänzt: „Bei uns gibt es diese unsichtbare Barriere zwischen Bühne und Publikum nicht. Selbst als wir im Madison Square Garden vor 20.000 Leuten pro Abend gespielt haben, hat es sich angefühlt, wie in einem großen Wohnzimmer.“ An diesem Abend August steht die größte Band, von der noch niemand was gehört hat in Hamburg auf der Bühne. Im heißesten und verschwitztesten Wohnzimmer Deutschlands.

Epilog:

Seit dem Konzert in Hamburg ist gerade einmal ein gutes halbes Jahr vergangen, trotzdem denkt man immer noch gern an den Dispatch-Montag im Sommer zurück. Nach dem schweißtreibenden Konzert ließ es sich die Band nicht nehmen, ihre Fans im gemütlichen Eingangsbereich des Knust wie alte Freunde zu begrüßen. Inzwischen hatte sich auf dem mittlerweile auf angenehme Temperaturen abgekühlten Vorplatz des Knust eine australische Akustik Band platziert. Deren rumpeliger Country-Sound lockte auch Dispatch noch an die frische Luft, wo die Band gemeinsam mit ihren Anhängern den Abend ausklingen ließen.

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