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10.07.2020

Diese vier Kompressor-Arten musst Du kennen

Tube, FET, Opto, VCA verstehen und richtig benutzen

Was die Typen der Dynamikbearbeitung unterscheidet

Urei 1176, Teletronix LA-2A, Fairchild 670, dbx 160… Das sind die Namen legendärer Audio-Kompressoren und jeder, der sich mit dem Thema Mixing beschäftigt, stößt unweigerlich auf unzähligen Lobpreisungen dieser berühmten Kompressoren. Das interessante ist dabei: Jeder dieser vier Kompressoren arbeitet mit einem anderen elektrotechnischen Prinzip, um die Kompression zu erzeugen.
Beim Urei 1176 kommen Feldeffekttransistoren zum Einsatz (abgekürzt „FET“), der Teletronix LA-2A arbeitet ein Opto-Element, im Fairchild 670 sind es Vakuum-Röhren (im englischen „tubes“ genannt) und im dbx 160 Compressor stecken Voltage-Controlled-Amplifiers, abgekürzt VCA.

Tube, FET, Opto, VCA

FET, Opto, Tube und VCA – so werden die vier Regelungsprinzipien abgekürzt und in vielen Plug-in-Kompressoren findet man Einstellungen bezüglich dieser Kompressions-Typen oder in den Preset-Namen Hinweise auf die Art der Kompression.

Es dürfte nur ein wenige Personen geben, die alle dieser vier Kompressoren als analoges Outboard-Gerät ihr eignen nennen, zu selten sind sie und zu teuer: Für einen originalen Fairchild 670 Beispiel muss man einen mittleren fünfstelligen Dollar-Betrag hinblättern! Aber auch für Originale der anderen Kandidaten muss man tief ins Portmonnaie greifen, deswegen erfreut es uns, dass es inzwischen sehr gut klingende Plug-in-Emulationen gibt. So kommt es also vor, dass selbst wir Normalsterblichen ab und an vor der Wahl stehen: Welchen Kompressor soll ich nutzen? 

In diesem Tutorial möchte ich euch zeigen, was die technischen Unterschiede zwischen den einzelnen Kompressoren sind, was das für den Kompressions-Vorgang bedeutet und warum aus diesem Grund gewisse Kompressoren für gewisse Jobs besser geeignet sind, als andere. Bleibt ihr bis zum Ende aufmerksam, fällt die Kompressor-Wahl beim nächsten Mal viel leichter! Versprochen!

Kurze Erinnerung: Was macht ein Kompressor?

Ein Kompressor verringert die Dynamik eines Signals, indem er laute Signale leiser – Der Kompressor macht nicht mehr, aber halt auch nicht weniger. Wer in der Bedienung eines Kompressors nicht so sattelfest ist, kann sein Wissen im Crashkurs Mixing auffrischen.

Das Eingangssignal wird auf seinen Pegel hin analysiert und überschreitet dieser Pegel einen bestimmten Grenzwert, wird das Signal um einen gewissen Wert leiser geregelt. Dabei ist es sehr wichtig, wie schnell diese Regelungselektronik auf das Überschreiten des Grenzwertes reagiert. Und wie schnell diese Regelung wieder zurückgenommen wird, nachdem der Signalpegel wieder unter den Grenzwert gefallen ist.

Die wichtigen Einstell-Parameter, die wir von den meisten Kompressor kennen, sind: Threshold, Ratio, Attack und Release. Der Grenzwert, den das Signal überschreiten muss um den Regelvorgang auszulösen ist der Threshold. Den Wert, um den das Signal abgesenkt wird, bestimmt die Ratio. Wie schnell der Kompressor auf das Überschreiten reagiert, wird mit der Attacke-Zeit gesteuert und wie schnell die Regelung zurückgenommen wird bestimmt die Release-Zeit. Wie sich gleich zeigen wird, haben wir nicht bei allen Kompressoren Zugriff auf diese vier Parameter.Da der Kompressor ein Signal leiser macht, benötigen wir am Ende einen Verstärker, der die Pegelverringerung wieder aufholt. Der Regler, mit dem wieder lauter gemacht wird heißt meist (aber nicht immer…) „Makeup Gain“.

Tipp: Immer, wenn ihr Kompressoren untereinander oder ein komprimiertes mit einem unkomprimierten Signal vergleicht, müsst ihr darauf achten, dass die Signale eine möglichst gleiche Lautheit aufweisen! Sonst gewinnt das lautere Signal.

Typ 1: Der Tube-Kompressor

Die ersten Kompressoren wurden etwa in den 1950ern für den Rundfunk entwickelt, um die Sprachübertragung auf einem konstanten Level zu halten, ohne dass immer ein Techniker den Finger am Fader haben musste. Elektronische Halbleiter hatten noch keinen Einzug in die Audio-Technik gehalten, das Bauteil dieser Zeit waren Vakuum-Röhren. Im Prinzip wird bei der Röhren-Kompression durch eine sich ändernde Bias-Spannung die Verstärkung einer Röhre in Abhängigkeit des Eingangsmaterials geregelt. Und weil Röhren ein nichtlineares Bauteil sind, arbeitet auch ein Röhren-Kompressor nicht linear: Je lauter ein Signal ist, desto größer ist die Ratio, mit der komprimiert ist. Wegen der Nonlinearität besitzen Röhren-Kompressor also naturgemäß eine Soft-Knee-Schaltung. Der Urtyp des Tube-Compressors ist der Fairchild 670 (oder 660 in der Mono-Version).

Die Fairchild-Parameter

Da die Ratio eines Signals abhängig von der Eingangslautstärke ist, kann man bei einem Tube-Compressor die Ratio nicht einstellen. Die Stärke der Kompression wird über den Input- und den Threshold-Regler bestimmt.Ein Röhren-Kompressor ist nicht der schnellste, beim Fairchild liegt die kürzeste Attack-Zeit bei 200 Millisekunden. Die Release-Zeiten liegen beim Fairchild zwischen 300 Millisekunden und ganzen fünf Sekunden. Der Regler zur Auswahl der fünf Timing-Einstellungen arbeitet nicht von langsam zu schnell, vielmehr verbergen sich hinter den Schaltstellungen fünf unterschiedliche Einstellungen von Attack und Release-Zeiten. Mit dem Output-Regler wird das Ausgangssignal des Kompressors bestimmt.

Einsatzorte eines Tube-Kompressors

Um ganz schnelle Transienten im Zaum zu halten, sind die erreichten Attack-Zeiten zu langsam: Bis der Kompressor reagiert hat, ist der Signal-Peak schon durchgerauscht. Was der Tube-Kompressor aber sehr gut kann, ist die Dynamik-Unterschiede im größeren Rahmen zu glätten, deshalb fühlt er sich in Subgruppen oder im Summen-Bus sehr wohl. Zum „Analogisieren“ von digital erzeugten Sounds eignet sich der Tube-Kompressor ebenfalls.

Typ 2: Der Feldeffekttransistor-Kompresser (FET-Kompressor)

Nach und nach wurden Röhren durch die „neuen“ und „modernen“ Feld-Effekt-Transistoren ersetzt. Diese Bauteile sollten im Prinzip die Arbeitsweise einer Röhre imitieren, ohne die negativen Begleiterscheinungen der Röhrentechnik zu liefern: lebensgefährlich hohe Spannungen, starke Erwärmung im Betrieb, geringe Lebensdauer von Röhren. Im Unterschied zu den Röhren arbeiten die FETs viel schneller, es können also viel kürzere Attack-Zeiten realisiert werden. Allerdings sind die FETs nicht gerade bekannt dafür, ein transparentes klingendes Bauteil zu sein. Zudem hatten die ersten FET-Kompressoren Ein- und Ausgangsstufen mit Transformatoren, die zudem klangfärbend wirken. Sprich: Ein FET-Kompressor ist ein Kompressor mit Klangcharakter. Ein sehr wichtiger, früher FET-Kompressor ist der Urei 1176.

Die 1176-Parameter

Der 1176 besitzt keinen Threshold-Regler, der versteckt sich im Prinzip hinter dem Input-Regler: Je lauter wir das Signal in den Kompressor schicken, desto stärker wird komprimiert. Den Regelzeiten des des Urei 1176 sagt man nach, auch in den langsamsten Einstellungen noch ziemlich schnell zu arbeiten. Immer dort, wo transientenreiche Signal bearbeitet werden müssen, ist der 1176-Kompressor also eine gute Wahl. Seine Attack-Zeiten reichen von superkurzen 0,02 ms bis maximal 800 ms. Bei den Release-Zeiten geht es nur leicht gemächlicher zu: Beim 1176 gehen die Werte von 50 ms bis maximal 1,1 Sekunden. Die Timing-Regler arbeiten dabei von langsam nach schnell, sprich der langsamste Wert wird mit Poti Anschlag links eingestellt, je weiter man den Regler im Uhrzeigersinn aufdreht, desto schneller werden die Werte.Vier Ratio-Werte können über Druckschalter angewählt werden. Eigentlich sind diese Ratio-Schalter im Original „ablösend“, wenn man einen Schalter drückt, springt der zuvor gewählte Schalter in seine Off-Stellung. Man kann allerdings alle vier Ratio-Schalter gleichzeitig drücken, was im Gerät so einige Einstellungen durcheinanderwirbelt und zu einem sehr speziellen Sound führt. Bekannt ist dieser Trick unter dem All-Button-Mode. Die 1176-Bedienung und der All-Buttons-Trick sind Inhalt des verlinkten Artikels.

Einsatzort des FET-Kompressors

Der FET-Kompressor ist wegen seiner Schnelligkeit oft auf Snare-Spuren zu finden, wo man dem Sound eine gute Schippe „Punch“ aufladen kann. Aber auch auf E-Bässen und Vocal-Spuren wird der 1176 häufig eingesetzt. Im Prinzip passt der FET-Kompressor immer dann, wenn dem Signal Charakter und gegebenenfalls etwas Aggressivität mitgegeben werden muss.

Grit-Trick mit dem 1176

Wegen der kurzen Regelzeiten kann man mit einem 1176-Kompressor das Signal sogar verzerren. Man nennt das den Grit-Trick: Dreht man die Attack und Release-Zeiten auf die kürzesten Werte, wird das Signal gleichzeitig komprimiert und fängt an verzerrt zu klingen. Richtig krachen kann man es lassen, wenn man den Grit-Trick mit dem All-Button-Mode kombiniert Besonders gut funktioniert das bei DI-Spuren von E-Bässen, aber auch bei Vocals kann man das Signal so mit etwas „Dreck“ anreichern.

Typ 3: Der Opto-Kompressor

Einen gänzlich anderen Weg der Regelung geht man bei den optischen Kompressoren. Hier bestimmt die Stärke des Eingangssignals die Helligkeit einer Glühbirne oder einer Leuchtdiode. Gegenüber dieser Lichtquelle sitzt ein lichtempfindlicher Widerstand, dessen Wert steigt, wenn das Licht heller wird. Je höher der Widerstand, desto höher die Pegelreduktion. Bekanntester Vertreter der Opto-Kompressoren ist der LA-2A.

Die LA-2A-Parameter

Der LA-2A hat genau zwei Regler: Zum einen den Gain-Regler – der eigentlich ein Makeup-Gain- ist und kein Input-Gain-Regler! Und einen Peak-Reduction-Regler, mit dem die Stärke der Kompression eingestellt wird. Der Rest passiert unter der Haube.

Die Regelzeiten eines LA-2As sind speziell: Die Attackzeiten liegen durchschnittlich bei 20 ms (schnell, aber nicht ultraschnell…), die Release-Zeiten dagegen sind stark von der Art des Signals abhängig und es kann mehrere Sekunden dauern, bis das Signal wieder beim Original-Pegel angekommen ist. Einen LA-2A einstellen ist also ganz einfach: Peak-Reduction aufdrehen, bis die gewünschte Anzahl an dB weggedrückt wird und den Lautheitsverlust mit dem Gain-Regler wieder aufholen.

Einsatzort des Opto-Kompressors

Ein Attribut, dass immer wieder mit dem optischen Kompressor verbunden wird: Musikalität. Damit ist gemeint, dass der Kompressor auch bei starker Kompression noch weitgehend unhörbar arbeitet. Weil er zudem ein ungemein transparenter Kompressor ist, findet man ihn häufig auf Vocals oder Solo-Instrumenten. Man kann ihn aber auch während der Aufnahme als Limiter einsetzen, um zum Beispiel ein analoges oder digitale Aufnahmemedium vor Übersteuerung zu schützen. Auch hier punktet der Opto-Kompressor mit Transparenz und „Unhörbarkeit“.

Typ 4: Der Voltage-Controlled-Amplifier-Kompressor (VCA-Kompressor)

Ein VCA ist ein spannungsgesteuerter Verstärker, beim Kompressor regelt eine Steuerspannung den Verstärkungsfaktor in Abhängigkeit des Eingangssignals. Der Vorteil dieser Regelung: Man hat die volle Kontrolle über die Regelzeiten und zudem können die Attack-Werte sehr kurz gewählt werden. Generell ist der VCA-Kompressor der flexibelste, was die Anwendungen angeht und gleichzeitig ist er der Neutralste, was den Sound angeht. Allerdings kann man mit entsprechendem Drumherum aus einem VCA-Kompressor so ziemlich alles herausholen. Der Empirical Labs Distressor ist zum Beispiel ebenfalls ein VCA-Kompressor, der alles andere als neutral klingen kann. Es gibt jede Menge verschiedenen VCA-Kompressoren, als typischer Vertreter wird oft der dbx 160 genannt. An Bekanntheit dürfte er zwar vom SSL-Bus-Compressor überboten werden, den dbx 160 halten dennoch viele Toningenieure für den besten VCA-Kompressor aller Zeiten.

Einsatzort des VCA-Kompressors

Eigentlich kann man den VCA-Kompressor überall einsetzen, man findet ihn als Summen-Kompressor ebenso häufig wie in einem Kanalzug. Man kann aber generell sagen, dass sich ein VCA-Kompressor wegen seiner gut einstellbaren Timing-Werte sehr gut dazu eignet, transientenreiche und perkussive Signale zu bearbeiten, also Drum-Aufnahmen und Drum-Subgruppen.

Spezieller Kompressor-Einsatz: Parallel Kompression

Kompressoren lassen sich sehr gut dazu verwenden, Drum-Tracks aufzupeppen. Sehr schöne Ergebnisse erzielt man mit der Parallel-Kompression: Dazu dupliziert man das Signal (oder routet es auf einen Stereo-Aux-Weg…) und während das eine Signal unkomprimiert bleibt, wird das zweite Signal komplett zusammengestaucht und dann dem Original leise zugemischt. Ergebnis bekommt man lebendige Drum-Tracks, die trotzdem Schmackes haben.

Vier Tipps zur Wahl eines der vier Kompressor-Typen

Mit den folgenden vier (groben) Auswahl-Tipps könnt ihr beim nächsten Mix gezielt zu einem speziellen Kompressor-Typus greifen. Allerdings gilt wie so oft in der Kunst: Erlaubt ist, was gefäl

  • Zum Verdichten von Mixen und dem berühmten „Glue“-Effekt eignet sich ein Tube-Kompressor in der Stereosumme.
  • Perkussive Instrumente und Signale mit starken Transienten kann man mit einem VCA-Kompressor zähmen.
  • Bei Vocal-Spuren sind wir als Zuhörer besonders sensibel, was die Klangbearbeitung angeht.
  • Der Opto-Kompressor ist hier eine gute Wahl.Immer wenn Klangcharakter gefragt ist, macht ein FET-Kompressor eine gute Figur.

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