Software
Test
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18.01.2016

Celemony Melodyne 4 Studio Test

Audio-Software zur Tonhöhen- und Tempokorrektur

Mehr als nur Pitch Correction

Die Audio-Bearbeitungssoftware Celemony Melodyne ist in Version 4 erschienen. Updates des Programms auf eine neue Versionsnummer waren in der Vergangenheit nicht selten Revolutionen für die Musikproduktion mit dem Rechner. Schon die Erfindung von Melodyne kann man auf eine Stufe stellen mit der Erfindung von Mehrspuraufnahmen oder dem nondestruktiven Editing beim Harddisk-Recording. Ist Celemonys Major Update auf Version 4 ähnlich zu bewertende Veränderung wie bei der Einführung der faszinierenden DNA-Technologie, die die Gesetze der Physik zu überlisten scheint.

Meine persönliche Geschichte mit Celemonys Editing-Software Melodyne beginnt schon vor weit über zehn Jahren. Die erste Version des Programms bekam ich die im Jahr 2001 in die Finger. Melodyne stellte damals einzelne Töne monophoner Gesangs- oder Instrumenten-Aufnahmen in seinem Editor wie MIDI-Noten dar, obwohl es sich um Audiodaten handelte. Ein Quantensprung für die Audiobearbeitung! Damit wurde eine Intonationskontrolle möglich, die wesentlich musikalischer und feinfühliger war, als man es bis dahin von Produkten wie Autotune oder ähnlichen kannte. Im Laufe der Jahre hat sich das Audio-Programm immer weiter entwickelt, bis im Jahr 2008 die absolute Sensation kam: Melodyne hatte den Umgang mit polyphonem Audiomaterial erlernt (Direct Note Access = DNA). Seitdem kann man mit einem Mausklick Dur- zu Moll-Akkorden machen, einzelne Töne innerhalb eines Akkordes leiser oder lauter machen und vieles mehr.

Melodyne gab es schon immer als Stand-Alone-Programm, ist aber auch seit vielen Jahren schon als Plug-In für alle gängigen Schnittstellen erhältlich. Neben der hier getesteten Vollversion Melodyne Studio 4, die stand-alone und als Plug-In betrieben werden kann, sind mit Melodyne 4 Editor, Melodyne 4 Assistant und Melodyne 4 Essential verschiedene abgespeckte Versionen der Software im Angebot.

Details

Melodyne 4: Sound-Editor mit Polyphonic Spectral Shaping

Der neue Sound-Editor in Melodyne 4 hat so gar nichts mit den bekannten Sample-Editoren in DAWs zu tun. Hier geht es um musikalische Manipulationen des Sounds. Hier lassen sich die Obertöne der Noten bearbeiten, aber auch ein grafischer EQ ist eingebaut und selbst eine komplette Resynthese eines Klangs aus Sinusteiltönen ist hier möglich. Dazu gibt es noch zwei weitere Effekte, die mit Emphasis und Dynamics bezeichnet sind und die Manipulation von Klang und Lautstärke auf eigene Weise betreiben. All diese Bearbeitungen werden durch die Notenerkennung in Melodyne möglich. Aus diesem Grund stehen sie auch nur bei den Algorithmen „Melodisch“ und „Mehrstimmig“ zur Verfügung. Bei „Perkussiv“ und „Universell“ ist die Erkenntnisdichte deutlich geringer, deshalb ist Melodynes Sound-Editor bei Anwendung dieser Algorithmen ausgegraut. 

Die mit diesen neuen Werkzeugen der Version 4 zu erreichenden Ergebnisse klingen bei beherztem Reindrehen ungewöhnlich und setzen für zielgerichtete Anwendung ein wenig Übung voraus. Statt an den einzelnen Teiltönen/Frequenzbändern zu ziehen, ist es zum Einstieg wirkungsvoller, die Makro-Schieberegler am unteren Ende des Fensters zu betätigen und so die Wirkungsweise kennen zu lernen. Je nach vorgewähltem Arbeitsmodus (Harmonics, Lo, Hi, EQ oder Synth) stehen verschiedene Makros zur Verfügung, die alle ausprobiert werden sollten. Natürlich sind auch jederzeit chirurgische Eingriffe direkt in der Balkendarstellung möglich. Je nach Position des Mauszeigers in der Balkengrafik bewirken Mausaktionen die Selektion mehrerer Balken, die Veränderung der Teiltonlautstärke oder eine Veränderung der Formanten. Das ist alles sehr ausgeguckt und ergonomisch, wenn man es denn einmal erlernt hat. 

Da die klanglichen Veränderungen teilweise sehr drastisch sein können, empfiehlt es sich häufig, die Alt-Taste der Computer-Tastatur gedrückt zu halten, um den jeweiligen Parameter mit sehr feiner Auflösung zu verschieben. Dieses Umschalten in einen Feineinstellungs-Modus funktioniert in allen Programmbereichen Melodynes.

Beim Experimentieren mit den verschiedenen Funktionen kommt man nicht immer zu musikalisch oder klanglich sinnvollen Ergebnissen, aber auch für diese Fälle ist vorgesorgt: Sämtliche Veränderungen, die man im Sound-Editor vornimmt, lassen sich mit einem Mausklick ungeschehen machen oder „zurücksetzen“, wie es in Melodyne heißt. Prima!

Kommen wir zum einzigen Wermutstropfen bei der Arbeit mit dem Sound-Editor: Die Veränderungen, die sich mit den Makro-Reglern und anderen Parametern des Editors bewirken lassen, sind leider nicht in der DAW automatisierbar. Für interessantes Sounddesign wäre es überaus wünschenswert, wenn man leichte Veränderungen der konturierenden Parameter aufzeichnen und später feintunen könnte, um gezielt Verläufe zu gestalten. Vielleicht kommt diese Funktion mit einem zukünftigen Update?

Multitrack Note Editing

Bei diesem neuen Feature handelt es sich streng genommen gar nicht um eine neue Funktion von Melodyne, sondern lediglich um eine Bedienungserleichterung. Okay, das „lediglich“ streiche ich sofort wieder, weil diese Workflowverbesserung enorme Auswirkungen auf die Arbeit mit Melodyne hat und bei Licht betrachtet auch eine Fortentwicklung in der Plug-In-Technologie bedeutet.

Also, worum geht’s? Von nun an kann der Melodyne-Benutzer die Noten mehrerer Spuren gleichzeitig in einem Melodyne-Edit-Fenster sehen. Kritische Geister werden jetzt vermuten, dass das schnell unübersichtlich werden kann. Das stimmt aber nicht, weil die Lösung dem Benutzer jederzeit ermöglicht, die Komplexität des dargestellten Inhalts und der gleichzeitig zu bearbeitenden Noten detailliert festzulegen. So kann ich zum Beispiel die einzeln eingespielten Bläserstimmen gemeinsam bearbeiten, die Piano-Akkorde sehen, während ich die Vocals tune oder die schon vorhandenen Stimmen beim Aufbau von zweiten Stimmen – es ließen sich viele weitere Beispiele nennen. 

Möglich wird das durch ein zweistufiges System: Neben dem Spurnamen gibt es ein graues und ein orangefarbenes Symbol der Melodyne-typischen Blobs. Durch Auswahl des grauen Symbols legt man fest, dass die Noten dieser Spur zwar grau angezeigt werden, aber nur der Orientierung dienen und nicht unabsichtlich bearbeitet werden können. Ist das orange Blob-Symbol ausgewählt, sind die Blobs dieser Spur zur Bearbeitung freigegeben. Zur Auswahl der Spuren und der gewünschten Darstellungsweise werden die gewohnten Selektionstechniken mit Shift-Klick (für zusammenhängende Selektionen) oder Command-Klick (für die gleichzeitige Auswahl mehrerer nicht direkt hintereinander liegender Spuren) genutzt. Das klappt übrigens sowohl in der Stand-Alone- als auch in der Plug-In-Variante von Melodyne Studio 4. – Wie bitte? Im Plug-In? Ja, und darin liegt eine technische Innovation, die eine Fortentwicklung der Plug-In-Technologie bedeutet: Alle Spuren in der DAW, auf denen das Melodyne-Plug-In insertiert ist, tauchen in der Spurliste auf, sobald man eine beliebige Instanz öffnet. Man kann also beliebig viele Melodyne-Instanzen in einem Plug-In-Fenster bearbeiten. Eine solches Zusammenwirken verschiedener Plug-In-Instanzen hat es bislang noch nicht gegeben. Ähnlich wie Celemony vor Jahren ein Vorreiter bei der Skalierbarkeit der Größe des Plug-In-Fensters war, erweitert Melodyne auch an dieser Stelle wieder die Möglichkeiten. Großartig! Die oben genannten Arbeiten gehen nämlich viel leichter von der Hand, wenn man mehrere Spuren gleichzeitig in einem Fenster zur Verfügung hat und nicht mit mehreren geöffneten Plug-In-Fenstern gleichzeitig arbeiten muss. 

Ergänzt wird dieses Merkmal durch die Spur-übergreifenden Makros zum Korrigieren der Tonhöhe und der Abspielposition. So ist eine multimikrofonierte Aufnahme mit wenigen Handgriffen in einem Rutsch korrigiert. Es ist aber auch möglich, eine Spur zum Quantisierungs-Master zu erklären und die anderen an deren Timing anzupassen.     

Neu: Tempo-Erkennung in Melodyne 4

Ein weiteres neues Merkmal in Melodyne Studio 4 ist die integrierte Tempoerkennung. Sobald man ein Audiofile in Melodyne öffnet und die Erkennung abgeschlossen ist, kann man in Melodyne Stand-Alone den Klick einschalten und er läuft wie von Zauberhand synchron zur Aufnahme. Wenn man zusätzlich den Tempo-Editor sichtbar macht, kann man dort auch den Tempoverlauf im Detail verfolgen. Dass Melodyne 4 diese Tempoanalyse gut gelingt, auch wenn keine Transienten von perkussiven Instrumenten zur Verfügung stehen, ist einzigartig aber auch leicht zu erklären: Durch die Erkennung des musikalischen Inhalts einer Audiodatei „weiß“ Celemony Melodyne deutlich mehr über die Aufnahme als eine DAW, die in der Wellenform nach Hitpoints sucht.

Die automatische Tempoerkennung eröffnet großartige Perspektiven: Man hält die neue Songidee einfach in einer frei gespielten Aufnahme fest und generiert per Melodyne daraus die Tempoinformationen, die man für eine spätere Weiterverarbeitung in der DAW benötigt. Die Tempoinformationen lassen sich leicht aus Melodyne exportieren und in jede DAW importieren. 

Dazu exportiert man die gewonnenen Tempoinformationen als MIDI-File (Funktion „Export Tempo Map“) und importiert dieses File in die DAW – fertig.

Melodyne 4 Studio bleibt jedoch nicht bei der Analyse, selbstverständlich kann das Tempo auch bearbeitet werden. So kann man zum Beispiel die live gespielte Songidee an den Stellen bändigen, wo die Temposchwankungen doch einen Tick zu stark geworden sind. Aber das wichtigste ist: Es bleibt immer alles natürlich und die musikalische Idee gibt den Ton an. Wenn man später feststellt, dass die Aufnahme doch komplett auf ein Sequencer-Raster gezogen werden soll, ist auch das möglich. Der Benutzer hat die Wahl. Eine wichtige Funktion erfüllt in diesem Zusammenhang auch der Auto-Stretch-Schalter neben der Tempoanzeige: Mit ihm bestimmt man global, ob Audio beim Importieren, Verschieben oder Kopieren an ein bereits vorhandenes Tempo angepasst werden soll.

Verbesserungen bei der Erkennung

Die Notenerkennung ist das Herzstück der Melodyne-Software und wurde für das Update auf Versionsnummer 4 überarbeitet. Nach wie vor wählt Melodyne automatisch den Algorithmus und die Einstellungen aus, die für das Audiomaterial am besten geeignet sind. Es ist jedoch auch möglich, an einigen Stellschrauben nachzujustieren, wenn es sich um schwieriges Material handelt. Für polyphones Material stehen jetzt zwei verschiedene Algorithmen zur Verfügung, die sichfür verschiedene Instrumentengruppen anbieten: „Gehalten“ eignet sich am besten für Orgel- und Streicher-ähnliche Klänge, während „Abklingend“ sich für Klavier und Gitarre eignen. Im Erkennungsmodus lassen sich darüber hinaus weitere Parameter für eine optimale Erkennung feinjustieren.

Insbesondere Gitarrenklänge profitieren nach meinem Empfinden von dieser neuen Wahlmöglichkeit und klingen bei Korrektur-Edits noch natürlicher. Allerdings habe ich bei diesem Instrumententyp öfter Probleme mit der Erkennung: Meistens werden deutlich mehr Noten erkannt als eigentlich gespielt wurden. Wenn man die Erkennung dann nicht bearbeitet und gleich mit dem Editieren beginnt, sind die Ergebnisse nicht zufriedenstellend. Da hilft auch der neue Algorithmus nicht. Das sollte man wissen.

Und so ganz nebenbei hat man bei Celemony auch noch einen Algorithmus entwickelt, der ressourcenschonend arbeitet und sich zum Beispiel für das Timestretching oder Pitchshifting ganzer Mixes eignet. Die Ergebnisse klingen hervorragend (Klangbeispiel):

Sonstiges

Neben diesen größeren Veränderungen hat Melodyne nach dem Major-Update auf Version 4 auch einen neuen, frischen Look bekommen, der mir sehr gut gefällt. Das Ein-Fenster-System mit vielen Bereichen, die – je nach Arbeitssituation – ein- und ausgeblendet werden können hat sich bewährt. Die Software ist 

übersichtlich, gut zu bedienen und ein Rechtsklick mit der Maus an einer bestimmten Position bietet meistens genau die Funktion, die man gerade sucht.

Zur Bedienbarkeit gehört auch das Thema Tastaturkommandos: Melodyne bietet in der Stand-Alone- aber auch in der Plug-In-Variante zahlreiche Funktionen, die direkt mit Tastenkommandos ausgelöst werden können. Das erhöht die Arbeitsgeschwindigkeit mit dem Programm enorm.

Melodynes Fähigkeiten im Umgang mit Skalen und Tunings aus verschiedensten Kulturkreisen sind extrem weitreichend, für viele Anwendungen aber gar nicht nötig. Etwas anderes gilt für die Reinstimmung, die die Ungenauigkeiten der wohltemperierten Stimmung ausgleichen kann: Die kann in vielen Fällen zu außerordentlichem Wohlklang führen. In Melodyne 4 ist dieses Tuning jetzt nur einen Mausklick entfernt. Während des Tests konnte ich damit in vielen Einsatzbereichen gute Ergebnisse erzielen.

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