Gitarre Hersteller_Boss
Test
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09.07.2018

Boss GT-1000 Test

Multi-Effektpedal

Modeling-Meister

Mit dem Boss GT-1000 präsentiert der japanische Konzern ein neues Flaggschiff im Multi-Effekt-Sektor. Auf GT-10 und GT-100 folgt nun das GT-1000 mit kompakteren Maßen und neuem Design, und einigem mehr unter der Haube. Die AD/DA-Wandlung erfolgt mit 32 Bit und 96 kHz, es gibt eine neue DSP-Engine und eine neue Technologie: AIRD (Augmented Impulse Response Dynamics) sorgt laut Hersteller für noch authentischere Röhrensounds in einem Digitalprozessor.

Wir wissen natürlich, dass pfiffige Marketingabteilungen beim Anpreisen neuer Geräte solide Arbeit leisten, aber was tatsächlich dahinter steckt, werden wir gleich genauer untersuchen. Immerhin ruft unser Testkandidat einen Ladenpreis von stattlichen 869 Euro auf und tummelt sich damit in der Liga des Line 6 Helix LTs und nicht sehr weit unter dem Headrush Pedalboard. Mal sehen und hören, ob das GT-1000 da mitspielen kann.

Details

Gehäuse/Optik

Ist das wirklich ein Boss-Multi-Effektgerät? Die Frage musste ich mir tatsächlich beim ersten Inspizieren des Gerätes stellen, denn die typischen länglichen Fußtaster im Boss-Style fehlen, stattdessen sind zehn einfache runde Metalltaster verbaut. Das sorgt in erster Linie für Platzersparnis, was man selbstverständlich positiv zur Kenntnis nimmt, denn das GT-1000 ist mit den Maßen 462 x 248 x 70 mm (B x T x H) kompakter als GT-10 und GT-100 und mit einem Gesamtgewicht von 3,6 kg auch noch recht leicht. Es kommt im schwarzen Metallgehäuse mit allen Anschlüssen an der Stirnseite und den Bedienelementen auf der Oberseite, rechts beginnend mit einem Expression-Pedal. Eine seitliche Inbus-Schraube justiert bei Bedarf dessen Gängigkeit und die raue Oberfläche sorgt für perfekten Halt beim Gasgeben.

In der unteren Hälfte sind die Taster in zwei Reihen angeordnet, wobei die obere etwas erhöht und somit ebenfalls gut erreichbar ist. Zudem sind dadurch die sechs Endlos-Parameterregler mit Schaltfunktion unterhalb des Displays gut vor unbeabsichtigten Kontakten mit der Schuhsohle geschützt. Die Regler besitzen Metallknöpfe und machen einen sehr stabilen Eindruck, was man übrigens der kompletten Hardware des GT-1000 bescheinigen kann, hier wurde nicht an der Qualität der Bauteile gespart, alles ist eine Stufe wertiger als bei den Vorgängermodellen.

Das hochauflösende LCD-Display ist die zentrale Stelle zum Anzeigen und Editieren des Effekt-Prozessors. Wenn nicht editiert wird, stehen verschiedene Anzeigemöglichkeiten zur Auswahl, darunter beispielsweise die Patch-Nummer in großen Lettern, der Patch-Name, die Belegung der Taster, die Signalkette usw. Sechs weitere Taster rechts neben dem Display greifen ebenfalls in die Parametereinstellungen ein, daneben wartet einsam der Output-Level-Regler, der für die Ausgangslautstärke am Main-Out zuständig ist. Für rutschfesten Halt auf glatten Bühnenböden sorgen sechs große Gummifüßen an der Unterseite.

Rückseite/Anschlüsse

An der Stirnseite sind sämtliche Anschlüsse aufgereiht, und endlich gibt es auch bei Boss-Multieffekten in dieser Kategorie Positives zu vermelden: Das GT-1000 ist seit dem GT-Pro (2006) das erste Multi-Effektgerät, das mit XLR-Anschlüssen bestückt ist! Das freut den Gitarristen auf der Bühne, denn es macht die obligatorische DI-Box überflüssig. Die XLR-Anschlüsse sind mit SUB OUT bezeichnet und das Signal kann komplett unabhängig vom Main Out (2 x Klinke) und Phones (Stereoklinke) geroutet und geregelt werden. Außerdem stehen zwei interne Loops zur Verfügung, über deren Send- und Return-Anschlüsse externe Effektpedale in den Signalfluss eingebunden werden können. Und das GT-1000 lässt sich selbstverständlich mit der Vier-Kabel-Methode mit einem Amp mit Effekt-Loop so verbinden, dass die Overdrive-, Filter- und Dynamik-Effekte vor der Amp-Vorstufe platziert sind und die restlichen Effekte (Modulation, Delay, Reverb) im Effekt-Loop des Amps.

Die Anschlüsse mit der Bezeichnung CTL 4,5/EXP2 und CTL 6,7/EXP3 warten auf zusätzliche Taster oder Expression-Pedale, um weitere Parameter in Echtzeit zu steuern. Über die danebenliegende Amp-Control-Buchse ist es möglich, Schaltbefehle an einen Verstärker oder ein Effektgerät zu senden, zum Beispiel, um die Kanäle des Amps umzuschalten. Ein USB-Anschluss zur Verbindung mit einem Computer ist ebenfalls an Bord, mit dem das GT-1000 zum einen über die Tone Control App bequem eingestellt werden kann (mehr dazu später) oder als Audio-Interface arbeitet. Über die MIDI In- und Out-Anschlüsse sendet oder empfängt unser Pedal bei Bedarf MIDI-Schaltbefehle. Ganz rechts findet man außerdem die Anschlussbuchse für das mitgelieferte Netzteil.

Signalkette/Routing

Das virtuelle Pedalboard beim GT-1000 ist ganz ordentlich bestückt, denn auch wenn man die beiden Noise Gates, das Volume-Pedal und die beiden Preamps nicht mitzählt, kommt man auf 18 belegbare Effektblöcke, die auch gleichzeitig genutzt werden können:

  • Pedal FX (Wah, Pedal Bend)
  • CMP (Compressor Effekt frei wählbar - 5 Typen)
  • EQ 1-4 (je Block frei wählbarer EQ - Graphic oder Parametric)
  • DS 1,2 (je Block frei wählbarer Boost/Overdrive/Distortion/Fuzz - 24 Typen)
  • FX1-3 (je Block diverse Effekte von Auto-Wah, Modulation bis Slicer - 27 Typen)
  • MST DLY (Master Delay - 12 Typen)
  • DLY 1-4 (Sound des Master Delays, unterschiedliche Time, Feedback, etc. Settings)
  • CHO (Chorus Effekt - 4 Typen)
  • REV (Reverb - 10 Typen)

Beim Delay kann man einen Effekttyp (Analog, Tape, etc.) mit dem Master-Delay auswählen. Die Delays 1 - 4 stellen unterschiedliche Settings dieses Delay-Grundsounds ein und schaltet sie auch gleichzeitig hintereinander - ein Delay-Sound also mit fünf unterschiedlichen Settings.

Dazu kommen die beiden AIRD-Preamps, bei denen jeweils 16 verschiedene Modelle zur Auswahl stehen. Die Signalkette ist frei belegbar, was zum einen die einzelnen Module betrifft, die an jede beliebige Stelle in der Kette verschoben werden können. Darüber hinaus gibt es außerdem parallele Wege, die über einen der drei Divider (DIV 1-3) eröffnet werden. Dort wählt man zum Beispiel zwischen zwei Amp-Sounds (inkl. unterschiedlicher Effekte) oder feuert zwei Amps in Stereo ab.

Bedienung

Die Anwahl der einzelnen Patches erfolgt über Parameter-Regler 1 (wenn das Hauptfenster dargestellt wird) oder über die Fußtaster. Es gibt 50 Bänke mit jeweils 5 Patches, wobei die Bänke mit den Bank-Up/Down-Tastern angewählt werden, die Patches in der unteren Reihe mit den Tastern 1 bis 5. Die CTL Taster 1 bis 3 steuern dann die zusätzlichen Funktionen wie Effekte ein/aus, Tap Tempo, Tuner ein/aus etc. beim angewählten Patch. Alle Taster sind komplett frei belegbar. Man könnte sich zum Beispiel ein Patch so zurechtlegen, dass mit allen zehn Tastern einzelne Effekte aktiviert werden können, also im Grund wie bei einem ganz normalen Pedalboard. Das Umschalten der einzelnen Patches geht ohne große Signalunterbrechung vonstatten, allerdings ist ein "richtiges" Delay-Spillover nur möglich, wenn beide Patches dasselbe Delay benutzen. Wechselt man von einem Sound mit Analogdelay auf einen mit Tape-Delay, klingt das Echo mit dem neuen Sound (Tape) weiter. Beim direkten Ausschalten des Delays innerhalb des Patches über einen CTL-Taster klingt es langsam aus.

Das Bedienkonzept zum Editieren am Gerät selbst läuft über das Display und mit den sechs Parameter-Reglern können Effektmodule eingestellt und geändert werden. Man drückt auf die Effekt-Taste und die komplette Signalkette wird im Display angezeigt. Das aktuell angewählte Modul ist umrahmt, mit dem Regler 6 werden die Module ausgewählt und durch gleichzeitiges Drücken und Drehen des Reglers lässt sich das Modul verschieben. Sobald ein Modul angewählt ist, werden unten im Display die Parameter angezeigt und können mit den Reglern 1 bis 5 verändert werden. Stehen zur Einstellung des Effekts zusätzliche Parameter zur Verfügung, wird mit den Page-Tastern "umgeblättert", die nächsten Parameter werden angezeigt und mit den entsprechenden Reglern geändert. Mit fünf zur Verfügung stehenden Parameter-Reglern ist das Bedienen am Gerät recht bequem und Einstellungen lassen sich zügig modifizieren. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, von jedem Effektmodul zehn unterschiedliche Settings als sogenannte "Stompbox" zu speichern. Nutzt man bestimmte Einstellungen eines Effekts öfters, ist das eine sehr zeitsparende Angelegenheit.

Boss Tone Studio App

Mt der Boss-Tone-Studio-App geht das Editieren wesentlich einfacher und übersichtlicher vonstatten. Dazu muss der GT-1000 Driver und die App von der Boss-Website heruntergeladen und auf dem Rechner installiert werden. In meinem Fall musste ich den Driver zweimal laden und installieren, erst dann erkannte die Tone-Studio-App auch das GT-1000 an der USB-Verbindung. Danach lief allerdings alles bestens und problemlos.

Die Boss-Tone-Studio-App ist übersichtlich aufgebaut. Auf der linken Seite sind alle Patches aufgelistet, in der oberen Hälfte sieht man den Signalweg und darunter werden die Parameter des angewählten Moduls dargestellt, die dann verändert werden können. Alles ist grafisch recht nüchtern dargestellt, aber komplett funktionsfähig und übersichtlich.

Bei der Steuerung über ein Smartphone oder Tablet mit Bluetooth ist es wichtig, dass die Verbindung zum GT-1000 beim Öffnen der App geschieht. Noch wichtiger ist es, zu kontrollieren, dass im GT-1000 der Bluetooth-Schalter auf On steht. Den findet man in Menu - Hardwaresettings - Other. Ab Werk war Bluetooth beim Testgerät nicht aktiviert und man sucht verzweifelt auf dem Smartphone/Tablet nach dem GT-1000, denn auch in der Bedienungsanleitung ist nicht vermerkt, dass Bluetooth zuerst am GT-1000 aktiviert werden muss. Die App ist für das kleine Display am Smartphone in Ordnung, sieht aber nicht so übersichtlich aus wie die Desktop-Version und funktioniert auch nur im Hochformat, wodurch die Amp-Parameter auf drei Seiten verteilt sind. Damit war die Sache schnell entschieden: Ich bleibe beim Editieren am Computer!

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