Test
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29.08.2014

Praxis

Das Installieren eines Neve-1073-Einschubes ist deutlich aufwändiger als den Black Lion Audio B173 ans Laufen zu bringen. Natürlich wäre ein internes Netzteil (zumindest aber eines, das weniger Platz auf der Steckerleiste verbraucht, also eines mit Zuleitung) und eine gewöhnliche XLR-Buchse sehr, sehr schön gewesen. Ich glaube auch zu wissen, dass die meisten 9,5”-Geräte als Desktop betrieben werden, sodass die Rackohren überflüssig sind und es auch ein Installationskit getan hätte. Noch was zu mosern, so direkt zu Beginn? Ja: Die Beschriftung ist nicht gerade gut lesbar, sowohl was das Typeface als auch die Größe angeht. Ein Meter, auch in rudimentärer Ausführung, kann immer hilfreich sein, besonders bei Systemen mit zwei Gain-Stages. Das kostet natürlich alles nicht nur Platz im Gehäuse, sondern auch Geld. Und das Ziel bei der Entwicklung des B173 war ganz offensichtlich nicht Luxusausstattung oder sonstiges Trallafitti, sondern Sound. Und das, meine Damen und Herren, das ist nun mal wirklich gut gelungen!

Ja, dieser Preamp klingt spitze. Die vielbeschworene edle Neve-Sämigkeit ist direkt auszumachen, vielleicht ist der Klang in Grundzügen etwas reibender, leicht gröber. Im Test vertrug sich der Amp hervorragend mit Großmembran-Kondensatormikrofonen, besonders dem FET-Mikro von Mojave, doch auch dynamische Mikrofone konnten sehr gut profitieren. Mit hohen Gains, die durch den geringeren Output der dynamischen Mikros notwendig werden, kann der B173 seinen Soundstempel schön auffällig auf dem Signal platzieren. Neben RE 20 und SM7B ist es vor allem das MD 421, welches seine Stärken gemeinsam mit dem 173 ausspielen kann. Durch die charakteristische Präsenzüberhöhung fällt gut auf, was den Preamp ausmacht: Er färbt, ist aber nicht nervig, er ist klar und konturiert, aber nie schwammig, das Signal ist voll, aber trotzdem gut mischbar. Letzteres liegt daran, dass er eher ein bisschen schlank und punchy ausgerichtet ist. Ich bin insgesamt wirklich begeistert. 

Wirklich gut ist, dass auch bei enormen Gains das Rauschverhalten wahrlich beachtenswert ist. Mit Kondensatormikrofonen betrieben wird wiederum am besten deutlich, dass dieser Preamp Transienten schnell genug durchschiebt - dynamisch kann der Preamp überzeugen. Geht man in die Extrembereiche, offenbart sich ein anderes Verhalten als beim Original und bei Klonen, denn sehr abrupt setzten harsche Verzerrungen ein. Unüberhörbar zerstören kratzige Signalanteile jede Aufnahme. Vorsicht also beim Pegeln!

Es ist der grundlegende Klangcharakter, der diesen Vorverstärker so interessant macht. Und ja, die Referenz “Neve” 1073 kommt einem wirklich sofort in den Sinn, allerdings mit den genannten Einschränkungen. Mit einem B173 lassen sich vielleicht sauber arbeitende, aber etwas langweilig klingende Preamps von Audio-Interfaces erweitern. Als alleiniger Preamp ist es vielleicht etwas zu viel des Guten, aber mit einem vernünftigen Tauchspulenmikro, dem B173 und einem Audio-Interface ist man recordingseitig schon ordentlich aufgestellt. Bedenken sollte man allerdings, dass die erste DI-Stufe nicht über einen Transformer läuft und dementsprechend auch nicht so charakterisiert wird, wie es mit dem Mikrofonsignal passiert: Der Ausgangsübertrager ist deutlich “braver” als der Mic-Transformer.

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