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10
24.05.2012

PRAXIS

Das Klangarsenal
Die Einzelinstrumente der Library sind im Patch-Browser von Kontakt übersichtlich nach Instrumenten-Gruppen unterteilt. So findet sich für die drei Bereiche Saxophones/Clarinets, Trumpets und Trombones jeweils ein eigener Ordner, in dem die einzelnen Presets geladen werden können. Die relativ hoch anmutende Anzahl von insgesamt 53 Instrumenten hängt vor allem damit zusammen, dass es für die gängigsten Vertreter der unterschiedlichen Stimmlagen mehrere Varianten gibt. Die Library bietet in diesem Sinne beispielsweise zwei Sopran-, vier Alt-, drei Tenor- und zwei Bariton-Saxophone, die sich in ihren Variationen hervorragend zum Andicken einzelner Stimmen eignen und mit wenigen Mausklicks eine einzelne Line zum Unisono-Satz machen können, ohne dabei die gleichen Samples zu verwenden. Erfreulicherweise sind diese „Füllinstrumente“ zum Teil auch etwas unsauberer eingespielt, was in der Praxis sehr dazu beitragen kann, den maschinell wirkenden Sound aus gestackten Instrumentenkombinationen zu verwischen. Bei den Blechbläsern gesellen sich zu den mehrfachen Patches für Trompeten und Posaunen weitere Varianten mit jeweils drei verschiedenen Dämpfern, die wiederum selbst in mehrfachen Versionen bereit stehen. Neben je vier Flügelhörnern und Klarinetten (Eb-, Bb-, Bass- und Kontrabass-Klarinette) wird das Klangarsenal durch die exotischeren Vertreter wie zwei Tuben, eine Kontrabass-Ventilposaune oder das bereits erwähnte Alphorn abgerundet.

Um die Library anzutesten, habe ich mich vorerst für eine Soul/Funk-typische Besetzung von zwei Trompeten, einem Alt-Saxophon und einer Tenor-Posaune entschieden. Die vier Parts werden in diesem Fall jeweils über einen getrennten MIDI-Kanal angesteuert. Ihr hört den reinen unbearbeiteten Out-Of-The-Box-Sound der Library. Um ein wenig zusätzlichen Groove einfließen zu lassen, gibt es im zweiten Track ein zusätzliches Playback zu hören, das selbstverständlich ebenfalls 100% Fake ist und mit dem NI Abbey Road 70s Drummer und dem Scarbee MM-Bass erzeugt wurde.

Auch wenn das Ganze vorerst noch etwas statisch klingt – damit lässt sich doch schon einiges anfangen! Der einzige Punkt, der mich beim Erstellen des Audio-Beispiels wirklich etwas störte, war der Umstand, dass alle Instrumente von vornherein komplett über die Klaviatur des Masterkeyboards verteilt sind. Blasinstrumente haben in der Regel aber natürlich einen begrenzteren Tonumfang als ein Piano mit 88 Tasten, und danach richtet sich eigentlich auch der Sample-Pool der Library. Werden diese Grenzen nach unten oder oben überschritten, dann spielt der Kontakt-Player automatisch gepitchte Samples ab, was beim Arrangieren gerne einmal dazu verlocken kann, eine Trompete in der Range einer Posaune zu spielen und umgekehrt. Im Prinzip wäre es für erste Arrangierversuche, die ein möglichst realistisches Ergebnis erzielen sollen, sicher hilfreich, wenn diese Grenzen von vornherein bestünden und erst auf ausdrückliche Aufforderung durch den Benutzer wegfallen würden. Selbstverständlich lässt sich dieser Punkt aber auch durch ein Eingrenzen oder Verschieben des bespielbaren Bereichs beheben.

Artikulationen
Um das gehörte Beispiel etwas lebendiger zu gestalten, bietet sich ein Einsatz der verschiedenen Spielweisen an. Neben den standardmäßig abgespielten Sustain-Samples hat die Compact-Version der Chris Hein Horns spezielle Sounds für Akzente, Triller, Falls und Doits (das Gegenteil eines Falls) im Programm, die über verschiedene Wege ausgelöst werden können. Zum einen gibt es fünf Hot-Keys auf dem Master-Keyboard, die im Bereich „Keyboard-Layout“ frei belegt und auch frei verschoben werden können. 

Hier bieten sich zusätzlich zu den gesampelten Artikulationen auch einige Scripts an, mit denen ein Ton beispielsweise in einem festen Intervallabstand gedoppelt werden kann oder sich leichte Tonhöhen-Schwankungen auf Tastendruck auslösen lassen. Als sehr positiv empfinde ich, dass diese Hot-Keys nicht ausschließlich wie ein altbekannter Keyswitch wirken und nur am Anfang einer Note über den verwendeten Sound entscheiden, sondern mit manchen Funktionen auch während eines gehaltenen Tons eingesetzt werden können. Im folgenden Track ist zu hören, was die Chris Hein Horns mit einer einzelnen MIDI-Note alles anstellen können. Als Beispiel-Instrument hört ihr ein Tenor-Saxophon, dem gegen Ende über das Modwheel ein wenig künstliches (aber überzeugend klingendes) Vibrato hinzugefügt wird.

Alternativ zu den Hot-Keys lassen sich manche der Samples und Scripts auch über weitere Controller auslösen, sofern diese vorhanden sind. So kann man Falls und Doits beispielsweise auch über Pitchbend aktivieren oder über das Sustain-Pedal eine monophone Legato-Funktion aktivieren. Für schnellere Bläser-Runs schaltet die Software ab einem definierbaren Tempo automatisch in einen Modus, in dem Samples abgespielt werden, die konkret für diesen Zweck gedacht sind und hervorragend funktionieren. So soll das klingen!

Beim Einbetten der verschiedenen Spielweisen in das bereits gehörte Funk/Soul-Layout fiel mir auf, dass manche Spielweisen nicht perfekt aufeinander abgestimmt sind. Vor allem manche Falls/Doits unterschiedlicher Instrumente variieren in ihrer Länge teilweise so sehr, dass sich ihr Einsatz als etwas störend erweisen kann. Zudem lässt sich die Wiedergabe einer solchen Artikulation nicht mehr abbrechen, sobald sie begonnen wurde, da die MIDI-Note-Off Befehle nicht greifen. Die Complete-Version der Chris Hein Horns kennt dieses Problem in derart ausgeprägter Form nicht und bietet für viele Spielweisen generell verschiedene Varianten unterschiedlicher Länge. In der Compact-Version muss man an den Stellen, an denen es auftritt, mit diesem kleinen Problem wohl leben.

Dynamik
In den bisherigen Beispielen wurde die Lautstärke der wiedergegebenen Noten über die Velocity (also die Anschlagstärke auf dem Masterkeyboard) gesteuert. Da Blasinstrumente aber natürlich die Möglichkeit bieten, auch während eines gehaltenen Tones noch auf die Dynamik einzuwirken, bieten die Chris Hein Horns auch für solche Eingriffe eine Möglichkeit, die das bewährte Prinzip von Dynamic Crossfades (oftmals abgekürzt mit DXF) anwendet und beispielsweise einen leisen und gehaltenen Ton stufenlos in die höheren Velocity-Layers überblenden kann. Im Bereich „Volume Control“ stehen insgesamt fünf Möglichkeiten zur Verfügung, wie dies gesteuert werden soll, von denen die ersten drei am wichtigsten sind: Entweder ausschließlich über die Anschlagstärke (wie gehabt), ausschließlich über einen frei zuweisbaren MIDI-Controller (mit Dynamic Crossfades) oder über eine Kombination aus beidem. Die verbleibenden Möglichkeiten sind vor allem für den Live-Einsatz gedacht und ermöglichen es, mittels Auto-Fades vorgefertigte Bläser-Swells abzufeuern. 

Problematisch bei allen DXF-Varianten ist, dass die Software sehr schnell dazu neigt, deutlich hörbares Flanging zu produzieren, das zwangsläufig entsteht, wenn mehrere Samples des gleichen Tons gleichzeitig abgefahren werden und die Überblendungsbereiche sich gegenseitig zu weit überlappen. Ein solches Verhalten ist nicht ungewöhnlich, in einer Deutlichkeit wie bei den Chris Hein Horns bin ich ihm aber noch nicht begegnet. Da es leider keine Möglichkeit gibt, über Automation zwischen DXF und reiner Velocity-Steuerung umzuschalten, empfiehlt es sich, eigene Instanzen der Library für solche Fades zu verwenden und das restliche Material des Arrangements nach wie vor ausschließlich über die Velocity zu steuern, denn nur auf diesem Weg bleibt ein natürlicher Klang erhalten. In Sachen Workflow ist dies ein wenig umständlich, wie man in den beiden Vergleich-Tracks hört, klingt das Ergebnis aber schlicht und einfach besser. 

Stack it up!
Bei 53 einzelnen Blasinstrumenten, die zum Teil auch noch ganz konkret dazu vorgesehen sind, in einem Unisono-Satz zu spielen, bietet es sich natürlich an, das Stacken verschiedener Sounds auf die Spitze zu treiben. Eine mögliche Variante wäre natürlich, einfach die benötigten Kontakt-Patches zu laden und einem gemeinsamen MIDI-Channel zuzuweisen. Die Chris Hein Horns machen uns das in der Compact-Edition aber ein ganzes Stück leichter, denn sie bringen ganz konkret zu diesem Zweck maßgeschneiderte Multi-Programme mit, die sich in ihrer Bedienoberfläche ein wenig von den Einzelinstrumenten unterscheiden und Platz für bis zu acht Instrumente pro Patch bieten. Diese können über einen rudimentären Mixer in Ausgangslautstärke und Panorama-Position angepasst werden und bei Bedarf leicht gegeneinander verstimmt werden. Natürlich lassen sich aber auch verschiedene Ausgänge von Kontakt nutzen, um jedem Instrument einen eigenen Mixer-Kanal zu verpassen. Nur innerhalb dieser Multis sind die bereits erwähnten Synth-Horns verfügbar, die primär dazu konzipiert sind, einem Gesamtklang leise beigemischt zu werden. Homöopathische Dosierung macht sich für mein Gefühl in diesem Fall am besten. Insgesamt sind die Multi-Instrumente der Chris Hein Horns Compact ein effektives Tool für großzügig bemessene Layouts mit breitem Pinsel.

In den abschließenden Beispiel-Tracks kommen jeweils ein Multi-Programm für die beiden bisherigen Trompeten, das Saxophon und die Posaune zum Einsatz. Die Trompeten werden zum Teil durch ebenfalls leise Flügelhörner angedickt, zu den Alt-Saxophonen gesellt sich der ein oder andere Vertreter aus dem Tenor-Bereich, und auch die Posaunen werden unisono von zwei leisen Bass-Posaunen unterstützt. Im letzten Track wurde die Bläsersumme leicht komprimiert. Weitere Bearbeitungen wurden nicht vorgenommen. Der leichte Hall, der von vornherein in allen Beispielen zu hören ist, kommt aus dem standardmäßig aktivierten Faltungshall, der mittlerweile zum guten Ton bei aktuellen Kontakt-Libraries zählt. 

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