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05.02.2020

Aus Sperrmüll-Trommeln werden Möbel - SchlagARTig Upcycling

Interview mit dem Upcycler Gerald Bender

Von der Bassdrum zum Tisch

Wegschmeißen ist out, Nachhaltigkeit ist in. Trommeln sind zwar generell sehr haltbar ausgelegt, trotzdem fristen manche Exemplare irgendwann – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Schattendasein in Kellern, auf Dachböden oder in den hinteren Ecken von Proberäumen. Wenn Gerald Bender solche Instrumente in die Hände bekommt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie nach einiger Zeit wieder erstrahlen. Allerdings nicht mehr als Instrumente, sondern als Möbel, Lampen oder Uhren. Unter dem Namen SchlagARTig Upcycling entstehen aus billigen, ungeliebten Schlagzeugen unikate Einrichtungsgegenstände, die zwar ihre musikalische Karriere hinter sich haben, ihre neuen Besitzer dafür aber mit haptischen, optischen und praktischen Qualitäten begeistern. Wie die Idee entstanden ist und ob er manchmal ein schlechtes Gewissen hat, Trommeln zu zersägen, verrät Gerald im folgenden Interview.   

Gerald, du baust Möbel aus Trommeln. Bist du eigentlich eher Tischler oder eher Drummer?

Drummer würden mich eher als Tischler betrachten und Tischler eher als Drummer (lacht)! Nein, im Ernst, ich bin eher Drummer, bei mir fing es als Kind ganz klassisch mit Töpfen und Pfannen an. Schlagzeugspielen war und ist mein Ding, ich spiele auch heute regelmäßig auf meiner kleinen Sammlung an gut klingenden Drumsets.

Also landen nicht alle Instrumente bei dir auf der Werkbank? Gibt es für dich eine bestimmte Grenze, ab der du eine Trommel eine Trommel sein lässt?

Ja, absolut! Ich liebe schöne Trommeln wie beispielsweise mein 1952er Sonor Set. So etwas würde ich nie umbauen. Das wäre ein Sakrileg! Stattdessen habe ich es für meine Arbeit auf preisgünstige Modelle abgesehen, welche ausrangiert wurden, weil sie nicht gut klingen oder aufgrund billiger Machart als Instrument nichts taugen. 

Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, Drums in Möbelstücke zu transformieren?

Das war einfach Eigenbedarf. Wir brauchten damals einen Tisch, und da bin ich auf die Idee gekommen, eine Bassdrum umzufunktionieren. Das Ergebnis gefiel uns, und da wir häufig Freunde zu Besuch haben, hat es nicht lange gedauert, dass ich gefragt wurde, ob ich so etwas nicht nochmal bauen könnte. Das passierte dann immer öfter, und vor einem Jahr habe ich SchlagARTig Upcycling dann als Firma eintragen lassen. Leben kann ich davon natürlich nicht, aber es macht mir wahnsinnig Spaß, meine Arbeiten auf Musik- und Kunsthandwerkermessen zu zeigen und auch zu verkaufen. Dieser direkte Kontakt zu meinen Kunden gefällt mir einfach total gut. 

Durch das Auseinandersägen bekommst du doch bestimmt Einblicke in die Verarbeitung von Instrumenten, die den meisten Normalbenutzern verborgen bleiben. Ist dir da etwas aufgefallen?

Ja, da sieht man schon interessante Sachen. Bei einigen Fabrikaten wird beim „Ausziehen“ der Trommeln schon sehr deutlich, wo überall gespart wurde. Das reicht von allerbilligsten Furnierhölzern und kaum verklebten Folien bis hin zu Holzlagen, die beim Abnehmen der Folie daran hängenbleiben. Auch Lufteinschlüsse zwischen Folien und Kessel sehe ich häufig, was zu einer Dämpfung des Kessels und damit einem abgewürgten Ausschwingen führt. Bei einigen Teilen denke ich dann schon, dass daraus keine Musikinstrumente hätten werden sollen. Als Möbelstück hingegen bekommen sie bei mir ein zweites Leben. Allerdings sehe ich auch das Gegenteil, also eigentlich billige Trommeln, die aber wirklich gut klingen und auch gut gefertigt wurden. Ein günstiger Kaufpreis muss also nicht bedeuten, dass es sich automatisch und minderwertig klingende Instrumente handelt. Solche Trommeln landen dann in meiner persönlichen Sammlung, wo ich sie auch spiele. 

Woher beziehst du deine Werkstoffe?

Das ist unterschiedlich. Meistens begebe ich mich auf den gängigen Gebrauchtplattformen im Internet auf die Suche. Dort bekommt man No-Name-Fabrikate teilweise für nen Appel und `n Ei. Aber auch Freunde und Kollegen verkaufen mir Trommeln oder geben mir Tipps, wo ich welche bekomme. 

Machst du auch Auftragsarbeiten?

Ja, das kommt vor, die machen allerdings nur etwa zehn Prozent meiner Umbauten aus. Neulich habe ich einen Bassdrum-Tisch farblich an ein bestehendes Raumkonzept angepasst, der Kunde – auch ein Drummer – hat mir dafür die RAL-Farbnummer genannt. 

Wie lange arbeitest du beispielsweise an der Verwandlung einer Bassdrum in einen Tisch? 

So genau kann ich das nicht sagen, aber es bewegt sich im Bereich zwischen acht und zehn Stunden, welche sich jedoch auch über einige Tage verteilen können. Du musst wissen, dass neben meiner Werkstatt gleich mein Musikraum liegt, und dort gehe ich oft hin und spiele auf meinen Schlagzeugen. Das brauche ich einfach, habe allerdings manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich ja eigentlich ein Möbelstück bauen sollte (lacht!). 

Erzähl doch mal von deinem spannendsten Projekt. 

Das war ein Sideboard, welches ich aus insgesamt sechs Hängetoms zusammengebaut habe, immer zwei übereinander, in drei Reihen. Das war ein ordentliches Stück Arbeit, der Kunde – ein Tischler – war froh, dass er sich die nicht machen musste. 

Wer kauft deine Möbel? In erster Linie Drummer?

Gute Frage! Das reicht buchstäblich vom Porsche-Fahrer bis zum zehnjährigen Jungen, der auf einer Messe unbedingt einen Standtom-Tisch haben wollte und dann seine Mutter überredet hat, sein erspartes Taschengeld dafür aufwenden zu dürfen. Beim Porsche-Fahrer war das Problem allerdings das Auto, da ging der Bassdrum-Tisch kaum rein (lacht). Ansonsten gehören natürlich tatsächlich viele Drummer zu meinen Kunden, aber vor allem auch deren Ehefrauen. Da ich meine Sachen auch auf Kunsthandwerkermessen ausstelle, sehen aber eben auch Nicht-Schlagzeuger meine Möbel und kaufen sie, weil sie einfach etwas Besonderes sind. Davon abgesehen, sind sie auch durchaus funktional. So eine Snaredrum-Lampe macht ein gemütliches Licht, und in die Tische passt ordentlich was rein. 

Was verlangst du für deine Arbeiten? 

Für so eine große Bassdrum-Transformation mit Rollen nehme ich etwa 280 Euro. Der Hauptanteil davon ist natürlich nicht der Materialwert, sondern die Arbeitszeit, die ich dafür verwende. Für kleinere Arbeiten nehme ich entsprechend weniger. Am Ende hat der Käufer aber in jedem Fall ein Unikat, was es so nicht nochmal gibt. 

Vielen Dank für's Gespräch!

Gerald Benders Arbeiten sind im Internet zu sehen, er bietet aber auch den Besuch seines Showrooms in Oberursel an. Zudem wird er einen Stand auf der Musikmesse 2020 haben und auch auf der 2020er CrashIt! Vintage- und Customdrum-Messe vertreten sein. 

 

Webseite: http://www.schlagartig-upcycling.de

Instagram: https://www.instagram.com/schlagartig.upcycling

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