Das Aston Stealth ist das neueste Mikrofon der Briten. Man kann sich sicher sein: Aston Microphones werden sehr wahrscheinlich niemals ein langweiliges Mikrofon bauen.

- guter Grundklang
- schlau umgesetzte Voicings
- Auto-Sensing der Phantomspeisung
- gut funktionierende Trittschallfilterung
- fairer Preis
- Bedienergonomie des Verstellrings
So waren Aston Spirit und Aston Origin funktionell klassische Großmembraner, doch die Tiefe des Engineerings, das Überdenken von Details wie dem Grilldesign, Sound und Preis konnten voll und ganz überzeugen. Das ambitionierte Aston Starlight erschien etwas streitbarer durch seinen Laser (!), war jedoch vor allem eines nicht: langweilig. Und nun das: Das Aston Stealth ist ein Tauchspulenmikrofon mit der Option, einen phantomgespeisten Inline-Verstärker und vier verschiedenen Voicings nutzen zu können. Interessant? Oh ja!
Details
Das Aston Stealth ist reichlich groß!
Anhand der ersten Produktfotos, die wir vom Aston Stealth zu sehen bekamen, konnte man das Mikrofon in Ermangelung etwas Maßstabgebenden wie eines Kabels noch für ein kleinmembraniges Kondensatormikrofon halten, also ein „Kurzstäbchen“ à la Sennheiser MKH 8020 oder Josephson C42. Aber nichts da: Das Stealth ist fast 20 Zentimeter hoch und misst im Durchmesser 5,4 Zentimeter. Es ist damit in der gleichen Größenliga wie ein Electro Voice RE-20 oder ein Shure SM7B. Wie diese auch, ist es ein „front fire“-Mikro, wird also möglichst axial besprochen. Die Empfindlichkeit ist am geringsten von der „Fußseite“. Um diese Nierencharakteristik zu ermöglichen, sind im Bereich hinter der Kapsel vier umlaufende Lufteintritte angebracht. Das Wandlerprinzip der Stealth-Kapsel ist dynamisch, auf die großflächige Membran ist rückseitig eine Spule aufgebracht, die in einen Topfmagneten eintaucht, um eine der Membranbewegung (und somit dem Schall) entsprechende Spannungsänderung zu induzieren.

Eine Kapsel, vier Mikrofonverstärker
Eine Spannungsänderung einer dynamischen Mikrofonkapsel wird üblicherweise ohne viel Aufhebens im Mikrofon für die Verstärkung durch einen Mikrofonvorverstärker weitergegeben. Das Aston Stealth geht hier einen anderen Weg: Sobald am Mikrofon Phantomspeisung anliegt, schaltet es in einen aktiven Modus. Dieses Prinzip ist von aktiven Bändchenmikrofonen bekannt und wird als „Inline“-Verstärker wie dem Triton FetHead genutzt. Der Hintergrund ist meist, dass dynamische Mikrofone, also Tauchspulen und vor allem Bändchen, sehr geringen Output haben und manche Mic-Preamps am oberen Ende ihrer Verstärkungsmöglichkeiten agieren müssen. Aston nutzt dieses Prinzip aber noch aus anderen Gründen: Die vier Voicings V1, V2, D und G sind nicht einfach EQs, sondern werden durch vier eigenständige Signalpfade bereitgestellt. Im Aktivmodus werden bis zu 50 dB Gain durch einen Class-A-Amp erzielt. Und letztlich: Die Voicings funktionieren auch im Passivmodus, denn schließlich muss das Signal auch ohne Extra-Power „irgendwo lang“ zum XLR-Ausgang.
Voicings des Aston Stealth
| Voicing | Bezeichnung | Anwendungsfeld/Eigenschaft |
|---|---|---|
| V1 | Vocals 1 | vorw. männliche Stimme |
| V2 | Vocals 2 | vorw. weibliche Stimme |
| D | Dark | bändchenähnlicher Klang |
| G | Guitar | elektrische und akustische Gitarren |
Aston 33
Der Hersteller gibt an, dass die Voicings von 92 professionellen Audio-/Musik-/Tontechnik-Profis erstellt wurden, in Doppelblindtests. Die Teilnehmer dieser “Aston 33” genannten Gruppe wussten auch überhaupt nicht, welche Mikrofone zum Vergleich standen.
Zahlen
Im passiven Modus liegt der Output des Stealth mit kümmerlichen 1 mV/Pa im Bereich mancher Bändchenmikrofone, aber nach Zwischenverstärkung im aktiven Modus bei etwa 150 mV/Pa (je nach gewähltem Setting). Den Ersatzgeräuschpegel gibt Aston mit 10 dB(A) an, der Frequenzgang besitzt typische Eigenschaften von Tauchspulenmikros, also vor allem eine deutliche Rücknahme der Übertragung im Bereich oberhalb von 10 kHz.
Sorbothane-Halbkugeln
Besonders interessant ist die Art und Weise, in der das Mikrofon mechanisch aufgebaut ist. Ein Blick in den Aluminiumkorpus zeigt, dass Kapsel und Platine mit eindrucksvollen Polymer-Halbkugeln von Sorbothane Inc. gegen die Innenwände gestützt ist. Dadurch ergibt sich eine platzsparende, aber voraussichtlich effektive Form der Schwingungsdämpfung möglicher Trittschallübertragungen. Ein schaltbares Hochpassfilter gibt es nicht.
Stealth-Eigenschaften
Das Mikrofon wird seinem Namen optisch durchaus gerecht, denn trotz seiner Größe wird es etwa vor schwarzem Bühnenmolton kaum auffallen. Die Oberfläche ist nicht reflektiv, und die lila LED-Beleuchtung am Fuß des Mikrofons kann man mit einem Druckschalter deaktivieren. Glücklicherweise, wie ich vehementer Verfechter von Beleuchtungslosigkeit in und an Mikrofonen finde.
Praxis
Installationssache
Das wirklich wuchtige Aston Stealth kann einfach aufgesteckt werden, wenn der Verbindungsdorn am Mikrofonständer verbleibt oder vorher ohne das Mikrofon aufgeschraubt wird. Das ist praktisch und ähnelt dem Prinzip der Schnellverbinder des Triad-Orbit-Systems. Ein wenig Spiel hat die Verbindung, doch sorgt das nicht für Resonanzen, Rappeln oder sonstige Probleme im Signalpfad. Und man muss keine enorme Kraft aufwenden, wenn man das Mikrofon abzieht. Gleichzeitig ist es auch über Kopf montiert absolut sicher. Weil das Stealh recht schwer ist, sollte man die Rändelschraube des kleinen Halters schon ordentlich festschrauben.

Verstellring
Der Ring zum Verstellen der Voicings ist von Aston bewusst absolut bündig mit dem Korpus eingesetzt. Ich hätte ihn mir aber ein wenig breiter gewünscht, denn es war nicht immer ganz einfach, ein gewünschtes Voicing einzustellen. Es gibt sogar ein Video, wie man die Finger halten soll. Meine sind recht groß, ich übe auch immer etwas Druck auf den Korpus aus, was natürlich kontraproduktiv ist. Bei etwas klammen Händen wird man sich zudem rauere Flächen mit etwas Grip wünschen. Dazu kommt, dass der Verstellweg recht kurz ist und man je nach Position des Mikrofons mit der Hand die Schrift verdeckt. Ich musste im Test also häufiger drehen, schauen, drehen und erneut schauen. Für den Produktionsalltag hätte ich mir eine einfachere, herkömmliche Lösung gewünscht, auch wenn diese nicht so elegant gewirkt und das spezielle Design des Stealth aufgebrochen hätte. Zugutehalten muss man Aston auf jeden Fall, dass es wirklich unmöglich erscheint, dass sich der Ring bei Transport oder Mikrofonausrichtung aus Versehen verstellt, was Aston als Hauptgrund für sein Design nennt. Hier gibt es schlicht und einfach unterschiedliche Prioritäten, und Aston haben sich für andere entschieden als ich es getan hätte. Fair enough.

Schaltet man die Voicings um, gibt es ein leichtes Quietschen über den Signalausgang. Das ist nichts, weshalb man unbedingt die Mute-Funktion der Abhöre aktivieren müsste. Es ist bewusst in Kauf genommen, weil das Verhindern dieses Umschaltgeräuschs eine weitere Platine nötig gemacht, die Klangqualität verschlechtert und die Produktionskosten ganz erheblich in die Höhe (um ca. 100 Pfund!) getrieben hätten, wie uns auf Nachfrage mitgeteilt wurde. Das ist also absolut nachvollziehbar, fair und geht dadurch in Ordnung.
Klangeigenschaften des Aston Stealth
Im Testzeitraum musste das Stealth an unterschiedlichsten Signalquellen seine Eigenschaften unter Beweis stellen. Gute Nachricht für alle Besitzer von eher einfachen Mikrofonvorverstärkern, etwa solchen in preiswerteren Interfaces verbauten: Das Aston haut im aktiven Modus ordentlich Pegel raus! Anders im Passivbetrieb, hier sollte man einen wirklich sehr guten, cleanen Amp mit einer ganzen Lastwagenladung Gain sein Eigen nennen.
Unabhängig vom eingestellten Voicing lassen sich einige Eigenschaften erkennen, die unabhängig von der unterschiedlichen elektrischen Verarbeitung sind. So ist es nachvollziehbar, dass das zur Produktgattung Tauchspulenmikrofon gehörende Stealth nicht die feinen Höhen und den Detailreichtum eines Kondensatormikrofons liefern kann. Feinste Konturen von Geräuschanteilen, etwa Atem-/Verwirbelungsgeräusche der Stimme, Griffgeräusche an der Gitarre, das leichte Schmatzen beim Öffnen von Saxophonklappen, all das wird natürlich etwas milchiger wiedergegeben als es z.B. mit einem Schoeps-Kleinmembraner oder einem Großmembran-Kondenser der Fall ist. Das ist logisch und durchaus genau das, was man von einem solchen Mikrofon will. Sonst gäbe es sicher heute kein Shure SM7B oder ein EV RE20. Die Poppempfindlichkeit ist so gering, dass in den meisten Fällen keine Probleme zu erwarten sind, die Trittschallentkopplung funktioniert hervorragend. Und auch bei sehr naher Besprechung fängt der Bass nicht sofort an zu verwabern, sondern bleibt recht konkret. Die Nierencharakteristik ist ausgeprägt, der Sweet-Spot in Ordnung. Nicht axial eintreffende Signale werden erst ab einem Winkel von 90 Grad auffällig verändert, in den absoluten Höhen schon etwas früher. Das Mikrofon ist nicht besonders empfindlich gegenüber scharfen Konsonanten oder allzu spitzen, bissigen Geräuschen.
Die Unterscheidung in „weibliche“ und „männliche“ Stimmen und die Eignung von Mikrofonen ist etwas, das ich äußerst problematisch finde. Zu unterschiedlich sind Stimmen, zu verschieden die Art, wie sie im Mix funktionieren. Natürlich ist Aston nicht dogmatisch, sondern gibt mit den Voicings lediglich eine “Startempfehlung”. Ich kann direkt verraten: Das Voicing V1 gefällt mir für die meisten Anwendungen besser als die anderen. Es klingt recht offen, mit einem straffen Bass, aber trotzdem mangelt es nicht an Volumen und „Fleisch“. V2 hingegen wirkt etwas mittiger, präsenter, ja aggressiver. Das Stealth ist ein super Mikrofon für Rock-Vocals, doch finde ich V1 dafür geeigneter und im späteren Mix formbarer. V1 schafft es, das Stealth als sinnvolle Alternative zum neutralen RE20 darzustellen. Zudem ist das Stealth (in V1) ein tolles Sprechermikrofon. Wünscht man Druck, Präsenz and Dicke, würde ich wahrscheinlich nicht nur aus Gewohnheit lieber zum SM7B mit aktivierter Präsenzanhebung greifen. Trotzdem: Aston machen mit dem Stealth klar, dass es in der gleichen Liga spielt.
Das D-Voicing ist ein klarer Vintage-Modus, der eine willkommene Variation darstellt. Deutlich bassreicher, deutlich sanfter in den Mitten kann es besonders bei nahen Stimmen punkten, aber auch so manche Gitarre und besonders Holz- und Blechbläser profitieren davon. Dennoch würde ich niemals meine geliebten Coles 4038 dafür hergeben. Allerdings geht es natürlich schneller, einmal am Ring zu drehen, um eine zumindest ähnliche Soundvariante zu erhalten.
Das G ist als Buchstabe korrekt gewählt, denn tatsächlich unterstreicht die recht deutliche Farbe das, was man bei Gitarren häufig hören will. Signale wirken ein wenig schlanker im Bass und klingen etwas deutlicher, knackiger und mit Biss. Gleichzeitig ist das Signal etwas hohler – das kann auch bei Stimmen gut in den Mix passen! Man ist ja gut beraten, nicht immer alles Solo zu beurteilen. Mikrofoniert man Cabinets, empfielt es sich, das Stealth im passiven Modus zu betreiben, um den Amp mit ordentlich Leistung fahren zu können und auch hohe Bewegungen des Speakers zuzulassen. Ein 50W-Hiwatt an einer Fane-bestückten WEM-Box klingt wirklich am besten, wenn er wahnsinnig laut ist, da ist es doch irgendwie verkehrt, wenn man hinter dem Mikrofon wieder absenken muss.
Fazit
Das größte Lob gilt Astons Mut. Aston geht nicht eingetretene Wege entlang, sondern sucht aktiv nach neuen Möglichkeiten, den Mikrofonbau anders anzugehen. Pioniergeist und wahrscheinlich auch eine Portion Bewusstsein, dass man als recht junger Hersteller mit Besonderheiten gut auf sich aufmerksam machen kann, sind nachvollziehbare Gründe. Als neuester Streich buhlt das Aston Stealth um Käufer, die offen sind für Neues, Anderes, Individuelles, vielleicht auch etwas Verrücktes. Dabei ist das Stealth kein meist unbrauchbarer Sonderling, sondern ein Mikrofon, welches viele Aufgaben im Recording übernehmen kann – aber trotzdem immer etwas „anders“ ist.
Das Aston Stealth ist technisch gut aufgestellt, klingt definitiv interessant, bietet klangliche Flexibilität und ein andersartiges Aussehen – und wird zu einem moderaten Preis veräußert. Wer das Besondere sucht, aber dennoch ein Alltagswerkzeug benötigt: Anteste

Features und Spezifikationen

- dynamisches Mikrofon (Tauschspulenmikrofon)
- Richtcharakteristik: Niere
- Phantomspeisung optional nutzbar (selbsterkennend)
- Empfinglichkeit: von 1 bis 150 mV/Pa (abhängig von Phantomseisung und Voicing)
- Ersatzgeräuschpegell: 10 dB(A)
- vier verschiedene Voicings einstellbar (separate, Signalwege)
- spezielle Halterung und speziell konstrueirter Shock Absorber
- Preis: € 339,– (Straßenpreis am 22.3.2019)























