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29.01.2018

9 Dinge, die Sänger und Sängerinnen nerven

„Und was machst du beruflich?“

Seitdem ich für bonedo schreibe, habe ich mehrere Male Artikel aus Sicht der Musikerkollegen gelesen, beispielsweise womit man unseren lieben Tontechniker*innen auf den Keks gehen kann. Dabei gibt es aber auch allerhand Phrasen und Situationen, die wir Sänger*innen nun echt nicht mehr hören können. Bitte nicht falsch verstehen - wir lieben unseren Job, aber einigen Kandidaten sind wir schon zu oft begegnet. Wir entschuldigen im Voraus den heute ausnahmsweise schnippischen Ton:

1. "Bewirb dich doch mal bei einer Castingshow"

Kollektives Augenrollen! Genau, wir wissen alle, dass Castingshows ein superseriöses Format sind und langfristig erfolgreiche Qualitätskünstler wie Mark Medlock oder Pietro Lombardi hervorgebracht haben. Außerdem wollte ich schon immer mal eine Dieter-Bohlen-Komposition singen und finde es toll, im Fernsehen über meine Gefühle, Probleme und alle meine Dummheiten im Leben zu sprechen. Wie in den Shows besteht Gesangsunterricht im echten Leben natürlich auch nur daraus, dass man den Text des Liedes "so richtig fühlen" muss, um dann in Tränen aufgelöst mit mittelgutem Playback ein Cover vor einer Jury vorzutragen. Achso, du meintest gar nicht DSDS, sondern "The Voice of Germany", weil das ja "ein viel besseres Format ist, wo echt alle singen können" und ich da "bestimmt Chancen hätte, weiterzukommen"? Castingshows haben mit echtem Musikmachen so viel zu tun wie Mc Donald's mit Haute Cuisine. Sorry, ist so.

2. "Und was machst du beruflich?"

Ähm... das hier. Genau das hier mache ich beruflich. Lieder schreiben, üben, singen, durch die Lande fahren, um aufzutreten. Ja, ich hab das auch gelernt. Vielleicht für viele nicht so einfach zu verstehen, aber Musiker sein ist auch Arbeit. Streng genommen bin ich in der Unterhaltungsbranche tätig. Es macht Spaß, ja.

3. "Ich singe übrigens auch!"

Wir schätzen es sehr und freuen uns, wenn Leute nach einem Auftritt zu uns kommen, um uns ihr Feedback zu geben oder mit uns zu sprechen. Und natürlich hat der eine oder andere das Bedürfnis, uns zu erzählen, wie verbunden er/sie mit der Musik ist. Aber nach dem Satz "Ich mach ja auch Musik" kann man die Uhr stellen und oft lässt er uns ein bisschen bedröppelt in der Situation zurück. Was sollen wir in die erwartungsvollen Augen antworten? Möchte jemand ein Feedback zur Musik, die wir nicht kennen? Business Tipps? Wir finden super, dass ihr Musik macht, aber was sollen wir mit der Information genau anfangen? Häufigste Notlügen-Antwort: "Oh, toll!"

4. "Sing doch mal dieses eine Lied"

Ob als angetrunkener, an die Bühne wankender Grusel-Typ oder kreischende Einzelperson aus der Menge - es gibt sie immer wieder, die Leute, die Sänger mit einer Jukebox verwechseln. Sei es neulich bei dem Auftritt bei einer Coverband, bei der ein Gast sich sehr verwundert zeigte, dass die Band ein festgelegtes (und geprobtes) Set spielt oder bei einem eigenen Auftritt, bei dem ich lautstark gebeten wurde, doch mal "was von Helene" zu spielen (Anm. d. Red. Ich mache englischsprachigen Soulpop. Keine Ahnung, wie sich diese Frau auf mein Konzert verirrt hat). Unabhängig von den Songwünschen fragt man sich als Sänger aber auch, wie sich die Leute die Umsetzung dann vorstellen: Soll man für die Wünsche dann den Konzertablauf mal so unterbrechen? Spielt man auf Zuruf? Wie war das denn im Mittelalter damals mit den Minnesängern noch?

5. Die Hochzeitsanfrage

Entweder wir bekommen die Anfrage direkt von einem eher nicht so engen Schwippschwager, ehemaligen Grundschulklassenkameraden oder ähnlich entfernt Bekannten oder ein Freund sucht "für seine Freunde, die heiraten" und da wären wir ihm ja gleich eingefallen. Cool soweit! Wir checken das Datum, wir fragen die Zeiten und Bedingungen ab und nennen einen Preis. Die Antwort lautet gerne "Wie, das kostet was? Du kannst ja auch mitessen." oder "Dir macht das doch aber auch Spaß".

Toll, dass ihr uns gern auf der Hochzeit dabeihaben möchtet und wir fühlen uns geschmeichelt, dass unser Gesang eure Hochzeit begleiten soll, aber für uns ist das leider nur ein Job. Ihr sucht euch die Songs aus (die wir im Zweifel nicht besonders toll finden, geschweige denn kennen), wir bereiten sie vor, wir sind rechtzeitig da, gewährleisten einen reibungslosen musikalischen und technischen Ablauf für den vermeintlich wichtigsten Tag im Leben des Brautpaares. Der Spaß hält sich für uns also ein bisschen in Grenzen, vor allem wenn wir das 15. Mal in der Hochzeitssaison "Das Beste" von Silbermond singen dürfen und natürlich kostet das dann auch was. Vor allem, wenn wir uns gar nicht richtig kennen. Denn Musik ist unser Beruf und der muss auch entlohnt werden. Besonders dann, wenn wir eine Dienstleistung erbringen und das spielen, was ihr gerne möchtet. Womit wir wieder bei Punkt 2 wären.

6. "Ich produziere Musik und bring dich groß raus."

Wenn man noch nicht DEN Plattendeal hat, ist es immer spannend, wenn Leute auf einen für eine Kooperation oder mit guten Kontakt zum Business zukommen. Die Erfahrung zeigt aber: 99,9 % derjenigen, die einen bei Facebook anschreiben oder nach einem Konzert ansprechen, sind Schnacker. Entweder ohne überhaupt irgendwas in petto zu haben oder mit grottig-schlechtem Material. Sorry also, dass wir laut seufzen, wenn jemand auf uns zukommt, der möchte, dass wir seine Songs singen, die dieses Mal vielleicht wirklich gut sind.

7. "Wenn du jetzt noch auf Deutsch singen würdest, würde mich das mehr berühren."

Hier spreche ich meinen Kollegen, die vornehmend englisch singen, hoffentlich aus der Seele: Wann hat es sich eigentlich eingeschlichen, dass man als Künstler nicht mehr selbst entscheiden darf, in welcher Sprache man singen möchte? Warum ist ein Song scheinbar weniger berührend, wenn er nicht in der Muttersprache geschrieben wird? Und wieso spricht man uns Künstlern ständig ab, dass wir uns über die Wahl unserer Liedsprache sicherlich mal Gedanken gemacht haben und das so, wie wir das jetzt machen, ganz gut finden? Warum ist das vor allem bei uns deutschen Künstlern ein Thema und wird bei anderen, ausländischen Acts (die selbst nicht englischsprachig sind) nie in Frage gestellt? Außerdem: Wer sich damit brüstet, Filme und Serien regelmäßig in OV zu schauen, der kann auch ruhig mal ein englisches Konzert ab. So.

8. Ungefragt filmen.

Klar, wir stellen uns auf die Bühne. Wir machen uns angreifbar. Wir wollen ja auch irgendwie, dass man unseren Auftritt anschaut. Das alles vorausgeschickt, sind wir immer noch Menschen. Und wir haben gute und nicht so gute Tage, vor allem aber auch eine Grund-Eitelkeit. Mitteltoll also, wenn da jemand beim Soundcheck schon, uneingesungen, ungeschminkt, im Tourbus-Schlabberlook direkt in unsere Nasenlöcher filmt. Und das mit dieser tollen Handy-Audio-Qualität am besten noch auch YouTube stellt. Genau so möchten wir im Internet gefunden werden. Nicht.

9. Die Auskunft

Als Sänger*in ist man oft auch Chef der Band. Wer sich noch keinen Tourmanager leisten kann, hat am Veranstaltungstag also genug zu tun, muss die Band zusammenhalten, Soundchecken, sich fertig machen, vorbereiten, noch einmal vor dem Auftritt runterkommen und den Kopf freibekommen, damit man beim Gig selbst auf der Bühne auch "da" ist. Ist aber oft gar nicht so einfach, weil man in regelmäßigen Abständen von allen Bandmitgliedern einzeln nochmal gefragt wird, wann es Essen gibt, wo das Klo ist und wenn man dann in einer Stadt spielt, in der man Freunde hat, wird das Handy konstant durchpiepsen, weil deine Freunde entweder Google nicht bedienen können, um Auftrittszeiten selbst in Erfahrung zu bringen oder noch 2 bis drölfzig Leute auf die Gästeliste schnorren möchten, gerne kurz vor Konzertbeginn, wenn eine Gästeliste längst abgegeben wurde. So... und jetzt noch spielen und voll da sein fürs Publikum? Aaaah....

Haben wir was vergessen? Wenn euch noch typische Sänger-Nerv-Klischees einfallen, kommentiert doch gerne!

Mein nächster Beitrag wird auch wieder freundlicher formuliert.

Eure Nina

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