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Besuch bei Audio-Technica in Tokyo / Interview mit Mikrofonbau-Ingenieur Shioto Okita

Technica House in der Innenstadt

In Tokyos Innenstadt, nahe der berühmten Meiji-Universität, gibt es das Technica House. In dem Hochhaus nahe der Metrostation Ochanomizu befinden sich Büros und das hauseigene professionelle Tonstudio, welches neben einem Arsenal an AT-Mikrofonen übrigens auch eine illustre Auswahl Klassiker aufweisen kann. Ich sage es mal so: Nicht jedes Tonstudio kann sich rühmen, eine Neumann-Flasche in Betrieb zu haben. Aber klar: Ein Mikrofonbauer benötigt Vergleichsmöglichkeiten, dafür sind diverse aktuelle, aber auch beliebte Vintage-Mikros natürlich ideal.

Stammsitz in Tokyos Außenbezirken

Machida/Naruse liegt im Süden der Präfektur Tokyo, vom riesigen Pendlerbahnhof Shibuya in Tokyos westlicher Innenstadt ist man etwa eine Stunde mit der Bahn unterwegs – und sieht unterwegs nichts als Häuser. Im weit weniger geschäftigen Machida ist Audio-Technicas Stammwerk beheimatet. Ich habe dort einen Termin mit Okita-san, seines Zeichens Mikrofonbau-Ingenieur und geistiger Vater der außergewöhnlichen Mikrofone AT 5040 und AT 5045 – und natürlich bekomme ich eine Werksführung.

Shioto Okita mit "Baby": Der Audio-Technica-Ingenieur hat das AT 5040 entwickelt.
Shioto Okita mit “Baby”: Der Audio-Technica-Ingenieur hat das AT 5040 entwickelt.
Fotostrecke: 3 Bilder Das AT-Hauptwerk in Machida/Naruse – weit entfernt von Tokyos Zentrum
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Rundgang auf Pantoffeln

Der Rundgang durch die Firma ist aufschlussreich – und erfolgt natürlich auf Gästepantoffeln, da man Unternehmen wie Privatwohnungen nicht mit Straßenschuhen betritt. Lange wird es das Gebäude nicht mehr geben, da der wenige hundert Meter entfernte Neubau, moderner, größer und natürlich erbebensicherer, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes schon bezogen wurde.

Im schalltoten Raum ist ein Plattenspieler

Wie jedes ordentliche Mikrofonbau-Unternehmen gibt es auch bei Audio-Technica einen schalltoten Raum für Messungen. Schön zu sehen, dass es in Japan vor allem der Pragmatismus ist, der wichtig ist: Die Apparatur, die beim Messvorgang der Richtcharakteristik das Mikrofon dreht, ist ein Plattenteller aus eigener Herstellung – Audio-Technica hat schließlich große Marktanteile bei Plattenspielern (und ist übrigens in Japan Marktführer bei Kopfhörern. Und Japan ist ein großer Markt!). 

Fotostrecke: 8 Bilder Audio-Technicas schalltoter Messraum
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Gemütliche Gespräche in der Kantine

Das Klischee vom äußerst straff geführten japanischen Unternehmen, in welchem alle Mitarbeiter emsig von früh bis spät wie die Ameisen malochen, möchte ich an dieser Stelle übrigens wiederlegen: Es gibt eine sehr kollegiale Kultur, Mitarbeiter treffen sich ständig zu kleinen Gesprächen und Beratschlagungen. Diese finden beispielsweise in der Werkskantine statt, wo auch Okita-san, David Walter und ich uns bei einem Becher grünem Tee gemütlich zum Gespräch niederlassen. Da Japanisch nicht unbedingt zum typischen Sprachrepertoire eines europäischen Fachjournalisten gehört, war ich sehr froh, mit David Walter einen bilingualen Audio-Technica-Mitarbeiter zur Seite zu haben, der in die Dolmetscherrolle schlüpfen und während meiner Zeit vor Ort viele Tipps und Hinweise geben konnte.

Interview mit dem Vater von 5040 und 5045

Okita-san, vielen Dank, dass Sie für unsere Leser die Zeit für ein Interview aufbringen konnten. Sie haben ein Produktionsmuster des AT 5040 mitgebracht, das ich auch schon testen durfte. Wie kam die Idee zustande, dass das Rechteckprinzip aufgegriffen und benutzt wird? Das ist schließlich ein sehr eigenständiger Weg, ich fand das ja sehr gut und auch durchaus mutig – und die Ergebnisse sprechen ja für sich.  

Das Ziel war, oberhalb der 40er-Serie ein High-Performance-Mikro herauszubringen, mit dem höchstmöglichen Signal-Rauschabstand. Um das zu erreichen, benötigt man eine große Membranfläche. Bei runden Membranen wird diese schlicht und einfach zu groß, auch für das Gehäuse, das dann schnell monströs wird.

Was mich in diesem Zusammenhang interessiert: Man hat ja bei runden Membranen mit Radialmoden zu tun, also dass es bei bestimmten Frequenzen auf der Membran Knoten und Bäuche gibt, die das Schwingungsverhalten beeinflussen. War es ein großer Aufwand, die Erkenntnisse, die man mit runden Membranen hat, auf die Rechteckmembran zu übertragen? Die Rundmembranen sind ja zur Genüge bekannt und erforscht.

Nun, so ein großer Unterschied besteht eigentlich nicht, das war durchaus übertrag- und überschaubar. Der Frequenzgang wird bei Kapseln ja hauptsächlich über die Spannung des Membranmaterials und den Abstand zur Backplate geregelt. Die Resonanzfrequenz hat gar nicht so einen großen Einfluss auf den Frequenzgang bis 20 kHz. Und dadurch, dass es sich bei der Rechteckmembran schon mal um zwei Moden erster Ordnung handelt, bei der runden um nur eine. Und zwei haben dann schon weniger Auswirkungen. Vom Klangcharakter gibt es natürlich Unterschiede, nur wirklich messen kann man eben nicht alles – da kommt dann die Erfahrung ins Spiel.

Fotostrecke: 6 Bilder Takanori Toyoshima, General Manager des Planning Departments, und David Walter, Produktplanung Pro-Audio, auf der Jahrespressekonferenz und Hausmesse.
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Mit dem Klang beider Mikrofone im Ohr erinnere ich mich daran, dass sowohl das Audio-Technica 5040 als auch das 5045 sehr schnell und fein auflösend waren, aber auch einen durchaus speziellen Klangcharakter haben. Ich habe das natürlich auch auf die Membran zurückgeführt.

Ja, der große Unterschied ist der Schallumweg zur Rückseite der Membran. Je größer die Membran ist, desto stärker ist der Höhenabfall. Bei der rechteckigen hat man auf der schmaleren Seite einen eher kurzen Weg, auf der anderen Seite – also quasi „oben herum“ einen längeren. Das hat auf die Höhenwiedergabe einen großen Einfluss.

…einen positiven, wie ich finde.

Tatsächlich, das wirkt sich positiv aus, es gibt ausgeprägtere Höhen. Und das macht auch den Klangcharakter der Mikrofone aus.

Und die Mikrofone sind ja beide nicht rotationssymmetrisch. Es macht also einen Unterschied, ob ich es vertikal ausrichte oder horizontal, was bei Rundmembranen so gut wie vernachlässigbar ist. Und bei Instrumenten wie bei Sängern kann man mit dem Winkel ja generell eine Menge regeln.

Ja, das stimmt. Vor allem tritt natürlich durchaus eine Färbung in der Off-Axis ein, mit der man arbeiten kann. Auf der vertikalen Ebene hat man aufgrund des kürzeren Schallumweges einen stärkeren Höhenabfall abseits der Haupteinsprechrichtung als horizontal. Und wenn man das weiß, kann man natürlich damit arbeiten.

Ein wenig wie bei Bändchen, nicht?

Definitiv, ja.

Fotostrecke: 3 Bilder Eines der spannendsten Konzepte, eines der besten und kleinsten Großmembranmikrofone überhaupt: AT 5045.
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Beide Mikrofone der 50er-Serie, das 5040 und das 5045, sind ja mit rückwärtigem Laufzeitglied und einem festen Polar-Pattern ausgestattet, haben Nierenkapsel. Ist eine umschaltbare Version denkbar – oder sogar geplant? Ein umschaltbares Großmembranmikrofon in einer winzigen Baugröße ist ja eine absolute Seltenheit.

Nun, wir haben natürlich schon viele Ideen zu einem Multipattern-50er und auch Prototypen erstellt . Ob aber ein Produkt daraus wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, denn das Konzept muss stimmen. Unsere Membranen sind wirklich hervorragend, aber in der Herstellung für uns auch sehr teuer. Und bei einem umschaltbaren 5040 bräuchte man nicht nur vier, sondern direkt acht Membranen!

Es gäbe ja noch die Möglichkeit einer mechanischen Umschaltung wie bei Schoeps MK 5 oder Shure KSM141.

Es ist recht einfach, eine mechanische Umschaltung von Niere zu Kugel zu realisieren, aber die Schwierigkeit liegt in der Acht und den anderen Richtcharakteristiken. Da müsste man dann gewisse Abstriche machen.

Ein anderes Thema: Das 5040 hat ja vier gleich große Rechteckkapseln. Wieso nicht eine große, was ist der Hauptgrund?

Einmal ist es natürlich die große Gesamtfläche, für den Signal-Rauschspannungsabstand. Und dadurch, dass es vier einzelne Membranen mit Einfassungen sind, hat man eben auch die Schnelligkeit der kleineren Membranen mit der resultierenden guten Transientenwiedergabe. Man kombiniert also zwei Vorteile miteinander. Und dann ist da ja noch das Prinzip, dass zwei der vier Membranflächen elektrisch invertiert sind. Zwei Kapseln geben also ein positives, zwei ein negatives Signal aus. Der Vorteil ist, dass diese Signale im Prinzip direkt so an das Mikrofonkabel gegeben werden können, weil sie ja symmetrisch sind. Wir müssen also weder elektrisch noch per Trafo symmetrieren, weil uns von der Kapselkonstruktion direkt ein symmetrisches Signal zur Verfügung steht.

Genial!

Ja, und es gibt uns noch einmal gut 3 dB Gewinn beim Rauschspannungsabstand.

Fotostrecke: 3 Bilder Pfiffig: Die vier Membranen sind nicht in gleicher Phase geschaltet…
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Und eine allgemeinere Frage habe ich noch. Es gibt bei AT-Mikrofonen ja durchaus unterschiedliche Gittermaterialien. 5040 und 5045 verwenden unterschiedliche, die Kleinmembran-Kondensatormikrofone wie 4051b haben ein häufig anzutreffendes Grid-Muster, darunter eine feine Gaze.

Das Pattern bei den Kleinmembranern ist ein guter Weg zur Höhenkontrolle. Und noch dazu hebt sich das Mikrofon dadurch von den vielen anderen Stäbchenmikrofonen ab. Die verschiedenen Materialien bei AT 5040 und AT 5045 sind auch darin begründet, dass die Abstände von Gitter zu Membran natürlich unterschiedlich groß sind. Das Gehäuse ist extrem wichtig für den gesamten Klang, natürlich haben wir sehr darauf geachtet, dass es sehr wenig schwingt. Und im Fall der 50er-Serie haben wir Hochimpedanz-Elektronik, die sehr gut gegen äußere Einflüsse geschützt werden muss.

Okita-san, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Arigatou gozaimasu!

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Shioto Okita mit "Baby": Der Audio-Technica-Ingenieur hat das AT 5040 entwickelt.

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von Nick Mavridis

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