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Thermionic Culture Vulture Test

Der Thermionic Culture Vulture ist im Grunde genommen ein Verzerrer. Wenn man Gitarristen beim abendlichen Kaltgetränk belauscht, dann scheint auch 2013 in puncto Verzerrung Röhrentechnik immer noch das Maß aller Dinge zu sein. Wer den Culture Vulture gehört hat, muss bestätigen: Das gilt nicht nur für Eierschneider, sondern auch auf der anderen Seite der Glasscheibe.

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Mittlerweile ist der Culture Vulture so lange am Markt, dass man ihn guten Gewissens als „Mutter aller modernen Sättigungstools“ bezeichnen kann. Das Gerät aus der Studio-Schmiede von Vic Keary, einem Urgestein der britischen Studio(technik)szene, gibt sich derart kompromisslos, dass man als Anwender auf Anhieb entscheiden kann, ob es einem gefällt, oder nicht – wobei die Antwort in den meisten Fällen „Ja, unbedingt!“ lauten dürfte…
Vic Keary experimentierte bereits in den 50er-Jahren mit Röhrenequipment, also zu einer Zeit, als es praktisch kein „Studioequipment von der Stange“ gab und jeder, der Musik aufnehmen wollte, seine Technik selbst bauen musste. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ungewöhnlich, dass Kearys Designs bisweilen etwas ungewöhnlich oder aus der Zeit gefallen erscheinen. Er kommt eben aus einer ganz anderen Ära. Dieser Pionier- und Einzelgänger-Approach sorgt ab und an für Detail-Lösungen, die aus heutiger Sicht etwas eigenwillig erscheinen. Geräte von Thermionic Culture (was sich etwas sperrig mit „Kultur der Röhrentechnologie“ übersetzen lässt) polarisieren, sie werden niemals Jedermann begeistern. Aber diejenigen, die sich von ihren Qualitäten angesprochen fühlen, lieben die Dinger um so mehr!

Details

Der Gitarrenverzerrer für´s Rack?

Im Kern handelt es sich beim Culture Vulture um einen Vollröhrenverzerrer, der zweikanalig aufgebaut ist; mithin also, wenn man es salopp ausdrücken möchte, um einen Gitarren-Bodentreter in Studioqualität. Allerdings greift diese Beschreibung zu kurz, denn in im Culture Vulture steckt eben beides: Er kann sehr, sehr kultiviert Klänge veredeln, aber auch hässlich wie ein Aasgeier klingen. Er bietet eine riesige Palette von Sättigungs- und Verzerrungsprodukten, und auch noch einiges mehr. Insgesamt arbeiten im Gerät nicht weniger als fünf Röhren. Am Eingang sitzt jeweils eine EF86-Pentode, ein wirklicher Klassiker, der beispielsweise auch in zwei anderen legendären Units zum Einsatz kommt, nämlich in Neumanns U67 und in bestimmten Baureihen des Vox AC30. Und damit ist ja auch schon die Bandbreite von feinstem Studio-Olymp bis zum Gitarren-Alarm abgesteckt…

Fotostrecke: 3 Bilder In der Bildmitte die Ausgangsröhre, eine hochwertige NOS-5963 von General Electric

Eine Pentode in der Output-Stage – für beide Kanäle

Die eigentliche Verzerrung besorgt eine weitere Pentode pro Kanal, nämlich eine 5725/6AS6, welche sich aber variabel beschalten lässt – dazu unten mehr. Am Ausgang schließlich teilen sich beide Kanäle eine 5963-Doppeltriode, wobei natürlich für jeden Kanal dann eines der beiden Triodenelemente reserviert ist. Und damit ist der Signalweg des Culture Vulture in den wesentlichen Zügen bereits beschrieben. Denn über Audio-Übertrager verfügt das Teil nicht, und das aus mehreren Gründen. Zum einen kann der Culture Vulture auch für Instrumente bzw. vor einem Amp eingesetzt werden, deren Signale ohnehin unsymmetrisch sind. Und zum anderen bevorzugt Vic Keary aus klanglichen Gründen auch bei vielen seiner anderen Studiotools unsymmetrische Schaltungen. Wer möchte, kann gegen Aufpreis aber eine „Mastering-Version“ des Culture Vulture ordern, die neben Übertragern auch ein paar weitere Detail-Lösungen bietet, die das Gerät für diese Anwendung weiter verfeinern. Für den „normalen“ Studioeinsatz kommt man mit der Standard-Version aber wunderbar klar.

P1 und P2 für K2 und K3…

Zahlreiche Bedienelemente sorgen für die klangliche Abstimmung des Gerätes. Wichtig sind natürlich vor allem die Drive- und Output-Potis, die maßgeblich die Verzerrung und den Ausgangspegel beeinflussen. Weiterhin klangentscheidend sind die Bias-Potis, mit denen man den Ruhestrom der verzerrenden 5725-Röhren einstellt. Die Palette reicht hier von extrem satten, dichten, warm-klebrigen Klängen über dünnere, bissigere Töne bis hin zu Effekten, die an ein Gate erinnern. Dazu bietet der Culture Vulture drei grundsätzliche Klangwelten: Wenn die 5725 mittels des Function-Schalters als Triode betrieben wird, klingt der Thermionic sehr rund, mit viel K2-Anteilen. Im P1-Pentodenmodus steht K3 im Vordergrund, was bissiger klingt und eher dem Klirrspektrum von Bandsättigung ähnelt. Der P2-Modus hingegen ist eher als Spezialeffekt zu sehen: Hier lassen sich je nach Bias-Setting chorusartige Sounds herauskitzeln, diese Klangvariante eignet sich hervorragend fürs Sounddesign bzw. wenn man Klänge wirklich in ihrem Charakter grundlegend verändern möchte.

Der grundsätzliche Charakter wird mit den Drive- und Bias-Potis eingestellt
Der grundsätzliche Charakter wird mit den Drive- und Bias-Potis eingestellt

HPF vor der Zerrung

Die Basiseinstellungen lassen sich mit ein paar Hilfsmitteln weiter verfeinern. Zum einen verfügt der Culture Vulture über einen Overdrive-Schalter, welcher die Verstärkung am Input um etwa 20 dB anhebt und auch das Bias-Setting etwas verändert. Das ist also gewissermaßen der Nachbrenner, mit dem man den Sound in ein anderes Verzerrungsuniversum katapultieren kann. Wenn die Ergebnisse dann zu schrill und krass werden, kann man sie durchaus etwas zähmen, denn der Thermionic verfügt über ein Tiefpassfilter bei 6 oder 9 kHz, welches vor der Verzerrungsstufe liegt. Man kann damit also verhindern, dass die Höhen nach der Obertöne generierenden Sättigungsstufe allzu krass werden.

Meter zeigen keinen Pegel

Auch ansonsten wurde bei der Ausstattung nicht gegeizt: Die beiden Meter sehen nicht nur hübsch aus, sie sind auch hilfreich bei der Einstellung des Gerätes. Anders als bei den meisten anderen Geräten zeigen sie keine Pegel an, sondern den Stromfluss in der 5725, gemessen in Milliampere. Auch Anschlüsse hat der Thermionic reichlich: Rückseitig finden sich die Klinkenbuchsen für Ein- und Ausgänge, wobei letztere doppelt vorhanden sind. Einmal mit Studiopegel, und einmal so weit abgeschwächt, dass man problemlos einen Gitarrenamp mit dem Culture Vulture füttern kann. Außerdem verfügt der Culture Vulture über zwei hochohmige Instrumenteneingänge auf der Frontplatte, was das Gerät als D.I. für Gitarren und Bässe prädestiniert.

Fotostrecke: 4 Bilder Der Culture Vulture bietet drei verschiedene Distortion-Typen und außerdem ein Tiefpassfilter vor der Verzerrungsstufe

Hochwertige Bauteile

Insgesamt ist das Teil nicht nur schön anzuschauen, sondern auch robust und aus hochwertigen Elementen gefertigt. Die Röhrenbestückung besteht beispielsweise komplett aus NOS-Typen (“New-Old-Stock”-Röhren) beziehungsweise bislang unbenutzen Glaskolben aus Vintage-Fertigung, welchen gemeinhin die besten Qualitäten nachgesagt werden. Bei unserem Testgerät wurden Edicron EF86 verbaut, außerdem eine 5725 sowie eine 5963 von General Electric. Laut Vic Keary handelt es sich vor allem bei letzterer um eine besonders hochwertige und langlebige „Military Grade“-Type.

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