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Sind Pop- und Rockstars ausgestorben?

Zwischen Streamingrekorden, TikTok-Hits und perfekt kuratierten Social-Media-Profilen wirkt der klassische Rockstar fast wie ein Fossil aus einer anderen Ära. Doch ist die Figur des überlebensgroßen Pop-Idols wirklich verschwunden oder hat sie sich einfach nur verändert?

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Was ist eigentlich ein Rockstar?

Bevor man darüber sprechen kann, ob Rockstars ausgestorben sind, muss zunächst geklärt werden, was ein Rockstar überhaupt ist. Der Begriff wird heute häufig sehr großzügig verwendet. Historisch betrachtet beschreibt er jedoch eine deutlich spezifischere Rolle innerhalb der Popkultur. Ein Rockstar vereint mehrere Elemente gleichzeitig. Dazu gehören musikalischer Erfolg, eine unverwechselbare Persönlichkeit und eine kulturelle Strahlkraft, die über einzelne Songs hinausgeht. Entscheidend ist dabei nicht nur die Musik selbst, sondern auch die öffentliche Figur dahinter.

Rockstars sind Künstler, über die gesprochen wird. Ihre Interviews, Auftritte und Konflikte werden Teil der kulturellen Erzählung rund um ihre Musik. Fans verfolgen nicht nur Alben oder Singles, sondern eine fortlaufende Geschichte aus Tourneen, Rivalitäten und öffentlichen Momenten. Deshalb beschreiben Kultursoziologen den Rockstar häufig als eine Art Popmythos. Musiker werden zu symbolischen Figuren, die bestimmte gesellschaftliche Werte verkörpern, etwa Individualismus, Rebellion oder eine bewusste Distanz zum Establishment.

Oder etwas weniger wissenschaftlich formuliert: Ein Rockstar war jemand, der ein Album veröffentlichte und gleichzeitig das Gefühl vermittelte, theoretisch auch ein Hotelzimmer auseinandernehmen zu können.

Wie unterschiedlich dieses Bild heute interpretiert wird, zeigt ein Blick auf zwei sehr verschiedene Künstler.

Liam Gallagher vs. Harry Styles: Zwei Generationen von Rockstars im Vergleich

Während Oasis Frontman Liam Gallagher oft als Inbegriff des klassischen Rockstars gilt, steht Harry Styles heute eher für den modernen Popstar. Der Unterschied zwischen beiden zeigt ziemlich gut, wie sehr sich das Rockstar-Bild verändert hat. Gallagher verkörperte in den 1990ern ein Modell, das stark über Konfrontation lief. Seine Wirkung kam nicht nur von der Musik, sondern auch von allem drumherum. Interviews, Streitigkeiten, öffentliche Reibung. Man hatte immer das Gefühl, dass jederzeit etwas eskalieren könnte. Genau das war Teil des Reizes.

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Harry Styles funktioniert ganz anders. Auch er ist ein globaler Star, füllt Stadien und hat eine klare künstlerische Identität. Aber seine Wirkung entsteht weniger durch Chaos und mehr durch Kontrolle. Er bewegt sich sicher durch Medien, spielt mit Mode und Ästhetik und schafft es, gleichzeitig nahbar und stilprägend zu wirken. Wenn man es etwas analytischer betrachtet, stehen beide für unterschiedliche Bedingungen, unter denen Stars entstehen. Gallagher kam aus einer Zeit, in der wenige Medien entschieden haben, wer groß wird. Wer dort stattfand, konnte schnell zu einer überlebensgroßen Figur werden. Styles bewegt sich dagegen in einer Welt, in der man ständig sichtbar bleiben muss. Social Media, Interviews, Auftritte. Alles läuft parallel.

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Der vielleicht größte Unterschied liegt aber in der Rolle, die sie einnehmen. Gallagher lebte davon, sich abzugrenzen. Er war größer, lauter und oft auch unangenehmer als sein Publikum. Styles funktioniert eher über Verbindung. Er ist anschlussfähig, vielseitig und für viele unterschiedliche Gruppen lesbar. Oder einfacher gesagt: Der eine war ein Risiko. Der andere ist ein System.

Warum wirken Rockstars heute seltener als früher?

Um zu verstehen, warum klassische Rockstars heute seltener erscheinen, lohnt sich ein Blick auf die Struktur der Musikindustrie. Bis in die frühen 2000er Jahre funktionierte Popkultur stark über sogenannte Gatekeeper. Radiosender, Musikfernsehen, Plattenlabels und Musikmagazine entschieden maßgeblich darüber, welche Künstler große Sichtbarkeit erhielten. Diese relativ konzentrierte Medienlandschaft ermöglichte es einzelnen Musikern, enorme kulturelle Präsenz aufzubauen.

Mit der Digitalisierung hat sich dieses System grundlegend verändert. Streamingplattformen wie Spotify, YouTube oder TikTok haben die Verbreitung von Musik stark demokratisiert. Songs können heute innerhalb weniger Stunden weltweit ein Publikum erreichen. Gleichzeitig ist die Menge veröffentlichter Musik massiv gestiegen. Laut Spotify werden täglich mehr als 100.000 neue Songs auf die Plattform hochgeladen.

Die Folge ist eine deutlich fragmentiertere Poplandschaft. Während früher wenige Künstler den globalen Diskurs dominierten, existieren heute zahlreiche parallele Szenen und Communities. Auch die Messung von Erfolg hat sich verschoben. Streamingzahlen, Klicks und Playlist-Platzierungen sind zentrale Kennzahlen geworden. Dadurch rückt häufig der einzelne Song stärker in den Mittelpunkt als die Künstlerfigur selbst. Früher zerstörten Rockstars Hotelzimmer. Heute dominieren sie eher den Spotify-Algorithmus.

Warum moderne Popstars anders funktionieren

Ein weiterer Faktor ist die permanente digitale Öffentlichkeit. In einer Welt, in der jedes Smartphone eine Kamera ist, verbreiten sich Fehltritte innerhalb von Minuten weltweit. Viele Künstler agieren deshalb vorsichtiger und professioneller als frühere Generationen. Interviews werden strategischer geführt, Social-Media-Profile sorgfältig kuratiert und öffentliche Aussagen stärker kontrolliert. Der Rockstar des 20. Jahrhunderts lebte teilweise von Unberechenbarkeit. Der Popstar des 21. Jahrhunderts bewegt sich oft innerhalb einer klar geplanten Künstleridentität.

Das bedeutet jedoch nicht, dass moderne Künstler weniger Persönlichkeit besitzen. Vielmehr hat sich die Art verändert, wie diese Persönlichkeit präsentiert wird. Hinzu kommt eine strukturelle Veränderung der Aufmerksamkeit. Musik wird heute stärker individuell konsumiert, häufig über personalisierte Playlists oder algorithmische Empfehlungen. Dadurch entstehen weniger universelle Popfiguren, die den gesamten kulturellen Diskurs dominieren. Auch die Diskussion darüber, ob Rockstars verschwunden seien, ist teilweise nostalgisch geprägt. Jede Generation neigt dazu, die Popfiguren ihrer Jugend als besonders prägend wahrzunehmen.

Rockstars im Streaming-Zeitalter

Trotz aller Veränderungen lässt sich nicht sagen, dass Rockstars vollständig verschwunden sind. Vielmehr hat sich die Form verändert, in der sie entstehen. Ein wichtiger Hinweis darauf ist der Live-Markt. In der modernen Musikindustrie gilt die Fähigkeit, große Arenen oder Stadien zu füllen, weiterhin als einer der stärksten Indikatoren für Superstarstatus. Während Streaminghits schnell entstehen können, erfordern große Tourneen eine langfristige Bindung zwischen Künstler und Publikum. Diese Verbindung gehörte schon immer zur DNA des klassischen Rockstars.

Auch die rebellische Energie der Popmusik ist nicht verschwunden. Sie äußert sich heute häufig anders. Viele Künstler experimentieren bewusst mit Genregrenzen, kombinieren unterschiedliche musikalische Einflüsse und entwickeln komplexe visuelle Konzepte rund um ihre Musik. Der Rockstar des Streaming-Zeitalters ist daher weniger ein chaotischer Mythos und stärker ein kreativer Gestalter seiner eigenen künstlerischen Welt.

Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht weniger spektakulär. Gleichzeitig hat diese Version des Rockstar-Daseins einen praktischen Vorteil. Die Karriere überlebt meistens länger als das Hotelzimmer. Fest steht deshalb: Rockstars sind nicht ausgestorben. Sie entstehen heute nur unter anderen kulturellen und medialen Bedingungen als früher.

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