Sienna Rose – Zwischen Fake Artists, KI-Musik und der Zukunft des Musikhörens

Selena Gomez hat einen ihrer Songs in einem Instagram-Post benutzt – und ihn kurz darauf wieder gelöscht. Fünf Millionen monatliche Hörerinnen und Hörer lauschen ihrer Musik auf Spotify, doch ihr Instagram-Kanal hat gerade mal 3.600 Follower. An Sienna Rose, Neo-Soul-Sängerin ohne Biografie oder Herkunft, scheiden sich die Geister. Kann diese Frau, die ein einziges Geheimnis zu sein scheint und in fast allen Social-Media-Posts schweigt, echt sein, oder haben wir es hier mit einer der ersten großen KI-Künstlerinnen zu tun? Die Debatte um KI-generierte Musik und den Umgang damit geht in die nächste Runde.

Screenshot, Alle Rechte bei Tidal

Wer ist Sienna Rose?

Bekannt sind diese Hard Facts: Seit September 25 hat Sienna Rose 45 Songs auf den Streamingdiensten veröffentlicht, darunter mehrere Alben. Der Track „Into The Blue“ führt die Liste ihrer beliebtesten Songs auf Spotify mit über 10 Millionen Aufrufen an, und derselbe Streamingdienst hat drei ihrer Songs in die „Spotify Viral 50“-USA-Playlist der meistgehörten Songs aufgenommen.

Dagegen stehen folgende Zahlen: 7.000 Abonnenten auf YouTube, 271 Fans auf Tidal, 3.586 Follower auf Instagram und 9.000 auf TikTok. Das passt nicht wirklich zusammen. In einer Zeit, in der Künstler*innen kontinuierlich sichtbar sein müssen und viel aus ihrem Leben teieln, gibt es über Sienna Rose keine Hintergrundinformationen. Plattenfirma, Alter, Land, persönliche Vorlieben – Fehlanzeige. Mitte Januar schrieb das Rolling Stone-Magazin, dass in der Biografie bei Spotify von einer „anonymen Neo-Soul-Sängerin“ gesprochen wird. Einen Monat später fehlt das „anonym“. In ihren Posts schweigt Sienna Rose meist, bedient aber stilistisch und thematisch Trends. Da heißt es zum Beispiel: „A daily reminder, to not let anyone bring you down, when you’re meant to shine.“ Dazu läuft Jessie J im Hintergrund, Sienna Rose lipsynct und reagiert mimisch im Stil eines Reaction-Videos. Keine Ecken, keine Kanten – alles so, dass es niemanden verstört, wegstößt und ein gutes Gefühl gibt.

Genau so klingt auch ihre Musik: genug Retro, um hip zu sein, eine Stimme, die umarmt und Nähe suggeriert, perfekt arrangiert, fehlerlos. Das kann von einem echten Menschen stammen – ich bezweifle das allerdings, so wie viele andere Berichte in den Medien auch.

Die Überflutung der Streamingplattformen mit generischer Musik

Durch das Auftauchen von Künstlerinnen wie Sienna Rose auf der musikalischen Bildfläche und ihren riesigen Übernacht-Erfolg auf Spotify verschärft sich die Debatte um KI-generierte Musik weiter. Streamingplattformen werden mit Song-Uploads überrannt. Waren es laut dem Streaminganbieter Deezer vor einem Jahr noch 10.000 KI-Songs pro Tag, so befinden wir uns jetzt bei 60.000 Songs. Wir hören immer häufiger KI-generierte Musik im Alltag, ohne es überhaupt zu merken. Es ist bekannt, dass Spotify seine Musikempfehlungen mithilfe von künstlicher Intelligenz schon seit 2014 optimiert.

Bekannt ist auch, dass sogenannte herkömmliche „Fake Artists“ schon seit Jahren Playlists bevölkern. In ihrem Buch „Mood Machine: Spotify and the Costs of the Perfect Playlist“ enthüllt die Autorin Liz Pelly das System dahinter. Spotify lässt sich „perfect-fit-content“ von Produktionsfirmen einspielen, um die massentauglichen Hintergrundteppich-Songs in ihren Playlists, zum Beispiel mit Klaviermusik, zu platzieren. Das spart Tantiemen, da nicht die Künstler*innen, sondern Spotify die Rechte an den Songs hält. Die Produktionsfirmen verdienen gut daran. Die Hörer*innen bleiben ahnungslos.

Der KI-Boom hat das System der Kosteneinsparung und des Profits nun verschärft. „Mit der millionenfach auf Spotify gepumpten KI-Musik perfektionieren nun anonyme Dritte die Masche mit den passgenauen Inhalten“, schreibt die taz. Und weiter: „Ein großer Teil ihres Erfolgsrezepts besteht darin, überhaupt nicht aufzufallen und sich vielmehr in den Flow der Gleichförmigkeit des Playlist-Ökosystems einzuschmuggeln.“

Wie wollen wir in der Zukunft Musik hören?

Bandcamp hat einen Bann für KI-generierte Musik ausgesprochen, Deezer kennzeichnet die betroffenen Songs, Qobuz führt strenge Leitlinien ein, um KI-Betrug zu vermeiden. Und wir hören im Schnitt drei Stunden KI-Musik pro Woche, obwohl noch die meisten Menschen sagen, dass sie Musik von real existierenden Personen bevorzugen. Schon jetzt kann KI-Musik kaum noch von echter unterschieden werden – die Grenzen verschwinden. Siehe die Debatte um Künstler*innen wie Sienna Rose. Wir sollten uns fragen, was es mit uns auf Dauer macht, wenn Künstlichkeit auch in diesem Bereich das Menschliche verdrängt. Auf jeden Fall ist es der Anfang vom Ende der Streamingplattformen, so wie wir sie kennen.

Abschließen möchte ich mit einer persönlichen Geschichte. Vorgestern hatte eine meiner besten Freundinnen Geburtstag. Ich war sehr überrascht, dass ihr Mann ihr mein neues Album auf Vinyl geschenkt hat, da sie mir einige Zeit vorher verraten hatte, dass sie meine neuen Songs nicht abholen. Sie schickte mir begeistert ein kurzes Video, in dem meine Platte auf dem alten Sony-Plattenspieler ihres Vaters lief, und schrieb dazu:

„Was für eine Freude, allein schon das Kunstwerk auf dem Plattenteller zu sehen! Und super schön ist die Musik – so ganz anders, als sie nur auf dem Handy anzuhören. Mach ich nie wieder!“

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An Sienna Rose, Neo-Soul-Sängerin ohne Biografie oder Herkunft, scheiden sich die Geister. Kann diese Frau, die ein einziges Geheimnis zu sein scheint und in fast allen Social-Media-Posts schweigt, echt sein, oder haben wir es hier mit einer der ersten großen KI-Künstlerinnen zu tun? Die Debatte um KI-generierte Musik und den Umgang damit geht in die nächste Runde.

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Eric sagt:

#1 - 11.02.2026 um 14:46 Uhr

0

Streaming-Plattformen tun so, als hätten sie die Musik revolutioniert – in Wahrheit haben sie sie zur billigsten Ware der digitalen Ära degradiert. Sie schlucken die Kreativität der Künstler wie ein gigantischer Staubsauger und spucken ihnen dafür ein paar lächerliche Mikro-Cent entgegen. Die Investoren sitzen oben wie moderne Feudalherren, die sich an einem Strom aus endlosen Gewinnen laben, während die Künstler den Dreck fressen müssen, den dieses System ihnen vorwirft. Und die Zuhörer? Sie bekommen ein musikalisches All-you-can-eat serviert, so bequem und billig, dass kaum jemand fragt, wer den wahren Preis zahlt. Das Ergebnis: Musik wird behandelt wie Einwegplastik – konsumieren, wegwerfen, weiterklicken. Dieses System ist nicht nur ungerecht – es ist eine kulturelle Provokation. Ein Modell, das Kunst ausschlachtet, Kreative an den Rand drängt und sich dann selbst als „Fortschritt“ feiert. Streaming ist der Beweis, wie weit eine Branche gehen kann, wenn Profitgier größer ist als der Respekt vor denen, die überhaupt erst etwas erschaffen.

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