Um es gleich vorweg zu sagen: Punks alter Schule lesen diesen bonedo-Workshop höchstens zufällig, denn in der gleichnamigen Musik geht es darum, den Zorn über die Verhältnisse frei von jeglichen Vorgaben und Regeln nach draußen zu katapultieren – je roher und simpler, desto besser. Instrumente als umhegtes Besitztum sind dem Punk fremd, explodierende Drumsets und zerschmetterte Gitarren kommen ebenso vor wie nach dem Gig demolierte Hotelzimmer.

Auf die Spielweise kommt es an!
Szenarien wie im Intro erwähnt, haben sich natürlich vornehmlich in der Anfangszeit des Punk abgespielt, als Bands wie die Ramones, die Sex Pistols oder The Damned eine neue, aggressive Form des Rock ‘n’ Roll entwickelten, welche es bis dahin nicht gab und die weltweit extrem erfolgreich werden sollte. Drummer wie Tommy Ramone und Paul Cook trieben ihre Bands dabei mit brachialer Energie an, perfektes Timing oder besonders virtuose Technik standen weniger im Vordergrund.
Das gilt heute nur noch eingeschränkt, die meisten modernen Punkrock-Bands gehen deutlich gewissenhafter zu Werke als ihre Vorgänger. Außerdem haben sich aus der Urform des Punkrock viele Substile entwickelt, die jeweils ihre eigenen Merkmale haben. Für Drummer trotzdem kein Grund, Spielweise und Sound nicht möglichst authentisch hinzubekommen. Auf geht’s!

Punk Rock Drumming erfordert Ausdauer und Technik
Seit dem Aufkommen des Punkrock müssen sich seine Protagonisten immer mal wieder des Vorwurfs erwehren, sie seien technisch und musikalisch eher schlicht unterwegs. Davon abgesehen, dass das die Kultur des Stils verkennt, stimmt es auch nicht. Besonders bei moderneren Vertretern wie zum Beispiel Erik Sandin (NOFX), Byron MacMackin (Pennywise), Travis Barker (Blink182) oder RJ Shankle (Strung Out) fällt neben enormer Geschwindigkeit auch eine hohe Musikalität auf. Hinzu kommt die Komplexität einiger Songs. Unerwartete Breaks oder Tempowechsel machen unvorbereitetes Mitspielen unmöglich, wenn man sich nicht blamieren möchte. Zeit zum Nachdenken bleibt bei den Tempi nicht, Muskelgedächtnis ist angesagt. Und das funktioniert nur, wenn es vorher intensiv trainiert wurde.
Diese Drums und Cymbals haben die ersten Punkrock-Drummer gespielt
Als Punk erfunden wurde, gab es weder das Internet noch eine übermäßig große Auswahl an Drumsets, Snares, Becken und Sticks. Gespielt wurde also, was in den lokalen Musikläden verfügbar war. Die damals verkauften Schlagzeuge basierten meistens auf der klassischen Kombination aus 22“ x 14“ Bassdrum, einem oder zwei Hängetoms in 12“ x 8“ und 13“ x 9“, dazu ein Floortom in 16“ x 16“. Die britischen Bands spielten oft Drumsets britischer Marken wie Premier. Marky Ramone verwendete oft Rogers-Schlagzeuge, später wurde er offizieller Ludwig-Endorser.
Für einen kontrollierteren Drumsound wurden damals oft die Resonanzfelle von Toms und Bassdrums entfernt. Bei den Becken dürften die Marken Paiste und Zildjian dominiert haben, Serien wie 2002 und die A. Zildjian Modelle sind auf vielen historischen Bildern zu sehen. Tatsache ist, dass sich um das Equipment der berühmten Punkrock-Drummer ein weitaus kleinerer Hype entwickelt hat als bei anderen Musikstilen.

Felle und Tuning Tipps für Punkrock-Drumming
Für Puristen und Fans der alten Schule ist die Sache klar: Punkrock lässt sich an jedem Drumset spielen, solange eine Bassdrum, eine Snare, ein paar Toms und Becken am Start sind. Und das stimmt natürlich, allerdings gehört zu einem modernen Drummer auch ein gewisses Verständnis des Instrumentes. Hinzu kommt, dass, rein technisch betrachtet, mit zunehmender Spielgeschwindigkeit auch die Qualität von Komponenten wie Fußmaschinen, Hi-Hat-Pedalen und Sticks eine immer größere Rolle spielt. Das merkt ihr spätestens, wenn euch die schnellen Doppelschläge zu viel Kraft abverlangen, weil das Pedal schlecht läuft oder falsch eingestellt ist. Hier findet ihr einen kompletten Ratgeber zum Thema.
Welche Bassdrum-Felle eignen sich für Punkrock?
Generell unterscheiden sich die verwendeten Felle kaum von denen auf Rockdrums. Für einen druckvollen, fokussierten Bassdrumsound eignen sich vorgedämpfte Felle wie das Remo Powerstroke 3, das Evans EMAD, das Asapura Kicka Tack oder das Aquarian Super Kick optimal. Diese solltest du tief stimmen und den Verstärkungs-Patch für den Beater nicht vergessen. So erhält deine Bassdrum mehr Attack und das Fell hält länger. Deinem Resonanzfell solltest du ein Loch spendieren, damit die Luft schneller entweichen kann und du bessere Kontrolle hast.
Welche Snare-Felle sind die besten für Punkrock?
Auch bei der Fellwahl für die Snare gilt: Druck und Attack sind nötig, ebenso ein nicht zu lange nachklingendes Sustain. Neben dem Klassiker, dem einlagigen, weiß-beschichteten Fell, solltest du unbedingt auch mal Modelle mit mittigem Verstärkungspunkt (Dot) oder doppellagiger Konstruktion ausprobieren. Beides liefert etwas mehr Kontrolle im Sound sowie auch ein Plus an Haltbarkeit.

Toms und Floortoms sollten eher tief und kurz klingen
Typisch rockiges Tuning funktioniert auch bei Racktoms und Floortoms sehr gut. Bei den Fellen solltest du doppellagige Klassiker wie das Remo Emperor, das Evans UV2 oder Aquarians Performance 2 ausprobieren. Deren Vorteil ist auch, dass sie insgesamt etwas bassiger und kompakter klingen, was für modernere Punkstile und auch für Recording gut funktioniert. Je schneller gespielt wird, desto besser eignet sich ein kürzerer Ausklang der Toms. Eine Verkürzung des Sustains erreichst du über Dämpfung, zum Beispiel mit Mr Muff Mini Muffs. Einen Versuch wert ist auch das Abmontieren der Resos, denn damit erreichst du einen etwas tonaleren und gleichzeitig sehr kurzen Klang der Toms.
Der Song
Zusammen mit dem Gitarrenkollegen Haiko Heinz haben wir euch einen Playalong-Song geschrieben. Um euch die Sache etwas zu erleichtern, haben wir eine moderat schnelle Version gewählt, beim Erstellen des Play-Alongs wurde ausnahmsweise sogar auf die Einnahme von Alkohol und anderen schädlichen Substanzen verzichtet, und es kam – Sakrileg! – sogar ein Metronom zum Einsatz. Aber nun zum Track, welcher aus einer einfachen, zweiteiligen Form besteht!

Hier geht es mit 175 bpm recht zügig, ansonsten aber übersichtlich zu. Eine geschlossene Hi-Hat spielt Achtelnoten mit leichter Viertelbetonung. Dazu kommt eine auf den Zählzeiten „Eins“, „Drei“ sowie „Drei und“ kräftig getretene Bassdrum und die obligatorische Snare auf „Zwei“ und „Vier“.

Den achttaktigen Refrain begleite ich wie die Strophe, allerdings auf dem Ride-Becken statt auf der Hi-Hat. Das gibt der Sache ordentlich Power. Nach vier Takten gibt es noch eine Steigerung, der jetzt gespielte Rhythmus wird als Four-Beat-Snare-Groove bezeichnet, weil die Snare auf allen Vierteln gespielt wird. Man kann sagen geprügelt, jedenfalls habe ich weder mich noch das Material geschont. Die Bassdrums liegen auf der „Eins“, „Drei +“ und „Vier +“, und mit der rechten Hand wird weiter das Ride-Becken „durchgeachtelt“. Hier könnt ihr meinen Part in der Kurzform hören. Außerdem findet ihr die volle Version mit und ohne Click.
Beginner-Tipp
Wenn ihr Probleme mit der Geschwindigkeit habt, ist es sinnvoll, dass ihr euch allmählich an das Originaltempo herantastet. Ein Metronom ist sinnvoll, um herauszufinden, bei welcher bpm-Zahl ihr noch halbwegs sicher seid. Nun könnt ihr euch schrittweise steigern, bis ihr das Originaltempo erreicht habt. Ab da solltet ihr regelmäßig zum Play-Along spielen und nebenbei natürlich nicht eure normalen Rudiment-Übungen vernachlässigen: saubere Single Strokes am Pad = schnelle und entspannte Hi-Hat- und Ride-Arbeit in der Band.
Und noch ein Insider-Tipp: Wenn ihr beim Üben bewusst sehr schwere Sticks verwendet und für Bandproben oder Auftritte wieder zu euren regulären Stöcken wechselt, könnt ihr das hohe Tempo auch über längere Zeit leichter bewältigen.
Profi-Tipp
Ihr spielt schon länger Schlagzeug, habt eine Punk Rock Band oder wollt in einer einsteigen? Dann geht es darum, ganze Gigs zu spielen und die schweißtreibenden Drumparts über längere Zeit konstant abzuliefern. Um Blasen oder Verletzungen zu vermeiden, solltet ihr ohne Band regelmäßig an eurer Präzision und Ausdauer arbeiten. Ich persönlich betrachte das Üben schneller und kraftvoller Stile auch als eine Art körperliches Training. Eurer Körper muss sich daran gewöhnen, eine oder sogar zwei Stunden schnell zu trommeln. Wer das auf die leichte Schulter nimmt, wird auch als technisch versierter Spieler irgendwann verkrampfen. Übrigens ist es kein Wunder, dass einige bekannte (und teilweise schon ziemlich alte!) Punkrock-Drummer sehr gesund leben. Denn Sport und der Verzicht auf Substanzen aller Art verbessern das Schlagzeugspielen enorm.
Verwendetes Equipment
Als Bassdrum kam eine tief gestimmte Wahan Acryltrommel in 24×13 Zoll mit Vintage Gratung zum Einsatz, zwei ebenfalls tief gestimmte Wahan Buchenholz-Toms in 12×8 und 16×14 sowie eine mitteltief gestimmte Noble& Cooley Cherry Snare in 14×5 Zoll. Die Becken bestanden aus einem Armoni-Satz (14er Hats, 16er Crash und 20er Ride) sowie einem Sabian HHX O-Zone in 18 Zoll.

























Fred sagt:
#1 - 14.07.2015 um 07:27 Uhr
Sehr cool gemacht. Hoffe in den kommenden Folgen ist noch mehr für die harte Fraktion dabei.
bonedo Chris sagt:
#2 - 14.07.2015 um 21:04 Uhr
Hi Fred, danke für dein Feedback. Auf jeden Fall wird es noch einen Crashkurs- Workshop zum Thema Metal geben. Viel Spaß weiterhin!