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People Pleaser im Proberaum – warum Artists nein sagen müssen

„Kannst du noch schnell mal kurz…“ Bei vielen Musizierenden geht die Kreativität mit einer gewissen Sensibilität und Empathie für andere Menschen einher. Das hat ganz, ganz viele Vorteile, nur leider oft den großen Nachteil, dass es uns schwer fällt zu anderen Personen auch mal „Nein“ zu sagen. Das böse „N Wort“ fühlt sich für uns People-Pleaser nicht wie eine einfache Absage an, sondern wie eine riesen Enttäuschung.

(c) @studio.gegenueber

Und darin liegt die Gefahr. Auf Dauer ist es mehr als ungesund, die Bedürfnisse der Anderen vor die eigenen zu stellen. Schnell verschwimmen die Grenzen und wir erwischen uns dabei, kaum noch zu wissen, welche Gedanken tatsächlich unsere eigenen sind. Ob aus Unsicherheit heraus oder der Hoffnung auf Chancen. Es ist wichtig, dass wir immer wieder in uns hineinhorchen und prüfen, ob wir uns selbst treu geblieben sind.

Chance oder Verhängnis?

Da kommt die große Chance! Sei es in Form von einer neuen Band, einem Gig-Angebot oder dem Major-Label. Das könnte der große Karriere-Durchbruch sein! Die Band will dich, aber du darfst deine eigenen, geliebten Textideen nicht mit einbringen? Das Label verspricht dir den großen Karriere-Durchbruch, aber du musst auch noch Jahre später die Hälfte deiner Einnahmen an sie abgeben? Höre auf dein Bauchgefühl und sag auch mal nein. Schreibe dir am besten Vorher auf, was deine persönlichen Red-Flags sind und bleibe dir selber treu. Wenn du aufhörst mit dir selbst immer wieder neu über diese Themen zu verhandeln, wird dir dein nächstes Nein viel leichter fallen.

Anhaltspunkte zum Nein sagen

  • Bandsuche: Es ist leichter, nach einem Vorspiel „passt nicht“ zu sagen, als nach drei Jahren die plötzliche Trennung zu moderieren.
  • Marketing / Deals: Hol dir mehrere Angebote rein – und sag dem schlechtesten Deal freundlich ab.
  • Gig-Anfragen: Stell dir drei Fragen:
    1. Lohnt es sich finanziell?
    2. Lohnt es sich für die Karriere?
    3. Ist es ein Herzenswunsch?
      Sind zwei davon erfüllt: doppelt Ja. Ist nur eins erfüllt: genauer hinschauen. Ist keins erfüllt: Jackpot – du kannst Nein sagen üben.

People Pleaserin Bella Reed im Interview mit Bonedo:

Musikerin Bella Reed ist Hamburger Newcomerin, aber im Peoplepleasing ist sie Vollprofi. Sie hat dieses Dilemma in einen Song übersetzt. „Ich sag ja“ heißt die neue Single.

Wann hast du gemerkt, dass du eine People-Pleaserin bist und nicht einfach nur nett (wo ist überhaupt der Unterschied)?

Bella Reed: Ich hab als Kind in der Schulzeit oft das Problem gehabt, dass andere immer etwas an mir auszusetzen hatten (ich sei zu laut, chille mit den „falschen Leuten“, hätte keine Meinung, weil ich einfach nicht mitlästern wollte etc.). Am Ende hab ich oft andere verteidigt und wurde dadurch selbst zum Opfer. Irgendwann hab ich aus der Not heraus, anderen gefallen zu wollen, einfach Ja gesagt. Ja zu: ich hör dir zu, obwohl ich weiß, dass du nur kommst, wenn du was von mir brauchst, Ja zu: ich teile etwas mit dir, obwohl ich weiß, du würdest das Gleiche nicht für mich tun, usw. Ich habe mich in der Schulzeit teilweise total selbst verloren, nur damit es anderen gut geht, nur um irgendwie dazuzugehören. Und genau daran hab ich das gemerkt. Es kann nicht richtig sein, nicht man selbst sein zu können, seine Grenzen nicht einzuhalten, „nur“ damit man gemocht wird oder sich andere besser fühlen.

Wo zeigt sich People Pleasing bei Artists am häufigsten? Proberaum, Studio, Social Media, Business – gibt es einen Hotspot?

Bella Reed: Ich glaube, bei mir persönlich war es meistens Social Media. Ich hab früher viel gepostet, weil irgendjemand gemeint hat: mach das, das ist grad Trend, versuch mal so zu sein oder sowas zu singen. Da kann man sich schnell verlieren und auch mal vergessen, wofür man eigentlich selbst steht.

Was steckt bei dir meistens hinter dem Ja – Konfliktangst, Harmoniebedürfnis, die Hoffnung auf Chancen?

Bella Reed: Ganz klar die Hoffnung auf Chancen. Ich hab extreme Fomo und will immer überall alles wahrnehmen, was mir grade über den Weg läuft.

Kannst du heute Nein sagen, ohne dich schuldig zu fühlen? Was hilft dir in dem Moment ganz konkret?

Bella Reed: Ich kann heute viel besser Nein sagen. Ich kenne mich selbst besser, weiß um meine Grenzen und kann diese besser beschützen. Ich habe aber auch ein sehr tolles soziales Umfeld, welches mich auch öfter mal dran erinnert, wirklich nur das zu tun, wo ich dahinter stehe, und auch mal zu etwas Nein zu sagen, wenn ich einfach keine Energie mehr dafür habe. Dennoch hab ich natürlich immer mal wieder Situationen, in denen mir das sehr schwer fällt.

Lernst du gerade, Grenzen zu setzen? Woran merkst du, dass du Fortschritte machst?

Bella Reed: Ja, total! Vor allem merke ich das grade in meinem Privatleben sehr. Ich sortiere Freundschaften aus, setze andere Prioritäten und hinterfrage einfach: Wer gibt mir Energie, wer raubt sie mir? Ich versuche mir immer wieder zu verinnerlichen, dass ich die wichtigste Person in meinem Leben bin. Mir sind meine Werte und meine Prinzipien enorm wichtig, und wer da nicht mehr reinpasst, den halte ich gerne auf Abstand und verbringe meine Quality time mit denen, die das auch so sehen. Vor allem durch Coaching/Therapie merke ich die Fortschritte, die ich mache, genauso aber auch, wenn ich wieder in alte Muster verfalle.

Hast du eine Formulierung, mit der du freundlich, aber klar absagst – so, dass es sich für dich trotzdem stimmig anfühlt?

Bella Reed: Ich habe keine aktive Formulierung. Ich versuche sowieso immer höflich und freundlich zu bleiben und kommuniziere einfach meine Bedürfnisse klarer sowie meine Grenzen. Wenn ich keine Energie oder Zeit für jemanden habe, sag ich das klar, aber natürlich empathisch.

Wie gelingt ein gesundes Nein, das Beziehungen nicht zerstört?

Bella Reed: Wenn ein Nein dafür verantwortlich sei, Beziehungen zu zerstören, sollten diese Beziehungen keinen Platz in meinem Leben haben.

Erlebst du, dass People Pleasing in der Branche bei FLINTA/Frontpersonen anders erwartet wird als bei Männern?

Bella Reed: Ich hab noch nicht so einen großen Erfahrungswert, dass ich dazu groß etwas sagen möchte, aber was mir generell einfach immer wieder auffällt, ist, dass Flinta Personen sich oft mehr durchkämpfen müssen und jeder „Fehler“ gefühlt doppelt gewichtet wird. Ich persönlich kämpfe viel mit der Angst, eine Chance zu verpassen. Dieser Druck kommt schon auch daher, dass ich vor allem auf Social Media oft beobachte, dass es für Männer einfacher ist, eine gewisse Reichweite zu erlangen und Flinta Artists einfach immer wieder untergehen, obwohl sie krass gut sind. Ich glaube aber fest daran, dass jede Version, die stark genug ist, sich auch durchsetzen wird – auch wenn die Wege dahin – vor allem im Bezug auf Steine, die im Weg liegen – sehr unterschiedlich sein können.

Und vielleicht ist genau das der Punkt: People Pleasing ist nicht einfach „zu nett sein“. Es ist oft ein Schutzmechanismus. Manchmal aus Unsicherheit, manchmal aus der Angst, ersetzbar zu sein oder der Hoffnung auf Chancen. Das Gute: Grenzen setzen ist lernbar. Und jede kleine Absage ist auch eine Zusage: an dich selbst.

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