Feature
8
27.11.2019

Was man als Lichttechniker von der weihnachtlichen Vorgartenbeleuchtung lernen könnte

Zauberhaft oder kitschig, geschmackvoll oder vollkommen spießig: Die beleuchteten Vorgärten, Balkone und Fenster werden mal wieder weihnachtlich inszeniert. Spaziert man einfach mal durch die Wohnsiedlungen, kann man sich den vielen stimmungsvollen Bildern gar nicht wirklich entziehen. 

Wirklich beeindruckend, mit welchem Einsatz und Fingerspitzengefühl die Menschen in der Adventszeit, trotz dem ganzen Weihnachtstrubel,  ihre Umgebung dekorieren und für die beschauliche Atmosphäre sorgen. Wer sich einfach mal einen Augenblick Ruhe nimmt, kann durchaus das eine oder andere lernen. 

Licht wird zum eigenständigen Bild

Der eigentliche Punkt ist der: Besonders sehenswert wird es dann, wenn das Weihnachtsambiente mit wenigen und dadurch umso wirkungsvolleren Details gestaltet ist. Dabei entwerfen die meisten der vermeintlichen Laiendekorateure mit dem illuminierten Weihnachtsmann, dem Rentier, Lichterketten oder Sternen und weiteren leuchtenden Deko-Artikeln eine Szene. Und darauf beschränken sie sich. Möglicherweise steckt darin schon der wesentliche Kern der Sache. Ganz automatisch arbeiten sie szenisch. Das Licht wird zum Bild.

Bühnenverständnis ist der Gegenpart

Diese Art der Gestaltung wird von uns auf Normalbühnen zwischen Auftragsmusik, DJ-Veranstaltungen und auch Großkonzerten bisweilen vollkommen vergessen. Da ist beispielsweise die Bühne der Show-Band, bei der die Front- und Backlights, die Washlights und die Blinder permanent im Einsatz sind. Der vorhandene Raum wird genutzt und in reichlich Licht getaucht. Das ist ganz sicher in vielen Fällen höchst anspruchsvoll. Aber eine Story wird damit zunächst nicht erzählt. Nicht anders auf der Rockbühne: Die Bühne wird mit einer Armada von Lichtkannen, Strahlern und Heads eingehüllt. Der komplette Bühnenbereich wird je nach Situation mehr oder minder beleuchtet. Bei ruhigeren Sounds oder Solopassagen treten die jeweiligen Künstler in den Lichtkegel. Die Abwechslung liegt meistens in den Farben, der Intensität oder den Zielpunkten. Die Lightshow soll das Gesamtbild lediglich unterstützen und nicht zum Selbstzweck werden. Wohlgemerkt, in den meisten Fällen ist das exakt der richtige Weg. Die Augen der Zuschauer sollen auf die Band gelenkt werden.

Licht ist Kunst und kann Geschichten erzählen

Dennoch beraubt man sich mit dieser rein unterstützenden Herangehensweise vielen kreativen Möglichkeiten. Wie leicht wäre es umsetzbar – siehe Theater, Musical oder Fernsehen – mit eigenständigen Lichtbildern beispielsweise das Intro in einer Show zu gestalten oder sogar einen roten Faden durch die ganze Veranstaltung zu spinnen. Licht für das Storytelling, Licht als eigenständige Kunstform, die gleichberechtigt neben der Hauptbeleuchtung existiert. Die heutigen Bühnenbilder sind entweder gar nicht vorhanden oder werden von Video-Wänden bestimmt. Licht aber ist mühelos imstande, Geschichten mit Objekten zu erzählen. Und daran wird man bei jedem Spaziergang entlang der Vorgärten erinnert. Alle Jahre wieder wird uns vorgeführt, wie das mit den einfachsten Mitteln funktioniert.

Kitsch nicht eins zu eins kopieren

Aufpassen muss man lediglich, dass man den Kitschfaktor nicht übernimmt. Der hat allenfalls noch zu solch traditionellen und kulturgeschichtlichen Festen seine Berechtigung. Vermutlich darf an den typischen Motiven und Objekten auch gar nicht gerüttelt werden. Schließlich haben sie weltweiten Symbolcharakter. Wollte man das per copy and paste auf der Bühne installieren, würde das vermutlich für legendäres Gelächter sorgen.

Kreativität first

Auch an dieser Stelle gilt es kreativ zu sein. Einfach mal den Schaufenstergestaltern oder Innenarchitekten auf die Finger schauen und zeitgemäß bleiben. Wenn ihr euch zu den Texten der Songs oder der Show passende Objekte sucht und sie statisch beleuchtet, könnt ihr damit die Message eurer Musik einfacher transportieren und visualisieren. Außerdem liefert ihr den Zuschauern die sogenannten Fixpunkte, die ihnen die erforderliche Ruhe in der ansonsten wild blitzenden Lichterwelt bieten. Unterbewusst möchte der Mensch sich immer an irgendwas orientieren können. Das vermittelt automatisch Sicherheit in einer hektischen Welt; ein Trigger, mit dem er sich an die Hand genommen fühlt. Ein menschlicher Mechanismus, den man für die Lichtshow vollkommen eigennützig ausnutzen kann. Die Ruhe und Friedfertigkeit ist es, die uns vor und zu Weihnachten ein geborgenes Gefühl gibt. Eine Orientierung eben. Und die beschaulichen Vorgärten sind die dafür unübersehbaren Symbole.

Verwandte Artikel

User Kommentare