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Test
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16.04.2014

Warm Audio WA76 Limiting Amplifier Test

19" Kompressor

1176-Clone

Warm Audio WA76 Limiting Amplifier im bonedo-Test – Man kann den 1176 mit gutem Gewissen als populärsten Transistorkompressor aller Zeiten bezeichnen. Dieser glorreichen Historie fügt Warm Audio nun sein eigenes Kapitel hinzu.

Zählt man alle Original-Einheiten (Vintage-Modelle und Reissues) sowie die zahlreichen Clones zusammen, die über die Jahrzehnte an den Mann gebracht wurden, dann kommt man auf eine recht hohe fünfstellige Zahl an 1176-Kompressoren, die sich im Umlauf befinden. Das ist für ein professionelles Dynamikwerkzeug eine extrem große Verbreitung. Neben den zahlreichen bekannten und weniger bekannten Engineers, die auf dieses Gerät schwören, ist dies auch ein eindruckvoller Beleg für die Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit, die dieses Teil zum Inbegriff des „Limiting Amplifiers“ gemacht haben.

Mitte/Ende der 60er-Jahre vom Universal-Audio-Tausendsassa Bill Putnam entwickelt und auf den Markt gebracht, war der 1176 einer der ersten Kompressoren überhaupt, die sich der damals noch jungen Transistortechnik bedienten. Dass das Gerät aus dem Stand ein Erfolg werden sollte, der sogar ein halbes Jahrhundert später noch Maßstäbe setzt, liegt wohl vor allem daran, dass Frank Sinatras Lieblingsengineer Putnam neben vielen anderen Talenten mit einem genialen Gehör gesegnet war – und sich einfach den Kompressor, den er haben wollte, selbst auf den Leib geschneidert hat.

Während der Original-1176 stets ein eher hochpreisiges Thema war, haben die Texaner von Warm Audio für einen Paukenschlag gesorgt, als sie jüngst ihre Version des Gerätes ankündigten. Denn zum einen haben die bisherigen WA-Prozessoren im Fahrwasser klassischer API-Designs viel Lob geerntet, vor allem aber war klar, dass der WA76 in einer ganz anderen Preisklasse antreten würde als sein Vorbild. Ein ausgewachsener 1176 zum Preis einer mittleren 500-Kassette – kann das denn sein? Wir schauen mal genauer hin!

Details

Mit dabei: „All Button Mode“

Zu den generellen Qualitäten und den grundsätzlichen Schaltungseigenschaften des 1176 muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren – vieles lässt sich auch in unserem Test des Universal Audio 1176LN nachlesen. Deswegen hier nur die wesentlichen Merkmale in aller gebotenen Kürze. Als Gerät mit fest eingestelltem Threshold verfügt auch der WA76 über Input- und Output-Potis. Dies weicht vom klassischen VCA-Schema ab (das es zur Einführung des Original-1176 noch nicht einmal gab...), ist aber ein sehr intuitives Verfahren, das eigentlich auch viel „musikalischer“ ist als die typischen Treshold/Gain-Parameter. Das restliche Layout ist bekannt: Vier Ratio-Schalter für die Kompressionsraten 4:1, 8:1, 12:1 sowie 20:1 (inklusive klassischem All-Button-Modus, wenn man alle Schalter gleichzeitig drückt), ein großes VU-Meter, das Gainreduktion und Ausgangspegel anzeigen kann, schließlich noch der Off-Schalter.  Trotz dieser überschaubaren Bedienelemente handelt es sich beim 1176 um ein Dynamikwerkzeug mit sehr vielseitigen Einsatzmöglichkeiten, eben ein echtes „Workhorse“. Das liegt zum einen daran, dass der „Limiting Amplifier“ von Haus aus eher zackig zu Werke geht, zu sehr robuster Kompression neigt und Peaks extrem zuverlässig in Schach hält, aber die recht hohen Kompressionsraten und die sauschnellen Regelzeiten in der Praxis durch das Feeback-Design des Gerätes abgemildert werden. Ein 1176 packt stets kräftig zu, aber eben niemals so spitz wie ein VCA-Kompressor mit Feed-Forward-Regelung. 

Kein Barrier Strip und kein Kaltgeräte-Eingang auf der Rückseite

Auf der Rückseite liegen die Audioanschlüsse an jeweils symmetrisch beschalteten XLR- und TRS-Buchsen an. Anders das aktuelle Universal-Audio-Reissue, welches mit der althergebrachten Klemmleiste und XLR, aber ohne Klinkenbuchsen daherkommt. Ein kleiner Schalter aktiviert eine Eingangsdämpfung von -23 dB aktiviert, was besonders im Zusammenspiel mit (sehr) ausgangsstarken Preamps vorteilhaft sein soll – ein Feature, das das Original so nicht bietet. Dafür muss man auf die Stereoverkoppelungsmöglichkeit des Originals verzichten.

Der WA76 verfügt über ein internes Netzteil, lediglich der der Netztrafo ist in einem Gehäuse des Typs „Wandwarze“ ausgelagert. Dies mag sogar einen Vorteil bieten, weil die Netzspannung weit von den sensiblen Audioschaltkreisen ferngehalten wird, ist konstruktiiv jedoch nicht ganz so schön, weil einfach weniger robust als ein herkömmlicher Kaltgeräte-Netzanschluss. Immerhin wurde an eine kleine Zugentlastung für das Kabel gedacht. 

Irgendwo musste gespart werden…

Der Look des WA76 sagt laut und deutlich „1176“, das Feel hingegen kann hier nicht ganz mithalten. Mit Blick auf den Endpreis wurden nämlich bei der Fertigung an einigen Stellen durchaus ein paar Abstriche gemacht. Das Gehäuseblech ist eher dünn und die Potikappen fühlen sich so billig an wie sie wahrscheinlich auch sind. Unterm Strich würde ich sagen, dass der WA76 ausreichend stabil ist, es sich hier also nicht um einen echten Minuspunkt handelt – doch wenn man das konstruktive Wunderwerk des Original-1176 gewohnt ist, dann fällt es einfach auf. Dass ein Großteil der UREI/Universal-Audio-Originale auch heute, je nach Baujahr 30 bis 50 Jahre später, immer noch seinen Dienst tut, liegt auch an ihrer grundsoliden Konstruktion. Ob man an einem WA76 in 50 Jahren immer noch die gleiche Freude hat, wage ich zu bezweifeln. Aber wie sehr dieser Punkt ins Gewicht fällt, das muss jeder selbst entscheiden. 

Cinemag-Übertrager!

Warm Audio hat bei den inneren Werten hingegen keineswegs gespart hat. Der Fokus liegt hier ganz klar darauf, einen hochwertigen und möglichst originalgetreuen Signalweg anzubieten, was Warm Audio in wesentlichen Punkten auch gelungen ist. So kommen beispielsweise Ein- und Ausgangsübertrager des Qualitätsherstellers Cinemag zum Einsatz. Die Schaltung des WA76 orientiert sich an der Class-A-Originalrevision D, also mithin einer der am meisten gesuchten 1176-Varianten.

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