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Test
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14.09.2021

Vector Test

Digitaler Desktop-Synthesizer

Experimental Exploratory Hardware Synthesizer mit additiver Synthese

Während etablierte Hersteller oft risikoscheu nur gewohnte Konzepte mit wenig Innovation träge aufkochen, zeigt sich der europäische Osten progressiver: spontan fallen mir Bettermaker aus Polen ein, die tolle analoge Prozessoren mit Plugin-Steuerung anbieten, Erica Synths aus Lettland – und jetzt eben auch Vector aus Tschechien. 

Vector, das sind Andre und Adam, die nach ihren Studien von Sound Engineering bzw. Robotics, feststellten, dass alle Synthis grundsätzlich gleich und Ergebnisse zwangsläufig wenig differenziert sind. Logisch: Mit dem Hammer in der Hand wird bekanntlich jedes Problem zum Nagel. Sie taten, was getan werden musste: kündigten ihre Jobs, kratzten das Ersparte zusammen und entwickelten fünf Jahre lang Vector. Noch kommt ihr Unternehmen ohne echten Firmenschirm aus, dennoch rollt schon der sechste Produktions-Stapel von der Werkbank und Firmware 2.6 ist ebenfalls draußen.

Gekauft werden kann der Synth derzeit nur über die eigene Vectorsynth Website, wobei kaufen gar nicht mal das richtige Wort ist. Man kann vorbestellen – und für einen relativ moderaten Preis erhält man dann irgendwann ein sehr komplexes Instrument bzw. den „Experimental Exploratory Hardware Synthesizer“, wie sie ihn nennen. Boutique-Style, der sich lohnt? Wir finden es heraus!

Details

Funky Hardware, moderne Connections

Vector ist ein Hardware-Synthesizer im Desktop-Format mit einer Art additiver Klangsynthese und vielen Filtern. Unter der soliden Metal-Haube rödelt eine Cortex-CPU mit Linux-Betriebssystem, auf der Unterseite findet sich ein nicht hörbarer Lüfter. An einen Netzwerkanschluss wurde auch gedacht, über welchen sich regelmäßige Firmware-Updates direkt aus dem Internet laden lassen – lässig.  

Alternativ kann man FW-Updates über USB-Sticks laden, wozu die Host-USB-Buchse (Typ A) dient, welche außerdem für den direkten Anschluss eines USB-MIDI-Controller/Keyboard geeignet ist. 

Normales MIDI (In/Out) gibt es via Miniklinke, ferner dient eine weitere USB-Buchse (Typ-A) für MIDI-Verbindungen mit dem Computer – Audio wird nicht übertragen. Die Tonausgabe des kleinen Computers erfolgt mittels zweier unsymmetrischer Klinkenbuchsen, eine Kopfhörerbuchse gibt es auch. Die Lautstärke der 6,35 mm Ausgänge wird gemeinsam geregelt. Soviel zur Hardware-Basis. 

Evolving Firmware

Die Software wird kontinuierlich weitergedacht und entwickelt; aktuell sind wir bei Version 2.6. Der Test bezieht sich entsprechend auf diese Version „as it is“, wobei ich bereits jetzt verraten kann, dass weitere Features folgen werden, Stichwort: Multitimbralität. 

Man muss dazu sagen, dass die Entwickler gute Zuhörer sind und sich Forum-Wünsche flink in aktuellen Builds wiederfinden. Die vielen Möglichkeiten detaillierter zu beschreiben als folgend, macht demnach wenig Sinn - alles kann sich verändern bzw. noch verbessern.

25-Encoder plus Touch-Screen

Im Zentrum des Geschehens thront ein 7-Zoll großer Touch-Screen, der zum morphen des „Orbits“ dient, einer zweidimensionalen Bewegung zwischen den vier Corners, welche einen Teilsound darstellen und gemixt werden können. Filter-Konfigurationen, Engine-Verschaltungen, der umfangreiche Arpeggiator sowie Settings und Presets werden ebenfalls am Display bedient.

Wesentliche spielbarerer Klangparameter werden mit 25 Encodern bedient, die diskret je einer Funktion zugeordnet sind. Im Display werden Encoder-Einstellungen teilweise auch visualisiert, lassen sich aber nicht unbedingt auch per Touch regeln, was für Verwirrung sorgen kann. Doppelbelegungen gibt es indes kaum; lediglich die Funktion der fünf Encoder unmittelbar unter dem Display kann mit dem CONTROL Kippschalter in eine zweite Ebene gebracht werden.

Direktzugriff gibt es so jedenfalls für die Effekte VIBRATO, TREMOLO, REVERB, CHORUS, DELAY und DRIVE mit ungefähr je zwei Parametern. Der ADSR Envelope sowie weitere ORBIT-Parameter werden ebenfalls am Gerät geregelt, genau wie die OVERTONE GENERATOR Klangquellen und FILTER CUTOFF bzw. RESONANCE. Die SYNC-Funktion wird mit Kippschaltern bedient. 

Ein echter Hardware-Synth also und kein verkapptes iPad mit Extra-Reglern. Soweit so gut und bereits jetzt anders als der Rest, wobei klar sein sollte, dass es den Vector Jungs wohl weniger um typische Brot und Butter Sounds geht als vielmehr um komplexe Pads, experimentelle Texturen und endlose Drones.

Morphing mit Harmonic-Synthesis Klangerzeugung

Abstrakt wird es mit der Klangerzeugung: Die Main-Engine besteht aus vier Teil-Engines, hier Corners genannt, die alle gleichzeitig getriggert werden und über die ORBITER-Matrix gemixt werden. 

Das geschieht manuell mit Fingerwischen auf dem Touchscreen sowie komplex-automatisch mit dem Orbiter WARP. Der Prophet VS sowie die Korg Wavestation, auch als Vectorsynth bezeichnet, dürften Quell der Inspiration und Namensgebung gewesen sein, aktuell feiert Korg als Wavestate Reminiszenz – aber das nur am Rande.

Zurück zu Vector: Jede CORNER im Orbit verfügt über zwei Oberton-Generatoren, die ihren Sound aus sieben verschiedenen „Harmonics-Pattern“ und einen Noise generieren (OVERTONE GEN 1 & 2); ähnlich einer Art simpler Wavetables. Unten im Display sieht man übrigens die Auswahl für alle Corner, genau wie alle Cutoff/Ressonanz-Einstellungen.

Die Generatoren jedes Corners können – ähnlich zu FM-Operatoren – interagieren sprich miteinander addiert oder multipliziert werden; und das stufenlos mit dem OVERTONE-BLEND Regler, von „G1 plus G2“ über „G1 only“ bis „G1 mal G2“. Ferner gibt es verschiedene Arten der Kombination wie Phasen-Modulation, Amplituden-Modulation und Phase-Distortion sowie Mischungen daraus.  Kurz sacken lassen, das alles gilt bereits für einen der vier Corner!

Hinzukommen vier unabhängige Filter, welche auf die Corner verteilt werden können – bzw. spezifischer – auf Generator 1, auf Generator 2 sowie Blend oder die Teil-Summierungen der jeweiligen Corner. Ferner kann zwischen den 12 dB Filtertypen HPF, BPF und LPF sowie einem 24dB LPF individuell gewählt werden.

Warp, Orbiter und Suborbits

Der Mixpunkt der Corner bzw. Orbit bewegt sich bei Bedarf auf einer Laufbahn. Diese Laufbahn zwischen den Corners kann aus einem weiteren ADSR gebildet werden oder von einer Lissajous-Figur abgeleitet werden, welche man eventuell von Korrelations-Messgeräten her kennt. Mit Warp kann man den Weg sogar welliger machen.

Zusätzlich kann SUB-ORBIT aktiviert werden, wodurch der Mix-Punkt um die sich weiterhin bewegende Umlaufbahn des Orbits kreiselt, was die tatsächliche Bewegung und Mischung der Corner viel komplexer macht. Der SUB-ORBIT kann in seinem Radius und der Geschwindigkeit natürlich direkt über die Encoder geregelt werden. Bei besonders wilden Kreiselleien sieht das Ganze dann aus wie Atomkern-Animationen aus Lehrfilmen der 1960er Jahre.

Das Ganze ist außerdem unabhängig für jede Stimme möglich – aktuell polyphon mit bis zu 16 Stimmen. Hinzukommen individueller Stereo-Pan und Detune-Effekte für die Voices. Bevor das Ganze jetzt noch weiter akademisch-trocken wird, schauen und hören wir uns das lieber in der Praxis an.

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