Hersteller_UniversalAudio
Test
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03.03.2014

Praxis

Zunächst einmal scheint es die richtige Wahl gewesen zu sein, ein derartiges All-In-One-Gerät in Pultform zu liefern. 19” sind für die beiden größeren Apollos sicherlich sinnvoll, vor allem, wenn man die notwendige umfangreiche Installationsverkabelung bedenkt. Das Twin ist klein genug, um auch mal in der Laptoptasche mitgenommen zu werden, aber schwer genug, um nicht auf dem Tisch hin- und herzurutschen, wenn man ein Knöpfchen drückt, ein Kabel steckt oder am Drehgeber dreht. Die Herstellungsqualität scheint wirklich gut zu sein, auch die Taster fühlen sich wertig an. Sie haben zwar einen klaren Druckpunkt, doch ist auch das optische Feedback perfekt: Die LEDs sind auch dann hell genug, wenn die Sonne auf den Tisch scheint, nerven aber nicht. Dass ein externes Steckernetzteil zum Einsatz kommt schien für UA unumgänglich, wenn man ein derart kompaktes Gehäuse sowie den Preis nicht gefährden will. Die vollgestopfte Hardware wird im Betrieb bei hoher Auslastung ordentlich warm. 

Viele Hersteller schaffen es, ihre Bediensoftware unordentlich zu gestalten, zu überladen und es schwer zu machen, den Signalfluss nachzuvollziehen. Nicht so Universal Audio, denen man ein großes Lob aussprechen muss, denn bei “Console” können sich manche eine Scheibe abschneiden: Bei aller Verständlichkeit und Einfachheit ist man dennoch nicht sonderlich eingeschränkt im Routing, so sind die Virtual Channels Gold wert. Will man etwa einen Mixed-Track Bass-DI und mikrofonierten Amp aufzeichnen, ist das problemlos möglich, genauso natürlich, wenn man mit zwei Mikros eine Gitarrenbox abnimmt, um den Sound über Phasenunterschiede oder sonstige Parameter zu beeinflussen. Auch bei großen Produktionen wird nicht immer alles einzeln aufgezeichnet – dem Überblick wäre das nicht gerade zuträglich. 

Nicht nur die Software, auch die Hardware ist so verständlich, dass man auf das Handbuch meist verzichten kann. Ob man es nun störend findet, Headphones und Monitoring umschalten zu müssen oder den Drehgeber vielleicht einem weiteren Parameter zugeordnet hat, das hängt von den persönlichen Präferenzen ab. Ich habe gerade für kritische Leveleinstellungen gerne einen Direktzugriff, außerdem bin ich ein Freund von Mono- und Dim-Switches, die es beim Apollo nicht gibt. Und wo ich gerade bei den Lücken bin: Thunderbolt ist zwar eine moderne, flotte und breite Schnittstelle, doch im Sinne der Kompatibilität wäre gerade ein recht mobiles System besser auch möglichst flexibel. Dass man technologisch nicht auf Thunderbolt angewiesen sein wird, zeigte schon das erste Apollo: Thunderbolt ist als Optionskarte erst mehrere Monate später hinzugekommen. Kein FireWire und kein USB bedeutet den konzeptionellen Verschluß vor Tablet-Rechnern, zudem ist es schließlich generell nicht möglich, das Apollo Twin an PCs zu betreiben. Immerhin zeigt sich das Twin an meinen Testrechnern wirklich angenehm latenzarm. Sehr gut ist die Möglichkeit des hochwertigen To-Tape-Processings. Wie bei Verwendung klassischer Recordingsysteme ist es somit möglich, beim Tracking einen Kompressor, einen EQ oder sonstige Geräte zu verwenden, ohne sich enorme zusätzliche Latenzen einzufangen. Die Anzahl Samples kann im Manual für jedes Plug-In und jede Samplerate abgelesen werden – und bei fast allen Plug-Ins sehr gering. Ist man sich seines Vorhabens nicht ganz sicher, kann man mit einem einfachen Klick in der Console-Software verhindern, dass das effektierte Signal auch mit aufgenommen wird. Was für die Dynamikeingrenzung der Vocals mit 1176 oder LA-2A vielleicht eher eine Option darstellt, ist für etwas anderes unerlässlich: E-Gitarre mit Amp-Modeling! Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, sehr latenzarm spielen zu können, ohne auf den tatsächlichen Amp-Sound verzichten zu müssen, denn mit dem knochigen DI-Sound richtig zu rocken kann man bekanntlich vergessen. Ob man dann das Amp-Signal oder doch das trockene aufzeichnet, kann man ja per besagtem Switch entscheiden. Dass die Amp Room Essentials von Softube zum Lieferumfang des Twin-Pakets gehören, ist dementsprechend eine gute Entscheidung – zumal die Fähigkeiten Softubes und besonders die Qualitäten der Amp-/Mic-Modelings bekannt sein dürften. Und im Ernst: Über die generellen klanglichen Stärken der für die UAD-Plattform erhältlichen Plug-Ins müssen hier wohl nicht noch einmal viele Worte verloren werden.

Überraschen kann die Audioqualität des Universal-Audio-Geräts. Es ist ein feiner Unterschied zu sehr hochwertigen Pres und Wandlern bemerkbar, aber auch wirklich nur dann, wenn man für die Suche wirklich in das Signal eintaucht. Ein Signal, was über den Mikrofonvorverstärker und den ADC läuft, ist linear, schnell und mit einer wirklich guten Dynamik ausgestattet. Die Unterlagen geben eine SNR von 118 dB an, dem kann gerne Glauben geschenkt werden. Bei höchsten Pegeln bleibt der Preamp lange tapfer, beginnt dann aber recht plötzlich, mit giftigen Verzerrungen zu reagieren. Diese Reaktionsart lässt sich, genauso wie die Impedanz, per Software verändern. Unison ermöglicht schließlich, schon auf analoger Ebene Vorverstärker-Modelle zu emulieren. Verständlicherweise breitet Universal Audio nicht alle Einzelheiten über das System aus, doch wird auf analoger Ebene sicher auf die Verstärkerkennlinie Einfluß genommen. Schön ist, dass die Ergebnisse nicht zu plakativ ausfallen:

Unison funktioniert erstaunlich gut, mit den so möglichen Nuancen lässt sich gezielt arbeiten. Langfristig wird interessant, welche Preamps verfügbar sein werden und wie sie sich schlagen (Wahrscheinlich werden es eher die Soundmaker sein, also etwa Neve und API). Allerdings würde ich persönlich dennoch nicht auf meine verschiedenen Preamps verzichten wollen, denn die verschiedenen Ausstattungsmerkmale, besonders aber die kompletten Signalwege wird man mit Unison eben nur nachahmen können. Dennoch: Praktisch ist Unison allemal und alles andere als nur ein Gimmick. 

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