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Test
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16.06.2014

Universal Audio 4-710d Twin-Finity Test

Mikrofon-Vorverstärker

Viermal doppelte Unendlichkeit, bitte!

Der Universal Audio 4-710d vereint vier Kanäle des UA 710 Twin-Finity Preamps in einem Gehäuse und packt jeweils einen 1176-Style Kompressor und A/D-Wandlung obendrauf. Ein so gut geschnürtes Paket, das zudem zu einem verhältnismäßig humanen Preis zu haben ist, müssen wir natürlich einem gründlichen bonedo-Test unterziehen!

Wenn man Universal Audio mit der Gattung der Mikrofon-Vorverstärker in Verbindung bringt, dann denkt man höchstwahrscheinlich zuerst an den UA 610. Der seit langem etablierte Röhren-Preamp ist auch in den populären Channelstrips  LA-610 (MkII) und 6176 verbaut und orientiert sich an den originalen Schaltungen der geschichtsträchtigen 610er-Konsolen, welche von UA Gründervater Bill Putnam entworfen wurden. Im Gegensatz dazu eifert der seit 2008 erhältliche und damit deutlich jüngere 710 Twin-Finity keinem konkreten Vorbild aus der Vintage-Ära nach. Vor allem das Tone-Blending-Feature, welches es erlaubt, stufenlos zwischen einem sauberen Transistor-Amp und einer warmen Röhrenstufe zu überblenden, macht den Vorverstärker zu einem flexiblen Werkzeug. 

In der einkanaligen Variante haben wir den 710 Twin-Finity bereits ausführlich getestet. Die angesprochene Sonderausstattung macht den 4-710d aber zu weit mehr als nur einer vierfachen Ausführung des kleinen Bruders. Sehen wir uns die Kiste also einmal genauer an!

Details

Liebling, ich habe den 710 geschrumpft!

Wenn man einen Preamp mit der Funktionsvielfalt des Twin-Finity gleich vier mal in einem 19“-Gehäuse mit zwei Höheneinheiten unterbringen will, dann ist beim Layout der Frontseite eine gewisse Ökonomie durchaus angebracht. Das haben sich die Leute bei Universal Audio offenbar auch gedacht, dementsprechend wirken die vier Kanäle des 4-710d im Vergleich zur ursprünglichen Einkanal-Variante ein wenig so, als hätte Mutter sie zu lange im Trockner gelassen. Dass die leicht geschrumpften Bedienelemente ungünstig zusammengequetscht wären und sich eine schlechte Bedienbarkeit ergeben würde, davon kann man aber nicht sprechen. 

Auch wenn es sich möglicherweise bedeutsamer anfühlt, an großzügiger dimensionierten Potis zu schrauben (siehe LA-610), wirkt das Design in diesem Fall absolut zweckdienlich und für mobiles Recording sogar hilfreich, da es dank der kompakten Maße bei einem Gewicht von 5,2 kg natürlich auch weniger zu schleppen gibt. Abgesehen davon, dass die komplett aus Metall gefertigte Box insgesamt einen stabilen und widerstandsfähigen Eindruck macht, fassen sich auch die Potis und Schalter sehr hochwertig an.

Mehr als simples Rein und Raus: Schnittstellen und Anschlussmöglichkeiten  

Die Möglichkeiten, den 4-710d mit der Außenwelt zu verbinden, sind angenehm vielfältig. Die meisten Anschlüsse befinden sich auf der Rückseite des Gehäuses, und natürlich handelt es sich dabei vor allem einmal um die üblichen XLR-Verdächtigen in Form von Mic-In (2 kOhm), Line-In (10 kOhm) und Line-Out für jeden Kanal, wobei man über einen Schalter an der Frontseite jeweils zwischen Mic- und Line-Eingang wählen kann. Wer weiteres Outboard-Equipment in seinen Racks hat, wird höchstwahrscheinlich die ebenfalls für jeden Kanal vorhandenen Send- und Return-Klinkenbuchsen zu schätzen wissen, die bei Bedarf ebenfalls auf der Frontseite zugeschaltet werden. So lassen sich problemlos weitere, externe Effekte in den Signalweg einschleifen. Eine weitere, für die meisten Anwender wohl zu begrüßende Besonderheit des 4-710d ist die standardmäßig integrierte A/D-Wandlung. Der Preamp kann also nicht nur über die analogen Line-Outs, sondern auch über digitale Schnittstellen mit einem Audio-Interface verbunden werden. 

Zur Auswahl stehen AES/EBU-Outputs auf Sub-D-25 und ein doppelter, optischer ADAT-TOS-Link-Ausgang für die Verwendung von Lightpipe-Kabeln. Richtig: Ein doppelter ADAT-Ausgang, denn nur so wird bei den höchstmöglichen Sample-Rates von 176,4 kHz und 192 kHz durch das S/MUX genannte Multiplexing ausreichend Bandbeite für alle vier Kanäle gewährleistet. 

Diese Bandbreite halbiert sich allerdings, wenn die nächstniedrigeren Auflösungen von 88,2 kHz bzw. 96 kHz gewählt wird. Demzufolge wäre prinzipiell einer der optischen Ausgänge zunächst unnötig. Warum aber sollte man dieses Potenzial aber verschenken? An dieser Stelle haben die Entwickler wirklich mitgedacht und vier weitere Line-Ins verbaut, die gleichzeitig mit den vier Hauptkanälen genutzt werden können. Wer die interne A/D-Wandlung des 4-710d verwendet, der spart sich an seinem Audio-Interface (ADAT-Eingang vorausgesetzt) also nicht nur die vier analogen Eingänge für die Preamps, sondern gewinnt bei entsprechenden Auflösungen sogar vier weitere Eingänge dazu, die beispielsweise zum Anschluss weiterer externer Vorverstärker genutzt werden können. Bei den niedrigsten Auflösungen von 44,1 kHz bzw. 48 kHz reicht eine einzelne Lightpipe-Verbindung allerdings aus, um alle acht Channels in die DAW zu leiten. Der zweite optische Ausgang verhält sich in diesem Fall dann wie eine Kopie des ersten, was für manche Szenarios nicht schlecht ist.

An der Frontseite lässt sich die Sample-Rate der internen Clock über ein gerastertes Poti festlegen und nebenbei auch die Wortbreite (16 oder 24 Bit) wählen. Beim Verwenden solcher Digitalverbindungen müssen natürlich alle beteiligten Geräte auf eine gemeinsame Clock synchronisiert werden. Wenn der 4-710d in diesem Sinne als Master fungiert, ist nur eine entsprechende Einstellung am Interface nötig. Der Rest vollzieht sich dann von selbst. Alternativ lässt sich dies auch über eine Word-Clock-Schnittstelle umsetzen, die vor allem dann interessant wird, wenn ein anderes Gerät den digitalen Takt vorgeben soll. Ein zuschaltbarer Soft-Limiter sorgt dafür, dass digitales Clipping vermieden wird – doch leider kann dieser nur global eingeschaltet werden, nicht für einzelne Kanäle. 

Die vier Hi-Z Inputs für Gitarren, Bässe oder andere direkt angeschlossene Instrumente mit hoher Ausgangsimpedanz sind sinnigerweise die einzigen Buchsen, die auf der Frontseite positioniert sind, wodurch jederzeit eine gute Erreichbarkeit gewährleistet wird. Sobald eine der Buchsen belegt wird, schaltet der 4-710d automatisch von den rückseitigen Eingängen des zugehörigen Kanals auf den hochohmigen Eingang (2,2 Megaohm) um. Ansonsten wurde die Frontseite für die Bedienelemente der einzelnen Kanäle und der AD-Wandlung freigehalten – das ist auch gut so. 

Röhren, Transistoren, Kompressoren – Die einzelnen Kanäle des 4-710d

In Bezug auf die einzelnen Kanäle gilt im Prinzip das Gleiche wie für die einkanalige Version des Twin-Finity. Die Transistor- und Röhren-Amps (zwei Kanäle teilen sich hier je eine ECC83S Doppeltriode) werden jeweils parallel durchlaufen und am Ende der Signalkette über den Blending-Regler wieder zusammengemischt. Letztendlich arbeiten pro Kanal also immer zwei Vorverstärker gleichzeitig. Über das Gain-Poti bestimmt man, wie stark das anliegende Signal verstärkt (bis zu 70 dB) beziehungsweise in die Sättigung gefahren wird, worauf man den Ausgangspegel wiederum über das Level-Poti angleicht.

Bereits in unserem Test zur kleinen Variante hat dies meinen Kollegen an das Gain-Staging mit einem klassischen 1176 Kompressor erinnert. Beim 4-710d werden die Parallelen noch wesentlich deutlicher, denn tatsächlich verfügt jeder Kanal über einen „1176-Style“-Kompressor mit fixem Threshold. So wird der Grad der Kompression also gleichzeitig mit der Eingangs-Verstärkung über das Gain-Poti gesteuert. Wer schon einmal an einem 1176 geschraubt hat (egal ob Hardware oder Plug-In), der wird sich hier schnell zuhause fühlen. Das Kompressions-Verhältnis liegt hier jedoch fest bei 4:1 – dies schließt extrem aggressiven Einsatz oder gar den berüchtigten All-Buttons-In-Mode des Vorbilds natürlich aus. 

In Bezug auf die Zeitkonstanten bietet der 4-710d zwei starre Einstellungen namens „Fast“ und „Slow“. Bei der Einstellung „Fast“ greift der Kompressor mit einem schnellen Attack von 0,3 ms und einer Release-Zeit von 100 ms zu. Wenn man „Slow“ wählt, schrauben sich die beiden Werte entsprechend auf 2 ms und 1100 ms nach oben. Der originale 1176 LN wurde hier also nicht zu 100% nachempfunden, denn dieser greift mit Attackzeiten zwischen 0,02 ms und maximal 0,8 ms deutlich schneller zu. Dass die in unserem Testkandidaten verbauten Kompressoren auf Wunsch auch langsamer arbeiten, ist aber vor allem zu begrüßen, da sie sich demzufolge nicht nur für ein unverzügliches Abfangen von Pegelspitzen eignen, sondern auch für eine allgemeinere Verdichtung des Signals sorgen können, ohne zwangsläufig allen Transienten den Garaus zu machen. Sollte der Kompressor nicht benötigt werden, so lässt er sich über eine True-Bypass Schaltung aus dem Signalfluss entfernen. 

Die weiteren Bedienelemente pro Kanal sind auch bei den meisten anderen Vertretern der Gattung zu finden und steuern jeweils die Phantomspeisung, eine Pad-Schaltung zum Absenken des Eingangs-Signals um 15 dB, ein High-Pass-Filter, das relativ steil bei 75 Hz ansetzt, um eventuellen Trittschall zu entfernen und ein Polarity-Switch zum Invertieren der Phasenlage. Wer nun nach all der Theorie neugierig auf den Klang der Box geworden ist, der wird im Praxis-Teil mit Klangbeispielen versorgt.  

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