Bass
Test
7
03.09.2011

PRAXIS

Direkt nach Betätigung des Powerschalters kommt man dann auch in den Genuss der kompletten Lichtorgel, denn im Standby-Modus sind die Endstufenröhren „ausgelockt“ und sämtliche roten, blauen und gelben LEDs leuchten imposant. Richtig spannend wird es dann, wenn man von Standby in den normalen Betriebsmodus schaltet, dann sollten nämlich im Idealfall alle LEDs ausgehen, was bedeutet, dass alle 12 Röhren ordnungsgemäß funktionieren und der Bias der Röhrenpärchen stimmt. Bei meinem Testamp war der Bias bei zwei Röhrenpaaren zu hoch und bei einem zu tief und so konnte ich mich direkt zu Beginn meines Tests mit dem Abgleichsystem vertraut machen. Und was soll ich sagen: Einfacher hätte es Traynor auch für den Anfänger kaum machen können. Leuchtet die blaue LED, ist der Bias zu niedrig und das Rädchen muss zum Abgleich mit einem Kreuzschlitz-Schraubenzieher nach rechts gedreht werden, leuchtet die gelbe Lampe ist der Bias zu hoch und die perfekte Einstellung wird mit einem Dreh nach links erreicht, wenn alles stimmt, erlöschen alle LEDs – fertig!

Die roten LEDs mit der Bezeichnung „Protect“ signalisieren einen Defekt oder eine Fehlfunktion einer Röhre. Als Folge daraus wird das betreffende Paar automatisch aus dem Spiel genommen und der Amp läuft auf „10 Zylindern“ mit etwas weniger Röhrenkraft weiter. Ganz schön cleveres System, es ist wirklich von jedem Laien zu bedienen. Bleibt nur zu hoffen, dass es auch technisch einwandfrei funktioniert.  

Nachdem bei meinem Test-Amp nun alle Röhren ordnungsgemäß funktionieren, komme ich endlich in den Genuss des kräftigen Röhrensounds. Auch ohne direkten Vergleich wird sofort klar, dass der neue Traynor deutlich mehr Kraft hat als der YBA 200 und wirklich sehr laut werden kann. Er hat wesentlich mehr Headroom und bleibt sehr lange „clean“.Nur bei voll aufgerissenem Gain fängt er leicht an zu crunchen. Obwohl ich die Overdrive-Sounds des YBA 200 mag, finde ich, dass er einen Tick zu schnell in die Zerre geht und eine zu kleine Palette an cleanen Sounds liefern kann. Beim YBA 300 ist es andersherum, richtige Overdrive-Sounds sind nicht drin, dafür bleibt er auch bei hohen Lautstärken clean und liefert einen immens wuchtigen und warmen Sound. Mit einem relativ neutralen von Yorkville empfohlenen „Flat“-Setting (falls es so was bei einem Röhrenamp überhaupt gibt), mit Bass und Höhen auf 5 und dem Mitten Regler bei 1.0kHz auf 3 oder 4, klingt der YBA 300 dann auch erwartungsgemäß weniger aggressiv als der YBA 200. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Mitten etwas milder ausfallen. Ihr könnt das im Audio Clip „Flat“ hören. Ich habe für den Clip den gleichen Bass mit identischer Einstellung wie beim YBA 200 Test benutzt und auch einen ähnlichen Groove gespielt, damit ihr besser vergleichen könnt.

Außer dem etwas milderen Mittenvoicing des YBA 300, was natürlich auch an einer anderen Wirkungsweise des EQ liegen kann, unterscheidet sich der Grund-Sound aber nicht wesentlich von dem des kleineren Bruders YBA 200. Der Bassbereich ist sehr solide und klingt relativ offen, nicht so komprimiert wie bei einigen anderen Röhrenamps. Die Höhen sind klar und die Hochmitten nicht zu aufdringlich, aber dennoch ausreichend für ein transparentes und ausgewogenes Klangbild.  

Ein deutlicherer Unterschied zwischen den beiden Amps wird erst bei weit aufgedrehtem Gain hörbar. Ihr könnt hierzu auch den Audio-Clip „Full Gain“ mit dem entsprechenden File aus dem YBA 200 vergleichen. Bei beiden habe ich wieder den gleichen Bass mit identischer Einstellung verwendet und lediglich an den Verstärkern die Mitten etwas geboostet.

Der YBA 300 bleibt wesentlich cleaner, zerrt leicht und klingt schön rotzig, gerät aber nicht aus der „Räsong“, wie wir Rheinländer sagen, während der YBA 200 doch deutlich aggressiver wird, mehr zerrt und grindiger klingt. Der Sound ist letztendlich wieder mal Geschmacksache, der dazu gewonnene Headroom des YBA 300 macht sich aber auf jeden Fall positiv bemerkbar, wenn man eine Bühne mit einem durchsetzungsstarken und soliden Basston in einer hohen Lautstärke versorgen muss. Der EQ des YBA 300 arbeitet genauso effektiv, wie man es vom YBA 200 kennt. Da es sich um einen passiven EQ handelt, kann und will man den Sound damit auch nicht in eine komplett andere Richtung drücken. Geschmackvolle Anpassungen an persönliche Bedürfnisse oder die Raumverhältnisse sind damit aber 1a zu bewerkstelligen. Für mich persönlich hat der Höhenregler dieser Art EQs in der Regel den höchsten praktischen Nutzwert. Und dies gilt auch für den YBA 300. Sein Höhen-Regler arbeitet nämlich im Stil der passiven Tonblende eines Fenderbasses und beschneidet graduell die Höhen und Hochmitten in Richtung Vintage-Sound.  

Damit wären wir bei den EQ-Presets angekommen, die der YBA 300 in Form eines „Deep“ und „Bright“ Tasters zu Verfügung stellt. Das „Deep“ Preset wirkt für meine Ohren wie ein Scoop-Feature, boostet also nicht nur Bässe, sondern senkt auch ordentlich Mitten ab. Das Ergebnis ist ein sehr bassiger aber etwas „hohler“ Sound, dem es an Durchsetzungskraft fehlt. Im Grunde klingt dieses Feature wie der Scoop-Regler beim YBA 200, dort konnte man die Veränderung aber wenigstens stufenlos dosieren.   

Der „Bright“ Schalter gefällt mit besser, hier treten die Höhen und höheren Mitten in den Vordergrund und zwar in Frequenzbereichen, die den Sound wirklich plastischer und transparenter erscheinen lassen. Diesen Effekt kann man allerdings auch problemlos mit dem 3-Band-EQ, der Mittenfrequenzen bis zu 3.0kHz bereitstellt, erreichen.

Einen Eindruck von der Funktionsweise dieser beiden Switches bekommt ihr in dem Audio Clip Flat/Deep/Bright, der erste Sound ist „Flat“, darauf folgen die beiden EQ-Presets.

Kommen wir abschließend zum Resonance Switch, einem Feature, dass es beim YBA 200 auch gibt, allerdings, wie beim „Scoop“, noch in Form eines stufenlosen Reglers und nicht als Preset wie beim YBA 300. Diese Vereinfachung finde ich sinnvoll, weil viele User durch die vielen Einstellmöglichkeiten doch eher verwirrt werden und der Effekt beim Resonance-Feature zudem doch eher subtil ist. Beim YBA 300 wird durch Drücken des Switches der Dämpfungsfaktor im Ausgang des Amps reduziert, was zu einer stärkeren Resonanz der Membranen und letztendlich auch der ganzen Box führt. Resultat ist wie schon bei YBA 200, ein Sound, der sich etwas „langsamer“ und offener anfühlt. Es ist tatsächlich ein Effekt, den man eher spürt als hört. Es fühlt sich aber grundsätzlich gut an, wenn man bei virtuoserem Spiel einen tighteren und bei eher schwereren Basslinien einen trägeren, stärker resonierenden Soundeindruck realisieren kann. Ich finde den Resonance Switch des YBA 300 klasse, auch ohne die stufenlose Regelbarkeit.

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