Software Hersteller_Toontrack
Test
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05.12.2011

PRAXIS


Natürlich und flexibel

Bei den Aufnahmen zur Roots SDX wurde Wert darauf gelegt, einen natürlichen und weitestgehend unbearbeiteten Drumsound einzufangen. Wenn ein Studio so gut ausgestattet ist, wie das bei den Blackbird Studios mit 35 Kanälen Pultec EQ und 24 Fairchild Kompressoren der Fall ist, ist es aber wohl verständlich, wenn es dem Recording-Team schwer gefallen ist, der Versuchung zu widerstehen, dieses Equipment auch einzusetzen. Gemessen am Klang der Library ist dies aber auf einem subtilen Niveau passiert, das eindeutig nicht im Vordergrund steht. Die Library wirkt dementsprechend höchst flexibel und ist damit vor allem für Benutzer interessant, die mehr wollen als mal eben mit drei Mausklicks einen fertigen Drumsound in ihr Arrangement zu ziehen. Die drei Drumsets haben allesamt einen offenen Grundcharakter, der in den einzelnen Fällen mehr oder weniger stark ausgeprägt ist.

Am jazztypischsten geht es beim Pearl Reference zu. Das Set verfügt über eine kleine 18“ Bass Drum mit geschlossenem Resonanzfell und relativ hoch gestimmte Toms mit viel Sustain in den Obertönen. Das Ludwig Psychedelic präsentiert sich dagegen mit einem wuchtigeren und voluminöseren Sound. Toms und Bassdrum sind zwar nach wie vor relativ hoch gestimmt, verglichen zum Pearl-Set aber deutlich größer, und das hört man natürlich. Tiefer und rockiger wirkt das Gretsch USA Custom Set. Ohne den offenen Grundcharakter der Library zu verlassen, sind die druckvolle Bassdrum und die warm ausklingenden Toms schon ohne viel Bearbeitung heiße Kandidaten für akustisch orientierte Pop/Rock-Produktionen. Die Abgedämpfte Variante des Ludwig-Sets fällt dagegen ein wenig aus dem Rahmen und stellt dem Rest der Library einen tighten und knackigen Sound mit kurzen Release-Phasen gegenüber. Die Audiobeispiele wurden mit der umfangreichen Midi-Library erstellt, die man sich als registrierter Benutzer von der Toontrack-Website herunterladen kann. Die Files wirken sehr lebendig, und vor allem die beiden jazzigeren Beispiele scheinen fast ein wenig zu „artistic“ zu sein, um sie direkt in ein Arrangement zu integrieren. Eine Extraportion Backbeat hätte der Midi-Library sicher nicht geschadet

Gerade im Fall der hell und singend klingenden Bass Drums ist es ein schönes Feature der Library, dass alle Kicks in zwei verschiedenen Spieltechniken aufgenommen wurden: Die Standard-Artikulation dämpft das Fell nach dem Anschlag direkt mit dem Beater ab, alternativ kann man den Schlägel aber auch direkt abprallen lassen, was der Trommel etwas mehr Ton und Sustain verleiht. Besonders effektvoll ist dies bei der Bass Drum des Pearl-Sets oder der badewannengroßen Basstrommel von Camco, die ihrer Instrumentengattung alle Ehre macht und bei den offenen Schlägen einen deutlichen Zuwachs an grollendem Sub-Bass gewinnt.

In Bezug auf die verschiedenen Snare Drums fiel mir als Erstes auf, dass es sich bei der Roots SDX um eine der wenigen Libraries handelt, die KEINE gesampelte Version der eigentlich obligatorischen Ludwig Black Beauty an Bord hat. Was für eine angenehme Ungewöhnlichkeit! Die Auswahl der Instrumente deckt aber natürlich trotzdem alle Register ab und bietet mehrere 14“-Snares in unterschiedlichen Kesseltiefen und Stimmungen und ein kleineres 12“-Modell. Die Trommeln sind größtenteils aus Holz gefertigt und bieten im Vergleich zu ihren Pendants aus Metall einen warmen Grundklang, wobei beim Tuning in den meisten Fällen offenbar bewusst ein ausgeprägter Obertonanteil erzeugt wurde. Die beiden zusätzlichen gedämpften Snares erzeugen einen ähnlichen Kontrast zum Rest der Library, wie es auch das gedämpfte Ludwig Set tut, und sind dementsprechend Kandidaten für entsprechende Kombinationen. An der Anzahl der Velocity-Layers hat sich im Vergleich zur Core-Library und den anderen SDX-Paketen nicht viel geändert, und dazu sähe ich auch keinen Anlass – das dynamische Verhalten ist nach wie vor hervorragend und der Klangeindruck höchst authentisch.

Transmuting und Multiple Hits Emulation
Die Becken der Roots SDX sind aus dem Medium- bis Thin-Bereich, klingen tendenziell eher dunkel und entsprechen damit den klassischen Klangeigenschaften eines Jazz-Setups. Neben einem Crash- und einem Effekt-Becken bietet die Library fünf Rides und zwei Hi-Hats. Letztere zeichnen sich durch eine Anzahl von verschiedenen Artikulationen aus, die ich in dieser Form in noch keiner vergleichbaren Library gesehen oder gehört habe. Während die Core-Library 14 verschiedene Möglichkeiten anbietet, wie der Drummer das mehr oder weniger geöffnete Beckenpaar mit den Stöcken bearbeiten kann, gibt es in der Roots SDX satte 20 Spielweisen. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Sounds der insgesamt sieben Öffnungsgrade jeweils in Bow- und Edge-Sounds vorliegen.

Die Ride- und Crash-Becken nutzen eine der großen Neuerungen von Version 2.3 des Superior Drummer, die von Toontrack hochoffiziell als „Transmuting“ bezeichnet wird. Im Kern geht es dabei um eine Sache, die im Bereich der virtuellen Instrumente eigentlich gang und gäbe ist, in Drum-Libraries aber bisher nicht wirklich angewendet wurde: Release-Samples. Dass man bei Trommeln in der Regel keinen Ton halten kann und dementsprechend keine separaten Samples für die Abklingphase benötigt, ist selbstverständlich. Wenn Becken mit der Hand abgestoppt werden, ist aber genau dies notwendig, um ein natürliches Ausschwingverhalten zu simulieren. Im Vergleich zu den bisher verwendeten Fade-Outs handelt es sich beim Transmuting zwar um einen sehr speziellen, dafür aber ansehnlichen Schritt nach vorne. Neben der Roots SDX nutzt inzwischen auch die Core-Library dieses Feature, und das ist natürlich höchst erfreulich, denn damit radiert Toontrack ganz nebenbei einen der größten verbliebenen Schwachpunkte der Software aus – Cymbal-Mutes waren bis zum jüngsten Update im Superior Drummer und den meisten Erweiterungen nur über einen komplizierten Workaround zu erzeugen.

Ebenfalls vor allem für Becken interessant ist das neue Feature der Multiple Hits Emulation (MHE). Realistische Cymbal Swells ließen sich auf Midi-Basis bisher nur schwer simulieren, da ein Becken, das angeschlagen wird, während es schwingt, eben anders klingt als ein Becken, das vorher im Ruhezustand war. Das Script verwendet offenbar eine dynamische Sample-Hüllkurve und kann im Construction Window des Plug-ins stufenlos in seinem Wirkungsgrad angepasst werden. Verfügbar ist es für alle Instrumente, am meisten Sinn macht es neben den Becken aber bei Presswirbeln auf der Snare, die dadurch etwas glatter klingen.

Die „Brushes, Rods & Mallets“ Variante der Roots SDX ist in der Trommel- und Beckenauswahl deutlich eingeschränkt. An den Bass Drums ändert sich im Vergleich zum mit Sticks getrommelten Paket natürlich nichts, für die anderen Slots steht aber jeweils nur ein Instrument zur Verfügung. Da Besen generell oft mit Jazz in Verbindung gebracht werden, hat Toontrack hierfür ganz konsequent die jazzigsten Vertreter der Library gewählt. Vor allem das Programmieren von Swirls auf der Snaredrum ist intelligent gelöst und gestaltet sich höchst einfach. Etwas schade ist, dass die Midi-Library keine konkreten Vorlagen für Mallets liefert.

Mixer-Kanäle
Neben der erweiterten Auswahl an Artikulationen und teilweise sehr langen Release-Phasen der Becken ist ein Hauptgrund für den enormen Umfang der Library die Anzahl der verschiedenen Raumkanäle. Mehr als in der Roots SDX gab es bisher nicht. Neben drei unterschiedlich aufgestellten Overhead-Pärchen und drei Raum-Mikrofonierungen in unterschiedlichen Entfernungen zum Drumset (Plus ein Mono-Room) bietet die Roots SDX eine real aufgenommene Hallkammer und einen in Vintage-Tradition aufgestellten Decca-Tree, der aus drei Mikrofonen besteht und in seiner Namensgebung auf die britischen Decca Studios zurückgeht. Im Video könnt ihr euch ein Bild vom Klang der verschiedenen Channels machen.

Wie man sich nun vorstellen kann, ergeben sich aus der Auswahl an verschiedenen Instrumenten, Spielweisen, Stockarten und Mixerkanälen enorme Kombinationsmöglichkeiten. Die Wirkung einer Nachbearbeitung im Mixer des Plug-ins haben wir dabei noch gar nicht mit einbezogen. Um die hohe Flexibilität der anfänglich als reine Jazz-Library geplanten Roots SDX zu demonstrieren, gibt es zum Abschluss also noch eine Auswahl an verschiedenen Combined Presets zu hören. Die Anzahl dieser Presets ist wie in allen Libraries der Superior-Familie relativ überschaubar und im Falle der Roots SDX relativ speziell geraten. Einige weniger extreme Voreinstellungen würden das Paket noch abrunden. Die Midi-Files entstammen diesmal dem gesamten Toontrack-Katalog.

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