Vocals_Effektgeräte
Test
6
28.01.2012

TC Helicon VoiceLive Rack Test

Multieffektgerät für Gesang

Komplettpaket fürs Rack: Hard-Tuning, Harmonies und Effekte

Das VoiceLive Rack ist ein Multieffektgerät von TC Helicon, der kanadischen Schwesterfirma von TC Electronic aus Dänemark. Seit geraumer Zeit versorgt TC Helicon die Welt mit allerlei Helferlein rund um die menschliche Stimme. Im Mittelpunkt stehen bei den verfügbaren Geräten im Regelfall Tonhöhen-Korrektur und Chorstimmen-Generierung. Zwar gilt “Autotune” von Antares als das erste (und lange Zeit auch beste) System dieser Art, doch hat auch TC Helicon heute einen sehr guten Ruf und eine hohe Verbreitung. Und wie so häufig bei jungen Technologien, haben auch die Kanadier im Laufe der Zeit eine gewisse Auffächerung in der Produktpalette vorgenommen.

Die kleinen und preiswerten Bodentreter-Bausteine VoiceTone haben wir schon eingehend untersucht. Ein jüngerer Spross der Stimmenspezialisten ist das VoiceLive Rack, welches sich trotz “Live” im Namen auch als Komplettpaket für den Studio-Einsatz versteht. Man findet in diesem Gerät neben Preamp und Pitching-Algorithmen auch alle weiteren notwendigen Effekte in einem 19”/2HE-Gerät.

DETAILS

TC-Geräte haben immer ein kühles Design, welches gerne als zeitlos, unauffällig und spartanisch bezeichnet wird. So ganz kann ich nicht in allen Punkten zustimmen, vor allem, wenn ich das Rack vor mir betrachte: Klare Zitate an die auslaufenden 1970er und frühen 80er Jahre sind hier zu finden, das Stichwort lautet “Disco”. Nun, Geschmackssache. Schön ist, dass durch die eindeutige Farbgebung und die einfache Konturierung eine klar zu verstehende Bedienoberfläche entsteht. Die Schaltflächen, die man backbord und steuerbord neben dem großen Display erkennt, sind eigentlich keine: Es sind Berührungsflächen. Links befinden sich Input-Einstellungen, der Einstieg ins Setup-Menü und Speicherfunktionen. Unter diesen gibt es den “Wizard”, dessen Hexenkunst aber eigentlich recht profan ist, denn dahinter verbirgt sich eine Art Suche mittels Tags. Nicht, dass ich mich hier zu sehr darüber lustig machen will – das ist ganz schön praktisch!

Rechts erhält man die Möglichkeit, verschiede Bearbeitungsbereiche des VoiceLive Rack zu aktivieren oder deaktivieren sowie – durch einen langen Druck auf die Fläche – an die zugehörigen Einstellungen zu gelangen. Neben Pitch-Correction und Harmony-Funktionen sind das auch übliche Effekte wie Delay, Reverb, EQ und Dynamics. Dass die Effektsektion nicht nur Beiwerk ist, zeigt nicht zuletzt die prominente Tap-Taste für das Delay.

Der mittige, große Endlosdrehgeber ist flankiert von zwei Navigationstasten-Pärchen, mit denen im großen, blau beleuchteten LC-Display in der X- und Y-Achse navigiert werden kann. Vier weitere kleine Rotary-Encoder unterhalb der Anzeige stellen die über ihnen angezeigten Parameter ein.

Im Bereich Connectivity schöpft das Helicon-Gerät aus dem Vollen, alleine eingangsseitig ist die Liste lang: Neben Line-Signalen über eine symmetrische Klinke können Gitarren- und Mikrofonsignale in das Gerät gespeist werden, zudem gibt es einen elektrischen S/PDIF-I/O (leider kein AES/EBU) und einen 3,5mm-Stereo-Aux-Eingang. Während letztgenannter Input kein wesentliches Processing erfährt, laufen Line- und Mikrofonsignal durch das Herz des Geräts. Dass hier zwischen Line und Mic gewählt werden kann, ist sinnvoll, denn auf die Preamp-Auswahl möchte man kaum verzichten, außerdem wird das VoiceLive Rack im Studiobetrieb sicher oft im Off-Tape-Einsatz verwendet werden. Die 48V-Speisespannung ermöglicht übrigens den Anschluss von Kondensatormikros. Das Gitarrensignal dient der Vorgabe des Harmoniegerüsts, an dem sich die Tonhöhenkorrektur und die Chorstimmen ausrichten. Über den Thru flutscht das Signal wieder aus dem TC hinaus. Je zwei XLR- und Klinken-Ausgänge tragen entweder Mono- oder Stereosignale oder bei Bedarf Dry und Wet getrennt. Ups, uh, ah, fast vergessen: Vorne findet man noch einen Kopfhöreranschluss! “Finden” ist hier kein falsch gewähltes Verb, denn es setzt entweder zufälliges Entdecken oder eine Suche voraus. Suchen muss man diese Buchse bisweilen deshalb, weil sie als Miniklinkenbuchse eben mini ist. Warum bei professionellen Geräten nicht immer vernünftige, haltbare 6,3mm-Buchsen verbaut werden, hat sich mir noch nie erschlossen und wird es auch nicht.

Immer praktisch, ausreichend preiswert und einfach zu konfigurieren ist es, wenn Parameter auf ein Pedal gelegt werden. Dessen Anschluss-Buchse hat es sich ebenfalls auf der Rückseite bequem gemacht. Gut, dass es nicht ausstirbt: Eine umfangreiche Integration ermöglicht die Steuerung vieler Funktionen und Parameter über MIDI. Diese Datenschnittstelle ist in ordentlicher Ausführung an Bord, nämlich mit In-, Thru- und Out-Buchse. Was bei vielen Geräten beim zweiten Hinsehen für Enttäuschung sorgt, ist hier glücklicherweise vernünftig gelöst und vollständig integriert, denn über die USB-Schnittstelle können nicht nur Systemverwaltungen, Updates und dergleichen getätigt, sondern auch Audiodaten in beide Richtungen übertragen werden. Anschlussmäßig gehen also beide Daumen nach oben. Die absolute Höhenluft dürfen die Daumen aber nicht schnuppern, denn ein externes Steckernetzteil schmälert die Professionalität doch etwas. Es gibt aber deutlich Schlimmeres auf dieser Welt.  

Wer das Paket mit dem VoiceLive Rack öffnet, dem fällt auch eine zylindrische Tasche in die Hände, deren Reißverschluss ein dynamisches Mikrofon namens MP-75 freigibt. Wirklich außergewöhnlich ist an dem Nierenmikrofon eigentlich nur, dass ein kleiner blauer Taster eingebaut ist, mit dem Funktionen des Rackgeräts an- oder abgeschaltet werden können. Das ist mehr als reine Spielerei, denn je nach Preset kann man an bestimmten Stellen im Song Begleitstimmen hinzufügen, im Refrain das Reverb oder im A-Capella-Teil die Tonhöhenkorrektur ausschalten oder am Phrasenende der langkettigen Delay-Spielerei freien Lauf lassen. Schaut man sich diese Möglichkeiten sowie die Tatsache an, dass ein Bühnenmikrofon zum Lieferumfang gehört, muss ich erneut nachfragen, wieso TC Helicon das VoiceLive auf der Homepage als Studio-Gerät klassifizieren. Wegen des USB-Anschlusses? Nun ja, Namen sind nur Schall und Rauch. Dann will ich im Praxisteil mal überprüfen, ob sich schallmäßig meine hohen Erwartungen an diesen Apparat nicht in Rauch auflösen…

1 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare