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Test
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18.02.2013

SSL Nucleus Test

DAW Controller / USB Audiointerface

Des Pudels britischer Kern

Arthritis im Zeigefinger, Sehnenscheidenentzündung, Maushand – wer viel vor dem Rechner sitzt und mit der Maus klickt, weiß wovon ich rede. Man braucht also eine Lösung, die dem User Mausarbeit abnimmt.

Und dafür prädestinieren sich nun mal Hardware-Bedienoberflächen, wie die AVID/Euphonix Serie, die Mackie Control Universal Pro oder aber eben die Nucleus von Solid State Logic, kurz SSL – drei Buchstaben, die wie kein anderer Name auf der Welt für die klassische Musikproduktion am großen Pult steht. Und so „klein“ ist Nucleus dann ja auch wieder nicht. Schauen wir uns das ganze doch mal im Detail an!  

Details

Die SSL Nucleus ist ein 4In/4Out USB-Audiointerface, das mit 24Bit/192 kHz Auflösungsvermögen arbeitet und über zwei „SSL SuperAnalouge“ Preamps verfügt, die kräftige +12 dB bis +75 dB Verstärkung bieten. Zwei I/O-Kanäle entfallen dabei auf den optischen S/PDIF, weshalb man hier durchaus auch von einem Stereo-Interface sprechen kann. Außerdem ist Nucleus ein Universal DAW-Controller auf MCU/HUI-Basis, der gleich mit 16 Motorfadern und Encodern ausgestattet ist und mit einem Mac und/oder PC funktioniert. Und das alles in einem!

Dabei wurde das Ganze so verpackt, dass das 730 x 385 x 120 mm große Gerät den zentralen Platz im Studio einnehmen soll, was auch den Namen des Produktes erklärt: Nucleus, der „Kern“ des modernen Software-Studios also. Das klingt einleuchtend und ist es auch, wenn man bedenkt, dass die britischen Pult-Schmiede ihrem Controller-Schlachtschiff auch noch eine kleine Monitorsektion sowie das hauseigene Software-Bundle SSL Duende in der kleinen Version spendiert haben (SSL Channelstrip und Buskompressor). Praktisch heißt das, man braucht nur noch ein paar Speaker/Kopfhörer, Mics, einen Computer und die entsprechende DAW-Software, mit der man aufnimmt bzw. produziert, um richtiges „Konsolen-Feeling Marke Chef“ aufkommen zu lassen.

Und da sind wir auch schon beim eigentlichen Problem angelangt, denn jeder der großen DAW-Software-Anbieter geht dabei leider seine eigenen Wege, und als Nutzer muss man sich mit allerlei unterschiedlichen Fernbedienungskonzepten und Teillösungen herumschlagen. Viele größere DAWs bieten mittlerweile deshalb auch eigene Systeme an, wobei diese oftmals aber in sich geschlossen und so nicht wirklich zu anderen Programmen kompatibel sind. Beispielsweise wären hier Avid´s Pro Tools und das aufgekaufte, sich nunmehr etwas proprietärer entwickelnde EUCON-Protokoll, Steinberg´s CMC-Serie für Cubase sowie das Novation Launchpad, die Akai APC40 und APC20 für Ableton zu nennen.

Alle versprechen grundsätzlich hohe Funktionstiefe und Workflow-Beschleunigung, doch wer regelmäßig verschiedene Software und Systeme nutzt, kann und will sich den wichtigen und prominenten Platz direkt vor dem Computer-Bildschirm freilich nicht mit unterschiedlichsten Controllern und USB-Hubs „zubauen“. Unterm Strich läuft es bei einer Allround-Lösung also auf Drittanbieter hinaus, wobei hier überwiegend zwei ursprünglich von Mackie erdachte Protokolle den Ton angeben. Diese sind allerdings erstens nicht wirklich weit von dem in die Jahre gekommenen MIDI-Standard entfernt und zweitens geht auch nicht jeder DAW-Hersteller besonders intelligent mit den sich bietenden Möglichkeiten um. Dennoch kann man durchaus von einem etablierten Standard sprechen, zumindest was die klassischen „Mischpult-Jobs“ Volume, Solo, Mute, Rec und Pan anbelangt. Der bekannteste Vertreter dürfte hierbei sicherlich die Mackie Control Universal Pro sein, die natürlich beide Protokolle, namentlich MCU und HUI, voller Stolz  bedient. 

Und genau das kann auch Nucleus, wodurch sich beide Geräte „Controller-seitig“ grundsätzlich erst einmal ähnlich sind, wenn man von der offensichtlichen Tatsache absieht, dass Nucleus gleich 16 100mm-Fader und 16 nicht gerasterte Encoder mit zweifarbigem LED-Kranz zu bieten hat, während man bei Mackie zwei Geräte kaufen muss, um auf 16 physische „Kanalzüge“ zu kommen. Bei Mackie kann aber auch ohne weiteres auf noch mehr physische Kanäle erweitert werden, wenn einem danach beliebt. 16 Fader halte ich dennoch für das beste Mittelmaß aus Übersichtlichkeit, Preis und der Notwendigkeit zwischen 16er Blocks zu „Banken“, um eben noch mehr Kanäle fernsteuern zu können, was ja der eigentliche Sinn hinter motorisierten Fader ist. Besonders schön ist bei beiden natürlich der Flip-Mode, bei dem kurzerhand die Belegung von Fadern und Encodern vertauscht wird, wodurch man je nach Software-Parameter das passende Hardware-Steuerelement wählen kann. Auf einen Masterfader muss man bei der Nucleus zwar verzichten, den braucht es aus meiner Sicht bei einer Studiosession aber auch nicht unbedingt.

Und weil es sich an dieser Stelle geradezu anbietet - die gesamte Haptik von Nucleus ist absolut überzeugend und meiner Einschätzung nach besser als die bei der Mackie Control Universal Pro: Alle Push Buttons fühlen sich sehr hochwertig an und machen „Lust, sie zu oft und viel zu drücken“. Sogar die Push-Encoder sind griffiger, drehen sich präziser und vor allem auch lautlos. Weiterhin haben alle Buttons der Nucleus eine einheitliche Größe, sind „schöner“ hintergrundbeleuchtet sowie sorgfältiger und großzügiger angeordnet. Nur die „Analog-Sektion“ bildet eine kleine optische Ausnahme, doch dazu lieber später mehr. Kurzum: Das Layout ist sehr übersichtlich und liebevoll gestaltet. Auch die dunkle Farbgestaltung mit den dezent-leuchtenden orange und rot leuchtenden LEDs sowie die orangen Displays, gefallen mir persönlich besser als der Metall-Look der Mackie mit den Bonbon-farbenen LEDs. Es gibt hier zum Glück auch keine blauen LEDs, dafür ein „dickes Danke“ nach Oxford! Weiterhin bietet Nucleus in jedem „Controller-Kanalzug“ eine „ausgelagerte“ und bunte Aussteuerungsanzeige, wobei deren Wiederholrate in der Praxis allerdings zu gering ausfällt, als dass sie mir persönlich wirklich etwas nützen würden - vom „Bling-Bling“-Effekt einmal ganz abgesehen.

SSL geht mit dem kleinen Machtzentrum aber noch ein Stück weiter. So lässt einen Nucleus z.B. auch Tastaturbefehle über USB senden, weshalb man sich natürlich auch noch eigene Shortcuts bauen kann, sollten einen die Kontrollmöglichkeiten von MCU und HUI nicht ausreichen. Nucleus installiert sich also auch als Standardtastatur. Über den eingebauten 4-fach USB-Hub kann man natürlich auch weiteres Equipment anschließen. Seine ganzen Presets und Settings speichert Nucleus auf einer SD-Karte, die in der Rückseite parkt.

Des Weiteren kann man zwischen drei Layern wechseln, wodurch bis zu drei DAWs - auch auf einem Rechner - gleichzeitig verbunden werden können. Das Besondere daran ist, dass SSL - wie auch AVID mit den EUCON-Controllern - auf eine MIDI-Daten-Übertragung via TCP/IP-Protokoll setzt, wodurch man über einen Netzwerkanschluss sogar bis zu drei unterschiedliche Rechner im Netzwerk fernsteuern kann. Kleines Beispiel: Ein Rechner läuft mit Logic (DAW Layer 1) und lässt große Sampler laufen, die z.B. Streicher-Ensembles simulieren, der zweite Rechner läuft mit Pro Tools (DAW Layer 2) und ist für die eigentliche Aufnahme zuständig. Nicht zu vergessen, dass man einen Mac auch ganz einfach und unkompliziert per Toslink/SPDIF und den PC z.B. über USB in die Nucleus einbinden könnte.

Damit das MIDI-Routing funktioniert, muss auf jeden der teilnehmenden Rechner IPMIDI installiert sein, was in der Praxis intuitiv und einwandfrei funktioniert. Dabei ist es interessant zu wissen, dass die linke und rechte Seite von Nucleus pro Layer jeweils auf einen unabhängigen MIDI-Port (nicht Kanal!) sendet, wodurch man beispielsweise im „MCU-Mode“ die linke Seite jeweils als „Master“ und rechts als „Extender“ konfiguriert und insgesamt auf sechs MIDI-I/Os kommt. MIDI-I/Os finden sich am Gerät leider nicht.

Doch lasst uns lieber auf ein paar weiteren „Oberflächlichkeiten“ herumreiten, bevor wir allzu tief in die technischen Tiefen abstürzen. Vorweg sei nur noch schnell gesagt, dass Nucleus bei Bedarf auch gewöhnlich stumpfe MIDI CC-Daten senden kann, wodurch sich fast jeder Taster und Fader auch entgegen seiner allgemeinen Beschriftung verwenden lässt.

Teilweise unterschieden sich die mitgelieferten DAW-Presets jedoch deutlich in ihrer Funktion, weswegen die physischen Beschriftungen nur als Anhaltspunkte verstanden werden sollten. Allerdings hat SSL für meinen Geschmack zu 99,9% die richtige Vorauswahl und Standard-Belegung getroffen, von daher musste ich während meiner Testphase kaum die Nucleus Remote-Software zur Verwaltung und Konfiguration der Belegungen hinzuziehen. Dennoch bedarf es natürlich eines gewissen Abstraktionsvermögens, sich auf ein Gerät einstellen zu können, was am Ende immer wieder mal unterschiedlich funktioniert, weil es eben gerade mit einer anderen DAW verbunden ist. Das ist aber nicht die Schuld von SSL, sondern liegt in der Tatsache begründet, dass eben gewisse Dinge in den Protokollen einfach „damals“ nicht vorgesehen wurden und in den DAWs unterschiedlich umgesetzt wurden. Ein paar bunte Folien für die wichtigsten DAWs zum Darüberlegen wären dennoch, zumindest am Anfang, durchaus ein kleine Hilfe gewesen und hätte bei dem Preis auch nicht den Rahmen der Möglichkeiten gesprengt.

Im unteren, mittleren Bereich findet sich hingegen eindeutig die Transportsektion mit den sehr großen Tasten für RWD, FF, STOP, PLAY und REC. Hier fühlt man sich an massive Tape-Machines und Rundfunkstandards erinnert, was wirklich Spaß macht und selbst für den schlimmsten Grobmotoriker robust genug sein sollte. Darüber sitzt ein großzügig dimensioniertes Jog-Wheel, was zwar nicht die Eleganz eines Eventide H8000-Drehrades besitzt, dennoch seinen Dienst weitestgehend lautlos und praktikabel verrichtet. Darüber sitzt der beleuchtete Logo-Schriftzug „Solid State Logic – Oxford – England“, der das Investment dem Preis entsprechend fesch ins richtige „Szene-Licht“ rückt und mit etwas Glück auch dem Halbwissen einiger Agenturleute imponiert.

Geht man ein Stück weiter nach oben, findet man die Analog-Sektion mit der Input- und der Monitoring-Abteilung. Betrachten wir zunächst die beiden analogen Inputs: Sie sind mit XLR/TRS Combo-Buchsen für Mic-, Line- und Instrumenten-Signale ausgestattet und besitzen jeweils einen symmetrischen Insert, um auch weitere Hardware einschleifen zu können. Dieser Insert kann dank des „Mixdown“-Tasters sogar in den Main-Out geschaltet werden, wobei er dann wieder in die DAW geführt wird, um das „Outboard-Processing“ wieder direkt aufnehmen zu können. Clever!

Selbstverständlich kann in den Preamps auch eine 48V Phantomspeisung aktiviert, Pad zugeschaltet, die Impedanz erhöht, ein Trittschallfilter benutzt und die Phase gedreht werden. Dafür sind die kleinen, grauen und entsprechend beschrifteten sowie einrastenden Druckschalter-Reihen gedacht, die ihren Schaltzustand außerdem mit einer danebenliegenden roten LED quittieren. Wie bei einer „richtigen SSL“ möchte man
meinen, nur eben auf Dual-Mono/Stereo begrenzt. Dass man diese Dinge direkt am Gerät schalten kann, spart in der täglichen Praxis äußerst viel Zeit und nötigt einen somit kaum noch, die Software-Console des Audionterfaces aufzurufen. Das ist auch gut so, denn für diese gewinnt SSL sicherlich kein GUI-Designpreis.

Kommen wir zur Monitoring-Sektion: Die dickste Poti-Kappe ist mit Monitor-Level beschriftet und tut, was man erwarten würde: Sie macht angeschlossene Speaker lauter und leiser. Einen Umschalter, um zwischen zwei Speaker-Paaren wechseln zu können, gibt allerdings nicht. Ein Stück daneben befindet sich der Lautstärkeregler für die beiden Kopfhöreranschlüsse, die auf der Rückseite sitzen. Das Dry/Wet-Poti dazwischen ist für ein unkompliziertes Low-Latency-Monitoring gedacht und mischt dem DAW-Ausgangssignal die beiden Inputs hinzu. Dreht man also das Poti auf Dry hört man entsprechend nur die Inputs und kein DAW-Signal mehr an den Hauptausgängen bzw. Kopfhöreranschlüssen. Mit den Tastern Mono-L und Mono-R kann man wiederum jeweils die beiden Eingänge auch auf „beide Seiten“ des Stereo-Ausgangs routen. Beispiel: Ist an den Input 1 das „Mono“-Gesangsmikro angeschlossen, würde sich der Sänger auf dem Kopfhörer selbst nur links hören, drückt man hingen Mono-L hört er sich auf beiden Seiten des Kopfhörers. Die beiden Schalter darüber dienen dem gemeinsamen Abhören der beiden analogen Alternativ-Eingänge, wobei einer davon mit XLR-Buchse, der andere mit Miniklinke für iPhone und Co. ausgestattet ist. Gegenüber dem DAW-Signal können diese sowohl zu- als auch umgeschaltet werden. Mit dem MIC-Schalter darüber wechselt die Anzeige der analogen Aussteuerung von den DAW-Outs auf die beiden Mic-Preamps.

Jetzt sollten wir noch kurz die Rückseite und damit die Anschlüsse betrachten: Ganz rechts befindet sich der RJ45-Port, sprich der Netzwerkanschluss. Für meinen Test habe ich Nucleus übrigens in meinen Apple Timecapsule Router gesteckt, der wiederum fest mit einem Kabel mit meinem PC verbunden ist. In dem Schlitz daneben steckt eine SD-Speicherkarte, auf der die Profile und sonstiges Daten der Nucleus gespeichert werden. Somit kann man auch mal schnell sein Profil in ein anderes Studio mit einer Nucleus mitnehmen. Daneben befindet sich ein Footswitch-Anschluss zur Transportsteuerung, an den mit einem Splitter-Kabel sogar zwei Pedale angeschlossen werden können. Der Sub-D Anschluss links davon ist für Service-Zwecke gedacht und mit Terminal beschriftet. Laut SSL-Handbuch soll man daran nur tätig werden, wenn man sich mit Quantenmechanik auskennt. Witzig. Wieder ein Stück weiter findet sich der optische S/PDIF-I/O sowie vier USB-Ausgänge des integrierten Hubs und der „eigentliche USB-Anschluss“ von Nucleus für Kabel vom Typ B.

Daneben geht es dann direkt mit den analogen Anschlüssen weiter, wobei wir hier lieber stichpunktartig vorgehen sollten, um nicht den Überblick zu verlieren. Beginnen wir von rechts und oben:

  • „iJAck“ ist ein 3,5mm Klinkeneingang und für den Anschluss von iPhone, iPod und sonstigen Consumer-Gerätschaften gedacht.
  • „Monitor -10dB“ ist ein Speaker-Ausgang auf Cinch-Basis mit -10dBV Referenzpegel. Er funktioniert parallel zum Main-Out, wird also von „Monitor-Level“ im Pegel begrenzt.
  • "Headphones" Zwei Kopfhöreranschlüsse, die gemeinsam im Level gesteuert werden.
  • „External R/L“: Ein symmetrischer Stereo-XLR-“Aux“-Eingang für Referenzzwecke bzw. um die interne Soundkarte zu umgehen.
  • „Monitor R/L“: Der symmetrische Stereo-XLR-Hauptausgang wird von „Monitor-Level“ im Pegel begrenzt.
  • „Send1/Return1“: Die Insert-Buchsen für Preamp Nr.1 auf TRS.
  • „Pre 1 Out“: Der Direkt-Out des Preamps Nr. 1 auf XLR.
  • „Pre 1 In“: Der Combo-Buchse-Eingang des Preamps Nr. 1.
  • … usw., für Preamp 2 geht es daneben also identisch weiter.

Zu guter Letzt finden wir ganz links, neben den kräftigen Kühlrippen, den Kaltgerätestecker für die Stromversorgung sowie einen Hauptschalter. Geschafft, auf in die Praxis!

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