Test
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18.06.2009

Praxis
Es gibt drei klassische Anwendungsfelder für Ribbon-Mikrofone: Gesang, akustische Gitarre und “Gebläse”, seltener Amps und Drums. Holz- und Blechbläser werden aus Respekt vor der Fragilität des dünnen Bändchens meist in einiger Entfernung aufgezeichnet, was den oft gewünschten Nebeneffekt des größeren Raumanteils im Signal und dadurch die vor allem zur Natürlichkeit des Klangbildes beitragende Aufzeichnung in alle Richtungen abstrahlender Signalanteile führt. Den “Ella-Fitzgerald”-Bläsersatz-Sound kann man anders als mit Ribbon-Mikes kaum bewerkstelligen. Saxophone, Trompeten, Posaunen, Klarinetten, Tuben mit dazugehörigen Instrumentalisten konnten wir uns nicht so schnell aus der Rippe schneiden, aber die Erfahrung zeigt, dass heute mit derartigen Mikros vor allem Gitarre und Gesang aufgezeichnet werden. Mit beidem kann hier gedient werden, denn im Berliner Gatestreet-Studio schnappte sich Gitarrist Bassel El Hallak seine Akustikgitarre und stellte sich Sängerin Lana Quish vor verschiedene Mikrofone. Ausnahmsweise lassen wir diesmal dem Herren den Vortritt. Die folgenden Files zeigen euch, wie das Sigma mit dem Signal einer Dreadnought-Gitarre umgeht. Die Position der Membran ist parallel zur Gitarren-Decke in etwa 25 cm Abstand auf Höhe des Schallochs (mit leichtem Versatz nach oben). Mono- und Stereo-Takes sind identisch, bei den Stereofiles liefert ein verwandtes Sontronics Delta, welches Dank seiner Achtercharakteristik als Differenz-Mikrofon herhalten kann, die Stereo-Information. Das angewendete Stereo-Verfahren ist demnach “MS”, von dem man das “M”-Signal auch einzeln verwenden kann.

Gitarre und Bändchen vertragen sich gut: Die "Sanftheit" (oder weniger diplomatisch ausgedrückt: die Höhenarmut) ist kein Makel für das Signal, da man im Mixdown gerne sowieso die Höhen absenkt. Auch der breiter wirkende Attack steht der Gitarre gut zu Gesicht, trotzdem ist das Signal nicht breit und "platt" wie nach einer Kompression. Und wo wir schon einmal bei der Dynamik sind: Es lässt sich eine leichte Verdichtung feststellen, das Signal ist nicht neutral und sonderlich transparent – aber wer das möchte, der sollte sich schließlich auch einen anderen Mikrofontyp zulegen. Für viele Anwendungen mit akustischer Gitarre ist das Mikrofon eine "Mix-Ready-Maschine", die den Impuls, zum EQ zu greifen, erfolgreich unterbindet. Der zu erwartende Wasserfall aus Rauschen ist beim Sontronics erfreulicherweise nur ein verhaltenes Plätschern. Schön, denn nicht alles, was "retro" ist, ist auch wünschenswert!

Das letzte File ist mit der “Blumlein”-Technik aufgezeichnet worden (koinzidente Achten mit 90° Öffnungswinkel). Dies ist vielleicht deshalb interessant, weil es im Sontronics-Schaufenster auch ein Sigma-Derivat namens “Apollo” zu bestaunen gibt, welches zwei Bändchen in MS/Blumlein-geeigneter Ausrichtung in einem einzigen monströsen Gehäuse anbietet.

Jetzt bitte die Madame ans Mikrofon! Was selbst bei mittlerem Abstand auffällt, ist die enorme Anfälligkeit dieses Bautyps für Luftbewegungen. Um die Ergebnisse nicht zu verfälschen, wurde auf ein Poppfilter verzichtet. In etwas größerem Abstand klingt das Mikrofon richtig gut. Der Röhren-Vorverstärker M610 ist offenkundig der passendste Partner für das Sigma.

Für den Gesang ist das Bändchen ein wirkliches Spezialgerät, welches nicht mit jeder Stimme harmoniert und erst recht nicht für jede Mix-Ästhetik geeignet ist. Wie zu erwarten, fehlt der Stimme der hohe "Sparkle", in unserem Beispiel ist das sogar recht schmerzlich. Wer auf die übliche Kondensator-Transparenz hofft, wird natürlich enttäuscht. Das Mikro klingt zwar nicht schlecht, es gibt jedoch (vielseitigere) dynamische Mikrofone, die auch eine Alternative darstellen. Nicht umsonst jedoch setzt fast jeder Toningenieur bei der Aufnahme von Gesang in erster Linie auf Kondensatormikrofone. Als "Effekt-Mikrofon" wirkt das Sigma allerdings doch etwas zu verhalten, die teureren Originale sind deutlich charakterstärker.

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