Hersteller_Sennheiser Mikrofon
Test
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08.03.2012

Praxis

Die kleine und schlanke Bauform ermöglichen einen optisch unauffälligen Einsatz.

Nicht nur der Boost im Air-Band, das gesamte Konzept des Mikrofons zeigt deutlich, dass es von Sennheiser nicht primär als Gesangsmikro, sondern vielmehr als Allrounder konzipiert wurde. Dennoch hat es im Rahmen unseres Testmarathons der hochpreisigen Mikrofone in erster Linie die Aufgabe gehabt, sich vor Sängern zu behaupten. Dass wir von bonedo ihm dies auch zutrauen, wurde bei den Planungen nie bezweifelt. Zwischen den vielen Großmembran-Goliaths wirkt das MKH trotz der im Lieferumfang enthaltenen Spinne wirklich winzig. Das ist - wenn man nicht an die psychologische Auswirkung von "Größe" auf den Vokalisten glaubt - äußerst praktisch. Mit einer geringen Bauform lassen sich Schallwandler einfacher platzieren und auch unauffälliger in Bildern unterbringen. Das ist kein unwichtiger Faktor, wenn Video ins Spiel kommt. Von Technik wird häufig zu Recht verlangt, sich unterordnen zu können. Dem Sennheiser gelingt das, aber einen Wunsch hätte ich dennoch: Das penetrante LED-Leuchten auf beiden Seiten sollte für diese Zwecke zumindest ausschaltbar sein. Insgesamt erhält man mit dem 800 TWIN aber ein Mikrofon mit der Funktionalität eines umschaltbaren Großmembran-Kondensers in der Baugröße eines Kleinmembran-Stäbchens. Und das muss Sennheiser erst einmal jemand nachmachen.

Der erweiterte Übertragungsbereich verfeinert das Auflösungsvermögen für komplexe akustische Details

Klanglich auffällig ist insbesondere der Höhenbereich, denn diese Ausgewogenheit und extrem klare Performance können Großmembraner nur schwerlich liefern. Im Mix wird man vielleicht das Air-Band mit einem EQ etwas zügeln wollen, wenn man mit Vocals arbeitet, doch in vielen anderen Anwendungen wird man sehr froh sein über die zur Verfügung stehende Brillanz. Interessant ist, dass das Kleinmembranmikrofon trotz des geringen Membrandurchmessers durchaus mit einigen Charaktereigenschaften der Großmembran-Kondenser in Verbindung gebracht werden kann. So wird vor allem bei näherer Besprechung ein "kerniger" Sound deutlich, den man dem Winzling zunächst nicht zutrauen möchte. Der Bass ist aufgeräumt und schnell, der Proximity-Effekt sehr gut vorherseh- und steuerbar. Gleichzeitig zeigt sich das Mikrofon nicht übertrieben anfällig für Popps. Mit scharfen Konsonanten sollte man vor allem bei Vokalisten mit deutscher Aussprache etwas vorsichtig umgehen, doch insgesamt bin ich geneigt zu sagen, dass ich im Vergleich zu Membrangrößen jenseits der 1" eigentlich nichts vermisse. Eher im Gegenteil: Eine große Membranfläche kann kaum die Geschwindigkeit liefern, mit der das MKH 800 TWIN selbst Transienten in der Form der Eigernordwand auf Reisen schickt.

Die Flexibilität wird durch fehlende Einstellmöglichkeiten am Mikrofon etwas eingeschränkt

Natürlich ist es hervorragend, die beiden Kapselsignale separat aus dem Mikrofon herauszubekommen. Der Nutzen ist hoch, die Flexibilität immens. Was jedoch nicht geht, ist, das TWIN wie jedes “normale” Mikrofon zu benutzen. Will man beispielsweise für MS eine Acht aufnehmen, muss man dafür im Pult (sofern überhaupt vorhanden!) zwei Kanäle opfern, vielleicht sogar zwei Spuren, zumindest aber zwei Preamps. Da wird quasi die eine Flexibilität durch Verzicht auf die andere erkauft. Es wäre doch sicher keine große Aktion gewesen, die Richtcharakteristik zusätzlich am Mikro einstellen zu können, wie Microtech Gefell es bei ihrem UM 930 Twin erlaubt. Das ist bei Sennheiser nicht so richtig zu Ende gedacht, wie ich finde. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wie manche DAWs mit Split- und Interleaved-File umgehen. Oder dass kaum ein DAW-Mixer einen Phase-Invert besitzt. Oft heißt es dort: Plug-In öffnen (=Latenz)! Nun ja, vielleicht gibt es ja demnächst ein externes Kistchen, das sich meines Wunsches annimmt …

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