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Test
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31.03.2017

Praxis

Es geht um das Mikro, nicht um das Beiwerk

Es ist preiswert, mutet aber nicht billig an, das sE Electronics X1 S. Mit Spinne wiegt es etwa ein halbes Kilogramm, mit Filter und Poppschutz benötigt das Set noch einen Mikroständer und ist „record ready“: Ein Kabel gehört nämlich auch zum Paket dazu. Metallpoppschutze gehören zwar optisch, aber funktionell nicht zu meinen Lieblingen, aber man sollte nicht vergessen, dass es manche Poppfilter gibt, die annähernd so viel kosten wie ein X1 S.  

Nicht kantig und bissig

Schreiben und versprechen kann man ja viel – erst dann, wenn die Meter an meinem Input zappeln, die Lautsprecher- und Kopfhörermembranen wackeln, zeigt sich, was ein Mikrofon leisten kann und was nicht. Der erste Eindruck ist nüchtern. Nicht ernüchternd, das wäre eine Enttäuschung. Nein: Das Kondensatormikrofon buhlt nicht mit „processed“ klingendem Sound um Käufer im Shop, die es dann vielleicht nach wenigen Wochen oder Monaten wieder loswerden wollen. Vielmehr generiert es ein flexibel formbares, technisch korrektes Signal, das in vielerlei Hinsicht das bietet, was man von einem modernen Studio-Großmembraner verlangt, aber nicht unbedingt in diesen Preisregionen vermutet. Im Bass ist das Mikrofonsignal konkret und straff, wird auch bei geringem Abstand nicht bauchig und schwammig. Bei Bedarf helfen die beiden qualitativ hochwertigen Filter, die das Signal im Passband nicht zu sehr durcheinanderbringen. Die Tiefmitten und Mitten besitzen ordentlich Fleisch. Viele Instrumente und Stimmen bekommen dadurch ein großes Gewicht im Mix. Hier dürfte die Auflösung gerne ein kleines Stück höher sein. Das sE Electronics X1 S nimmt Schärfeanteile nicht aktiv zurück, bei manchen Stimmen muss man daher sicher etwas früher den Equalizer bemühen, um S-Laute und ähnliche Komponenten etwas zu mildern. Das ist keine Kritik, sondern nur die Darstellung einer Tatsache. Auf der anderen Seite kommt dieser Umstand nämlich vielen Instrumenten gelegen, zumal das Mikrofonsignal auch größere Veränderungen des Frequenzgangs gut wegsteckt. Zusammen mit einer flotten, trockenen Transientenwiedergabe ergibt sich in jedem Fall ein klares, deutliches und insgesamt detailreiches Bild. Preiswerte Kondensatormikrofone leiden oft unter beißenden, kantigen und britzelnden Höhen. Das X1 S zeigt auch hier Klasse, indem es bemerkenswert rund, ausgewogen und fast schon warm daherkommt. Gemeinsam mit dem verfärbungs- und verzerrungsarmen Charakter zeigt sich hier erneut die Eignung als Allrounder.  

Richteigenschaften positiv

Es gibt auch im unteren Preissegment viele Mikrofone, die axial (also direkt von vorne) besprochen ein wirklich gutes Signal abliefern. Konstruktiv aufwändiger ist es, auch seitlichen oder von der Rückseite eintreffenden Schall möglichst natürlich abzubilden. Dabei ist dies nicht unerheblich, denn fast immer hat man im Signal mit Rückwürfen aus dem Raum zu tun, also von Wänden, Decke oder – sehr wichtig – vom Boden. Auch wie sich Fremdsignale verhalten, ist nicht unerheblich, etwa dann, wenn das Mikro am Drumkit eingesetzt wird. Selbst hier schlägt sich das neue sE-Mikro gut. Besonders bis zu einer Besprechung von 90° fallen keine starken Pegel- und Phasenunterschiede auf, die naturgemäß eintretende Höhendämpfung besitzt einen angenehm sanften Verlauf, der Sweet-Spot vor dem Mikrofon ist angenehm groß. Zwar wird die Aufnahme des rückseitigen Schalls von etwas mehr Durcheinander geprägt, aber auch hier zeigt sich, dass sich das X1 S nicht mit Mikrofonen der gleichen Preisklasse, sondern deutlich darüber messen lassen will. Das ist ambitioniert und gelingt tatsächlich ziemlich gut, Zauberei wäre aber wohl etwas viel verlangt.  

Wenig Rauschen, hohe Pegel

Das Rauschen ist verhalten, und zwar nicht nur auf dem Papier. Stark hochverstärkt und durch Kompression bewegt, zeigt sich ein sehr homogenes Rauschen ohne auffällige Spitzen in einem Frequenzbereich oder eine auffällige Textur. Die obere Dynamikgrenze lässt sich durch das Pad sehr weit hinaufsetzen, beim Überschreiten macht sie sich aber recht schlagartig bemerkbar, wie ich mit einer kleinen Taschentrompete ausprobiert habe. Das ist nicht schlimm, denn Headroom ist nun wirklich massig vorhanden.  

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