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Test
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04.03.2014

Praxis

Diese Monster zu handeln hat sehr wenig von der Arbeit mit Kleinmembranern. Nicht nur, dass der Aufbau durch die notwendige Spinne nicht gerade in Sekundenbruchteilen vonstatten geht, man wird von jedem Musiker im einfachsten Fall einen Blick auf die Mikros und ein „Aha“ als Kommentar erzeugen, sollte aber schon mal einen kleinen Satz auswendig lernen, der kurz und bestimmt über die doch besondere Bauform aufklärt. Reden ist zwar toll, hält aber manchmal leider von der Arbeit ab.

Doch nun ran an die Mistel. Ich muss gestehen: Ich musste wirklich ein wenig warm werden. Beim ersten Hören mit den Nierenkapseln war ich etwas enttäuscht und habe mir mit Gedanken an den Testbericht schon Phrasen bereitgelegt, die „Nice Try“ beinhalteten. Die sE Electronics RN17 klingen etwas dick in den Mitten (gar nicht so unbedingt im Bass, wie es der Pegelfrequenzgang vermuten ließe) und ist dort im Vergleich zu vielen anderen Top-Class-Mikros weniger durchsichtig, neigt gar ein wenig zum „Kleben“. Die Höhen sind ebenfalls nicht neutral – hier tritt der Transformer-Sound deutlich ans Tageslicht. Doch anders als bei vielen Billig-Mikrofonen wird deutlich, dass man es hier nicht mit einem Transparenz- und Neutralitätswunder à la Schoeps zu tun hat, sondern mit einem Mikrofon, das einen wirklich edlen Charakter hat: Die Höhen reiben und kratzen nicht, sondern fügen den matten Glanz hinzu, den man sehr gerne nutzt, um Signalen etwas von ihrer Kantigkeit und Rauheit zu nehmen. Ja: Es ist die echte Neve'sche Silkiness, die hier schon im Mikrofon für das Besondere sorgt. In den meisten Fällen wird es auch nicht zu viel sein und das Signal verwaschen, sondern seinen Charakter unterstützen – hervorragend für Becken-Texturen. Im Akustikgitarren-Beispiel wird auch deutlich, dass der Übertragersound keineswegs wie aufgesetzt wirkt, sondern als Bestandteil des Signals verstanden wird. Dass im Gegenzug ein paar extreme Transienten im Zaum gehalten werden, ist in einem solchen Zusammenhang nur recht – bei Klassikaufnahmen aber eher störend (auch schon bei klassischer spanischer Akustikgitarre). 

Die leichte Verdichtung tut den meisten Signalen sogar gut, zumal sie sich in einem sehr erträglichen Rahmen abspielt und Rauminformationen weiterhin sehr differenziert und analysierbar überträgt – daran hat der ordentliche Dynamikumfang genauso einen Anteil wie die von fiesen Einbrüchen verschonte Richtcharakteristik. Die leichte Dicke verschafft den mit einem RN17 aufgezeichneten Signalen vor allem eines: Durchsetzungsfähigkeit! Nicht zuletzt deswegen sehe ich die sE vor allem in Pop-Produktionen, etwa an der Strumming-Westerngitarre oder der Hi-Hat. „Schoeps MK2 durch einen heißen 73er-Pre“ war eine meiner Assoziationen beim Abhören, das lässt sich anhand der Soundbeispiele sicher nachvollziehen. Und eine weitere Parallele fällt mir auf, denn diese Kleinmembraner haben einige Eigenschaften edler Großmembran-Mikrofone mit FET – doch sind sie gleichzeitig ein wenig agiler und frischer. 

Schraubt man die Druckempfänger auf die kauzig aussehenden Mikrofone, fällt auf, dass man es hier nicht mit dem absoluten Neve-Vintage-Overkill zu tun bekommt, sondern sehr cleane Signale erhält, die zwar den Grundcharakter transportieren, dabei aber ausreichend verhalten bleiben, um vielseitig genutzt werden zu können. Gut, denn bei der Arbeit mit Kugeln kann eine zu auffällige Färbung gerne nerven. Die Omni-Aufsätze zeigen sich deutlich härter als die Nierenkapseln, aber an keiner Stelle agressiv. Das Ergebnis ist ein schnelles, sehr konkretes Signal mit leichtem Glow in den Höhen, welches dem Laborcharakter mancher Druckempfänger mit einer Prise Veredlung entgegentritt – und auf diese Weise interessant macht! Den Verantwortlichen bei sE kann man auf die Schulter klopfen, denn die wirkliche Schwierigkeit, die es bei „Prisen“ gemeinhin gibt, haben sie hervorragend im Griff gehabt: die Dosierung!

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