Bass
Test
7
05.03.2014

Praxis

Wer noch nie einen Rickenbacker in der Hand hielt, der wird sicher zuerst bemerken, dass der Hals sich anders anfühlt als bei anderen Bässen. Das liegt daran, dass er bedeutend schlanker ist und das Stringspacing etwas enger ausfällt, was auch für den Abstand der Saiten in der Bridge/Korpus-Region gilt. Das führt zwangsläufig zu einem anderen Spielgefühl. Für Plektrumspieler ist es eher als Vorteil anzusehen, während Fingerspieler anfangs eventuell den Raum zwischen den Saiten als zu eng empfinden könnten. Dann kommt die bereits erwähnte Eigenheit hinzu, dass direkt über dem Bridgetonabnehmer eine große Abdeckkappe sitzt. Weil viele das als Einengung des Spielkomforts empfinden, sieht man häufig den 4003 auch mit entfernter Abdeckung. Optisch ist Letzteres allerdings keine tolle Lösung, denn der Stegtonabnehmer sitzt in einer großen Öffnung und ist dort nicht eingefasst. Ich habe mich für diesen Test erst einmal mit den Gegebenheiten abgefunden und vollkommen neutral versucht herauszufinden, was man dem Bass unter den vorgegebenen Bedingungen entlocken kann.

Der 4003 fühlt sich in erster Linie filigran an. Die Saitenspannung ist aufgrund der etwas kürzeren Mensur und zusätzlich der dünnen A- und D-Saite nicht sehr hoch, aber auch nicht „schwabbelig“. Trotzdem klingt er drahtig, über das komplette Griffbrett sehr ausgewogen und definiert und lässt sich sehr leicht spielen. Wer gewohnt ist, die Saiten mit starkem Anschlag zu malträtieren, der wird sich hier umstellen müssen. Auf harten Anschlag reagiert der Rickenbacker mit einem knorrigen, scheppernden Ton. Sobald man allerdings die Anschlagshärte reduziert, entwickelt er sich durchaus warm und auch voluminös, und das ganz speziell, wenn man die passiven Tonblenden etwas zurückdreht.

Beginnen wir die ersten Beispiele im Monobetrieb. Das heißt, wir schließen an die hintere Buchse mit der Bezeichnung „Standard“ ein gängiges Klinkenkabel an und wandern ohne weitere Zwischenelemente in die DAW.

Vergleichen wir zunächst den Sound der drei zur Verfügung stehenden Tonabnehmerkombinationen mit voll aufgedrehten passiven Tonreglern:

Etwas vollkommen Grandioses geschieht nun, wenn wir die zweite Klinkenbuchse in Funktion nehmen. Das ist die Buchse mit der Aufschrift RIC-O-Sound. Zum Verständnis: Der Rickenbacker 4003 ist serienmäßig mit einem Monoausgang und einem separaten Stereoausgang ausgestattet. Der Stereoausgang gestattet die getrennte Verarbeitung des Bridge- und Halstonabnehmersignales. An diese RIC-O-Sound Buchse muss dann ein Y-Kabel mit 6,3mm TRS (Tip-Ring-Sleeve) Buchse angeschlossen werden. Man könnte denken „zwei Buchsen, also zwei getrennte Monokabel“, dem ist aber nicht so. Die beiden Klinkenausgänge können nicht gemeinsam betrieben werden, da ein anderer Schaltkreis aktiviert wird, sobald die Stereobuchse im Spiel ist. Wie also klingt denn so ein Stereosignal, wenn man einfach die beiden Tonabnehmersignale nach links und rechts verteilt?

Ich finde das Ergebnis schon sehr überzeugend und das, ohne irgendwelche zusätzlichen Effekte in einender Signalwege zu schalten. Zwar verliert das Signal an Direktheit, aber es wird gleichzeitig auch nicht diffus.

Nun habe ich in vielen Foren ein Vorurteil gelesen, das ich natürlich ergründen möchte. Viele User behaupten, einen Rickenbacker könne man nicht slappen. Das kann ich so nicht im Raum stehenlassen. Zwar ist es sicherlich nicht so einfach, den 4003 im Slapstyle zu spielen, denn die Saiten liegen enger zueinander, als beispielsweise bei jazzbassartigen Modellen. Was den Sound angeht, muss ich allerdings sagen, dass der Rickenbacker 4003 durchaus mithalten kann. Vor allem die Ausgewogenheit über das ganze Griffbrett ist ein bedeutendes Plus, ebenso wie die tolle Ansprache bei Pulloffs und Hammerings:

Und so klingt das Gleiche in Stereo, wenn man die Signale der beiden Tonabnehmer lediglich ca. 30% links und rechts verteilt:

Nehmen wir nun ein Pick in die Hand und untersuchen das Soundverhalten des Rickenbacker 4003 in einer Rock- & Metalumgebung, wenn wir ihn durch eine Ampsimulation eines Gitarrenamps schicken, den wir ordentlich anzerren.

Stereo umgesetzt verwende ich beim folgenden Beispiel für den Bridgetonabnehmer ein sehr stark komprimiertes Signal mit Metalverzerrung und etwas Hall für die rechte Seite …

.... während für die linke Seite der Halstonabnehmer im trockenen Grungesound verbleibt.

Das Resultat, wenn man diese beiden Signale zusammenfügt und minimal, nur ca. 20%, in das Stereobild legt, klingt dann so:

Nun ein Beispiel im Balladenstil, unterlegt mit etwas Hall. Auch hier der Vergleich zwischen allen drei Tonabnehmerstellungen, alles in mono:

Interessant ist es natürlich auch, den Sound zu beurteilen, wenn die passive Tonblende etwas zugedreht wird. Der Ton behält dennoch Definition und Durchsetzungskraft und sitzt fantastisch im Playback. Hier hören wir ein Beispiel im Country Stil, wieder in Mono und mit ca. 50% zugedrehten Tonreglern. Spätestens jetzt wird klar, dass der Rickenbacker 4003 nicht nur mit aggressiven Sounds aufwarten kann, sondern durchaus auch in der Lage ist, sehr traditionell und durchaus auch voluminös zu klingen, trotz der ausschließlichen Verwendung von Singlecoil-Tonabnehmern:

Wie schon erwähnt, hatte man dem Rickenbacker 4003 ein kleines Novum spendiert. Modelle vor dem Baujahr 1984 hatten in dem Signalweg der passiven Tonblende des Bridgetonabnehmers einen Widerstand, der die Höhen noch stärker betonte, allerdings auf Kosten des Ausgangsvolumens. Daher änderte man dies bei den neueren Modellen, die ab dann voluminöser klangen. Viele wünschten sich allerdings den „Vintage“-Sound zurück und so entschloss man sich, dem 4003 einen „Vintage Tone Selector“ zu spendieren. Das heißt, der Tonregler des Bridgetonabnehmers kann per Push/Pull zwischen den zwei Soundcharakteristiken Modern &Vintage umschalten. In Normalstellung ist der „Modern“-Sound aktiviert, wird das Poti herausgezogen, klingt die „Vintage“-Schaltung:

Ich denke, es ist deutlich geworden, welche Möglichkeiten in diesem Instrument versteckt sind - und wir haben hier gerade einmal die Oberfläche angekratzt. Führt man sich vor Augen, was man alles mit dem Stereosplitsignal anstellen kann, eröffnen sich Türe und Tore für die Experimentierfreudigen. Aber auch denjenigen, denen Stereo nicht liegt oder viel zu aufwendig erscheint, bietet der Rickenbacker 4003 eine immense Bandbreite an Sounds. Hinzu kommt noch der höhenverstellbare Saitendämpfer, den ich hier nur erwähnen möchte, der abermals die Palette an Möglichkeiten erweitert. 

Ich kann nur jedem raten, einmal selber Hand anzulegen. Man sollte dann aber etwas Zeit mitbringen, um sich auf den 4003 einzustellen, denn es erfordert etwas Geduld, sich mit dem Spielgefühl anzufreunden.

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