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02.12.2020

Pioneer DJM-S11 versus RANE Seventy-Two MKII im Vergleich

Battle der Battlemixer: Die neuen Rane und Pioneer DVS-Mixer im Direktvergleich

Bevor ich den Battle der Battlemixer zwischen dem Pioneer DJM-S11 und Rane Seventy-Two MKII ausrufe und euch meinen persönlichen Eindruck in diesem Vergleich schildere, hier zunächst ein kurzer Rückblick in der Rivalität zwischen Rane und Pioneer DJ.

Ranes Battle-Mixer, sei es der TTM-56 oder der erste auf Scratch Live zugeschnittene TTM-57SL, galten als robuste und damit beliebte Allzweckwaffen bei den scratchenden Turntable-DJs. Allerdings warb Pioneer DJs erster Zweikanal-Mischer, der legendäre DJM-909 mit seinem Effekt-Touchdisplay und dem vom Gleitwiderstand einstellbaren Crossfader manchen Rane-Verfechter ab, setzte sich aber nicht gänzlich durch, sodass er wieder recht schnell aus Pioneers Portfolio verschwand.Zum Vorteil von Rane, die mit dem Scratch Live und Serato DJ zertifizierten Sixty-Two konterten, der das beim TTM-57SL eingeführte Zusammenspiel von Hard- und DJ-Software verbesserte, jedoch nicht perfektionierte. Obendrein galten Rane-Mixer stets als sehr teuer. Ein Manko, das bei der Markteinführung des deutlich billigeren DJM-S9 im Jahr 2015 Pioneer DJ gut in dessen Karten spielte.

Ein weiterer Trumpf, die beliebte Effekteinheit der Club-Mixer, kehrte mit zwei FX-Hebeln zum blitzschnellen Attackieren der Tracks mit FX ein. Mit den von DJ-Controllern übernommenen Performance-Pads und dem neu entwickelten verschleißfreien Magvel Crossfader Pro einschließlich frontseitig via Stellschraube einstellbaren Gleitwiderstand hielt der DJM-S9 zwei weitere Asse im Ärmel.

Nach dem Verkauf der Marke Rane an inMusic Brands wurden die Karten neu gemischt, denn mit der einhergehenden Verlagerung der Produktion nach Fernost wurde die US-Marke wettbewerbsfähiger, was sich auch bei dem auf der NAMM 2017 vorgestellten Seventy-Two mit seinem „recht moderaten“ Preis bestätigte. Denn im Vergleich zum DJM-S9 bekam man für damalige 100,00 Euro mehr einen Mixer mit Touch-Display zum Ablesen wichtiger Infos und Steuern oft gebräuchlicher Onboard- und Software-Features, dazu drei verschleißfreie und vom Widerstand einstellbare Fader. Auch die FX-Hebel der Effekteinheit und Performance-Pads hielten Einzug.

Klar wartete die Turntablism-Community auf Pioneer DJs Antwort, die just zur Auslieferung des überholten Seventy-Two MKII kam. Der neue DJM-S11, dessen Test ihr hier findet, setzt wahrlich neue Maßstäbe, denen allerdings auch der aufgefrischte, ebenfalls von uns bereits vorgestellte Rane Seventy-Two MKII einige Argumente entgegenzusetzen weiß.

Aber wer von beiden entscheidet die einzelnen Runden dieses Battles für sich und geht letztlich als Gewinner hervor?

Runde 1: Verarbeitung

Ranes Seventy-Two MKII wiegt 5,6 kg und strotzt vor Robustheit, begründet in dem komplett aus gebürstetem Stahl gefertigten Chassis, dessen frontseitige Regler von zwei angeschraubten Stahlgriffen vor Stößen beim Transport geschützt werden. Die verschraubte Faceplate gleichen Materials verdeckt die Fader-Abteilung. Aus eigener Erfahrung kann ich auch sagen, dass ein durch Cuts hart attackierte Gehäuseplatte Kratzer nicht selten sehr gut weggesteckt. Man sieht manchmal nur bei seitlicher Ansicht, dass der Bereich sein mattes Finish etwas verliert.

Ein halbes Kilo weniger bringt der DJM-S11 auf die Waage, wodurch er zumindest gefühlt etwas weniger solide wirkt. Um das Chassis vor Kratzern zu schützen, umgibt es wie beim DJM-S9 ein angeschraubter Plastikbody. Das Frontpanel, dessen Regler und Schalter von zwei Gummipuffern zur Sicherheit beim Transport den Abstand wahrt, besteht aus Metall, wie auch das Backpanel. Das angeschraubte schwarze Face-Plate besteht wie gehabt aus Aluminium und wurde laut Pioneer DJ vor allem um den Crossfader besser oberflächenbehandelt, damit der Lack länger als beim DJM-S9 hält. Das glasartige Finish der oberen Hälfte sieht sehr schick aus, zieht aber Fingerabdrücke an.

Auch wenn das Gehäuse des DJM-S11 den harten DJ-Alltag sicherlich solide und ohne auffällige Blessuren weggesteckt, traut man dem Rane Seventy-Two MKII vom Material und der Oberflächenbearbeitung einfach mehr zu.

Diese Runde geht an den Rane Seventy-Two MKII

Runde 2: Design

Design entscheidet nicht nur über Aussehen, sondern auch über Funktionalität. Bricht man den Vergleich nur auf das Visuelle beider Mixer herunter, käme der dem von Birnen und Äpfeln gleich. Denn der DJM-S11 wirkt sehr stilvoll, recht edel, dazu aufgeräumt und funktionell. Die durch recht viel Freiraum voneinander getrennten, mit unterschiedlichen Buttons abgesetzten Features lassen sich intuitiv sehr gut der jeweiligen Sektion zuordnen, sodass man sich recht schnell zurechtfindet und im Eifer des Turntablism-Battle-Gefechts nichts verwechselt.

Dagegen präsentiert sich der Seventy-Two MKII wie ein robustes, praktisches Werkzeug, das oberflächlich ein paar mehr Regler und Knobs bietet, dies allerdings auch auf Kosten der Übersicht. Die Sektionen liegen enger beieinander, obwohl der Seventy-Two MKII dem DJM-S11 von der Breite überlegen ist. Um die typische Rane-Handschrift zu wahren, verbaut der Hersteller stets die gleichen Taster und Knobs gleicher Größe, die sich wenigstens durch drei unterschiedliche Farben voneinander absetzen. Dadurch heben sich die einzelnen Units nicht so gut wie beim DJM-S11 ab, sodass dieser in diesem Punkt leicht überlegen ist. 

Diese Runde geht an den Pioneer DJ DJM-S11

Runde 3: Anschlüsse/Ausstattung

Bezüglich der In- und Outputs übertrumpft der Rane Seventy-Two MKII den DJM-S11, konkret durch einen Session-In- und -Out-Ausgang zum Einschleifen eines zweitens Mixers oder externen Effekts und einen zweiten Mikrofoneingang. Zudem können wahlweise die Line-Eingänge auch für DVS genutzt werden.

Auch seitens LED-Ketten legt der Seventy-Two ein paar Level-(Meter) zu, nämlich die für das Mikrofon und den Sampler, dessen Ausgang auch einen Filter-Knob nebst Knopf zum Einschalten zugewiesener Effekte spendiert bekommt. Zudem verfügt der Seventy-Two über Split-Cue zum Trennen des Vorhör- und Mastersignals unter Kopfhörer 

Mit all dem kann der DJM-S11 nicht dienen, aber dafür mit einer dedizierten Loop-Einheit, die wiederum dem Seventy-Two MKII fehlt. Zwar besitzt der DJM-S11 nur einen Mikrofonkanal, jedoch einen mit getrennter Klangregelung für Höhen und Bässe und schnell reagierendem Talk-Over.

Damit muss sich in dieser Battle-Runde der DJM-S11 dem Seventy-Two MKII geschlagen geben. 

Diese Runde geht an den Rane Seventy-Two MKII

Runde 4: Klang

Rane Mixer stehen jeher für einen satten, rauscharmen Sound, wie auch der Seventy-Two MKII mit dem verbauten 32-Bit-DSP und AKM High Definition Audio-Converter in 24 Bit/48 kHz Qualität. Allerdings überbietet dies der DJM-S11 mit seinem 64 Bit DSP und einem 32 Bit D/A-Wandler auf dem Papier. Im direkten A/B-Vergleich höre ich persönlich aber keinen Unterschied. Beide klingen ausgezeichnet, sodass der DJM-S11 lediglich nur durch seine besseren Werte punktet.

Diese Runde geht an den Pioneer DJ DJM-S11

Runde 5: Effekte

Der DJM-S11 brilliert mit 22 Effekten an Bord inklusive Touch-FX und Smoothing-Mode, der den Effekt beim Ein- und Ausschalten sanft ein- und ausblendet. Pioneer DJ erweitert dieses Feature mit dem neuen Smooth Echo, der einen Echo-Effekt bei einer Aktion wie dem Schließen des Cross- oder Linefaders oder beim Laden eines neuen Tracks automatisch triggert.

Den mixereigenen Effekten widmet Pioneer DJ wie beim DJM-S9 sechs Buttons mit einem FX-Preset, das im Setup adaptiert werden kann. Die Software-Effekte der beiden Decks können vom Mixer ausgewählt werden, greifen einzeln, verkettet und sogar auf das jeweilige andere Deck. Somit stehen beiden Decks sechs virtuelle Effekte zur Seite. Um die Vielzahl der Möglichkeiten an Kombination und Einstellungen zu bannen, richtet Pioneer DJ vier Bänke zum Abspeichern ein. Blitzschnelles „Antippen“ oder längeres Halten der Effekte gelingt über die beiden zurückfedernden FX-Hebel aus Plastik.

Rane übernahm die geniale Idee der FX-Hebel bereits beim Vorgängermodell, fertigt sie allerdings für eine bessere Stabilität und längere Lebensdauer aus Aluminium, wodurch sie etwas gedämpfter federn. Zudem können sie um 180 Grad gedreht werden 

Bezüglich der internen Effekte, den sogenannten Flex FX, besitzt der Seventy-Two nur 11 an der Zahl, ihnen stehen auch nicht sechs dedizierte Tasten wie beim DJM-S11, sondern nur eine zum Ein- und Ausschalten bereit, wodurch ein schnelles Umschalten zwischen den Flex FX nicht gelingt. Der Seventy-Two MKII verfügt ebenfalls über Touch FX, er bedient auch alle Serato DJ Pro Effekte einzeln und verkettet. Ausgewählte Effekte eines Decks auch auf das andere zu übertragen, ist nicht möglich.

In dieser Kategorie schlägt der DJM-S11 den Seventy-Two aufgrund der größeren Anzahl von Effekte samt Möglichkeiten und besseren Handling.

Diese Runde geht an den Pioneer DJ DJM-S11

Runde 6: Fader

Die Fader beider Mixer wurden gegenüber den Vorgängermodellen nochmals verbessert. Rane gönnt allen drei Fadern des Seventy-Two MKII die neuen MAG FOUR X3. Sie fühlen sich gegenüber der MAG THREE-Generation leichter an und gleiten damit noch schneller über die Fader-Bahn. Zudem stellt man den Gleitwiderstand des Crossfaders jetzt mit der Stellschraube am Frontpanel ein. Für ein gleichartiges Spannungs-Tuning der Linefader ist allerdings das Face-Plate abzuschrauben.

Den für beide Seiten individuell einstellbaren Cut-In für Crossfader und Linefader justiere ich über den Bildschirm in Ziffer-Schritten, die allerdings keiner Maßeinheit entsprechen.

Pioneer DJ erhöhte bei seinem Magvel Crossfader Pro die vertikale Steifigkeit um 30 Prozent. Er rutscht sehr leicht über die Bahn, was aber sein Vorgänger noch etwas besser konnte. Wie bereits erwähnt, lässt sich auch bei diesem Modell die Tension des verschleißfreien Crossfaders per Schraube frontal anpassen. Der über das Setting, aber nicht für beiden Seiten des Crossfaders individuell einstellbare Cut-In darf auf bis zu 0,1 mm verkürzt werden. Für die Linefader geht dies nicht, das gilt auch für Anpassung des Gleitwiderstands.

Beim Cutten fällt auf, dass der Crossfader mit minimal einstellbarem Cut-In beim Pioneer DJM-S11 schneller als beim Seventy-Two MKII öffnet. Dagegen gleiten die verschleißfreien MAG-FOUR-Fader leichter und sind obendrein auch bei den Linefadern verbaut, womit der Seventy-Two MKII diese Runde für sich verbucht.

Diese Runde geht an den Rane Seventy-Two MKII 

Runde 7: Performance-Pads

Auch sie unterzogen sich einer Überholung. Der DJM-S11 mit seinen vier Mode-Tasten zu je drei Ebenen profitiert nicht nur von gewachsenen Pads, sondern auch vom „Combo Pad Mode“, mit dem zwei Modi pro Deck gleichzeitig aktiv sein können. Zudem besitzt der DJM-S11 momentan als einziger Mixer die Scratch-Bank, die Audiofiles in acht Slots pro Bank, von denen es vier gibt, ablegt, um sie vom Performance-Pad in das Deck zu triggern. Die sehr farbtreu RGB-illuminierten Hartgummi-Pads, deren Helligkeit in drei Stufen anpassbar ist, geben beim Drücken nicht nach, was für schnelles und latenzfreies Triggern spricht.

Die Pads des Seventy-Two MKII sind von gleicher Tiefe, aber 5 mm schmaler. Platz, den ich im Vergleich zum DJM-S11 beim Zweifinger-Drumming vermissen würde. Auf Druck sacken die Pads leicht ein, was aber beim Triggern die Aktion nicht verzögert und nicht deren Sensibilität schmälert. Sollen die Pads nicht bei der kleinsten Berührung auslösen, reduziert man im Setup des Mixers die Anschlagsdynamik prozentual. Auch die vergleichsweise stärkere Leuchtkraft der Pads im Vergleich zum DJM-S11 lässt sich einstellen.

Der Seventy-Two besitzt eine Modus-Taste mehr pro Deck, sodass er mit seinen drei Ebenen auf 13 verschiedene Modi plus zwei für individuelles Mapping kommt. Da ihm aber die dedizierte Loop-Einheit wie beim DJM-S11 fehlt und man somit die Loops per Pad über zwei verschiedene Ebenen, Auto und Manuell, triggern muss, besitzt er unterm Strich einen Modus weniger, was aber kein Beinbruch ist.

Trotz seiner kräftiger leuchtenden und anschlagsdynamisch einstellbaren Pads, überzeugen mich die Pads des DJM-S11 dennoch mehr. Aufgrund ihrer Größe, dem unterstützten Combo Pad Mode und der Scratch Bank.

Diese Runde geht an den Pioneer DJ DJM-S11

Runde 8: Touch-Display 

Das Display beider Mixer misst 4,3 Zoll in der Diagonalen, wobei sich die Benutzeroberfläche des Seventy-Two MKII recht farbenfreudig zeigt, dagegen hält es Pioneer DJ sachlich monochrom. Die Menüführung überlässt Rane zwei doppelt belegten Tasten (Menu, View und Effects) oberhalb des Displays. Da das Menü des DJM-S11 sechs Reiter (Browse, FX Setting, Touch MIDI, Touch FX, Deck 3/4 und Waveform plus Setting) und etliche Untermenüs umfasst, entschied sich Pioneer DJ generell für eine Navigation per Touch auf den Bildschirm. Somit lässt sich mit beiden Displays intuitiv arbeiten.

Die Bildschirme visualisieren die Wellenformen, beim DJM-S11 individualisiert mit Funktionen, die aber auch der Rane-Mixer generell in dieser Ansicht bietet. Mit seiner etwas flüssigeren, hoch aufgelösten Darstellung der laufenden Waveform liegt Pioneer DJs Mischer aber vorn.

Aufgrund der einstellbaren verkleinerten Schriftgröße und zweizeiligen Darstellung liefert mir die Browse-Ansicht des DJM-S11 auch eine bessere Übersicht. Ein weiterer Pluspunkt ist sein Touch-MIDI, mit dem sämtliche wichtigen Software-Funktionen auch vom Display getriggert werden können 

Zudem bietet das Menü die exklusive Steuerung der virtuellen Decks 3 und 4 im Mash Up Mode per Deck Move (Verschieben von Tracks der Maindecks auf die beiden hinteren Decks), Dual Deck (gleichzeitiges Controlling zweier parallel aktiver Decks) und den Simple Mode (Einspielen von Tracks von Deck 3 und 4 vom Display) beziehungsweise Mixer Mode (Kontrolle der Lautstärke der virtuellen Decks).

Nur bezüglich der Software-Effekte ist der Seventy-Two MKII-Bildschirm im Vorteil, denn er reserviert jedem Serato DJ Pro Effekt sein eigenes Feld für den gerade anliegenden Effekt und dessen Intensität. Beim DJM-S11erfährt man nur durch Drücken der jeweiligen FX-Taste, welcher Effekt hier momentan belegt ist und die Intensitätsangabe taucht erst in einem Untermenü auf.

Letztlich bietet das Touch-Display beim DJM-S11 mehr Funktionen und eine bessere Darstellung, sodass er auch hier punkten kann.

Diese Runde geht an den Pioneer DJ DJM-S11

Die Wellenformen / Displays im Vergleich

Resümeee

Auch wenn der Pioneer DJM-S11 den Rane Seventy-Two MKII nach meinem Punktestand schlägt, fällt das Battle letztlich doch recht knapp aus. Der Rane Seventy-Two MKII verbucht schließlich das robustere Chassis, die größere Ausstattung an In- und Outputs und die hochwertigeren Fader.

Dagegen überzeugt der DJM-S11 durch eine größere, dedizierte Effektbank, bessere Performance-Pads einschließlich exklusiven Features und sein umfangreicheres Display. Auch brachte der hervorragende Klang beider Rivalen keinen eindeutigen Gewinner hervor, lediglich die Spezifikationen der Sound-Engine. Letztlich gefällt mir das das Design des DJM-S11 aufgrund seiner übersichtlicheren Oberfläche etwas mehr.

Diese in meinen Augen weniger gewichtigen Kriterien ausgeklammert, würden die Pulte mit einem Endstand von 3 : 3 auf Augenhöhe rangieren. Am Ende kommt es darauf an, welche Merkmale einem als DJ wichtiger sind.

Und wie ist eure Meinung zum Rane Seventy-Two MKII und DJM-S11? Lasst es uns gern über die Kommentarfunktion wissen.

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