Test
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23.11.2021

Praxis

Es ist immer wieder spannend, welchen Ersteindruck ein bislang noch nicht gehörter Kopfhörer macht. Wie wird sich die eigene Musik anhören und wie hört sich Musik auf anderen Systemen an, die mit dem neuen Headphone gemischt wurde? Und bereitet es Frust oder Freude, den Kopfhörer über längere Zeit zu tragen? Als Vergleich dienten mir u. a. der erst neulich auf Bonedo getestete DJ/Producer/ Allround-Kopfhörer Phonon SMB-03 und mein bewährter und 1000-mal gehörter Beyerdyamic DT990.

Tragekomfort

Erstes Gefühl beim Aufsetzen des SMB-01L: superbequem und perfekt ausbalanciert. Die riesigen Muscheln ummanteln meine Ohren weich und fest. Da drückt nichts, da rutscht nichts und auch Brillenbügel werden nicht übermäßig hart auf die Schläfen gepresst. Eine richtige Wohlfühlzone. Das für einen Hi-End-Kopfhörer durchaus moderate Gewicht von ca. 350 g wird über die dick aufliegenden Muschelflächen gut am Kopf verteilt. So sind auch längere Sessions mit Kopfhörern kein Problem. Dieses angenehme Tragegefühl zog sich über die gesamte Testphase hin, in der ich viel gemischt und gehört habe. Die Ohrpads haben weder an der Haut geklebt noch gescheuert. Da der Test in der kühlen Jahreszeit stattfand, kann ich jedoch nichts zum Tragekomfort an heißen schwitzigen Sommertagen beitragen.

Höreindruck

Erster Höreindruck: phänomenal. Der Hochtonbereich ist klar und brillant, die Mitten warm und strukturiert, die Bässe rund und präzise. Gerade die Tonabstufung in den tiefen Frequenzen ist beeindruckend. Das Tuning einer Bassdrum zur Bassline, das Abgrenzen der Frequenzen und die Wucht des Basses sind sehr gut zu verorten.

Mit montierter geschlossener Ohrplatte sitzt man tatsächlich in einem klar definierten akustischen Space mit der Panoramaspreizung von Lautsprechern. Die Phantommitte des Signals schwebt fast ein wenig vor der Stirn und bohrt nicht mitten im Kopf. Das ging so weit, dass ich beim Aufstehen auch schon mal vergaß, dass ich eigentlich Kopfhörer trage.

Knack und Bass

Was besonders beeindruckt, sind die knackig-direkten Transienten. Mit einer ADSR-Hüllkurve oder dem Transient-Shaper an Attack-Verläufen zu arbeiten, macht mit dem impulsfreudigen SMB-01L vor allem im Kontext der Musik richtig Spaß, weil man auch ohne Soloschaltung sehr präzise die richtige Portion Schärfe in perkussive Signale reindrehen kann, ohne es zu übertreiben.

Bei einer während des Tests erfolgten Produktion fühlte ich mich regelrecht ermutigt, mehr Hall als sonst auf die Bassdrum zu legen, weil ich den Punch der Kick, die Fülle des Halls und die Wucht des daraus generierten Rumble-Effekts besonders gut beurteilen konnte, sowohl tonal als auch in den Transienten. Ein Test des Premasters beim DJ-Set im Club bestätigte meinen Eindruck einer gelungenen Produktion. Ein gut aufgeräumter Bassbereich ist eben die halbe Miete und der SMB-01L ist dafür ein perfekter Partner.

Offen vs Halboffen

Zweiter Eindruck mit montierten halboffenen Rückwänden: Der Klang ist nicht mehr so ganz intim, der Bass nicht so beinhart präzise und die Transienten einen Hauch weniger knackig. Der Gesamteindruck ist ganz allgemein „luftiger“. Ist ja klar, mag jetzt der geneigte Leser sagen, es kommt ja auch mehr frische Luft an die Ohren! Vor allem aber auch ein paar mehr Außengeräusche und das gefällt mir beim Produktionsprozess eindeutig besser. Man sitzt nicht komplett „in the zone“, sondern steht akustisch mehr im Leben. Für mich persönlich übersetzt dies beim Produzieren den Höreindruck der Monitore besser, weil ich mich nicht komplett abgekapselt fühle. Die räumliche Zuordnung von Signalen ist sehr deckungsgleich mit der von Studiomonitoren.

In Umgebungen mit Störgeräuschen wie Lüfter- oder Straßenlärm hingegen ist die geschlossene Variante sicher die bessere Option, gerade wenn beispielsweise beim Mastern sehr konzentriert gehört werden muss.

Double Happiness

Offen oder geschlossen: Am Ende ist es einfach eine absolute Luxusentscheidung, welcher Variante man persönlich den Vorzug gibt. Ungefähr so muss sich der Bundestrainer bei der Frage fühlen, ob er lieber Neuer oder ter Stegen ins Tor stellt: ganz schwere Entscheidung, aber irgendwie auch leicht, denn gefühlt machst du nie was falsch. Aber begründe das mal.

Mit hochakribischer Entwicklungsarbeit, japanischer Handwerkskunst und einem simplen Kniff haben Phonon uns einen fantastischen Studiokopfhörer geschenkt.

Nun „geschenkt“ ist er nicht wirklich, er kostet satte 839,- Euro. Doch wer ihn sich gönnt, wird sich nicht grämen, es gibt wahrhaftig überflüssigere Ausgaben, als in eine akkurate Abhöre zu investieren.

Für wen ist das?

Der SMB-01L ist ein perfekter Kopfhörer für Produktion und Mastering. Für Mastering und hochpräzise Arbeit am Klang würde ich persönlich die geschlossene Variante vorziehen. Für langfristiges Arbeiten im Kreativbereich und einfaches Musikhören macht mir aber die halboffene Variante mehr Freude, zumal sie ebenfalls fantastisch klingt.

Weiterhin ist das neue Phonon-Flaggschiff ein sehr guter persönlicher Referenzkopfhörer für Producer, die viel in anderen Studios unterwegs sind. Andere Umgebungsakustik, andere Lautsprecher, da ist es gut, einen Maßstab parat zu haben, dem man vertrauen und über den man die klanglichen Gegebenheiten in einem fremden Studio entschlüsseln kann.

Haben wollen?

Phonon-Kopfhörer werden nicht in den großen Musikläden geführt, sondern (fast) nur über den eigenen Webshop verkauft. Deshalb gewährt Phonon bei Nichtgefallen ein Rückgaberecht innerhalb von 15 Tagen.

TIPP

Besitzer des Phonon SMB-02, die jetzt etwas neidisch auf die dicken fetten Ohrpolster des SMB-01L geworden sind: Für den Phonon-Oldie gibt es ein Nachrüstkit, die Ear Pad 02 Luxury, fast ebenso groß und bequem wie die Pads unseres Testmodells, aber aus Protein-Leder-Material und hergestellt von der japanischen Ohrpolstermarke Yaxi.

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